November­pogrome
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1938 in Niedersachsen

Delmenhorst

Vorgeschichte

Erste Erwähnungen zu jüdischem Leben in Delmenhorst finden sich in dem Jahr 1695. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wuchs die Anzahl jüdischer Bewohner auf nur etwa 20 an. Grund dafür war die restriktive Haltung der Stadtverwaltung gegenüber den Juden. Da Delmenhorst als aufkommender Industriestandort allerdings Arbeit bot, stieg die Zahl der angesiedelten Juden weiter an, sodass die jüdische Gemeinde im Jahre 1933 insgesamt 175 Mitglieder zählte.

Seit 1930 erhielt die NSDAP in Delmenhorst bei den Reichstags- sowie den Landtagswahlen jeweils 20 Prozent oder mehr aller Wählerstimmen. In den Jahren 1932 und 1933 konnten knapp 35 Prozent errungen werden, was leicht unter dem Reichsdurchschnitt lag.

Mit der Machtübernahme der NSDAP 1933 setzte auch in Delmenhorst die Repression der jüdischen Bevölkerung ein. Den Anfang machte hier der Boykott der jüdischen Geschäfte am 1. April desselben Jahres. In den folgenden Jahren verstärkte sich die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung und die antisemitische Hetze in Delmenhorst.

Die Ereignisse im November 1938

Am Abend des 9. November 1938 war die gesamte höhere Führung der NSDAP in München versammelt, um den gescheiterten Hitler-Putsch des Jahres 1923 zu feiern. Unter den Teilnehmern waren auch Mitglieder aus dem Gau Weser-Ems.

Die Delmenhorster Funktionäre der NSDAP sowie die Führer der SA kamen in Delmenhorst zusammen, um der Toten des Putschversuchs von 1923 zu gedenken. Im Verlauf dieser Feier ging wahrscheinlich ein Brandstiftungsbefehl ein. Aufgrund dieses Befehls gab NSDAP-Kreisleiter Gustav Sturm die Anweisung, dass alle Anwesenden der Feier sich unverzüglich auf der Burginsel, einer kleinen Insel im Stadtpark von Delmenhorst, versammeln sollten. Auf der Burginsel hielt Sturm dann eine leidenschaftliche Ansprache, wonach die Anwesenden Zivilkleidung anlegen und anschließend Benzin von einer Tankstelle besorgen sollten. Mit diesem Benzin sollte dann in kleinen Gruppen bei der örtlichen Synagoge aufmarschiert werden.

Dieser Aufforderung kamen die Anwesenden umgehend nach. Die erst zehn Jahre zuvor erbaute Synagoge in der Cramerstraße wurde wenig später in Brand gesteckt. Das Gebäude wurde stark beschädigt. Die alarmierte Feuerwehr beschränkte sich darauf, zu verhindern, dass das Feuer auf nebenstehende Gebäude übergriff. Auch die herbeigerufene Polizei schritt nicht ein.

Zusätzlich gab Kreisleiter Sturm den Befehl, das Möbelgeschäft Fink in der Langenstraße zu demolieren. Am folgenden Tag verhaftete man in Delmenhorst zehn männliche jüdische Bewohner der Stadt. Sie wurden in das Gerichtsgefängnis gebracht und von Kreisleiter Sturm bedroht. Anschließend wurden sie in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Nach etlichen Quälereien und Misshandlungen wurden sie unter der Bedingung einer zügigen Auswanderung wieder entlassen.

Innenraum der Synagoge in der Cramerstraße. Aus: Architekt B. Himmelskamp, Delmenhorst, nach 1928; Stadtarchiv Delmenhorst.

Die 1928 eingeweihte Synagoge in der Cramerstraße. Aus: Architekt B. Himmelskamp, Delmenhorst, nach 1928; Stadtarchiv Delmenhorst.

Folgen

Da viele Mitglieder der Jüdischen Gemeinde im Anschluss an die Ereignisse emigrierten, konnten die verbliebenen Mitglieder ausstehende Schulden bei der Oldenburger Landessparkasse nicht mehr begleichen, da die Last zu hoch war. Auf Drängen der Bank musste die Jüdische Gemeinde das Grundstück, auf dem die in der Pogromnacht stark beschädigte Synagoge stand, im Jahre 1939 an einen privaten Käufer abgeben. Dieser baute das Gebäude zum Wohnhaus um, als welches es noch heute genutzt wird.

Die nicht zerstörten jüdischen Geschäfte wurden „arisiert“. Da die jüdische Schule nach dem Pogrom geschlossen wurde, mussten die jüdischen Delmenhorster Schülerinnern und Schüler die bis zum Jahr 1940 zugelassene jüdische Schule in Oldenburg besuchen.

Wer es bis 1941 nicht schaffte auszuwandern, wurde Opfer der Deportationen. In Sammeltransporten wurden die übrig gebliebenen Delmenhorster Juden in die Ghettos Minsk, Litzmannstadt oder Theresienstadt verschleppt. Die meisten kamen dort oder in Vernichtungslagern ums Leben. Insgesamt wurden mindestens 68 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Delmenhorst Opfer der Shoah.

Biografie - Adolf Dessauer

Adolf Dessauer war mehrere Jahrzehnte Inhaber der Firma Neugarten in Delmenhorst. Nach der Machtübernahme durch die NSDAP zog Dessauer nach Hannover in die Wedekindstraße 22. Den Rest seines Warenlagers übergab er Verwandten in Bremen. In seine ehemaligen Geschäftsräume zog anschließend ein „arischer“ Betrieb.

Biografie - Familie Hirschtick

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1922 übernahm Rosaltje Hirschtick dessen Rohprodukte-Firma. Ihre Söhne Leonhard und Isaak gründeten unter dem Namen „Gebrüder Hirschtick“ ebenfalls einen eigenen Betrieb. 1936 wanderte die Familie in die Niederlande aus, von wo aus sie weiter in die USA emigrierten.

Spuren und Gedenken

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es lange Zeit keine Jüdische Gemeinde mehr in der Stadt Delmenhorst. Erst im Jahr 1997 gründete sich in Delmenhorst eine neue Jüdische Gemeinde. Die Gemeinderäumlichkeiten befinden sich heute in der Louisenstraße, zentral gelegen und unweit vom Bahnhof. Vor dem Grundstück der 1938 ausgebrannten Synagoge wurde eine Gedenktafel aufgestellt – wann genau, ist nicht bekannt. Im Laufe der Jahre wurde diese Tafel allerdings ausgetauscht. Auf Nachfrage beim Stadtarchiv Delmenhorst konnte allerdings nicht mehr rekonstruiert werden, wann genau dies geschehen ist.

Auf dem Jüdischen Friedhof an der Syker Straße in Delmenhorst, auf dem rund 130 Grabsteine erhalten geblieben sind und der seit der Neugründung der Gemeinde 1997 auch wieder für Beerdigungen genutzt wird, wurden im Jahre 2012 zwei Gedenktafeln aufgestellt. Diese wurden vom Freundes- und Förderkreis der Jüdischen Gemeinde zur Erinnerung und Mahnung gespendet. Eine der Tafeln informiert über die Geschichte des Friedhofs, während die andere Tafel die Namen der 68 getöteten jüdischen Bürger zeigt, welche zur Zeit des Nationalsozialismus ihr Leben ließen. Über den Namen steht der Satz: „Zum Gedenken an die Opfer der Schoa“.

Außerdem gibt es in Delmenhorst 37 Stolpersteine. Das Projekt der Stolpersteine in Delmenhorst begann am 31. Juli 2006, als an vier Stellen zunächst insgesamt 13 Steine verlegt wurden.

Mittig: Das Gebäude der ehemaligen Synagoge der Jüdischen Gemeinde in der Cramerstraße, November 2018.
Foto: Philipp Karthäuser

Weiterführende Literatur und Links

 https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/29464

letzter Aufruf: 12.11.2018

https://www.nwzonline.de/wirtschaft/zur-erinnerung-und-mahnung-an-den-holocaust_a_1,0,542641770.html

letzter Aufruf: 12.11.2018

http://www.geschichtsatlas.de/~gb21/Projekt/wahlergebnisse/NSADP1928-1933.htm

letzter Aufruf: 12.11.2018

https://www.nwzonline.de/delmenhorst/stolpersteine-erinnern-an-die-ns-opfer_a_6,1,2070149735.html

letzter Aufruf: 12.11.2018

Glöckner, Paul Wilhelm, Delmenhorst unter dem Hakenkreuz. Band 3: Kriegsvorbereitung in Delmenhorst, Propaganda und Gleichschaltung von 1933 bis 1939, Delmenhorst 1987.

http://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/c-d/115-delmenhorst-niedersachsen

Autor: Philipp Karthäuser, Student der Leibniz Universität Hannover

1938 in Niedersachsen

Nordenham

Vorgeschichte

Im Jahr 1933 existierte eine Jüdische Gemeinde Brake-Nordenham, die 40 Mitglieder umfasste. In Nordenham lebten 24 Juden. Die Gemeinde verfügte über keine eigene Synagoge, verwaltete jedoch den seit 1795 bestehenden Friedhof in Ovelgönne, der im Dezember 1933 geschändet wurde. Gemeindevorsitzender war Robert Löwy, Inhaber eines Herrenkleidungsgeschäfts in Nordenham. In Einswarden (heute ein Stadtteil von Nordenham) ließen sich 1908 David und Thekla Jakobsohn als erste Juden nieder und eröffneten ein Herrenbekleidungsgeschäft.

Im Oktober 1930 gründete sich in Nordenham eine Ortsgruppe der NSDAP. Bei den Reichstagswahlen erhielt die Partei in Nordenham 37 Prozent und in dem 1933 eingemeindeten Blexen 35 Prozent der Stimmen.

Der „Judenboykott“ vom 1. April 1933 traf in Nordenham das Bekleidungshaus Mayer, die Fa. Robert Löwy und den Milchhandel Emanuel Pinto. In Einswarden und Friedrich-August-Hütte marschierte die SA nach einem „Umzug“ vor dem Kaufhaus Jacobsohn auf. SPD- und KPD-Mitglieder versuchten, den Boykott zu stören. Robert Löwy sah sich 1935 nach Boykottaktionen gezwungen, sein Geschäft zu verkaufen, und wanderte 1936 in die USA aus. Die Familie Pinto, die einen Viehhandel betrieb, emigrierte zwischen 1933 und 1936 in die Niederlande. Fünf der sechs Familienangehörigen kamen später in Auschwitz um. Die Familie Stoppelmann, die ebenfalls einen Viehhandel betrieb, emigrierte ebenfalls in die Niederlande. Drei Familienangehörige starben in Auschwitz, nur Eugen Stoppelmann überlebte. Der Textilkaufmann David Jacobsohn, Textilkaufmann in Einswarden, musste 1937 sein Geschäft verkaufen und verzog in demselben Jahr nach Bremen.

Die Ereignisse im November 1938

In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 befahl der Wilhelmshavener SA-Standartenführer Johannes Hinz dem Nordenhamer SA-Truppführer Osterthun telefonisch, sämtliche Juden zu verhaften und ihr Eigentum „sicherzustellen“. Osterthun alarmierte wiederum weitere Angehörige des SA-Reservesturms und Bürgermeister Dr. Emil Gerdes, der mit dem örtlichen Leiter der Gendarmerie Drebing über weitere Maßnahmen beriet. Die Familien Adalbert Mayer und Walter Friedemann wurden daraufhin von der SA, begleitet von Gerdes und Drebing, festgenommen. Frau Mayer und die beiden Kinder wurden am Vormittag wieder freigelassen. Die inhaftierten Männer wurden schließlich in das KZ Sachsenhausen abtransportiert. Everhard Lewenstein aus Burhave, evangelischer Konfession, aber nach den rassistischen Grundsätzen des Nationalsozialismus Jude, wurde in das Gerichtsgefängnis Nordenham überführt. Kurze Zeit nach seiner Entlassung starb er im Januar 1939. Julius Rosenberg, Schlachter und Viehhändler in Dedesdorf, beging am 17. November Selbstmord im Gefängnis Nordenham.

Auf der Titelseite der Butjadinger Zeitung vom 8. November 1938 wurde durch die Überschrift „Jüdischer Mordanschlag“ suggeriert, dass Herschel Grynszpan nicht als Einzeltäter gehandelt hatte. Archiv des Rüstringer Heimatbundes

Folgen

Der Nordenhamer Textilkaufmann Adalbert Mayer konnte 1939 über Kuba in die USA emigrieren, seinem Angestellten Walter Friedemann gelang die Flucht in die Niederlande. Er kam später in Auschwitz um. Adolph und Emma Ossa waren 1930 von Oldenburg nach Nordenham gezogen. Sie kamen beide in Theresienstadt um. Karl-Richard Gutmann aus Einswarden und zwei Angehörige der Familie Gutmann, die als „Mischlinge 1. Grades“ galten, wurden 1944 in die Lager Farge (bei Bremen) und Lenne (bei Holzminden) deportiert. Am 17. März 1941 wurde die Jüdische Gemeinde Brake-Nordenham vom oldenburgischen Staat aufgelöst. Die überlebenden Emigranten kehrten nicht nach Nordenham zurück.

Biografie - David Jakobsohn

David Jakobsohn wurde am 28. November 1881 in Barenburg (Kr. Diepholz) geboren. Er eröffnete 1908 in Einswarden ein Herrenkleidungsgeschäft. Im Februar 1937 verkaufte er sein Geschäft und verzog nach Bremen. Dort wurde er beim Novemberpogrom festgenommen und in das KZ Sachsenhausen transportiert. Nach seiner Entlassung emigrierte er im Dezember 1938 nach Kolumbien.

Biografie - Dr. Emil Gerdes

Emil Gerdes wurde am 16. Juni 1903 in Stollhamm geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften trat er in den oldenburgischen Staatsdienst ein. NSDAP-Mitglied wurde er 1933. In demselben Jahr wurde er Mitglieder der SA, in der er den Rang eines Obertruppführers bekleidete. Von 1933 bis 1945 war er Bürgermeister in Nordenham. Er war in der Bundesrepublik bis zur Pensionierung als Landessozialgerichtsrat in Celle tätig. Er starb am 5. Mai 1997.

Justizielle Ahndung

Über eine justizielle Ahndung ist nichts bekannt.

Spuren und Gedenken

An sieben Standorten erinnern Stolpersteine an die verfolgten Juden aus Nordenham.

Weiterführende Literatur und Links

Christoph Heilscher, Auch Nordenhamer Juden wurden ins KZ verschleppt, in: Kreiszeitung Wesermarsch, 5. Nov. 1998.

Gerd Strachotta, Juden in der Wesermarsch 1933-1945, Oldenburg 1997.

Werner Vahlenkamp, Brake / Nordenham in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Bd. I, hg. v. Herbert Obenaus, Daniel Bankier u. Daniel Fraenkel, Göttingen 2005, S. 252-257.

 

Autor: Dr. Joachim Tautz, Oldenburg

1938 in Niedersachsen

Verden

Vorgeschichte

Im Bistum Verden sollen bereits um 1300 Juden ansässig gewesen sein. Erst im Jahr 1571 durften drei Juden mit ihren Familien als „Schutzjuden“ für zehn Jahre ohne Bürgerrecht in Verden leben und Handel treiben. Als Gründungsjahr der jüdischen Gemeinde gab der Vorstand das Jahr 1808 an. Nach Abzug der Franzosen und der einsetzenden Restauration erhielten sie den Status von Schutzjuden und unterlagen Gewerbeeinschränkungen. Vermutlich schon 1816 fand der Gottesdienst in einem Betsaal im Privathaus des Ziegelfabrikanten Schragenheim statt. Die jüdische Schule befand sich in der Wohnung des Lehrers. Am 31.08.1858 wurde die neue Synagoge am Johanniswall eingeweiht.1875 zählte die Gemeinde 120 Mitglieder. Der Friedhof der jüdischen Gemeinde am Ahornweg wurde 1834 angelegt. Mindestens 132 Beisetzungen sind nachweisbar. Anfang 1933 wurden in Verden noch 98 jüdische Bürger gezählt.

Der Aufstieg der NSDAP in Verden zeigte sich bei den Reichstagswahlen 1930, als sie mit 16,4 % zweitstärkste Partei nach der SPD wurde. Bei den Reichstags- und Landtagswahlen 1932 war sie in Verden bereits stärkste Partei. Bei der Wahl der Bürgervorsteher der Stadt Verden im März 1933 wurde die NSDAP stärkste Fraktion.

Auch in Verden kam es am 1. April 1933 zu antijüdischen Aktionen. Es wurden alle sechs Ladengeschäfte, die sich in jüdischen Händen befanden, geschlossen und SA-Leute davor postiert. Es folgte eine Reihe von Verordnungen, die für die jüdischen Mitbürger das Ende ihrer wirtschaftlichen Existenz brachten. Rechtsanwalt Dr. Gustav Löwenstein erhielt bereits im April 1933 ein Vertretungsverbot. Den fünf Verdener Viehhändlern wurde im Dezember 1937 die Viehhandelserlaubnis entzogen. Am Vorabend der Pogromnacht existierten nur noch vier jüdische Einzelhandelsbetriebe und die jüdische Gemeinde bestand noch aus 39 Mitgliedern.

 

Synagogengemälde. Domherrenhaus – Historisches Museum Verden/Bildersammlung, Nr. 3867

Die Ereignisse im November 1938

Am 9. November, vermutlich schon vor Mitternacht, schlugen Angehörige der Verdener SA Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte ein. Zu Plünderungen oder Zerstörungen der Ladeneinrichtungen kam es nicht. Vierzehn jüdische Männer wurden von SA-Leuten in ihren Wohnungen festgenommen. Zu Ausschreitungen in den Wohnungen kam es nicht. Die Opfer wurden zunächst zur Gestapo gebracht und später ins Verdener Gerichtsgefängnis eingeliefert.

Gegen fünf Uhr morgens brachen drei Männer in die Synagoge am Johanniswall ein, steckten sie in Brand und verließen wieder das Gebäude. Als die Feuerwehr kurz danach eintraf brannte das Feuer mit mäßiger Flamme. Ein Gestapobeamter verbot den Feuerwehrmännern zu löschen. Der inzwischen eingetroffene Landrat Dr. Karl Weber begrüßte den Brandmeister mit den Worten: „Endlich mal eine vernünftige Maßnahme gegen die Juden.“ Gestapo-Leute und SA-Männer entwendeten Kultgegenstände (Thorarollen, Ehrentafel für die im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Mitglieder) und Möbelstücke, die sich in der Wohnung des Rabbiners Grünfeld befanden, der mit seiner Familie wenige Tage zuvor ausgewiesen worden war.

Am Morgen des 10. November standen nur noch die Außenmauern des Gotteshauses. Schaulustige waren zugegen und der Rektor der Nicolaischule, Hermann Thies, führte seine Klasse zum Tatort, wo sie ein Lied singen und anschließend singend durch die Stadt marschieren musste. Ungefähr zehn SA-Mitglieder ließen sich auf einem Schutthaufen vor der Synagoge fotografieren. Gleichzeitig standen auf der Straßenseite gegenüber mehrere SA-Führer, die sich unter Händeschütteln offensichtlich zum Erfolg gratulierten.

Die Brandstifter wurden nicht identifiziert. Im Synagogenbrandprozess von 1948 kam das Gericht zu dem Schluss, dass es sich um Mitglieder der SA-Führungsschule Etelsen gehandelt haben könnte. Nach jetzigem Kenntnisstand muss man davon ausgehen, dass Männer des Verdener SA-Reitersturms, insbesondere der SA-Sturmführer Friedrich Kruse, aktiv an der Brandstiftung beteiligt waren.

 

Gestapo-Außendienststelle Verden

Die Staatspolizeistelle Wesermünde mit ihren beiden Außendienststellen in Verden und Stade hatte bis 1937 nur die Zuständigkeit für den Regierungsbezirk Stade. Ab Sommer 1941 war die Außendienststelle Verden für die Kreise Verden und Rotenburg/Wümme zuständig. Die Verdener Dienststelle war in einem Wohnhaus in der Herrlichkeit Nr. 4 im 2. Stock untergebracht.

Für den Zeitraum der Pogromnacht konnten drei Gestapobeamte identifiziert werden. Die 13 jüdischen Männer, die von der SA aus ihren Wohnungen geholt worden waren, wurden zunächst zur Gestapo gebracht. Leopold Rothschild gab nach dem Krieg an, dass er dort die Thorarollen aus der Synagoge erkannt hatte. Die Verhafteten wurden etwa zwei Stunden festgehalten und von den beiden Beamten Böhlke und Tippenhauer in das Gerichtsgefängnis eingeliefert. Im Synagogenbrandprozess 1948 gab der beschuldigte Leiter der Feuerwehr an, dass ein Gestapobeamter ihm entgegengetreten wäre mit den Worten: „In dieser Nacht brennen in Deutschland sämtliche Tempel! Seien Sie vernünftig, machen Sie keine Geschichten und löschen Sie nicht ab, sonst muß ich Sie von der Brandstelle entfernen!“ Ein anderer Gestapomann forderte einen der löschenden Feuerwehrleute auf, das Strahlrohr aus dem hinteren Fenster zu halten, um vor den vor der Synagoge stehenden Schaulustigen den Eindruck zu erwecken, als würde weiter gelöscht werden.

Karl Tjaben (*07.04.1903 in Bremen) kam am 01.07.1937 als Kriminal-Assistent von Wesermünde nach Verden. NSDAP-Eintritt am 01.05.1933.

Hermann Tippenhauer (*04.01.1909 in Hildesheim) kam am 05.07.1937 als Kriminal-Oberassistent von Wesermünde nach Verden. NSDAP-Eintritt am 01.05.1937.

Paul Böhlke (*07.11.1907 in Seelze) kam am 03.10.1937 als Kriminalsekretär von Wesermünde nach Verden. NSDAP-Eintritt am 01.05.1937.

Außer den drei Männern war noch eine Schreibkraft in der Dienststelle tätig. Von den drei Gestapobeamten kam nur Tippenhauer vor ein Spruchkammergericht. Ihre Entnazifizierungsverfahren konnten nicht ermittelt werden.

Verdener EinwohnerInnen beobachten am 10.11.1938 den Synagogenbrand am Johanniswall Nr. 7. Domherrenhaus – Historisches Museum Verden/Bildersammlung, Nr. 5513

Folgen

Die Verdener Polizei teilte den Ehefrauen der Verhafteten mit, dass man versuchen würde, die Männer in Verden zu behalten. Tatsächlich wurde keiner der Betroffenen in ein KZ eingeliefert. Im Gerichtsgefängnis wurden die Männer jedoch wie Kriminelle behandelt. Sie durften sich auch von keinem „arischen“ Rechtsanwalt vertreten lassen. Unter der Zusicherung, unverzüglich die Auswanderung zu betreiben, wurden die Männer nach zwei bis drei Wochen entlassen.

Die drei Kaufleute, die den Vorstand der Synagogengemeinde bildeten, erklärten sich unter dem massiven Druck im Gefängnis bereits am 12. November 1938 bereit, das Synagogengrundstück an Hilde Grantz zu verkaufen. Deren Ehemann Dr. Wilhelm Grantz war Rechtsanwalt und SS-Obersturmführer beim Sicherheitsdienst (SD) des Reichsführer SS, Abschnitt Bremen. Vom Erlös muss die Gemeinde die Abbrucharbeiten und die Kosten für den Feuerwehreinsatz begleichen. Der jüdische Friedhof wurde 1943 verwüstet.

Nur drei der in der Pogromnacht Verhafteten konnten noch vor Kriegsbeginn auswandern. Danach gelang nur noch zwei Personen die Auswanderung nach Übersee. Fünf weitere Personen übersiedelten nach Holland bzw. Dänemark, von ihnen überlebte nur Horst Baumgarten im Ghetto Theresienstadt. Bis 1940 gelang insgesamt 26 Personen die Auswanderung in ein sicheres Land.

Von den 24 jüdischen Bürgern, die Mitte Oktober 1941 noch in Verden lebten, wurden sechs Personen in das „Judenhaus“ Stifthofstraße 13 und sieben Personen in das nicht arisierte Haus der Familie Spanier in der Predigerstraße 11 eingewiesen. Die restlichen Familien durften weiterhin in den Wohnungen zur Miete wohnen. Vier Wochen später erhielten 21 von ihnen den Deportationsbefehl für den 17. November 1941 ab Verden. Über Bremen und Hamburg ging der Transport in das Ghetto Minsk und dann in das Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk. Nur Martin Spanier überlebte.

Die Opfer tragen die Kosten. Stadtarchiv Verden

Biografie - Familie David Grünfeld

David Grünfeld wurde am 18. Mai 1897 im polnischen Zelow geboren. Seit 1920 hielt er sich, der als Muttersprache „deutsch“ angab, ununterbrochen in Deutschland auf, behielt aber die polnische Staatsbürgerschaft. Im Jahre 1925 heiratete der „Lehrer und Schächter“ David Grünfeld in Stuttgart Rosa-Frieda Goldberg, die mit ihren Eltern aus „Russisch-Polen“ zugezogen war. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Ernst (Jg. 1926), Manfred (Jg. 1928) und Hanna (Jg. 1936). Von 1927 bis 1937 war David Grünfeld als Kantor und Religionslehrer bei der jüdischen Gemeinde in Papenburg/Ems angestellt. Im Oktober 1937 trat er in dieser Funktion als Nachfolger von Richard Seif seinen Dienst in Verden an. Die Arbeitserlaubnis war bis September 1939 befristet. Die Familie lebte in der Hausmeisterwohnung in der Synagoge.

Am 28. Oktober 1938 wurde das Ehepaar sowie ihre Kinder Manfred und Hanna aufgrund eines Erlasses Himmlers „betreffend Aufenthaltsverbots für Juden polnischer Staatsangehörigkeit“ in Abschiebehaft genommen und noch am selben Tag in Begleitung eines Polizisten in Zivilkleidung nach Hamburg abtransportiert.

Der inzwischen im jüdischen Waisenhaus in Hamburg untergebrachte älteste Sohn Ernst sollte dort seiner Familie „zugeführt“ werden. Das jedoch scheiterte, weil er inzwischen per Bahn nach Verden gefahren war. Er wurde umgehend zurückgeschickt, verpasste aber die Abfahrt des Sammeltransportes mit seiner Familie an die deutsch-polnische Grenze nach Neu Benschen und musste wieder zurück in das jüdische Waisenhaus in Hamburg. Am 9. November 1938 hatte David Grünfeld bereits Beschwerde gegen das Aufenthaltsverbot eingelegt. Er erhielt im Pass einen „Ausnahme-Einreisevermerk“ für fünf Wochen, um vorübergehend nach Verden zurückzukehren und sich nach Hamburg „zu seinem Kinde zu begeben“. Er hielt sich nur 20 Tage in Verden auf und meldete sich am 19. Juni 1939 „nach Bentschen, Polen“ ab. Die „Central Database of Shoa Victims´ Names“ nennt für die gesamte deportierte Familie als Todesort Warschau.

Aktenvermerk zur Odyssee von Ernst Grünfeld. Stadtarchiv Verden

Feuerwehrleute „sichern“ am 10.11.1938 das Eigentum der Familie Grünfeld. Ehemaliges Fotoarchiv Curt Troue, Privatbesitz Jürgen Woock, Verden

Biografie – Hanni Baumgarten, verh. Friedman

Die wohl abenteuerlichste Flucht gelang Hanni Baumgarten. Sie wurde 1920 in Erfurt als Tochter gut situierter Eltern geboren. Der Vater stammte aus Achim, die Mutter aus Treysa in Hessen. Nach dem frühzeitigen Tode ihrer Eltern kam sie mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Horst im Jahre 1929 nach Verden zu ihrer Tante Henriette Goldschmidt. Ihr Bruder lebte bei Julius und Amalie Löwenstein. Hanni Baumgarten ging von 1932 bis 1937 auf das Lyzeum (heute Gymnasium am Wall). Sie musste ihre schulische Ausbildung unter enormen psychischen Druck ohne Abschluss abbrechen und begann eine Schneiderlehre. Im Oktober 1939 meldete sie sich nach Ahrensdorf ab, wo sich auf dem Landgut eine jüdische Ausbildungsstätte befand, um die Jugendlichen praktisch auf die Ausreise nach Palästina vorzubereiten. Im April 1940 teilte das Zollamt Verden der Ortspolizeibehörde mit, dass Hanni Friedman nach Palästina auswandere.

Über Wien und Pressburg per Bahn und dann per Donaudampfer gelangte ihre Gruppe nach Konstanza (Rumänien), wo sie an Bord eines Schiffes ging. Am 1. November 1940 kam sie in Haifa an. Die Engländer befürchteten, dass sich unter so vielen Passagieren aus Deutschland Spione befänden und verbrachten alle Flüchtlinge auf den Dampfer „Patria“, der sie in eine weit abgelegene britische Kolonie bringen sollte. Das Schiff aber explodierte und ging unter. 250 Personen fanden den Tod und nur die, die schwimmend das Ufer erreichten, wurden gerettet und als feindliche Ausländer interniert. Darunter befand sich Hanni Friedman.

Horst Baumgarten ging auf die Nicolaischule und meldete sich im Juni 1939 zur Jüdischen Gartenbauschule nach Ahlem ab, wanderte aber bereits drei Monate später nach Dänemark aus. Im Oktober 1943 wurde er im besetzten Dänemark verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. Im März 1945 gelangte er mit den „Weißen Bussen“ des schwedischen Roten Kreuzes nach Schweden.

Passfoto von Hanni Friedman, geb. Baumgarten (1939). Stadtarchiv Verden

Biografie – Joseph Goldschmidt

Das erste Mordopfer der Nazis wurde der am 11. Oktober 1884 im hessischen Treysa geborene Joseph Goldschmidt. Schon als 14-jähriger verließ er sein Elternhaus, um sich in Hannover an der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer zum Religionslehrer ausbilden zu lassen. Seine erste Anstellung als Lehrer erhielt er 1905 an der jüdischen Volksschule in Delmenhorst. Im Jahre 1909 wählte er Verden als ständigen Wohnsitz. Seinen Lebensunterhalt verdiente er in Verden jedoch überwiegend als Viehhändler.

Von 1927 bis 1932 war er Religionslehrer und Kultusbeamter der Synagogengemeinde Verden. Er war bis zu seiner Scheidung 1934 mit Henriette Goldschmidt, geb. Baumgarten (Jg. 1877), verheiratet. Das Ehepaar hatte zwei Kinder: Renate (Jg. 1911), der die Ausreise nach Palästina gelang, und Walter (Jg. 1921), der am 19. August 1942 im KZ Auschwitz umkam.

Joseph Goldschmidt schied auf eigenen Wunsch aus dem Dienst aus und war danach wieder im Viehhandel tätig. Wegen unerlaubten Viehhandels war er vorbestraft. Viermal seit 1934 wurde er als „im höchsten Grade asoziales Element“ in das Verdener Gefängnis eingeliefert. Im Anschluss an die verbüßte Strafe wurde gegen ihn am 21. Januar 1939 „Schutzhaft“ verhängt. Gegen seine Auswanderung nach Schanghai hatte die Gestapo keine Einwände. Dennoch wurde er am 19. März 1939 in das Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt und der Kategorie „BV/Jude“ (BV = „Befristete Vorbeugehäftlinge“ / „Berufsverbrecher“) zugewiesen. Dort war er schwersten Misshandlungen ausgesetzt. Er verstarb am 3. Januar 1940 im „Krankenbau“. Als Todesursache wurden „Lungenentzündung“ angegeben.

Henriette Goldschmidt gehörte zu den 21 jüdischen Einwohnern Verdens, die am 17. November 1941 in das Ghetto Minsk deportiert wurden. Dort ist Henriette Goldschmidt ermordet worden. Ein konkretes Todesdatum gibt es nicht.

Joseph Goldschmidt (1884-1940). Stadtarchiv Verden

Biografie – Hermann und Marianna Osterholz

In Verden lebte von 1928 bis 1932 der jüdische Pferdeschlachter und Viehhändler Ernst Feldheim mit seiner Frau Selma. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, Walter (Jg. 1912) und Marianna (Jg. 1913). Im Jahre 1932 meldete sich die Familie nach Bremen ab. Ernst Feldheim war aber weiterhin im Landkreis Verden als Viehaufkäufer aktiv. Selma, die einen Schlaganfall erlitten hatte, wurde im Rahmen der Euthanasieaktionen 1940 in Brandenburg a. d. Havel ermordet. Ernst Feldheim kam 1943 in Auschwitz um.

Hermann Ehler Osterholz (Jg. 1904), der Kraftfahrer von Beruf war, heiratete 1933 die Jüdin Marianna Feldheim. Sie lebten in seinem Haus in Dörverden Nr. 117, in dem noch eine weitere Familie zur Miete wohnte. Im Jahre 1935 wurde das einzige Kind Inge geboren. Da sie mit einem Christen verheiratet war, konnte Marianna Osterholz sich zunächst sicher fühlen. Sie musste auch keinen Judenstern tragen. Doch aufgrund einer Verordnung vom Januar 1945 sollten alle in „Mischehe“ lebenden arbeitsfähigen Juden zum Arbeitseinsatz nach Theresienstadt deportiert werden. Von der Gestapo war sie bereits einmal festgenommen, aber dann wieder entlassen worden.

Auf dem Grundstück der Familie befand sich ein Geräteschuppen. Hermann Osterholz schachtete darin heimlich einen Erdbunker aus. Der Eingang wurde mit einem Schrank verdeckt. Marianna hielt sich in dem Versteck die letzten sieben Wochen bis Kriegsende auf. Hermann Osterholz war inzwischen zur Wehrmacht eingezogen und in den letzten Kriegsmonaten dienstverpflichtet worden. Da er sich nicht immer um die zehnjährige Tochter Inge kümmern konnte, übernahm eine Nachbarsfamilie die Betreuung.

Ein Jahr nach Kriegsende wurde die Ehe geschieden und Marianna heiratete den Schmiedemeister Hermann August Beck aus Dörverden Nr. 54.

Aufgrund einer Verfügung vom 11. Juli 1946 erfasste die Kreisverwaltung Verden alle im Kreisgebiet lebenden Menschen jüdischer Konfession, die auch nach ihren Auswanderungsplänen befragt wurden. Sie wurden in einer tatsächlich noch so bezeichneten „Judenstatistik“, die bis 1948 fortgeführt wurde, namentlich aufgeführt. Die Gemeinde Dörverden teilte am 24. Juli 1946 der Kreisverwaltung mit, dass „Frau B.“ nicht die Absicht hätte, nach Palästina auszuwandern.

Marianna Feldheim und Hermann Osterholz kurz vor ihrer Hochzeit 1933. Links ihr Bruder Walter Feldheim, der am 15.03.1939 nach Schweden auswanderte. Privatbesitz Inge Grupe, Dörverden

Biografie – NSDAP-Ortsgruppenleiter Bruno Woltersdorf

Bruno Woltersdorf wurde am 27. Januar 1894 in Berlin geboren, absolvierte eine Buchhändlerlehre und nahm am Ersten Weltkrieg teil. Im Dezember 1919 eröffnete er in Verden eine Versandbuchhandlung mit Antiquariat. Mit seinem sehr frühen Parteieintritt am 13. Juli 1925 gehörte er zu den „Alten Kämpfern“. Am 1. September 1932 übernahm er die Leitung der Verdener NSDAP-Ortsgruppe.

Inwieweit Woltersdorf tatsächlich bei der Pogromnacht in Verden involviert war, konnte nicht festgestellt werden. Die Verdener Ortsgruppe hielt am 9. November im Hotel Höltje eine Feierstunde ab, um Hitlers Putschversuch von 1923 zu gedenken. Im Anschluss an die Feier marschierte die SS-Standarte zur SS-Schulungsstätte „Sachsenhain“ in Verden-Dauelsen, wo um Mitternacht die Bewerber vereidigt wurden. Drei Tage später ging Woltersdorf auf die Pogromnacht ein, indem er ausführte, dass das deutsche Volk die richtige Antwort gegeben hätte und dass alle politischen Morde der letzten Jahrzehnte von Judenhand ausgeführt worden wären.

Der ehemalige Kreisleiter Otto Schwiering gab während seiner Internierung an, dass er nicht glaube, dass Woltersdorf oder SA-Standartenführer Cordes, vorher „Kenntnis von den Dingen“ gehabt hätten. Auch die Gestapo habe weder vor noch nach der Aktion mit ihm Verbindung aufgenommen. Das war auch schlecht möglich, hatte er doch an der Erinnerungsfeier in Mahndorf teilgenommen und war gegen Mitternacht zu seiner Wohnung gefahren, in der sich kein Telefon befand. Erst am nächsten Morgen will er von den Ausschreitungen erfahren haben.

Woltersdorf veranlasste im November 1940, dass den Juden verboten wurde, städtische Grünanlagen zu betreten. Es war nur noch erlaubt, auf Bänken zu sitzen, die als „Judenbänke“ gekennzeichnet waren. Einen Monat später trat Woltersdorf seine neue Arbeit bei der Deutschen Informationsstelle im Auswärtigen Amt an. Im Juli 1944 wurde er in die Rüstungsindustrie beurlaubt. Nach 1945 lebte er in Dresden. Er starb ca. 1960.

Mann

Bruno Woltersdorf. Bundesarchiv, Signatur: BArch R 9361-VIII KARTEI / 25411656

Justizielle Ahndung

Bereits 1945/46 befasste sich die britische Militärregierung mit Anschuldigungen wegen des Synagogenbrandes gegen den Leiter der Verdener Feuerwehr, Johann Hagemann. Sie kam zu der Einschätzung, dass diese nicht haltbar waren. Die Staatsanwaltschaft ermittelte jedoch weiter und erhob am 29. Juli 1947 Anklage gegen Hagemann, wobei sie ihm vorwarf, „am 10. November 1938 die jüdische Synagoge […] vorsätzlich in Brand gesetzt zu haben, indem er als Brandmeister der Feuerwehr der Stadt Verden das von anderen nicht ermittelten Tätern angelegte Feuer nicht nur nicht bekämpfen liess, sondern durch seine Tätigkeit erst so in Gang brachte, dass das Gebäude zerstört wurde.“ Hagemann wurde wenige Wochen nach seiner Verhaftung aus der Untersuchungshaft entlassen. Einer zweiten Verhaftung am 25. September entzog er sich durch Flucht. Die „Niedersächsische Volksstimme“ schrieb dazu: „Die Bevölkerung in Verden fragt sich daher nicht ohne Grund, wer dem Kreisbrandmeister Hagemann mit dazu verholfen hat, […] und zweitens, dass er bei seiner jetzigen Wiederverhaftung gut vorbereitet die Flucht ergreifen konnte.“ Die KPD kritisierte die Vorgänge in einem öffentlichen Aushang vor ihrer Geschäftsstelle.

Nachdem ihm freies Geleit zugesichert worden war, erschien der Angeschuldigte zur Hauptverhandlung am Landgericht. Nach fünf Verhandlungstagen wurde er freigesprochen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er Beihilfe zur Zerstörung der Synagoge geleistet hatte, indem er anordnete, die Löscharbeiten einzustellen. Das Gericht schloss sich aber den Ausführungen der Verteidigung an, dass Hagemann dazu durch Gestapo und Landrat Dr. Weber mit den Worten „Menschenskind, wenn Sie irgendetwas unternehmen, werden Sie abgeführt! Der Tempel bleibt brennen! Wir haben uns verstanden!“ genötigt worden war.

Der Oberstaatsanwalt legte gegen das Urteil Revision ein, die aber vom Obersten Gerichtshof der Britischen Zone in Köln abgelehnt wurde.

SA-Standarte 14 Verden

Inwieweit sich Männer der Verdener SA-Standarte am Pogrom beteiligten, konnte nach dem Krieg nicht eindeutig geklärt werden. Die Staatsanwaltschaft vermutete 1947, dass die Täter, die die Synagoge um 5:25 Uhr in Brand setzten, von der SA-Führungsschule in Etelsen kamen. Nach Aussagen von SA-Männern hatte der Verdener SA-Nachrichtensturm die Schaufensterscheiben der jüdischen Geschäfte zerstört. Die Verhaftung der 13 jüdischen Männer soll hauptsächlich vom Verdener SA-Reitersturms vorgenommen worden sein.

Dass Mitglieder des Verdener SA-Reitersturms gegen 4 Uhr morgens auch aus den umliegenden Ortschaften zur SA-Standarte in Verden beordert wurden, ist belegt. Ortsgruppenführer Friedrich Thies aus Westen weckte Heinrich Winsemann mit den Worten: „Heinrich, wir müssen sofort nach Verden, um die Synagoge und die Judengeschäfte niederzubrennen!“ Zusammen mit drei SA-Männern fuhr er dann, ohne Thies, nach Verden. Als sie bei der Standarte ankamen, wurden sie zur Synagoge geschickt, die bereits gebrannt haben soll.

Hermann Lindemann war SA-Sturmbannführer des Verdener Reserve-Sturmbanns I/R 59, NSDAP-Mitglied und ab 1938 Landgerichtspräsident. In seiner Personalakte befindet sich ein Schreiben des OLG-Gerichtspräsidenten Dr. Freiherr v. Hodenberg vom 21. September 1945, aus dem hervorgeht, dass Lindemann dem britischen Gerichtsoffizier Major Derni mitgeteilt hatte, dass SA-Sturmbannführer Friedrich Kruse aus Verden-Dauelsen aktiv an der Zerstörung der Synagoge beteiligt gewesen sein soll. In einem Schreiben des Verdener Rechtsanwaltes von Hugo vom 19. Oktober 1945 an den OLG-Präsidenten wird dieser Sachverhalt wiederholt. Paul Hall gab vor der Staatsanwaltschaft Verden 1947 an, dass es das Gerücht gab, dass Kruse und ein weiterer Mittäter den Brand verursacht hätten. Im Synagogenbrandprozess 1948 trat Kruse als Zeuge auf und bestritt seine Beteiligung. Als Mittäter geriet auch Tischlermeister Otto Schickher in Verdacht, der am nächsten Tag, auf den Brand angesprochen, zu seinem Mitarbeiter stolz sagte: „Das haben wir gemacht!“ Die Uhr aus der Synagoge hing später in seiner Werkstatt.

Rückseite der brennenden Synagoge am 10. November 1938. Ehemaliges Fotoarchiv Curt Troue, Privatarchiv J. Woock, Verden

Spuren und Gedenken

Gedenktafel

Vom Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen wurde 1965 bei der Stadt Verden angeregt, mit einer Gedenktafel an die zerstörte Synagoge zu erinnern. Am 25.10.1966 fand die Gedenktafel ihren Standort an der Außenmauer des Landgerichtsgebäudes, das der ehemaligen Synagoge gegenüber steht. Das Mahnmal trägt die von der jüdischen Gemeinde entworfene Inschrift: „Zum Gedenken an unsere jüdischen Mitbürger der Stadt und an die Synagoge, die am Johanniswall gestanden und am 9. November 1938 mutwillig zerstört wurde, hat die Stadt Verden diese Tafel gestiftet.“ Es folgt eine Zeile in hebräischer Schrift und darunter die Übersetzung: „Mit meiner Stimme zum Ewigen schreie ich, mit meiner Stimme zum Ewigen flehe ich.“ Ps.142/2.

Teilstück der Synagogen-Grundmauer mit Informationstafel

Im Sommer 2011 kamen die Überreste der Synagoge bei Bauarbeiten wieder an ans Tageslicht. Bei der Ausgrabung wurden die Grundmauern, ein Keller und die Mikwe aufgedeckt. Die Ziegelfundamente umfassen eine Grundfläche von 21,50 x 10,50 m. Aus den Resten der Grundmauern wurde auf dem Gelände des neuen Fachmarktzentrums ein Teilstück in Form eines angedeuteten Davidsterns wieder aufgebaut und mit einer Informationstafel versehen.

Mahnmal für die jüdischen Opfer in Verden aus der Zeit der NS-Gewaltherrschaft

Im Beisein von 200 Gästen wurde das Mahnmal am 05. September 1993 der Öffentlichkeit übergeben. Unter den Gästen befanden sich 15 ehemalige jüdische BürgerInnen Verdens mit Angehörigen, die die Stadt bereits 1989 zu einem siebentägigen Besuch eingeladen hatte. Das Werk des Künstlers Hans-Jürgen Etzold ist eine bronzene ca. 3,50 m hohe Säule, die zwischen altem und neuem Rathaus errichtet wurde. Es wurden die 56 Namen der jüdischen Opfer und deren Verbleib in das Mahnmal aufgenommen. Die Frage, ob ein Mahnmal errichtet werden sollte, war lange umstritten, ebenso wie dessen Standort und Beschriftung. In hebräischer Sprache ist oben an den Seiten der Säule eine Inschrift aus dem 1. Kapitel der Klagelieder Jeremias, Vers 12, angebracht. Die Übersetzung lautet: „Schauet und seht, ob ein Schmerz sei wie der Schmerz, der mir angetan worden.“

Mahnmal für die ermordeten jüdischen MitbürgerInnen vor dem Rathaus. Foto: Joachim Woock, Verden.

Stolpersteine

Auf Initiative des Vereins für Regionalgeschichte Verden e. V. wurden bei insgesamt sechs Terminen in den Jahren 2007 bis 2013 in Verden 81 und im Landkreis sechs Stolpersteine für die jüdischen Opfer, politisch Verfolgte, Sinti, Euthanasieopfer, Jehovas Zeugen und Homosexuellen verlegt. Liste, ohne die Stolpersteine in Achim (mit Stolperstein-Fotos und Koordinaten).

Verlegung der fünf Stolpersteine für die Familie Grünfeld am 09.04.2008 vor dem ehemaligen Standort der Synagoge. SchülerInnen des „Gymnasiums am Wall“ hatten die Patenschaft für die Gedenksteine übernommen. Foto: Joachim Woock, Verden.

Jüdischer Friedhof

Der Friedhof am Ahornweg, am Rande der historischen Stadtbebauung, wurde 1834 angelegt. Er ist 1 250 qm groß. Auf den 117 noch vorhandenen Grabsteinen sind die Namen der Familien erhalten, die als Bankiers-, Kaufmanns-, Handwerker- oder Viehhändlerfamilien in Verden und den umliegenden Dörfern lebten. Die Grabsteininschriften sind zum Teil hebräisch und/oder nur deutsch. Mindestens 132 Beisetzungen sind nachweisbar, davon drei nach 1945. Im Jahre 1943 wurde der Friedhof durch Unbekannte verwüstet. Der Friedhof ist mit einer Ziegelmauer eingefriedet, mit einem Stahltor verschlossen und öffentlich nicht zugänglich. Die Stadt Verden hat die Pflege des Geländes übernommen.

Einladungen ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger

In den Jahren 1989, 1993 (Einweihung des Mahnmals) und 1997 wurden ehemalige jüdische MitbürgerInnen bzw. Nachkommen von der Stadt Verden für jeweils sieben Tage eingeladen. Die max. 22 Personen kamen aus Israel, den USA, Kanada, Argentinien, den Niederlanden und Deutschland.

Gruppenfoto mit ehemaligen jüdischen BürgerInnen und Betreuern, 1993. 1. Reihe: 3. Person v. links: Hanni Friedman, geb. Baumgarten; rechts daneben: Hertha, Hans und Irene Löwenstein. 2. Person v. rechts: Uri Bustan (Werner Baumgarten). 2. Reihe: 1. Person v. links: Henry (Horst) Baumgarten. Stadt Verden

Weiterführende Literatur und Links

Die Tatorte der Reichspogromnacht 1938 – ein virtueller Rundgang, ausgearbeitet vom Dokumentationszentrum Verden im 20. Jahrhundert e.V. im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Jüdische Woche“ 2020

Dokumentation über den Besuch der ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Verden vom 6.-13. September 1989, Verden 1989.

Dokumentation über den 2. Besuch der ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Verden vom 1.-8. September 1993, Verden 1994.

Dokumentation über den 3. Besuch der ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Verden vom 3.-10. September 1997, Verden 1997.

Emigholz, Björn: „Es ist geschehen – also kann es wieder geschehen“ (Archivierte Dokumente aus dem Stadtarchiv Verden: Rep. III Pascheberg-Akten), Verden 2007.

Schmidt-Bollmann, Günter: Der jüdische Friedhof in Verden, Bremen 1998 (Loseblattsammlung, Kopie Kreisarchiv Verden 49/3; s. auch: Verdener Familienforscher e.V.: Friedhof der Synagogengemeinde Verden

Haag, Christian: Das Schicksal der jüdischen Bürger Verdens unter dem Nationalsozialismus, Bibliothek Gymnasii Verdensis, Verden 1991 (maschinenschriftlich 1965).

Precht, Jutta: Die Synagoge in Verden – Ein zerstörtes Gotteshaus wird ausgegraben, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2013, Verden 2012, S. 87-99.

Rohdenburg, Günther (Bearb.): „…sind für den geschlossenen Arbeitseinsatz vorgesehen…“. „Judendeportationen“ von Bremerinnen und Bremern während der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, Kleine Schriften des Staatsarchivs Bremen, H. 36, Bremen 2006.

Schmidt, Harm: Entnazifizierung der Lehrkräfte im Landkreis Verden, in: Deuter, Hermann/Woock, Joachim (Hg.): Es war hier, nicht anderswo! Der Landkreis Verden im Nationalsozialismus, Bremen 2016, S. 391-399.

Schröter, Werner/Woock, Joachim: „Stolpersteine“. Biografien aus Verden. Gedenksteine für die Opfer des Nationalsozialismus, Verden 2009 (Download)

Schröter, Werner: Jüdisches Leben in und um Verden – Eine Annäherung, in: Deuter, Hermann/Woock, Joachim (Hg.): Es war hier, nicht anderswo! Der Landkreis Verden im Nationalsozialismus, Bremen 2016, S. 140-187.

Siemers, Jürgen: Die jüdische Gemeinde in Verden, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 1985, Verden 1984, S. 269-275.

Stadt Verden (Hg.): Urgroßvaters Tagebuch. Aufzeichnungen von Ascher Lämle Weldtsberg, gen. Lehmann, Verden a. d. Aller 1769 bis 1858, Verden 1989.

Voigt, Otto: Die Neubürger der Stadt Verden (Aller) von 1814 bis 1919. Geschichte der Stadt Verden (Aller) in Einzeldarstellungen, Bd. 16, Verden 1987.

Weidemann, Jürgen: Novemberpogrom 1938. „Kristallnacht“ in Verden, hrsg. von der Stadt Verden, o. J. (1988).

Weidemann, Jürgen: Die Angst, die ich hatte, ist nicht zu beschreiben. Eine polnische Jüdin in Verden (1942-45), in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 1990, Verden 1989, S. 169-176.

Weidemann, Jürgen: Dr. Marcus Lehmann aus Verden – ein bedeutender Vertreter des neo-orthodoxen Judentums in Deutschland, in: Landkreis Verden (Hg.): Jahrbuch für den Landkreis Verden 2016, Verden 2015, S. 289-293.

Woock, Joachim: Die „sog. Untergrundbewegung“ in Verden (1944/45), in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2005, Verden 2004, S. 245-267.

Woock, Joachim: Hitlers willige Helfer: Nationalsozialisten im Landkreis Verden. Folge 1: Landrat Dr. Weber, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2007, Verden 2006, S. 215-228.

Woock, Joachim: Hitlers willige Helfer: Nationalsozialisten im Landkreis Verden. Folge 2: Stellvertretender Gauleiter Heinrich Peper, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2008, Verden 2007, S. 165-195.

Woock, Joachim: Hitlers willige Helfer: Nationalsozialisten im Landkreis Verden. Folge 5: NSDAP-Kreisleiter von 1937-1945, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2013, Verden 2012, S. 161-191.

Woock, Joachim: Hitlers willige Helfer: Nationalsozialisten im Landkreis Verden. Folge 7: Der Verdener NSDAP-Ortsgruppenleiter Bruno Woltersdorf, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2015, Verden 2014, S. 293-311.

 

Autor: Dr. Joachim Woock, Verden

1938 in Niedersachsen

Einbeck

Vorgeschichte

Der erste urkundliche Hinweis auf Einbecker Juden steht im Zusammenhang mit einer durch die Kreuzzüge ausgelösten Verfolgungswelle: Es gibt eine Einbecker Liste jüdischer Märtyrer im Martyrologium des Nürnberger Memorbuches. Die Verfolgung muss vor dem Tod des Schreibers 1298 stattgefunden haben, 15 oder 16 Juden sollen auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden sein. Über die mittelalterliche Gemeinde mit einer ersten Synagoge ist die Lage in unmittelbarer Nähe zum Handelszentrum, dem Marktplatz, bekannt (heutige Judenstraße). Aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sind antijüdische Predigten lutherischer Geistlicher überliefert, besonders der Pastor der Marktkirche, Johann Velius, betreibt eine eifrige antijüdische Agitation. 1578 ist nur noch ein Jude in Einbeck bezeugt, ob er 1581/82 Einbeck auf eigenen Willen oder auf Druck verlässt, ist nicht eindeutig. Bis zur Neuansiedlung von Juden wird es rund 100 Jahre dauern. 1673 ist der erste Schutzbrief für einen Juden bekannt. Um 1800 errichtet die größer werdende jüdische Gemeinde in der Baustraße in Hinterhoflage eine Synagoge, einen schlichten Fachwerkbau. Dieser wird kaum 100 Jahre später zu klein, weshalb die Gemeinde 1896 ihre neue Synagoge in der Bismarckstraße einweiht und das bisherige Synagogen-Gebäude an einen Privatmann verkauft. Die im maurischen Stil mit Kuppel gebaute Synagoge in der Bismarckstraße steht nicht mehr wie sein Fachwerk-Vorgänger in zurückhaltender Hinterhoflage, sondern deutlich sichtbar in bester Einbecker Villen-Gegend.

1890, kurz vor dem Bau der neuen Synagoge, gab es in Einbeck 166 jüdische Einwohner, das sind 2,38 Prozent der damaligen Bevölkerung (rund 7000 Einwohner); 1910 gibt es in Einbeck 66 Menschen jüdischen Glaubens, das entspricht 0,7 Prozent der damaligen Bevölkerung, deren große Mehrheit evangelisch ist. Die Juden sind assimiliert, in vielen Vereinen vertreten, spenden namhafte Beträge beispielsweise zur Errichtung eines Aussichtsturms im Stadtwald. Und Juden ziehen 1914 wie andere Einbecker in den Krieg.

Nachdem Einbecks damals größter Arbeitgeber, der Fahrrad-Fabrikant und Versandhändler August Stukenbrok, in Folge der Weltwirtschaftskrise 1931 schließen musste, fordert die NSDAP von Bürgermeister Dr. Hans Oehlmann sich zu rechtfertigen, warum der Gläubigerausschuss im Konkursverfahren einen Juden als Gutachter eingesetzt hatte. Oehlmann, der sich bisher geweigert hatte, in die NSDAP einzutreten, 1933 abgesetzt wird und aus Einbeck fliehen muss, erklärt in einer Bürgerversammlung im März 1932, dass der Gutachter Oppenheimer durch die Handelskammer beauftragt worden sei: „Ich kenne keinen Juden Oppenheimer, sondern nur einen Herrn Oppenheimer, da ich als Bürgermeister verpflichtet bin, jeden Deutschen vor dem Gesetz gleich zu behandeln.“

Nach 1933, aber auch schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten stellen sich viele Einbecker Geschäftsinhaber auf die Seite der neuen Mächtigen, wie Zeitungsanzeigen belegen. Geschäfte Einbecker Juden werden boykottiert, die Besitzer diskriminiert und verfolgt.

Neue Synagoge in der Bismarckstraße in Einbeck, um 1900. Stadtmuseum Einbeck, Fotosammlung, Ordner 43

Die Ereignisse im November 1938

Wenige Tage vor dem 9. November 1938 wird Einbeck wieder Garnisonsstadt, zieht das Artillerie-Regiment 55 unter klingendem Spiel und dem Läuten sämtlicher Kirchenglocken in Einbeck ein.

Wie jedes Jahr am 9. November gedenkt die NSDAP auch 1938 ihrer Anfänge, des gescheiterten Putsches 1923 in München. Nach dem Aufmarsch am Ehrenmal im Norden von Einbeck sitzen die Männer von SA und SS anschließend in ihren Stammlokalen in der Einbecker Innenstadt zusammen. Und dann brennt mit einem Mal die Synagoge in der Bismarckstraße, mitten im gutbürgerlichen Wohnquartier…

Jahrzehntelang galt in Einbeck die Legende, dass in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 das jüdische Gotteshaus von Auswärtigen in Brand gesetzt worden sei, von SS-Leuten aus Bad Gandersheim. Einbecker seien nicht beteiligt gewesen, lautete die Beruhigung verheißende Maxime. Basis dafür war ein Erinnerungsbericht des 1938 amtierenden Landrats Dr. Kurt Heinrichs aus dem Jahr 1970. Der Karriere-Jurist gab in seinen Nachkriegs-Schilderungen den Ahnungslosen: „Ob in der einen oder anderen Wohnung geplündert worden ist, habe ich nicht erfahren können […].“ Das aber wäre seine Pflicht als Leiter der Polizeibehörde gewesen, meint die aus Einbeck stammende Historikerin Christine Wittrock. Geändert hätte das freilich wenig, denn Heinrichs, den man durchaus als willigen Vollstrecker des Regimes bezeichnen kann, hätte seine Polizei ohnehin nicht gegen die SS eingesetzt.

Nach den Recherchen von Christine Wittrock mit zahlreichen Zeitzeugen-Aussagen über die November-Nacht war es zweifellos so, dass auch Einbecker dabei waren, als die Synagoge brannte. Ob sie mitgeholfen haben, das Feuer zu legen, kann nicht belegt werden. Es sprechen jedoch mehrere Indizien dafür: Drei uniformierte SS-Männer aus Einbeck haben sich einen Sack Hobelspäne geben lassen von einem Stellmachermeister, der später mit einem SA-Mann aus Einbeck mit einer Fünf-Liter-Kanne Petroleum zur Synagoge ging. Angeblich hat die Synagoge schon gebrannt, als sie dort eintrafen.

Ein Arbeiter des städtischen Gaswerks erinnert sich nach Kriegsende, als Fachmann in der fraglichen Nacht zusammen mit ortfremden SS-Leuten zur Synagoge gegangen zu sein, um die Gasleitung zu sperren: „Mir kam die Sache komisch vor. Ich bin noch nie in der Synagoge dringewesen. Als Fachmann hat man aber das Gefühl, wo sich der Haupthahn befindet. Als ich zu Hause ankam, war bereits der rote Feuerschein am Himmel zu sehen. Ich habe mir über meine Handlungsweise weiter keine Gedanken gemacht. An der Inbrandsetzung habe ich mich nicht beteiligt.“

Landrat Dr. Kurt Heinrichs, BArch, R 9361

Brennende Synagoge in der Bismarckstraße in Einbeck am 9. November 1938. Stadtmuseum Einbeck, Fotosammlung, Ordner 43

Folgen

Nachdem die Synagoge brannte und die Feuerwehr lediglich darauf achtete, dass das Feuer nicht auf Nachbargebäude übergriff, wurden bei zahlreichen Geschäften jüdischer Besitzer die Schaufenster eingeschlagen, Türen eingetreten und die Läden beschmiert und geplündert. Dies belegen mehrere vorliegende Zeitzeugenberichte. Der SA-Mann Friedrich Ziegenfuss räumt seine Beteiligung ein und redet gleichzeitig seine Rolle klein: „Ich habe dann an den Durchsuchungen bei Goldschmidt, Rosenberg und den Geschwistern Archenhold mitgewirkt. Ich betone, dass in den Fällen, in denen ich den Durchsuchungen beigewohnt habe, Zerstörungen in den Wohnungen nicht vorgekommen sind.“

Auch Einbecker SS-Leute unter Leitung des SS-Sturmbannführers Hermann von Törne aus Bad Gandersheim haben noch in der Nacht die jüdischen Bürger in ihren Wohnungen verhaftet und ins Gerichtsgefängnis gebracht. Die Mutter der Historikerin Christine Wittrock war 1938 Verkäuferin bei den Brüdern Goldschmidt in der Marktstraße: „Als sie am Morgen des 10. November zum Geschäft kommt, steht sie vor zerschlagenen Schaufenstern und einem demolierten Laden. Frauen der NS-Volkswohlfahrt waren eifrig damit beschäftigt, die Waren in große Waschkörbe einzupacken und abzutransportieren.“

Nach dem November-Pogrom begann auch in Einbeck die intensive Verfolgung. Einige Juden, wie beispielsweise die Goldschmidts, zogen in andere Städte und dort in „Judenhäuser“, wurden von dort später deportiert und getötet. Auch in Einbeck entstanden „Judenhäuser“, etwa bei den Geschwistern Archenhold in der Tiedexer Straße. Andere, wie die Adlers, wollten noch auswandern, in diesem Fall in die USA, es gelang ihnen aber nicht mehr und auch sie wurden letztlich deportiert und umgebracht.

Geschäfte Einbecker Juden wechseln ihre Besitzer, die NS-Wirtschaftsberater sorgen dafür, dass die Verkaufspreise so niedrig wie möglich sind. Beispielsweise kann Willy Hunecke das Haus Goldschmidt in der Marktstraße erwerben. Was mit der abgebrannten Synagoge, den Gebäuderesten und dem Grundstück nach dem 9. November geschehen ist, ist bislang ungeklärt. Der Kaufmann Willy Hunecke ist seit 1932 Mitglied der NSDAP, Kreiswirtschaftsberater und wird 1938 Ratsherr der Stadt Einbeck.

Die beiden Friedhöfe der jüdischen Gemeinde werden enteignet. Das letzte noch verbliebene Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, Martin Cohn, wird 1940 genötigt, den alten jüdischen Friedhof im Südwesten von Einbeck an die Stadt zu verkaufen. Dieser wird eingeebnet und für landwirtschaftliche Zwecke verpachtet. Nach Cohns Tod verkauft der Vermögensverwalter des Deutschen Reiches 1944 den jüdischen Friedhof an der Rabbethgestraße für 660 Reichsmark an die Stadt Einbeck. Die Grabsteine werden an das Granitwerk Lauschke für 270 Reichsmark verkauft; nach 1945 werden die noch vorhandenen Steine auf Veranlassung der Militärbehörden auf dem Friedhof wieder aufgestellt.

Bis Ende 1941 hatten 52 von insgesamt 68 Bürgern jüdischen Glaubens, die in Einbeck gemeldet waren, die Stadt verlassen. Mit dem Suizid von Friederike Winter am 6. März 1944 lebten keine Menschen jüdischen Glaubens mehr in Einbeck.

Friedrich Ziegenfuss in SA-Uniform, BArch, R 9361

Biografie - Artur und Walther Goldschmidt

Artur und Walter Goldschmidt sind Kaufleute. Walter (geboren 15. April 1901) und Artur (geboren 13. Juni 1902) betreiben das Herrenkonfektions- und Schuhwarengeschäft ihres Vaters ab 1933 in der Marktstraße 11. Im Januar 1938 erscheint im redaktionellen Teil der „Einbecker Morgenpost“ und im „Heimat-Beobachter“ ein Artikel über Walter Goldschmidt. Unter dem Titel „Einbecker Jude vor dem Sondergericht“ wird berichtet, dass sich Goldschmidt in Arnstedt vor einem thüringischen Sondergericht wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz verantworten muss. Er hatte wohl im September 1937 im Kreise von „Rassegenossen“ einen unverschämten Witz erzählt, wie es heißt, daraufhin wurde er von einer Frau denunziert. Er stritt alles ab, das Gericht verhängte dennoch eine halbjährige Haftstrafe.

Die Brüder Goldschmidt verkaufen ihr Haus in der Marktstraße 11 im August 1938 an Heinrich Hunecke. Sie schließen ihr Geschäft im Dezember 1938 und ziehen im Februar 1939 nach Hannover zunächst in die Gretchenstraße, dann in die Eichstraße 51. Im September 1941 werden 1000 Juden in Hannover in so genannte Judenhäuser eingewiesen, Artur und Walter werden in der Ohestraße 8/9 in Haus Nummer 8 untergebracht. Am 15. Dezember 1941 befinden sie sich auf einem Transport ins Ghetto Riga zusammen mit Jakob Rosenberg, Herbert Hirschland, dessen Frau Margot Sollinger und Schwiegermutter Selma Sollinger, alle aus Einbeck stammend. 1.001 Juden werden an diesem Tag deportiert. Eine Woche später werden 500 Männer aus diesem Transport weiter ins KZ Salaspils deportiert, darunter Walter und Artur Goldschmidt, die beide 1942 dort sterben.

Kennkarte für Artur Goldschmidt, 1938. Stadtarchiv Einbeck, STA Einbeck, B XIV, 10

Biografie - Martin Cohn

Martin Cohn zieht 1897 mit 28 Jahren von Göttingen nach Einbeck, zunächst in die Baustraße 12. Er arbeitet als Packer, Dienstknecht und Kutscher sowie als Desinfektor im öffentlichen Dienst, aus dem er zwischen 1933 und 1935 entlassen wird. Im Jahr 1900 heiratet der gebürtige Berliner Wilhelmine Kuthning, mit der er sieben Kinder hat. 1931 heiratet Martin Cohn nach dem Tode seiner ersten Frau erneut, auch Erna Schaper ist evangelisch-lutherischen Glaubens. Die Familie erlebt insgesamt acht Umzüge, die letzte Wohnung befindet sich in der Maschenstraße 5, die während der Reichspogromnacht 1938 verwüstet wird. Martin Cohn wird zwei Wochen in „Schutzhaft“ genommen. Als Erna Cohn am 10. November 1938 von der Arbeit nach Hause kommt, stehen Türen und Fenster der Wohnung in der Maschenstraße offen, die Betten sind herausgerissen, die Schubladen durchwühlt. SA-Leute hatten nach Schriften gesucht; Martin Cohn ist Synagogendiener der jüdischen Gemeinde.

Nach einem weiteren Haftaufenthalt 1940 oder 1941 äußert er bereits Selbstmordgedanken. Am 21. April 1941 erhängt sich Martin Cohn. Er ist damals 72 Jahre alt, Invalide und hat keine Kraft mehr, fürchtet sich davor, was noch auf ihn zukommen könnte. Die Kinder, die noch in Einbeck leben, müssen sich als „jüdische Mischlinge 1. Grades“ regelmäßig auf der Polizeiwache melden. Über eine Enkeltochter von Martin Cohn berichtet eine Zeitzeugin, das Mädchen sei nach dem Novemberpogrom 1938 von ihren Mitschülerinnen die Treppe hinuntergestoßen worden mit den Worten „Judenweib, wann gehst du endlich von der Schule?!“

Passfoto von der Kennkarte für Martin Cohn, 1938. Stadtarchiv Einbeck, STA Einbeck, B XIV, 10

Biografie - Bertha und Elsa Archenhold

Bertha Archenhold und ihre jüngere Schwester Elsa arbeiten ab ihrem 23. bzw. 24. Lebensjahr als Haustöchter in verschiedenen Städten. Bertha kehrt bereits nach einem Jahr (1911) wieder nach Einbeck zurück, weil der Vater Jacob Archenhold mit nur 54 Jahren gestorben ist, Elsa folgt 1914. Beide wohnen in der Tiedexer Straße 5. Bertha und Elsa betreiben ab 1927 ein Kaffee, Tee- und Kakaogeschäft, das sie 1938 auf Anordnung der Behörden schließen müssen.

1939 tritt das Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden in Kraft: Nichtjüdische Mieter werden dazu gedrängt, bei jüdischen Vermietern zu kündigen. Jüdischen Mietern wird gekündigt, sie werden in „jüdische“ Häuser gesteckt. Das bedeutet für die Schwestern Archenhold, dass aus der jüdischen Gemeinde in Einbeck der Rentner Gustav Franck mit 88 Jahren in das Haus der Archenholds ziehen muss, ebenso die 77-jährige Rosalie Fels, die 75-jährige Rosa Steinberg sowie Adolf Jordan, 61 Jahre alt.

Am 7. März 1942 werden die Schwestern ebenso wie ihre bisherigen Mieterinnen Rosa Steinberg und Rosalie Fels zwangsweise in Baracken am Reinserturmweg in Einbeck gebracht. Auf Anordnung der Behörden haben sie im März 1942 Lebensmittel für eine ganze Woche einzukaufen und dürfen dann die Wohnung nicht mehr verlassen. Ende März werden sie über Hildesheim nach Hannover/Ahlem transportiert, um in der Nacht vom 1. auf den 2. April 1942 in das Ghetto Warschau deportiert zu werden. Beide Schwestern gelten als „vermisst“.

Biografie - Familie Adler

Rudolf und Berta Adler haben vier Kinder: Kurt (geb. 1920), Tamara (geb. 1922), Margot (geb. 1926) und Edith (geb. 1928). Adlers haben ein Schlachterei- und Productengeschäft (Därme, Häute, Felle usw.). Ab August 1938 müssen Rudolf Adler und auch sein Angestellter Ludwig Danzig die Legitimationsscheine abgeben, sie können als Handlungsreisende keine Waren mehr einkaufen und verkaufen, die wirtschaftliche Grundlage wird den Adlers entzogen. Das Ehepaar entscheidet, die ältesten Kinder in die USA zu schicken, Kurt ist 18 Jahre, Tamara gerade mal 16 Jahre alt. Kurt Adler verlässt Einbeck im August 1938, Tamara im Oktober. Sie werden in verschiedenen Staaten der USA bei Familien aufgenommen, die für sie gebürgt haben. Zunächst gibt es noch die Hoffnung, dass der Rest der Familie ebenfalls in die USA ausreisen kann. Rudolf Adler verlässt Einbeck mit seiner Frau Berta und den Töchtern Margot und Edith am 22. Februar 1939 in Richtung Amsterdam. Er hat noch für den 14. Juli 1939 für seine Familie eine Schiffspassage auf der „Bremen“ gebucht, die nach New York fahren sollte. Doch diese Buchung wird gestrichen. Warum es nicht zu dieser Überfahrt gekommen ist, ist unbekannt. Die Ausreise in die USA gelingt nicht, und so bleibt nur noch der Weg nach Lettland, in das Heimatland von Berta Adler. Wann die Familie in Libau/Lettland ankommt, ist nicht genau festzustellen, wahrscheinlich noch 1939. Berta Adler kann dort zunächst wieder als Apothekerin arbeiten.

1941 marschieren die Deutschen in Lettland ein. Vom 15. bis 17. Dezember 1941 findet in Libau ein Massaker an einem Großteil der jüdischen Bevölkerung statt. Knapp 5000 Juden werden an diesen Tagen erschossen, weitere Erschießungen hat es bis April 1942 gegeben. Unter den Opfern sind auch Berta Adler und ihre Töchter Margot und Edith. Rudolf Adler wird eine Woche vor dem Einmarsch der Deutschen in Lettland von den Sowjets zusammen mit anderen deutschen und österreichischen Juden in ein Gefängnis gesperrt, dann in ein Internierungslager nach Novosibirsk und später in ein Lager nach Kasachstan gebracht. Er stirbt am 22. November 1942. Kurt und Tamara Adler erfahren in den USA erst viele Jahre später von dem Schicksal ihrer Eltern und der Geschwister. Kurt Adler stirbt 2002 in San Diego, Tamara stirbt 2009 in Capistrano Beach, USA.

Justizielle Ahndung

Nach Kriegsende haben Polizei und Staatsanwaltschaft versucht, die Ereignisse vom 9. November 1938 zu rekonstruieren. Indizien und Hinweise auf mögliche Einbecker Täter fanden die Strafverfolger 1946 auch und leiteten Ermittlungen ein, für eine Verurteilung hatten sie jedoch keine Beweise. Zeugen waren entweder tot, noch in Gefangenschaft oder hatten acht Jahre nach dem 9. November 1938 keine lebendige Erinnerung mehr an den Abend. Zeugen berichteten, dass die drei in dem Prozess Beschuldigten zur Zeit der Brandstiftung nicht am Tatort gewesen seien, sondern erst später – und da seien sie nicht allein gewesen. Die Akten des Staatsarchivs machen deutlich, dass zahlreiche Einbecker im hellen Schein der brennenden Synagoge gestanden haben.

Von der brennenden Synagoge gibt es einen Film, auf dem auch Personen zu sehen sein sollen. Er gilt als verschollen.

Eine unmittelbare Berichterstattung über das Verfahren in der Presse ist nicht bekannt. 1998 berichtet der Autor nach Quellenstudium der Gerichtsakten erstmals im Wochenblatt „Die Eule“ in Einbeck über den Prozess.

Spuren und Gedenken

Am 9. November 1969 wurde auf einer Grünfläche gegenüber dem Grundstück Bismarckstraße 17 (dem Grundstück, auf dem bis 1938 die Synagoge stand) das Mahnmal für die Schoah eingeweiht. Es entstand nach einem Entwurf des Bildhauers Kurt Lehmann (1905-2000). Zwischen zwei Betonstelen ist auf einer Bronzetafel ein siebenarmiger Leuchter zu sehen, darunter das Wort „Gedenket“. Eine Bodenplatte vor dem Mahnmal ergänzt es mit einer hebräischen Inschrift mit deutscher Übersetzung, die sich auf die gleiche über dem Hauptportal der zerstörten Synagoge bezieht: „Sind wir nicht alle Kinder eines Vaters, haben wir nicht auch einen Gott.“ Die offizielle Gedenkveranstaltung der Stadt Einbeck mit Kranzniederlegung zur Erinnerung an die Reichspogromnacht findet jedes Jahr am 9. November an diesem Mahnmal statt.

Die damalige Eigentümergemeinschaft des einstigen Synagogen-Grundstücks, das nach 1945 mit Wohngebäuden gebaut wurde, lehnte 1988 ab, an ihrem Grundstück eine Erinnerungstafel anzubringen. Letztes Originalzeugnis aus der Synagogenzeit ist ein Zaunpfosten aus Beton.

Während die Synagoge in der Bismarckstraße in Flammen aufging, blieb im November 1938 ein Gebäude unbehelligt, das einst die Alte Synagoge war. Dieser Fachwerkbau in Hinterhoflage an der Baustraße war 1906 von der jüdischen Gemeinde verkauft und später zu einem Wohnhaus umgebaut worden, weshalb es im kollektiven Gedächtnis 1938 nicht mehr als einstiger jüdischer Gottesdienstraum präsent war – und verschont blieb. Die Alte Synagoge wurde erst in den 1990-er Jahren wiederentdeckt. Ein 2004 gegründeter Förderverein konnte das jetzt unter Denkmalschutz stehende Fachwerkgebäude erwerben und saniert es denkmalgerecht. Die Alte Synagoge soll ein Ort des Dialogs und der Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen sein.

In den Jahren 2016 und 2017 hat eine Arbeitsgruppe des Fördervereins Alte Synagoge die bürgerschaftliche Initiative ergriffen und auch in Einbeck durch den Kölner Künstler Gunter Demnig „Stolpersteine“ verlegen lassen; zuletzt wurde 2018 eine „Stolperschwelle“ in Erinnerung an mehr als 1000 Zwangsarbeiter verlegt. Insgesamt 29 Stolpersteine sind bislang in Einbeck vor den letzten selbst gewählten Wohnorten der Opfer des Nationalsozialismus in den Gehweg eingelassen, vor allem ehemaligen jüdischen Mitbürgern. Die Aktion wird fortgesetzt, Ziel sind insgesamt circa 70 Stolpersteine in Einbeck.

Stolpersteine für Walter und Artur Goldschmidt, 2017. Foto: Frank Bertram

Weiterführende Literatur und Links

Verloren aber nicht vergessen – Jüdisches Leben in Einbeck, Oldenburg 1998.

Christine Wittrock, Idylle und Abgründe. Die Geschichte der Stadt Einbeck mit dem Blick von unten 1900-1950, Bonn 2012.

www.alte-synagoge-einbeck.de

www.stolpersteine-einbeck.de

Autor: Frank Bertram, freier Journalist

1938 in Niedersachsen

Zeven

Vorgeschichte

Das Leben von Juden rund um Zeven ist seit ca. 1820 in den Dokumenten belegt – allerdings wird vermutet, dass der erste Jude Meyer Samson bereits um 1814 zuzog, noch während der französischen Besatzungszeit, in der es kein Sonderrecht für Juden gab. Ab 1836 gibt es zwölf Personen jüdischen Glaubens, die sich in Zeven und Umgebung ansiedelten. Im Königreich Hannover wurden zwischen 1842 und 1847 verschiedene Gesetze erlassen, die das Schutzbriefwesen für Juden aufhoben. Von diesem Zeitpunkt an konnten Juden ihren Wohnort frei wählen. Das bedeutete auch für Zeven, dass jüdische EinwohnerInnen neu hinzuzogen. Im Zuge der Revolution 1848 erfolgte im Königreich Hannover die gesetzliche Gleichstellung der Juden.

Eine Synagogengemeinde in Zeven ist seit 1844/45 dokumentiert, ihr gehörten insgesamt 22 Personen an. Die jüdische Gemeinde in Zeven war damit die kleinste Gemeinde im Bezirk Stade. Die Zahl der jüdischen Einwohner Zevens schwankte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer wieder durch Zu- und Abwanderungen. Aufgrund der freien Wohnortwahl wanderten einige jüdische Familien in größere Städte ab. Dort gab es bessere Verdienstmöglichkeiten und größere jüdische Gemeinden. Der gesamte Bezirk Stade war von diesem Abwanderungsprozess betroffen. Vermutlich wanderten einige Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Zeven auch nach Amerika aus.

Das Bestehen der jüdischen Gemeinde in Zeven war nicht gesichert. Denn um einen Gottesdienst abhalten zu können, musste nach den jüdischen Religionsvorschriften immer ein Quorum von mindestens 10 männlichen Gemeindemitgliedern anwesend sein. Auch einen Religionsunterricht für Kinder konnte sich die jüdische Gemeinde in Zeven nicht leisten, daher entschied der Landesrabbiner Dr. Heilbut aus Stade, die Zevener Gemeinde mit der Bremervörder Synagogengemeinde zusammenzulegen.

Um 1867 wurde ein Friedhof in der „Kleinen Ahe“ angelegt. Der Friedhof war ein Geschenk des Königs Georg von Hannover.

Anfang des 20. Jahrhunderts kamen mit dem Aufschwung der Landwirtschaft mehrere jüdische Familien nach Zeven.

Prägend für die Gemeinde in Zeven war vor allem der Viehhändler Siegfried Neugarten. Er kam 1911 nach Zeven und heiratete Johanna Samson, die Tochter von Adolf Samsons. Er baute sein Viehhandelsgeschäft zusammen mit seinem Bruder Erich Neugarten in den 20er Jahren aus und wurde auch zu einer bedeutenden Person im öffentlichen Leben Zevens.

1933 bestand die Zevener jüdische Gemeinde im Wesentlichen aus fünf Familien: Familie Blumert, Neugarten, Rosenthal, Samson und Wolf. Die Stadt Zeven hatte vor dem Krieg 3233 Einwohner, 32 von Ihnen waren Juden. Als der Synagogenraum in Bremervörde geschlossen wurde, richtete die Zevener Gemeinde 1937 einen Synagogenraum im Haus von Erich Neugarten ein. Es ist vermutlich die letzte Einrichtung einer Synagoge vor dem Krieg in Deutschland.

 

Der erste jüdische Friedhof in der „Kleinen Ahe“ in Zeven Foto: Ronald Sperling

Die Ereignisse im November 1938

In Zeven wurde der SA-Führer Wilhelm Schnase in der Nacht zu seinem Nachbarn ans Telefon gerufen. Am Apparat war die SA Standarte in Verden, die ihn beauftragte, Maßnahmen in Zeven durchzuführen. Er alarmierte den SA-Sturm in Zeven um alle ansässigen Juden in Schutzhaft zu nehmen. Als Sammelplatz wurde die Gastwirtschaft Lohmann bestimmt. Hier trafen sich am frühen Morgen 40 – 50 SA-Männer aus dem Zevener SA-Sturm. Einige von ihnen zogen in kleinen Trupps los, um die Juden aus Zeven zu verhaften. Die Familien Samson, Rosenthal, Blumert und Melita Neugarten mit Kind, sowie Ernst Ilias, ein landwirtschaftlicher Gehilfe aus Hoya, der zu dieser Zeit im Haus von Melita Neugarten wohnte und Kurt Deichmann, ebenfalls landwirtschaftlicher Gehilfe aus Bremervörde, der bei seiner Tante Martha Helmke wohnte, wurden verhaftet. Vom Sammelplatz aus brachte die SA sie in das Haus von Erich Neugarten.

Die SA-Männer setzten die Verhafteten im Wohnzimmer der Familie Neugarten fest. Man verhörte die Familien über ihre Vermögensverhältnisse und stahl alles Geld im Hause Neugarten. Auch wurde der Sparkassendirektor Viehbrock geholt um das Sparbuch von Henny Neugarten mit 12.000 Reichsmark aufzulösen. Die SA nahm außerdem das gesamte Bargeld der Familie Neugarten in Höhe von 7012,35 Reichsmark mit und auch den neu angeschafften Radioapparat. Dieser soll später im SA-Lokal der Gaststätte Norden gestanden haben. Gegen Mittag kam der Standartenführer Cordes ins Haus und brachte einen weiteren Verhafteten mit. Er hatte zusammen mit SA-Männern aus dem Sturm Rotenburg Gustav Kleinschmidt in Tarmstedt verhaftet.

Cordes war der ranghöchste SA-Führer und angeblich gab er Schnasse den Befehl zur Zerstörung des Synagogenraums.

Die anwesenden SA-Männer trugen die Einrichtung des Synagogenraumes aus dem Haus. Sie stahlen die besonders wertvollen Silbergegenstände und luden das Mobiliar auf einen LKW. Dieser transportierte die Gegenstände zum Marktplatz, wo sie aufgestapelt wurden.

Auf dem Marktplatz fand sich eine große Menschenmenge ein, es kamen auch Schulkinder mit ihrem Lehrer dazu. Ein SA-Mann brachte einen Kanister und übergoss das aufgestapelte Mobiliar mit Benzin und steckte es an. Zeitzeugen sagten später aus, dass ein Lehrer die Kinder aufgefordert hätte ein Lied zu singen während die Einrichtung verbrannte. Vorher hatte der Lehrer die Schuljungen animiert mit der Thora Fußball zu spielen.

Am Nachmittag kam die Polizei mit einem Lastwagen zum Haus von Erich Neugarten. Alle Männer der Familien wurden aufgefordert sich in einer Reihe aufzustellen und das Haus zu verlassen. Die Frauen und Kinder blieben zurück.

Erich Neugarten, Bernhard Blumert, Hermann Samson, Albert Rosenthal, Kurt Deichmann und Gustav Kleinschmidt aus Tarmstedt wurden mit einem LKW mit judenfeindlichen und antisemitischen Schildern durch die Stadt gefahren. Der LKW bremste immer wieder, damit die auf der Ladefläche befindlichen Männer durcheinanderfielen. Zwei SA-Männer standen beim Abtransport auf dem Lastwagen und riefen „Judas verrecke“.

 

Synagogenraum im Haus von Erich Neugarten. Staatsarchiv Bremen

Folgen

Die Verhafteten Juden aus Zeven wurden zunächst nach Gestemünde ins Gerichtsgefängnis gebracht und dort in einen Keller gesperrt. Die Gestapo vernahm sie zwischen 20 und 21 Uhr. Dann brachte man sie nach Wesermünde / Lehe ins Gefängnis. Am folgenden Tag transportierte die Gestapo sie mit dem Zug nach Bremen. Am Bahnhof waren viele Juden aus Bremen und der Umgebung versammelt. Sie wurden namentlich aufgerufen und bestiegen einen Sonderzug, der sie in das Konzentrationslager Sachsenhausen fuhr. Hier angekommen mussten sie 20 Stunden unter freiem Himmel und ohne jegliche Verpflegung warten bevor am nächsten Tag die Aufnahmeprozedur begann. Es gibt einige Berichte über dieses lange Apell stehen, es ging mit Gewaltausschreitungen einher. Einzelne Häftlinge wurden von den SS-Wachmannschaften beschimpft, geschlagen und misshandelt. Einige blieben zusammengebrochen liegen. Mitten in der Nacht mussten die Häftlinge im Chor brüllen: „Wir haben den Diplomaten vom Rath ermordet“. Nach der Aufnahme mussten sie Zwangsarbeit leisten und wurden immer wieder besonderen Schikanen ausgesetzt. Die Zevener Juden wurden vermutlich am 15. Dezember aus Sachsenhausen entlassen. Zuvor mussten sie die Erklärung unterschreiben, dass sie sich nun verstärkt um ihre Auswanderung kümmern würden, ansonsten, so drohte die SS, würde man sie nochmals ins KZ sperren.

Nach dem Pogrom verließen die meisten jüdischen Familien Zeven und gingen nach Bremen. Nur die Familie Samson blieb weiterhin in Zeven. Adolf Samson musste hier Zwangsarbeit leisten, zusammen mit dem aus Oldenburg stammenden Viehhändler Hermann Lazarus aus Oldenburg.

Viele Zevener Juden schafften es nicht mehr auszuwandern, die meisten wurden am 18. November 1941 von Bremen aus ins jüdische Ghetto nach Minsk deportiert und sind dort verstorben. Nur der Zevener Werner Blumert überlebte das Ghetto Minsk und mehrere Konzentrationslager.

Insgesamt lebten in Zeven zwischen 1933 und 1941 ständig oder auch nur zeitweise 48 Menschen, die von den Nationalsozialisten als Juden verfolgt wurden. Über die Hälfte von ihnen starb in deutschen Konzentrationslagern, die Mehrheit im jüdischen Ghetto in Minsk.

Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Zeven. Foto: Ronald Sperling

Biografie - Erich Neugarten

Erich Neugarten wurde 1901 in Mengede geboren. Er begann dort eine Viehhändlerlehre und zog danach zu seinem Bruder nach Zeven. Hier lernte er das Schlachterhandwerk und stieg in das Viehhandelsgeschäft seines Bruders ein. 1930 heiratete er Henriette (Henny) Pollack aus Rüthen und kaufte daraufhin das Haus in der Gartenstraße 336 (heute Nr. 16), das er fortan mit seiner Frau, seinen Kindern Susi-Renate (geb. 1931) und Joachim (geb. 1932) sowie mit seiner Schwiegermutter bewohnte. 1937 wurde im Haus der Neugartens der Betsaal der jüdischen Gemeinde eingerichtet.

Während der Novemberpogrome erlebte die Familie Neugarten Misshandlungen, Erniedrigungen und Hausdurchsuchungen. Der Betsaal wurde vollständig zerstört. Erich Neugarten wurde mit anderen jüdischen Männern aus Zeven ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Vier Wochen später kehrte er nach Zeven zurück, wo er jedoch nur wenige Tage blieb. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um möglichst bald auszuwandern. Zunächst ging er mit seiner Familie nach Bremen, wo er bis zu seiner Ausreise am 23. August 1939 auf dem jüdischen Friedhof Zwangsarbeit leisten musste.

Dank seines Schwagers Adolf Pollack, der die Überfahrt zahlte und für alle anfallenden Kosten vor den US Behörden bürgte, konnte die Familie noch gerade rechtzeitig in die USA auswandern.

Erich Neugarten mit anderen Viehhändlern vor dem Gasthof Bahrenburg in Zeven, Bild undatiert. Privatbesitz Familie Neugarten

Biografie - Wilhelm Schnase

Wilhelm Schnase wurde am 15. August1880 geboren. Er war Arbeiter in der Ziegelbrennerei in Brauel und wohnte auch in dem Ort. 1932 trat er als überzeugter Nationalsozialist in die NSDAP ein, später wurde er SA-Sturmführer des Sturms in Zeven. Er war der verantwortliche Leiter des Pogroms gegen die Juden in Zeven. Unter seinem Kommando wurde die Aktion durchgeführt. Er ließ die Juden verhaften und gab den Befehl das Synagogenmobiliar auf dem Marktplatz zu verbrennen.

Nach dem Krieg wurde Wilhem Schnase wegen der Leitung des Pogroms in Zeven durch das Oberlandesgericht in Celle am 10. März1948 verurteilt. Er bekam drei Monate Gefängnis wegen Freiheitsberaubung und gemeinschaftlicher Sachbeschädigung in Tateinheit mit Nötigung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Seine Strafe verbüßte er im Strafgefängnis Sandbostel.

In seiner Entnazifizierungsakte wurde er in die Kategorie III als Minderbelasteter des NS-Regimes eingestuft.

Justizielle Ahndung

Von den 40 bis 50 Personen, die sich an dem Pogrom in Zeven beteiligt hatten, wurden nach dem Krieg nur wenige angeklagt. Es gab zwei Verfahren vor deutschen Gerichten. In dem ersten Verfahren wurde der Leiter des Pogroms Wilhelm Schnase zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Das zweite Verfahren kam aufgrund von Anzeigen Zevener Juden zustande. Darunter auch Werner Blumert, er konnte sich sehr genau an seine Verhaftung errinnern.
In dem Prozess wurden sieben SA-Männer, die an der Aktion beteiligt waren angeklagt. Bis auf einen bestritten alle ihre konkreten Tatbeteiligungen. Die Befragungen durch die Polizei in Zeven wurden sehr nachlässig geführt. Der Prozess endete mit der Verurteilung von drei SA-Männern zu drei bzw. zwei Monaten Haft, einer Geldstrafe und vier Freisprüchen.

Der SA-Sturm in der Bäckerstraße in Zeven Bild, undatiert. Samtgemeindearchiv Zeven

Autor: Ronald Sperling, Gedenkstätte Lager Sandbostel

1938 in Niedersachsen

Sehnde

Vorgeschichte

Die Stadt und selbstständige Gemeinde Sehnde bei Hannover wurde erstmals im Jahre 1147 urkundlich erwähnt. Die 15 Ortsteile, die heute die Gemeinde Sehnde bilden, teilten sich ursprünglich unter drei unterschiedlichen Grundherrschaften auf. Bis zur niedersächsischen Gebietsreform 1974 gehörten die Ortsteile Bolzum, Wehmingen und Wirringen zum Landkreis Hildesheim, Müllingen und Wassel zum Landkreis Hannover und die restlichen zehn Ortsteile (Bilm, Dolgen, Evern, Gretenberg, Haimar, Höver, Ilten, Klein Lobke und Sehnde) zum Landkreis Burgdorf.

Die erste Erwähnung jüdischer Familien in Sehnde lässt sich in das Jahr 1727 dokumentarisch zurückverfolgen. Hier lebten im Ortsteil Bolzum der Schlachter Salomon Nathan und sein 1757 zugezogener Schwiegersohn Meyer Levin mit ihren Familien. Bolzum gehörte damals noch dem Fürstbistum Hildesheim an, wodurch sie unter dem Status sogenannter Schutzjuden ein zweifaches Schutzgeld zu entrichten hatten. Einerseits gewährte der zuständige Bischof den Juden gegen ein Entgelt Schutz, andererseits war aber auch an die ortsansässigen Gerichtsherren, die eigenmächtig Juden aufnahmen, ein „Beiwohnergeld“ zu entrichten. Letzteres wurde auch weiterhin erhoben, als in den 1770er Jahren das Rittergut Bolzum in den Besitz des Hildesheimer Bischofs übergegangen war.

Aufgrund der günstigen Lage für den Handel innerhalb der lüneburgischen Amtsvogtei ließen sich weitere Familien dort nieder. 1846 gehörten der jüdischen Gemeinde acht Familien an. Hauptsächlich waren sie als Schlachter, Vieh-, Leder-, Korn- und Manufakturwarenhändler tätig. Seit 1825 unterhielt die Gemeinde einen eigenen jüdischen Friedhof und 1830 wurde sie auch offiziell als Synagogengemeinde im Amt Ruthe anerkannt. 1838 wurde in Bolzum eine Synagoge in der heutigen Marktstraße 25 errichtet.

Im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung und des Ausbaus des Eisenbahnnetzes verschlechterten sich in der Folgezeit die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die gewerbetreibenden Juden, da Bolzum im Gegensatz zu Sehnde keinen eigenen Bahnanschluss erhielt. Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass sich die jüdische Gemeinde in Bolzum durch den Wegzug jüdischer Familien stetig verkleinerte, bis sie schließlich zur Jahrhundertwende nicht mehr existierte. 1902 wurde das Synagogengrundstück verkauft, der neue Besitzer ließ das Gebetshaus abreißen und die jüdische Gemeinde verlegte ihren Schwerpunkt in den Ortsteil Sehnde.

Dort hatte sich bereits ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die bäuerliche Struktur durch die fortschreitende Industrialisierung gewandelt. Im Zuge dieser Entwicklungen wandelte sich Sehnde von einer bäuerlich geprägten Dorfgemeinschaft zu einer Industriegemeinde mit einer klassenbewussten Arbeiterschaft, die sich auch in den Wahlergebnissen widerspiegelte. So entfielen bei den Reichstagwahlen im November 1932 im Sehnder Wahlbezirk jeweils ein Drittel der Stimmen auf die SPD (490 Stimmen) und KPD (359 Stimmen). Allerdings konnte auch die NSDAP (455 Stimmen) fast ein Drittel aller Stimmen für sich verbuchen.

Die alteingesessenen jüdischen Familien waren in der Sehnder Gemeinde beliebt und galten als patriotisch eingestellt, vorbildlich integriert und beteiligten sich rege am gesellschaftlichen Leben. So engagierten sich Paula und ihr 1932 verstorbener Ehemann Julius Königheim unter anderem in der freiwilligen Feuerwehr, dem Schützenverein oder dem Kyffhäuser-Soldatenbund. Die Geschwister Paula Königheim und Salli Schragenheim betrieben einen Textilhandel in der Nordstraße, in dem auch deren Neffen Julius und Hans Leo Brumsack aus Beverstedt arbeiteten.

Die ab 1933 einsetzenden Boykottmaßnahmen trafen auch die jüdischen Geschäftsleute in Sehnde schwer und die Umsatzeinbußen zwangen sie schließlich zur Geschäftsaufgabe. Der Geschäftsmann Seligmann David musste 1936 in Sehnde als erster sein Modegeschäft aufgeben und verkaufte es an Otto Timme, bevor er nach Hannover zog, wo er kurze Zeit später verstarb.

Der Geschäftsinhaber Siegfried Rose bewohnte mit seiner Frau Thea und ihren beiden Kindern Gerda und Hans-Georg sowie Großmutter Klara in der Mittelstraße ein dreistöckiges Haus, in dessen Erdgeschoss sich die Geschäftsräume des Manufakturwarengeschäftes und die später eingerichtete Bettfedernreinigung befanden. Mit der Auflösung der jüdischen Gemeinde Bolzum wurde im zweiten Stock des Hauses ein jüdischer Gebetsraum eingerichtet.

Durch die Boykottmaßnahmen sah sich auch die Familie Rose in den folgenden Jahren zur Geschäftsaufgabe gezwungen und lebte fortan von den Mieteinnahmen des Drogisten Karl Drüner, einem überzeugten Nationalsozialisten, der 1936 mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in das Haus der Roses einzog und durch seine weiteren Forderungen bezüglich des Wohnraumes immer wieder mit seinem Vermieter Siegfried Rose in Streit geriet. Die antisemitischen Ausfälle der Drüners, wie auch der beiden neun und zehn Jahre alten Söhne, die bereits durch NS-Jugendorganisationen indoktriniert waren, belasteten das Verhältnis zusätzlich.

Die Ereignisse im November 1938

Im Geschäftshaus der Familie Rose in der Mittelstraße zerschlugen die Söhne der Familie Drüner in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Scheiben der Wohnung. Gestapobeamte aus Celle führten um den 10. November herum eine Hausdurchsuchung bei den Roses durch und stahlen Schmuck und Wertsachen. Außerdem wurden Telefon und Radio der Familie eingezogen und der Familie auferlegt, ihr eigenes Haus künftig nur noch durch den Hintereingang zu betreten. Die 81jährige Klara Rose wurde auf der Straße von den Kindern des Mieters Karl Drüner mit Dreck und Steinen beworfen, ein Augenzeuge berichtet später, wie der Vater seine beiden Kinder dazu anstiftete.

Auch von den Geschäftsräumen der Geschwister Schragenheim/Königheim wurden die Scheiben eingeworfen. Der Neffe der Familie Schragenheim Hans Leo Brumsack wurde von der Gestapo verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Sein Cousin Julius Brumsack, der nur wenige Tage zuvor eine Stelle in Hannover angetreten hatte und sich in jener Nacht dort aufhielt, entging seiner Verhaftung und konnte sich im April 1939 nach England retten.

Folgen

Nur wenige Tage nach der Pogromnacht begann die Umsetzung einer weiteren schikanösen Maßnahme gegenüber den Sehnder Juden in Bezug auf ihre Einkäufe für den täglichen Bedarf. Auf Anweisung des zuständigen Burgdorfer Landrates Rudolf von Löhneysen wurde den Sehnder Juden durch den lokalen NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bauunternehmer Emil Bannier und den Bürgermeister und Landwirt Heinrich Kuhrs genauestens vorgeschrieben, zu welchen Zeiten sie in welchen Geschäften ihre Einkäufe zu erledigen hatten, die jeweils morgens bis 9:30 Uhr abgeschlossen sein mussten. Auch wenn einzelne Geschäftsleute die jüdischen Familien unterstützten, handelte es sich dabei nicht immer um einen rein selbstlosen Akt, denn manche ließen sich diese Hilfe auch in Naturalien auszahlen.

Klara Rose erholte sich von dem Schock der Übergriffe während der Pogromnacht nicht mehr und verstarb am 9. Januar 1939. Kurz nach ihrem Tod hinterließen unbekannte Täter eine Schmiererei an der Hausfassade der Familie Rose: „Nun ist Oma Rose tot und Sehnde ist einen Juden los“. Auf entwürdigende Weise musste die Familie Rose ihre Großmutter mit einem Handkarren zu dem etwa einen Kilometer entfernten jüdischen Friedhof im benachbarten Ortsteil Bolzum transportieren, wo sie als letzte Jüdin beigesetzt wurde. Auch die finanzielle Situation verschlechterte sich zunehmend durch ein Gesetz, das von den Juden „Sühneleistungen“ einforderte. In dieser Situation stellte der Geschäftsmann Otto Timme der Familie Rose die benötigten Finanzmittel als Darlehen zur Verfügung. Als Sicherheitsleistung wurde auf die Immobilie der Roses eine Hypothek von knapp 12.000 Reichsmark eingetragen, wodurch die drohende Enteignung abgewendet werden konnte und der Verbleib der Familie Rose in ihrem Haus gesichert war. Als weitere Maßnahme wurden kurze Zeit später die Bankkonten der jüdischen Inhaber gesperrt. Juden konnten sich ihr Geld danach nur noch nach vorheriger Genehmigung durch die zuständigen Finanzämter auszahlen lassen. Von den gesperrten Konten wurden den Juden nur geringe Beträge zugesprochen, die bis zu Beginn der Deportationen weiter verringert wurden.

Die Familie Rose wurde am 2. Dezember 1941 von Gestapo-Beamten aus ihrem Haus in Sehnde geleitet und mit der Bahn nach Riga in das Lager Jungfernhof deportiert. Gerda Rose überlebte als einzige ihrer Familie die Shoah, kehrte nach dem Krieg nach Sehnde zurück und emigrierte schließlich in die USA.

Hans Leo Brumsack wurde im Januar 1939 aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen entlassen, entschied sich allerdings dagegen, das Land zu verlassen, sondern blieb bei seiner krebskranken Mutter in Beverstedt. Seine Mutter Elise erlag im September 1941 ihrem Krebsleiden. Wenig später, am 17. November 1941 begannen die Deportationen der Beverstedter Juden nach Minsk in Weißrussland, von wo aus sie in die umliegenden Vernichtungslager verteilt und schließlich ermordet wurden. Unter ihnen war Hans Leo Brumsack.

Die Geschwister Salli Schragenheim und Paula Königheim lebten nach den Ereignissen der Pogromnacht völlig verängstigt in den oberen Stockwerken Ihres Hauses. Der neue Pächter ihres „arisierten“ Geschäftshauses, der Kaufmann Wilhelm Weßler, versuchte die Geschwister aus dem Haus zu bekommen, was ihm jedoch zunächst nicht gelang. Das Geschwisterpaar wurde am 18. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Paula Königheim und Salli Schragenheim wurden kurz darauf in Treblinka ermordet.

Die jüdische Kriegerwitwe Else Osterwald befand sich während der Pogromnacht als Patientin in den Iltener Wahrendorffschen Kliniken wegen eines „Nerven- und Gemütsleidens“ (Depressionen) in Behandlung. Nach ihrer Entlassung aus dem Klinikum lebte sie bei Privatleuten. Trotz der Bemühungen ihres Sohnes Walter, der nach den Nürnberger Gesetzen als „Halbjude“ galt, erging im Juli 1942 an sie die Aufforderung, sich bei der Deportationsanmeldestelle in Hannover-Ahlem zu melden. Am 18. Juli 1942 erfolgte auch ihre Deportation nach Theresienstadt, wo sie am 6. März 1944 starb.

Sehnde wurde am 18. Juli 1942 „judenfrei“ gemeldet.

Biografie - Gerda Rose

Gerda Rose, die Tochter von Thea und Siegfried Rose, erblickte am 24. Mai 1920 das Licht der Welt. Ihr Vater Siegfried Rose führte das von seinem Vater Georg Rose gegründete Manufakturwarengeschäft in zweiter Generation in der Mittelstraße 10, der Hauptgeschäftsstraße Sehndes. Georg Rose ließ das dreistöckige Haus nach dem Kauf des Grundstücks im Jahre 1898 errichten. Im Erdgeschoss befanden sich die Geschäftsräume, die erste und zweite Etage boten der Familie einen großzügigen Wohnraum. Zudem befand sich hier nach der Auflösung der jüdischen Gemeinde in Bolzum und dem Abriss der Synagoge für die jüdische Gemeinde ein Gebetsraum. In dem Haus verlebte Gerda Rose gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Großmutter Klara, deren Ehemann Georg 1916 verstorben war, die ersten unbeschwerten Jahre ihrer Kindheit. 1927 kam ihr Bruder Hans-Georg auf die Welt. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten änderte sich die Lage für die Familie Rose. Zusätzlich zu den wirtschaftlichen Boykottmaßnahmen erfolgte die gesellschaftliche Ausgrenzung. 1933 wurde Gerda Rose aus dem Turnverein Sehnde wie auch von sämtlichen weiteren Freizeit- und Festveranstaltungen ausgeschlossen. Das 1938 fertiggestellte Sehnder Waldbad verbot Juden den Zutritt.

Als Jüdin vom Abitur ausgeschlossen, war Gerda Rose gezwungen, ihre Studienpläne aufzugeben und nahm ab 1935 mehrere Beschäftigungen als Haushaltshilfe an, bis sie schließlich 1938 in der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem aufgenommen wurde, wo sie nicht nur am Unterricht teilnahm, sondern außerdem in der Verwaltung aushalf. Ihr Bruder Hans-Georg, der an der Volksschule Sehnde antisemitischen Anfeindungen durch NS-treue Lehrer ausgesetzt gewesen war, besuchte diese im westlichen Stadtteil Hannovers gelegene jüdische Bildungseinrichtung mit dem angeschlossenen Internat bereits seit 1937.

Da sich durch die Maßnahmen des NS-Regimes die finanzielle Situation der Familie Rose zunehmend verschlechterte, musste Gerda Rose Ende 1938 die Gartenbauschule Ahlem bereits wieder verlassen und wohnte zunächst bei ihren Eltern, fand aber kurze Zeit später Wohnung und Arbeit in Hannover. Ihr Bruder Hans-Georg besuchte sie noch weiterhin, bis auch er nach der endgültigen Schließung der Einrichtung in Ahlem zum 1. November 1941 zu seinen Eltern nach Sehnde zurückkehrte.

Ende November 1941 wurde der Familie durch zwei Beamte der Gestapo beschieden, dass sie in den kommenden Tagen abgeholt und in den Osten „umgesiedelt“ würden. Man schrieb ihnen vor, was sie an Geld, Bekleidung und Verpflegung mitnehmen dürften, das Haus der Familie wurde nach erfolgter Deportation vom Staat beschlagnahmt und der Verwaltung des Finanzamtes Burgdorf übergeben. Die restlichen Habseligkeiten wurden wenig später in der Gaststätte Ehlers öffentlich versteigert.

Am 2. Dezember 1941 wurde die Familie Rose mit einem Bahntransport in das Lager Jungfernhof nahe der lettischen Hauptstadt Riga deportiert. Dort wurde Gerda Rose mit ihrer Familie zu schwerster Zwangsarbeit herangezogen. Thea Rose und ihr Sohn Hans-Georg wurden im Rahmen der „Aktion Dünamünde“ im Frühjahr 1942 erschossen, Siegfried Rose starb bereits zu einem früheren Zeitpunkt, als offizielle Todesursache wurde Hungertyphus vermerkt.

Noch im Lager Jungfernhof ging Gerda Rose eine „Ghetto-Ehe“ mit dem Wiener Juden Oskar Schäffer ein. Im Juli 1944, nach der Überstellung des Ehepaars in das KZ Kaiserhof, fiel Oskar Schäffer einer Selektion zum Opfer.

Mit dem weiteren Vorrücken der Roten Armee wurden die Häftlinge aus dem KZ Kaiserwald im September 1944 in das Lager Stutthof verlegt. Von dort wurde Gerda Schäffer in ein Arbeitskommando eingeteilt und in das umliegende Außenlager Sophienwalde verlegt, wo sie im Straßenbau eingesetzt wurde. Mitte Februar 1945 wurden die Häftlinge auf einen Todesmarsch in Richtung Westen getrieben, in dessen Verlauf viele Häftlinge vor Entkräftung umkamen oder von den Begleitmannschaften erschossen wurden. Am 10. März erreichte die Häftlingskolonne den Ort Chinov, wo man sie in eine Scheune sperrte, aus der sie dann wenig später von Rotarmisten befreit wurden. Die noch vor Ort ergriffenen SS-Wachmannschaften wurden auf der Stelle erschossen, der verantwortliche SS-Offizier Schulz wurde später zum Tode verurteilt und im April 1946 hingerichtet.

Gerda Schäffer überlebte den Todesmarsch. Nach ihrer Befreiung kehrte sie nach Sehnde zurück, um den Nachlass ihrer Familie zu ordnen und das Haus der Familie in der Mittelstraße 10 wieder in Besitz zu nehmen. Das Haus wurde noch immer von der Familie Drüner bewohnt, die vor der Deportation der Familie Rose deren Mieter gewesen war. Gerda Schäffer übersiedelte 1947 nach New York und heiratete dort den aus Karlsruhe stammenden jüdischen Geschäftsmann Henry Wasserman, der bereits 1937 in die USA emigriert war.

Um den Nachlass zu regeln, ließ sie sich zunächst von Anwälten vertreten, dem ersten entzog sie das Mandat jedoch wieder, nachdem dieser eher versucht schien, die Angelegenheit hinauszuzögern. Nachdem Gerda Wassermann 1949 vom zuständigen Amtsgericht Lehrte den für die Restitution benötigten Erbschein ausgestellt bekam, konnte sie als Eigentümerin des Hauses im Grundbuch eingetragen werden. 1953 erwarb schließlich die Familie Einnolf die Immobilie, die zu diesem Zeitpunkt bereits nach dem Auszug der Drüners als Mieter in dem Haus lebte. Um die restlichen Ansprüche geltend zu machen, wie die durch die Gestapo entwendeten Familienschmuck, musste Gerda Wassermann, so wie noch viele andere Hinterbliebene von Opfern der Shoah, einen jahrzehntelangen Rechtsstreit führen, denn noch immer waren die Verwaltungsstellen mit ehemaligen Funktionsträgern des NS-Regimes besetzt, die durch eine Verschleppungstaktik die Verfahren zu hintertreiben versuchten.

Aus Gerda Schäffers Ehe mit Henry Wassermann ging 1950 ein Sohn hervor, der 1985 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam und zwei Kinder hinterließ. 1987 starb Henry Wasserman nach 48 Jahren Ehe. Gerda Wassermans Enkel Peter ist mittlerweile selbst Vater einer Tochter, Noa Rose, mit der der Familienname weiterlebt.

2007 und erneut 2011 besuchte Gerda Wasserman ihre Heimatstadt Sehnde und bat dort um die Verlegung von Stolpersteinen, um an ihre Familie zu erinnern.

Wenige Wochen vor ihrem 100. Geburtstag verstarb Gerda Wassermann am 5. April 2020 in ihrem Wohnort New York.

Letzte Aufnahme von Gerda Rose vor der Deportation, etwa 1940. Privatarchiv Hans-Hermann Seiffert

Biografie - Julius Brumsack

Julius Brumsack wurde am 19. Januar 1915 in Beverstedt geboren. Sein Vater Markus meldete sich nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges als „Kriegsfreiwilliger“ und fiel nur ein halbes Jahr nach der Geburt seines Sohnes. Posthum wurde seiner Witwe Emma zusammen mit der Nachricht vom Tode ihres Ehemannes das Eiserne Kreuz erster Klasse überreicht. Im Alter von 14 Jahren zog er 1929 gemeinsam mit seinem Cousin Hans Leo Brumsack nach Sehnde. Hier betrieben die Geschwister der Mutter, Salli Schragenheim und Paula Königheim, eine Textil- und Manufakturwarenhandlung, die bereits seit 1858 vom Sehnder Familienzweig betrieben wurde und eines der größten Geschäfte am Ort war. Aufgrund der Kinderlosigkeit beider Geschwister waren Julius und Hans Leo als Erben vorgesehen und sollten das Geschäft später einmal übernehmen. Ein halbes Jahr lang besuchte Julius eine kaufmännische Gewerbeschule in Hannover. Die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und deren aggressiver Antisemitismus hielt er damals wie viele seiner Zeitgenossen nur für ein vorübergehendes Phänomen. 1936 konfiszierte die Gestapo jedoch nach seiner Rückkehr aus einem Urlaub in Jugoslawien seine Kamera und beschuldigte ihn der Spionage. Zudem warnten ihn einige Postbeamte, die er durch seine Leidenschaft fürs Briefmarkensammeln kennengelernt hatte, dass seine Post kontrolliert werde.

Im Zuge der 1933 einsetzenden staatlichen Boykottmaßnahmen gingen auch die Umsätze des Hauses Schragenheim rapide zurück. Um potentielle Kunden einzuschüchtern und abzuschrecken, postierte die SA einige ihrer Männer vor dem Textilgeschäft. Die Maßnahmen zeigten schließlich Wirkung und veranlassten die Geschwister Schragenheim/Königheim zur Schließung des Geschäftes 1938 kurz vor der Pogromnacht.

Die Nacht der Novemberpogrome sollte Julius Brumsack in Hannover erleben, kurz zuvor erhielt er einen Arbeiter-Ausweis und meldete ordnungsgemäß sein neues Zimmer in Hannover bei den zuständigen Behörden an. Für die Firma Christiansen arbeitete er hier mittlerweile im Straßenbau. Dieser Umstand bewahrte ihn davor, wie sein in Sehnde verbliebener Cousin Hans Leo von der Gestapo verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verschleppt zu werden. Nach dessen Entlassung im Januar 1939 war Julius nach dem Wiedersehen derart geschockt über dessen psychischen und physischen Zustand, dass er entschloss, Deutschland zu verlassen. Erfolglos bemühte er sich um Aufnahme in der Schweiz und Neuseeland, bis schließlich Ende April Februar 1939 durch das „German Jewish Aid Committee“ seine Ausreise nach England ermöglicht wurde und er im folgenden April Deutschland verließ. Im August 1939 gelang es ihm, die Flucht seiner Cousine Annelise und seiner damaligen Freundin Erna nach England zu organisieren.

Nur widerwillig kam er 1939 nach Kriegsausbruch der nachdrücklichen Empfehlung des Jewish Aid Committee nach, sich freiwillig als Soldat für den Kriegseinsatz gegen Deutschland zu melden. Nach Ableistung seiner Grundausbildung heiratete er seine Freundin Hanna Riesenfeld und nur kurze Zeit später verlegte seine Einheit, das Auxiliary Military Pioneer Corps als Teil der British Expeditionary Force, nach Nordfrankreich, wo er in erste Kampfhandlungen verstrickt wurde. Nach der französischen Niederlage wurde seine Einheit über Dünkirchen evakuiert und nach ihrer Rückkehr in England unter anderem mit der Trümmerbeseitigung beauftragt, die durch deutsche Luftangriffe verursacht wurden. Während dieser Zeit wurde ihm außerdem auferlegt, sich für den Fall einer deutschen Kriegsgefangenschaft einen englischen Decknamen unter Beibehaltung seiner Initialen zuzulegen, worauf er sich Jeffrey Barclay nannte.

Etwa sechs Wochen nach der Invasion der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 verlegte seine Einheit erneut nach Frankreich, den Zeitpunkt der deutschen Kapitulation erlebte er 1945 in Brüssel. Nach Kriegsende arbeitete er als Dolmetscher in NS-Verfahren und lernte in Sassenberg seine spätere zweite Ehefrau Emmi kennen. Nach seiner Versetzung nach Hannover besuchte er zeitweise Sehnde und reichte Anfang 1948 einen Antrag auf Repatriierung ein, nachdem seine Versuche gescheitert waren, seinen Heimatort zu besuchen, um das Schicksal seiner Familie zu aufzuklären.

1948 verließ er nach seiner Scheidung von Hanna Riesenfeld England endgültig und heiratete im November Emmie Barg, mit der er zwei Kinder, Hans-Jürgen (* 1950) und Sabina (* 1955) bekommen sollte. Als Inhaber eines Textilgeschäftes baute er sich eine neue Existenz auf, doch seine Nachforschungen über seine Familie stießen auf Schweigen in der Bevölkerung und Unwillen bei den Behörden. Die sechs Mitglieder der Familie Brumsack wurden am 18. November 1941 deportiert und schließlich in Minsk ermordet. Für die Geschwister Schragenheim/Königheim in Sehnde konnte anhand der Dokumente belegt werden, dass Salli Schragenheim und Paula Königheim aufgrund des Evakuierungsbefehls Nr. 9 der lüneburgischen Bezirksregierung am 18. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden, doch sonst schwieg man sich auch hier in der Bevölkerung über das Thema aus.

Neben der Ungewissheit über das Schicksal seiner Familie musste Julius Brumsack noch viele Jahre prozessieren, um seine Ansprüche als Verfolgter der Nationalsozialisten durchzusetzen, erst 1970 konnten in langwierigen Verfahren einige seiner Ansprüche gerichtlich geklärt, doch nicht alles durchgesetzt werden. Seine Frau Emmie verstarb 1979 bei einem Autounfall im Alter von 57 Jahren und Julius Brumsack verlebte die letzten Jahre seines Lebens in einem Pflegeheim in Oldenburg, wo er am 22. Oktober 2011 friedlich verstarb. Seine Beisetzung erfolgte auf dem jüdischen Friedhof in Beverstedt nach jüdischen Bestattungsriten.

Julius Brumsack als britischer Soldat, 1942. Archiv Familie Brumsack).

Biografie - Emil Bannier, NSDAP-Ortsgruppenleiter

Emil Bannier wurde geboren am 8. Januar 1895 in Thune im Kreis Lüchow-Dannenberg. Von 1901 bis 1909 besuchte er die Volksschule in Varbitz, im Landkreis Uelzen. Nach der Schule absolvierte er eine Maurerlehre, die er 1913 erfolgreich abschloss. Von 1915 bis 1918 diente Emil Bannier als Soldat im Ersten Weltkrieg in Frankreich, wofür er unter anderem mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse und dem Kriegsverdienstkreuz zweiter Klasse ausgezeichnet wurde.

Nach dem Krieg legte Emil Bannier in Hildesheim 1921 seine Prüfung zum Maurermeister ab, nur wenige Tage darauf eine weitere zum Bauingenieur und wurde 1931 Teilhaber des Sehnder Bauunternehmens „Bannier und Eggebrecht“. Unter der Mitgliedsnummer 1000631 trat er im Jahre 1932 noch vor der „Machtergreifung“ der NSDAP bei. Diesen Schritt rechtfertigte er später mit seiner Sorge ob der hohen Arbeitslosigkeit und der Tatsache, dass sich in Sehnde eine Stempelstelle für Arbeitslose befand, wodurch der Ort ein sehr „unruhiges Pflaster“ geworden sei. So soll er darauf vertraut haben, dass die NSDAP die hohe Arbeitslosigkeit beheben werde.

Weitere NS-Organisationen, denen er im Laufe der Zeit beitrat, waren 1933 die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV), im selben Jahr die Deutsche Arbeitsfront (DAF), der Reichskolonialbund, der Reichsluftschutzbund wie auch der Volksbund für das Deutschtum im Ausland (VDA). Darüber hinaus war er außerdem sehr aktiv in der Kommunalverwaltung verflochten. So nahm er die Vertretung des Bürgermeisters ebenso wahr, wie die des zuständigen Landrates und arbeitete mit in der kommunalen Kreisverwaltung. Der Entnazifizierungs-Hauptausschuss gewann dadurch in seiner Beurteilung nicht nur das Bild eines politisch sehr aktiven, sondern außerdem eines sehr einflussreichen Mannes.

Seine Rolle im sogenannten „Sehnder Blutsonntag“ am 27. August 1933 konnte nach dem Krieg bei seiner Anhörung vor dem Entnazifizierungs-Hauptausschuss nicht eindeutig geklärt werden. Einige Angaben der Belastungszeugen beruhten nur auf Hörensagen während andere wiederum von den Entlastungszeugen mit ihren Aussagen teilweise sehr zurückhaltend waren, wodurch man diesen auch keinen großen Wert beimaß. Die große politische Aktivität Banniers jedoch, ließ durchaus die Ansicht entstehen, dass dieser Vorfall durch sein Auftreten mit hervorgerufen wurde, wie auch im Ort der Eindruck bestand, Bannier sei der „geistige Inspirent der gesamten Nazi-Bewegung“ gewesen. An jenem August 1933 wurden in Sehnde etwa 50 Personen, hauptsächlich KPD-Mitglieder, Sozialdemokraten aber auch Parteilose, von SA-Männern mit Gewalt aus ihren Häusern und Wohnungen in die so genannte Wartheschule, einem Kindergarten, verbracht. Die Polizei blieb dabei untätig und schritt nicht ein.

Dort wurden sie stundenlang festgehalten und unter schweren Misshandlungen nach vermuteten versteckten Waffenlagern der KPD befragt.

Bannier wies jede Verstrickung in den Vorfall von sich und begründete das unter anderem damit, dass er sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht in der Funktion des Ortsgruppenleiters befand, die er erst im September 1933 angetreten hatte. Außerdem habe er an diesem Tag in Peine bei einem Motoradrennen zugesehen, doch als sicher gilt, dass Emil Bannier schon als einfacher Parteigenosse einen großen Einfluss auf örtliche Stellen der Partei und Verwaltung auszuüben vermochte. Dadurch entstand der Verdacht, dass diese Aktion möglicherweise zumindest mit seinem Wissen und seiner Billigung stattfand.

Auch eine Verstrickung in die Vorgänge während der Pogromnacht, die zerstörten Schaufenster der jüdischen Geschäfte, konnten ihm nicht nachgewiesen werden und wurden in der mündlichen Verhandlung kaum behandelt. Bannier verteidigte sich vor dem Ausschuss sogar mit der Behauptung, dass jegliches Vorgehen gegen in Sehnde ansässige Juden auf seine Veranlassung hin unterblieben sei, da er die Aktionen gegen die jüdische Bevölkerung als „Kulturschande“ empfand.

Kurz vor Kriegsausbruch 1939 wurde er für kurze Zeit im Rang eines Gefreiten in das Landesschützen Bataillion 9/XI Bergen zur Wehrmacht einberufen. Wegen seiner Tätigkeit als Handwerksmeister wurde er jedoch kurz darauf wieder vom Dienst freigestellt und konnte seine Geschäfte als Bauunternehmer wieder aufnehmen.

Mit dem Einmarsch der Amerikaner in Sehnde zwischen dem 8.April und dem 10. April1945 endete für die ländliche Industriegemeinde der Zweite Weltkrieg. Emil Bannier wurde als NSDAP-Ortsgruppenleiter am 27. April von den Besatzungsmächten festgesetzt und in ein Internierungslager in Paderborn eingeliefert, aus dem er am 15. Januar1948 wieder entlassen wurde.

Schließlich musste sich der ehemalige NSDAP-Ortsgruppenleiter vor dem Entnazifizierungs-Hauptausschuss verantworten. Der ehemalige Sehnder Bürgermeister Heinrich Kuhrs trat hierbei als Entlastungszeuge Banniers auf und sagte aus, dass dieser unter anderem verhindert habe, dass eine Frau, die sich mit einem sowjetischen Kriegsgefangenen eingelassen hatte, die Haare abgeschnitten wurden, allerdings konnte er mit seinen nur sehr zögerlichen Antworten auf die Frage, ob er dem Beschuldigten Bannier Handlungen wie am Sehnder Blutsonntag zutraue, nicht überzeugen.

Seinen Austritt aus der Kirche begründete Bannier nicht nur mit dem Drängen der NSDAP, sondern auch mit Streitigkeiten mit zwei Pastoren, bezüglich des Wiedereinsatzes in das alte Amt.

Nach seinem Verfahren vor dem Entnazifizierungs-Hauptausschuss in Burgdorf am 2. Dezember1948 wurde Emil Bannier in die Kategorie IV eingestuft mit Beschränkung der Wählbarkeit zu politischen Körperschaften für die Dauer von zehn Jahren. In diesem Zeitraum durfte er auch nicht als Angestellter für politische Organisationen tätig sein. Gegen die Führung eines Bauunternehmens jedoch bestanden keine Bedenken. Man sah es als erwiesen an, dass Emil Bannier den Nationalsozialismus im Wesentlichen unterstützt und gefördert hatte. Des Weiteren wurde ihm eine Gebühr in Höhe von 5000 DM auferlegt, als Ausgleich für seine Nutznießerschaft während der NS-Zeit. Allein der Umstand, dass Bannier glaubhaft darlegen konnte, einzelne politisch Verfolgte verschont zu haben, erwog den Ausschuss dazu, von einer höheren Einstufung abzusehen, betonte dabei jedoch, dass es den ausgesprochenen Entscheid für äußerst gelinde hielt. Sein Bauunternehmen konnte er anschließend weiter betreiben. Emil Banniers weiterer Lebensweg und Werdegang konnten im Rahmen der Untersuchung nicht geklärt werden.

NS-Ortsgruppenleiter Emil Bannier (links mit Uniform) bei der Siegerehrung im Dirt-Track-Rennen in den 1930er Jahren. Privatarchiv Hans-Hermann Seiffert

 

Emil Bannier bei seiner Internierung nach Kriegsende in Paderborn. NLA Hannover Nds. 171 Lüneburg Nr. 2797

Biografie - Heinrich Kuhrs, Sehnder Bürgermeister 1935-1945

Der Landwirt Heinrich Kuhrs wurde am 27. April1887 in Klein Heere geboren. 1933 trat er in die NSDAP ein und wurde Mitglied in weiteren Organisationen der NSDAP wie der Deutschen Arbeitsfront, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, dem Reichskolonialbund und dem NS-Kriegerbund. Von 1935 bis Kriegsende 1945 war er Bürgermeister in Sehnde.

Entgegen den Erwartungen, die man an ein Parteimitglied der NSDAP stellte, trat Heinrich Kuhrs nicht aus der Kirche aus und besuchte auch weiterhin den Gottesdienst. Kurz vor Kriegsende verhinderte er die Sprengung von mehreren Sehnder Brücken.

Im Entnazifizierungsverfahren nach dem Krieg vor dem Hauptausschuss sagte die Frau des Pastors Gerlach aus, Heinrich Kuhrs habe sie vor dem Konzentrationslager bewahrt, nachdem eine Anzeige von Emil Bannier vorlag, weil sie ihr Bedauern darüber geäußert hatte, dass Hitler das Attentat vom 20. Juli1944 überlebt habe.

Einer der Entlastungszeugen war Julius Brumsack, der bezeugte, dass Heinrich Kuhrs die Geschwister Schragenheim/Königheim bis zuletzt unerlaubterweise mit Milch versorgt hätte und betonte ausdrücklich, dass sich sein Verhalten gegenüber dem Emil Banniers völlig unterschied. Letzteren bezeichnete er als den übelsten Hetzer und Propagandisten seinerzeit.

Dennoch muss hierbei auch berücksichtigt werden, dass auch er letztlich ein Rädchen im Getriebe war und es nach dem Krieg verstand, seine eigene Rolle herunterzuspielen und in Bezug auf die Versteigerungen jüdischen Eigentums mehr gewusst haben muss, als er später zuzugeben bereit war. In seiner Eigenschaft als Bürgermeister war er maßgeblich an der Umsetzung staatlicher Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung beteiligt. Als die jüdische Witwe Else Osterwald versuchte zur Familie Rose zu ziehen, wurde ihr das von Heinrich Kuhrs mit der Begründung verwehrt, dass die Familie Rose vormals einen „arischen“ Mieter abgelehnt habe und demnach nun auch keinen jüdischen Mieter aufnehmen könne.

Im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens wurde er in die Kategorie IV mit dem Zusatz „ohne Beschränkung“ eingestuft. Der Entnazifizierungs-Hauptausschuss kam zu dem Schluss, dass Heinrich Kuhrs den Nationalsozialismus zum Teil unterstützt hatte. Es wurden keine weiteren Beschränkungen auferlegt, da ihm kein verwerfliches Verhalten nachgewiesen werden konnte und nicht festgestellt werden konnte, dass er den Nationalsozialismus wesentlich gefördert und unterstützt hatte. Zusätzlich wurde ihm eine Geldstrafe von 50 DM auferlegt. Politische Ämter dürfte er auch weiterhin bekleiden und auch nach dem Krieg wurde er als Bürgermeister wiedergewählt.

Heinrich Kuhrs starb kurze Zeit später am 2. Februar1949, womit das weitere Entnazifizierungsverfahren gegen ihn eingestellt wurde.

Justizielle Ahndung

Nach den bisher gewonnenen Erkenntnissen fand eine juristische Ahndung der während der Novemberpogrome gegen die jüdischen Familien begangenen Straftaten nicht statt.

Spuren und Gedenken

Eine jüdische Gemeinde existiert heute in Sehnde nicht mehr. Mit Gerda Wasserman emigrierte die einzige Überlebende der Familie Rose nur zwei Jahre nach ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten, doch die Spuren jüdischen Lebens haben die Zeiten überdauert. Der jüdische Friedhof im Bolzum existiert nach wie vor und wurde 2007, unmittelbar vor dem Besuch Gerda Wassermans geschändet, die eigens angereist war, um bei der Enthüllung der Grabplatte für die Familie Rose dabei zu sein. 2012 wurden an mehreren Orten in Sehnde insgesamt neun Stolpersteine verlegt, um an die Schicksale der Sehnder Juden zu erinnern. Eine 2014 am Haus der Familie Rose angebrachte Gedenktafel erinnert Passanten an die einstmals angesehene jüdische Familie.

Im Sehnder Rathaus befindet sich im Foyer des Ratssaals die Gedenktafel „Scherben gegen das Vergessen“, ein Werk der Künstlerin Rahel Bruns, bei dem auf einer Glasscheibe die Namen der Sehnder Juden verewigt wurden, die anschließend zerschlagen und wieder zusammengefügt wurde.

Die Einweihung fand anlässlich einer Gedenkveranstaltung am 9. November 2014 im Beisein von Hans-Jürgen Brumsack statt, dem Sohn des 2011 verstorbenen Julius Brumsack.

Weiterführende Literatur und Links

Andrea Baumert / Marlies Buchholz / Nancy Kratochwill-Gertich, Sehnde/Bolzum, in: Herbert Obenaus / David Bankier / Daniel Fraenkel (Hg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Bd. 1, Göttingen 2005, S. 236-244.

Elfriede Brumsack, „Er kam zurück“ – Der Lebensweg von Julius Brumsack (1915-2011) aus Beverstedt, in: Männer vom Morgenstern. Heimatbund an Elb- und Wesermündung. Jahrbuch 92/93 (2013/14), S. 177-214.

Adolf Meyer, Sehnde. Vom Bauerndorf zur Industriegemeinde. Beiträge und Quellen zur Geschichte einer Gemeinde im Großen Freien, Celle1975.

Regina Runge-Beneke, Informationsblatt zum Schicksal jüdischer Einwohner Sehndes, Projektgruppe Stolpersteine 2012.

Hans-Herrmann Seiffert, Eine Sehnder Jüdin kommt zurück. Gerda Rose überlebt die NS-Todeslager Jungfernhof, Kaiserwald und Stutthof sowie den Todesmarsch, Konstanz 2016.

Wikipedia: Julius Brumsack

Stadt Sehnde: Gedenktafel – Scherben gegen das Vergessen

Autor: Jens Kracke, Student der Leibniz Universität Hannover

1938 in Niedersachsen

Wunstorf

Vorgeschichte

Bereits im Jahre 1300 legt eine Urkunde des Bischofs Ludolf zu Minden und des Grafen Johannes von Wunstorf die Ansässigkeit jüdisch gläubiger Menschen in Wunstorf nahe. Auch Quellen aus dem 16. und im 17. Jahrhundert belegen dies. Allerdings waren sie über die Jahrhunderte immer wieder auch Diskriminierungen ausgesetzt.

Ab 1842 bestimmte das Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Juden im Königreich Hannover, dass jüdische Bürger einer Synagogengemeinde angehören mussten. Dies markiert auch den Anfang der jüdischen Gemeinde in Wunstorf. Schon um 1810 gab es in der Nordstraße eine kleinere Synagoge, auf die die heutige Synagogengasse verweist. Ebenfalls etablierte sich seit den 1850er Jahren eine jüdische Schule mit einem qualitativ hochwertigen Unterricht. Sie erhielt eine jährliche Unterstützung der Stadt Wunstorf. Ab 1830 wurden die Verstorbenen der Gemeinde auf dem jüdischen Friedhof am Nordrehr bestattet. 1885 lebten 80 jüdische Bürger in Wunstorf. 1912 beschloss die Synagogengemeinde, statt der inzwischen baufällig gewordenen alten Synagoge das Haus Küsterstraße 9 als neue Synagoge zu nutzen.

In der Weimarer Republik war das industriell geprägte Wunstorf eine Arbeiterhochburg mit der SPD als stärkste Kraft. Erst 1930 wurde eine NS-Ortsgruppe gegründet. Bei der Reichspräsidentenwahl im März 1932 wurde allerdings in Wunstorf die NSDAP stärkste Kraft. Ab 1933 fanden sich die politisch, wirtschaftlich und kulturell in der Weimarer Republik bestens integrierten Wunstorfer Juden in einer Situation der Diskriminierung. Damit einher gingen öffentliche Demütigungen, Geschäftsboykotte, ein Verbot von jüdischen Annoncen in der Wunstorfer Zeitung durch den Inhaber Theo Oppermann und antijüdische Kundgebungen. Zwölf Wunstorfer Juden flüchteten daraufhin bis 1938 ins Ausland. Die Gemeinde schrumpfte auf 27 Mitglieder. Im März 1938 beging der Viehhändler Gottschall de Jonge Suizid aufgrund seines wirtschaftlichen Ruins.

 

Hundestaffel der SA in Wunstorf, ca. 1937. Armin Mandel

Wunstorfer Marktplatz mit dem Geschäft der jüdischen Familie Mendel, undatiert. Stadtarchiv Wunstorf

Die Ereignisse im November 1938

Die Wunstorfer SA begann nach einem Anruf aus der Stapo-Leitstelle in Hannover am 10. November 1938 zwischen drei und vier Uhr morgens mit gewalttätigen Aktionen. Sie markierte jüdische Geschäfte und Häuser mit roter Farbe für die nachrückenden auswärtigen Bordenauer SA-Leute. Diese drangen durch eine Hintertür auch in die Synagoge ein, zerstörten ihren Innenraum und zündeten sie schließlich an. Nach Hinweis auf die darüber wohnende nicht jüdische Familie wurde der Brand jedoch von der Feuerwehr schnell wieder gelöscht. Die Geschäfte und einige Wohnungen wurden verwüstet und deren mit Farbe markierte Fenster eingeschlagen. Die Torarollen und andere Gegenstände aus der Synagoge wurden vor der Stadtkirche verbrannt. Bis acht Uhr morgens waren alle erwachsenen Wunstorfer Juden im Rathauskeller zusammengetrieben und eingesperrt worden. Damit einher gingen Beleidigungen, Schläge und andere Quälereien gegenüber den Opfern.

Schulkinder wurden von der SA aufgefordert, die jüdischen Bürger bei deren Abführung anzuspucken. Der Friedhof am Nordrehr wurde von der SA ebenfalls mit Farbe beschmiert und verwüstet.

Der Großteil der Wunstorfer Juden wurde gegen zehn Uhr wieder freigelassen. Die vermögenderen unter ihnen wurden noch am 10. November nach Hannover und schließlich in das KZ Buchenwald deportiert. Insgesamt waren dies acht Personen. Unter ihnen befand sich auch der ehemalige Senator und Holzhändler Emil Kraft. Während die Inhaftierten dort Misshandlungen und Folter ausgesetzt waren, wurden ihre Häuser in Wunstorf teilweise geplündert. In Buchenwald starb bei einem Spießrutenlauf durch die SS der 68-jährige Wunstorfer Ferdinand Blank an den ihm zugefügten Misshandlungen.

Bei dem Pogrom in Wunstorf sollen keine Wunstorfer Zivilisten an den Gewaltakten beteiligt gewesen sein. Auch kam es direkt in Wunstorf nicht zu Todesfällen. Allerdings gab es etliche Schaulustige, welche unter anderem die auswärtigen SA-Männer darauf hinwiesen, dass die festgenommene dunkelhaarige Ehefrau des Hausmeisters der Synagoge nicht jüdisch sei. Diese wurde fälschlicherweise verhaftet. Zwar wurden rechtliche Schritte hinsichtlich der Plünderungen der jüdischen Wohnungen und Geschäfte eingeleitet, belangt wurde jedoch keiner, da die Fälle nie weiter bearbeitet wurden.

SA-Männer vor einem demolierten Wunstorfer Geschäft, 1938. Heiner Wittrock

 

Folgen

Nach dem 10. November verschlechterte sich die Lage für die jüdische Gemeinde aufgrund der aufgetragenen Bußgeldzahlung und dem Ausschluss aus dem wirtschaftlichen Leben. Unter Druck verkauft so etwa Albert Mendel sein Warenlager deutlich unter Wert. Zwischen Dezember 1938 und Februar 1939 wurden die sieben Überlebenden aus dem KZ Buchenwald entlassen und kehrten nach Wunstorf zurück. Ein Großteil der jüdischen Familien versuchte noch vor der Ausreisesperre im Oktober 1941 zu emigrieren. So übersiedelte auch Emil Kraft mit seiner Frau in die Niederlande. Im Frühjahr 1939 gab es nur noch zwölf Gemeindemitglieder in Wunstorf. Aufgrund von behördlich angeordnetem Zuzug stieg die Zahl allerdings bis 1940 noch einmal auf 22 an.

Gegen Ende 1941 fand schließlich die Deportation der Wunstorfer Juden über Hannover in das Ghetto Riga statt. Im Sommer 1942 wurden die letzten fünf jüdischen Bürger Wunstorfs nach Hannover-Ahlem in ein Sammellager gebracht. Noch bis zur Deportation behandelte der Arzt Dr. Timmermann gemeinsam mit seinem Sohn Patienten jüdischen Glaubens und führte auch Hausbesuche durch. An Weihnachten 1942 verkündete Bürgermeister Krawehl, dass es in Wunstorf keine jüdischen Bürger mehr gebe. Ab 1942 wurden die Deportierten in unterschiedliche Arbeits- oder Vernichtungslager wie Buchenwald, Theresienstadt, Stutthof, Auschwitz-Birkenau oder Treblinka gebracht. Wenige Wunstorfer Juden kamen außerdem nach Warschau. Der Großteil der Deportierten gilt als an den genannten Orten verschollen. Nur für wenige gibt es einen bestätigten Todesort, wie etwa für Emil Kraft, der  in Auschwitz ermordet wurde. Insgesamt kamen bis Kriegsende 35 jüdische Bürger der Stadt Wunstorf ums Leben.

Biografie - Emil Kraft

Emil Kraft wurde als Sohn einer jüdischen Familie am 23. Oktober 1871 in Landeck, Westpreußen geboren. Durch seine Ausbildungsjahre im Holzhandel kam er zwischen 1890 und 1895 nach Wunstorf. Bis zum Ersten Weltkrieg schaffte er es, einen überregionalen Holzhandel aufzubauen. Trotz des Verlustes seiner Forstflächen bei Kriegsende gelang es Emil Kraft, mit seiner Firma zu expandieren. Zudem wurde er politisch aktiv als Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei, ab 1915 zunächst als Bürgervorsteher, ab 1924 als Senator der Stadt Wunstorf. Kulturell, wirtschaftlich und politisch war Kraft somit bestens in Wunstorf integriert und genoss in der Stadt hohes Ansehen. Nach der NS-Machtübernahme war ihm weitere politische Tätigkeit verwehrt. Bald machte sich die antisemitische Propaganda des Nationalsozialismus auch für Krafts Holzhandlung bemerkbar. Mit der Kundschaft schrumpften auch die Gewinne. Ab 1933 sah sich Emil Kraft das erste Mal in seinem Leben in Wunstorf Diskriminierung, Hetze und Gewalt ausgesetzt. 1938 wurde er im Kontext des Novemberpogroms nach Buchenwald deportiert und dort gefoltert. Aufgrund der „Arisierung“ kam sein Geschäft gänzlich zum Erliegen, sodass er Anfang März 1939 mit seiner Frau Frieda Kraft zu seinem Sohn Julius in die Niederlande emigrierte. Doch der nationalsozialistische Terror erreichte auch die Niederlande. Emil Kraft wurde 1942 in Amsterdam verhaftet. Seine Frau Frieda beging darauf hin Suizid. Emil Kraft wurde am 24. September 1943 in Auschwitz ermordet.

Emil Kraft an seinem Schreibtisch, 1920. Stadtarchiv Wunstorf

Biografie - Theo Oppermann, NS-Funktionär und antisemitischer Hetzer

Theo Oppermann wurde am 15. Januar 1893 als Sohn eines Zeitungsverlegers in Wunstorf geboren. Er genoss eine gute Bildung und übernahm 1924 den väterlichen Betrieb als Schriftleiter, Inhaber und Druckereibesitzer. Er war bis zu seinem Lebensende beruflich aktiv und publizierte viel. Theo Oppermann sympathisierte schon früh mit dem Nationalsozialismus und zeigte dies auch öffentlich. Von ihm stammen eine Anzahl von antisemitischen Hetz- und Schmähartikeln, die in der Wunstorfer Zeitung abgedruckt und veröffentlicht wurden. Oppermann spielte eine entscheidende Rolle beim Ausschluss der Wunstorfer Juden aus dem öffentlichen Leben wie etwa beim Verbot von Annoncen jüdischer Geschäftsleute. Nach dem Krieg internierten ihn die Alliierten von September 1945 bis Juni 1946 aufgrund seiner Beteiligung am Nationalsozialismus. 1968 sollte Oppermann mit einer Auszeichnung des Landes Niedersachsen geehrt werden. Aufgrund seiner NS-Vergangenheit entbrannte allerdings eine Debatte darüber, die auch in der überregionalen Presse geführt wurde. Die Ehrung blieb aus. Theo Oppermann starb schließlich am 21. April 1974 in Wunstorf.

Spuren und Gedenken

Seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es bis heute keine jüdische Gemeinde mehr in Wunstorf. In den 1990er Jahren lud die Stadtverwaltung erstmalig ehemalige, in den 1930er Jahren nach Israel emigrierte Wunstorfer Bürger zu einem Besuch in ihre Heimatstadt ein. Zum Programm gehörte eine Gedenkveranstaltung der Stadt Wunstorf für die Opfer der NS-Judenverfolgung. Zudem wurde eine Sandsteintreppe am Eingang zum Hölty-Gymnasium mit einer Inschrift zu Ehren der beiden ehemaligen Schüler Ernst und Ludwig Lazarus versehen.

Nach Emil Kraft benannte die Stadt in der Nachkriegszeit eine Straße in „Senator Kraft-Straße“, die erste von mehreren Straßen, die heute früheren Wunstorfer Juden gewidmet ist.

2002 wurde bei der Abtei ein Mahnmal zur Erinnerung an die Wunstorfer Juden errichtet, das der Wunstorfer Bildhauer Ostap Rebmann gestaltet hatte; seit 2005 wird hier jährlich zum 15. Dezember (dem Jahrestag der ersten Deportationen im Jahr 1941) der Wunstorfer Juden mit einer Kranzniederlegung gedacht.

Die ehemalige Synagoge in der Küsterstraße 9 wurde in der Nachkriegszeit während der britischen Besatzung restauriert. Heute ist sie ein Wohnhaus. An diesem ist eine kleine, schwer erkennbare Gedenktafel angebracht. Der jüdische Friedhof wurde auf Kosten der Stadt Wunstorf restauriert. Er wird heute nicht mehr aktiv genutzt. Stolpersteine als Zeichen der Erinnerung wurden in Wunstorf bisher nicht verlegt.

Die ehemalige Synagoge in der Küsterstraße, 2015. Stadtarchiv Wunstorf

Weiterführende Literatur und Links

Klaus Fesche, Geschichte Wunstorfs. Die Stadt, der Flecken und die Dörfer, Springe 2010.

Christoph Oppermann, Der Pokal. Und andere Geschichten aus Wunstorf, Wunstorf 1998.

Felix Pütter, Emil Kraft, Eine biographische Skizze, in: Wunstorfer Stadtspiegel. Mitteilungsblatt des Heimatvereins Wünsdorf E.V., Juli 2010/Nr. 80.

Heiner Wittrock, Das Schicksal der Juden in Wunstorf, Wunstorf 2007.

Stadt Wunstorf

Autor: Lukas Bartels, Student der Leibniz Universität Hannover

1938 in Niedersachsen

Göttingen

Vorgeschichte

In Göttingen gab es bereits im Jahr 1289 die erste Erwähnung einer jüdischen Gemeinde mit einem urkundlichen Verweis, in welchem die Göttinger Herzöge Wilhelm und Albrecht dem Stadtrat gestatten, „die Juden der Familie Moyse“ mit den geltenden Bürgerrechten auszustatten.

Die erste Synagoge, aus dem 14. Jahrhundert stammend, welche in der Jüdenstraße stand, wurde im Zuge des ersten Abbruchs jüdischen Lebens und der ersten Verfolgungswelle in Göttingen im Jahr 1350 zerstört. Anlass war der Vorwurf, jüdische „Brunnenvergifter“ seien für den Ausbruch der Pest verantwortlich. In der Mitte des 15. Jahrhunderts fand der zweite große Abbruch des jüdischen Lebens in Göttingen statt. Diesem fiel unter anderem die jüdische Schule in der Speckstraße zum Opfer. Jüdisches Leben in Göttingen begann nach diesem zweiten Abbruch, wohl auch durch den starken Antijudaismus des folgenden Jahrhunderts, erst wieder im 17. Jahrhundert zu erstarken, als einzelne Familien jüdischen Glaubens wieder nach Göttingen zogen.

Als im 18. Jahrhundert die Anzahl der Bürger*innen jüdischen Glaubens wieder anstieg (zwischenzeitlich war es nur noch einigen „Schutzjuden“ gestattet, in Göttingen zu wohnen), wurde eine Synagoge in einem Hinterhaus der Prinzenstraße eingerichtet. Nachdem diese Synagoge bereits 1867 als baufällig beschrieben wurde und zugleich durch die Gleichstellung der Bürger*innen jüdischen Glaubens im Königreich Hannover (1848) die Zahl an jüdischen Bürger*innen stetig wuchs, wurde 1869 eine neue Synagoge in der Maschstraße errichtet, die 1872 eingeweiht werden konnte. Da die jüdische Gemeinde im Jahr 1890 bereits 450 Gemeindemitglieder zählte, wurde bald eine Erweiterung der Synagoge veranlasst. Diese erweiterte Synagoge blieb bis zu den Novemberpogromen in ihrer Form erhalten.

Bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten waren antisemitisch geprägte Denkmuster in den Köpfen der Göttinger Bürgerschaft fest verankert. Vor dem Ersten Weltkrieg stellte der Antisemitismus jedoch noch keine akute Bedrohung für die soziale und geschäftliche Stellung der jüdischen Bürger*innen dar. Das änderte sich 1918 mit dem Ende des Ersten Weltkrieges.

Die Anfeindungen fanden nun öffentlich statt, der „Verband zur Befreiung des Judenjochs“ gründete 1919 eine eigene Ortsgruppe in Göttingen und publizierte Aufrufe zum Boykott von Geschäften mit Besitzern jüdischen Glaubens. Zu dieser Zeit umfasste die jüdische Gemeinde fast 500 Personen. Gleichzeitig druckte das noch heute existierende Göttinger Tageblatt bereits zum  Ende der Kaiserzeit antisemitische Artikel gegen Mitbürger*innen jüdischen Glaubens und rief zum Kampf gegen Juden auf.

Die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung Göttingens erfuhr bereits in den 1920er Jahren einen weiteren tiefen Einschnitt, als Mitglieder der NSDAP sowie die Schülerinnen einer Mädchenschule mit Flugblättern gezielt zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verstärkten sich diese Boykotte. Zudem verweigerte die Göttinger Universität Dozent*innen und Student*innen den Zutritt zur Bibliothek, sofern sie als „Juden“ bekannt waren. Jüdische Professoren wurden aus dem Amt gedrängt. Promotionen wurden aberkannt, sobald bekannt wurde, dass der oder die Betreffende eine Emigration plante.

Bereits 1933 fand eine Welle von Geschäftsaufgaben in der Göttinger Innenstadt statt, nachdem die NSDAP die jüdischen Besitzer der Geschäfte bedroht und an ihren Läden Hetzplakate angebracht hatte. 1935 hielt der fränkische Gauleiter und Herausgeber des „Stürmers“ Julius Streicher auf einer  Kundgebung in Göttingen eine Rede über „Die Judenfrage im Allgemeinen (…)“. „Streicher war schlimm, schlimmer war das Volk…“, hielt der jüngere Bruder der bekannten Göttinger Autorin Hannah Vogt, die 1933 als Kommunistin verfolgt worden war, in seinem Tagebuch fest.

Bedingt durch den wachsenden Antisemitismus in Göttingen verließen ab 1933 die meisten  Göttinger Juden ihre Heimat. Ein Teil flüchtete ins europäische Ausland, emigrierte in die Vereinigten Staaten oder floh in größere deutsche Städte, während nur wenige Bürger jüdischen Glaubens in Göttingen wohnhaft blieben. Bereits im Oktober 1938 löste der letzte Vorsteher der Gemeinde, Herrman Ostfeldt, die jüdische Gemeinde Göttingen auf und floh nach Palästina.

Bis 1938/39 verließen über 200 der 450  Göttinger Gemeindemitglieder die Stadt. Die verbliebenen 250 wurden von den Nationalsozialisten im Zuge der Shoa schließlich in Ghettos und Konzentrationslager deportiert. Die meisten von ihnen wurden ermordet.

Die Ereignisse im November 1938

Am späten Abend des 9. November 1938, gegen 23.00 Uhr, trafen sich im Sitzungssaal des Göttinger Rathauses der SS-Standartenführer Friedrich Steinbrink, der amtierende Oberbürgermeister Albert Gnade, der Leiter der Feuerwehr Wilhelm Rodenwald und die Leitung der Kriminalpolizei Göttingen, um zu beraten, wie die Göttinger Synagoge am besten anzuzünden sei.

Rodenwald eilte zwischenzeitlich zu seinem Haus, um seine privaten Benzinvorräte zur Synagoge zu bringen. Die Freiwillige Feuerwehr stand unter der Leitung von Hermann Grote bereit, um angrenzende Häuser vor dem Flammen zu schützen, als Mitglieder der SS die Synagoge an der Unteren Maschstraße am 10. November 1938 um ein Uhr nachts in Brand setzten.

Am Vormittag des 10. November 1938 wurden die Fassaden der Synagoge kontrolliert gesprengt, auch wenn die gesamte Synagoge und deren Inneneinrichtung bereits über Nacht ausgebrannt waren. Zahlreiche Schaulustige aus der Göttinger Bevölkerung begleiteten schließlich die endgültige Zerstörung und Sprengung der Synagoge.

Noch am 10. und am 11. November 1938 stürmten Mitglieder der SA und SS Geschäfte und Wohnungen jüdischer Familien, zerstörten deren Eigentum, misshandelten und verhafteten jüdische Familien und brachten sie in das örtliche Polizeigefängnis.

Angesichts der vielen Verhafteten war das Polizeigefängnis schnell überfüllt. Aus diesem Grund wurden einige Inhaftierte teilweise bereits nach kurzer Zeit wieder entlassen, um Platz zu schaffen. Manche Juden blieben jedoch noch bis ins Jahr 1939 dort inhaftiert.

Folgen

Die meisten Göttinger Juden wurden bereits im Zeitraum von Dezember 1938 bis spätestens Anfang Januar 1939 wieder aus dem Gefängnis entlassen. Eine Ausnahme bildeten die Brüder Max Raphael und Nathanel Hahn.

Deportationen in die Konzentrationslager, wie in vielen anderen Teilen Deutschlands, blieben allerdings aus. Die Historikerin Cordula Tollmien begründet diese Ausnahme mit der Abwesenheit des Göttinger Gestapo-Leiters Hans Eysels, welcher in der Pogromnacht außerhalb Göttingens war.

Von den circa 250 in Göttingen nach der Pogromnacht verbliebenen Juden konnten bis 1939 einige wenige ins Ausland fliehen. Einige weitere jüdische Frauen und Männer waren durch „Mischehen“ geschützt.

Die meisten Göttinger Juden wurden allerdings im Zuge von zwei Deportationen im Jahr 1942 verschleppt und ermordet. 79 Personen wurden am 1. April 1942 zuerst nach Hannover überführt, um von dort aus in Viehwaggons nach Warschau deportiert zu werden. Die zweite Deportation fand am 21. Juli 1942 statt und umfasste auch die 27 Bewohner des „Judenhauses“ an der Weender Landstraße.

Biografie - Familie Hahn

Max Raphael Hahn, geboren am 22. April 1880 als Sohn des Kaufmanns Raphael Hahn, verheiratet mit Gertrud Hahn, war zusammen mit seinem Bruder Nathanel Eigentümer der Göttinger „Fabrik Rohhäute- und Fellgroßhandlung Raphael Hahn Söhne OHG“ sowie der Schuhfabrik Gallus. Beide Eheleute waren in der jüdischen Gemeinde sehr angesehen, Hahns Frau engagierte sich in karikativer Form. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, Rudolf (*1910) und Hanni (*1922).

Der prägende Antisemitismus, der in Göttingen vorherrschte, traf die Hahns bereits vor 1938 hart.

1935 verkaufte Raphael Hahn unter Druck der Nationalsozialisten Teile seiner privaten Besitztümer an das Museum Göttingen, seine Firmen wurden boykottiert und Kredite wurden von der Bank verweigert. Die Übergriffe gegen die Familie Hahn erreichten einen weiteren Höhepunkt, als die Fenster ihres Wohnhauses eingeworfen wurden und  Mitglieder der SA vor der Villa Schmähungen wie „Max Hahn verrecke!“ riefen.

Im Zuge der Novemberpogrome 1938 drang die SS auch in die Villa der Hahns in der Merkelstraße 3 ein und nahm Max Hahn, seine Frau Gertrud und die Kinder in „Schutzhaft“. Der Familie des Brudes Nathanel Hahns geschah dasselbe.

Die Frauen und Kinder der Gebrüder Hahn werden noch 1938 aus der „Schutzhaft“ entlassen, während die Brüder bis zum 4. Juli 1939 in Haft verbleiben mussten. Schließlich zwangen Mitglieder der SA Max Hahn zum Verkauf seines Eigentums.

Die Kinder der Hahns emigrierten nach England. Die Eheleute Max und Gertrud Hahn flohen nach der Entlassung der Gebrüder Hahn nach Hamburg, beide wurden jedoch 1941 nach Riga deportiert und dort 1942 ermordet. Nathanel und Betty Hahn wurden 1942 über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort 1943 ermordet.

Biografie: Albert Gnade - Oberbürgermeister

Oberbürgermeister Albert Gnade (1886-1966) war einer der führenden NS-Funktionäre in Göttingen. Bereits seit 1922 Mitglied in der NSDAP, war er vor seiner politischen Karriere im Nationalsozialismus Betreiber eines Gasthauses in der Nähe von Göttingen. 1933 wurde er Polizeichef in Göttingen.

Bereits seit 1931 war Gnade Mitglied der SS. 1934 erhielt er den Rang des Standartenführers und wurde 1934 von Heinrich Himmler mit dem Totenkopfring ausgezeichnet. Im selben Jahr wurde Gnade zum Bürgermeister und 1938 schließlich zum Oberbürgermeister der Stadt Göttingen ernannt.

Gnade, der als bekennender Nationalsozialist aktiv an den Pogromen und anderen Gräueltaten gegen die jüdische Bevölkerung teilnahm, wurde 1945 des Amtes enthoben und in den Entnazifizierungsverfahren zuerst als minderbelasteter Mitläufer, später als Begünstigter eingestuft, jedoch ohne für seine Vergehen oder seine privaten Bereicherungen jemals eine Strafe erhalten zu haben. Gnade beteiligte sich nach diesen Verfahren wieder aktiv in der rechtsextremen Szene Göttingens und war ab 1952 als Mitglied der rechtsextremen Deutschen Reichspartei Abgeordneter im Stadtrat Göttingen. Nach deren Verbot kandidierte er – wenn auch erfolglos – für andere rechtsextreme Parteien auch für den Bundestag.

Spuren und Gedenken

Einige jüdische Familien kehrten bereits nach 1945 wieder nach Göttingen zurück, so auch Gerda Buergenthal, die Tochter der Silbergleits, die ein Schuhgeschäft an der Groner Straße besessen hatten und enteignet, deportiert und ermordet worden waren. Sie lebte nach 1945 einige Jahre zusammen mit ihrem Sohn Thomas Buergenthal in Göttingen.

Die baulichen Reste der Göttinger Synagoge waren bereits in den späten 1930er Jahren gänzlich abgetragen worden. 1973 wurde an ihrem Standort zum Gedenken an die Opfer und die Geschehnisse der Pogromnacht eine Plastik als Mahnmal errichtet. Aufeinanderliegende Davidsterne bilden bis in sechs Meter Höhe eine symbolische Flamme. Unterhalb dieser Plastik ist ein offener Raum, an dessen Wänden die Namen der Opfer angebracht wurden, welche als Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Göttingen Opfer des nationalsozialistischen Terrors geworden sind und deportiert und ermordet wurden. Eine Gedenkstunde erinnert jedes Jahr am 9. November an diesem Ort an die Geschehnisse der Pogromnacht 1938.

Am Standort des ehemaligen „Judenhauses“ an der Weender Landstraße befindet sich heute ein Parkplatz der Universität Göttingen. Eine Informationstafel bietet Interessierten Auskunft über die frühere Nutzung des Grundstücks. Die Georg-August-Universität zu Göttingen gedenkt zusätzlich der Taten der Nationalsozialisten mithilfe einer Website, auf welcher die Taten und Entscheidungen, wie etwa der Ausschluss von Dozierenden jüdischer Herkunft in der NS-Zeit, kritisch beleuchtet und aufgearbeitet werden.

Seit 1994 existiert in Göttingen die wieder gegründete „Jüdische Gemeinde Göttingen e.V.“, die seit 2008 ihre Gottesdienste in der original erhaltenen Synagoge aus dem nahegelegen Bodenfelde abhält, die abgebaut und in Göttingen wiederaufgebaut wurde.

Die 2005 gegründete „Jüdische Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen e.V.“ nutzte seit 2008 eine Wohnungssynagoge, die 2014 durch eine Kellersynagoge in einem arisierten jüdischen Gebäude in der Rote Straße 28 ersetzt wurde. Hier befindet sich auch die einzige Göttinger Mikwe.

Auf dem jüdischen Friedhof im heutigen Göttinger Stadtteil Geismar, der 1937 von den Nationalsozialisten aufgeschüttet und seiner Grabsteine beraubt wurde, steht seit den 1960er Jahren eine Gedenkstele. Eine weitere Form des Gedenkens bilden darüber hinaus die in Göttingen verlegten Stolpersteine.

Die Gedenkstele auf dem jüdischen Friedhof im Göttinger Stadtteil Geismar. Stadtarchiv Göttingen

Weiterführende Literatur und Links

Buergenthal, Thomas: Ein Glückskind. Wie ein kleiner Junge zwei Ghettos, Auschwitz und den Todesmarsch überlebte und ein neues Leben fand, Frankfurt/Main 2007.

Heinzel, Matthias: 1945 – Kriegsende in Göttingen. Zeitzeugen berichten, Göttingen 2005.

Kruppe, Michael: Häuserchronik der Stadt Göttingen, Göttingen 2012.

Obenaus, Sybille: Göttingen, in: Obenaus, Herbert u.a. (Hg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen., Band 1 und 2, Göttingen 2005.

Schaller, Berndt: Synagogen in Göttingen – Aufbrüche und Abbrüche jüdischen Lebens, Göttingen 2006.

Schwarz, Angelika: Von den Wohnstiften zu den „Judenhäusern“; in: Ebbinghaus, Angelika/Linne, Karsten (Hg.), Kein abgeschlossenes Kapitel: Hamburg im „Dritten Reich“; Hamburg 1997, S. 246.

Tollmien, Cordula: Nationalsozialismus in Göttingen 1933–1945, in: von Tadden, Rudolf/Trittel, Jürgen (Hg.): Göttingen – Die Geschichte einer Universitätsstadt. Bd.3: Von der preußischen Mittelstadt zur südniedersächsischen Großstadt 1866 bis 1989, Göttingen 1999, S.127-273.

Stadtarchiv Göttingen

Jüdische Gemeinde Göttingen

goest – Göttinger Stadtinfo: 9. November

Georg-August-Universität Göttingen: Die Universität im Nationalsozialismus

Autor_innen: Hendrik Torno und Tabea Gudd, Studierende der Leibniz Universität Hannover

1938 in Niedersachsen

Braunschweig

Vorgeschichte

Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts (1282 erstmals urkundlich erwähnt) leben Juden in der Stadt Braunschweig. Rechtlich standen sie unter dem Schutz des Herzogs von Braunschweig und mussten dafür Schutzgeld entrichten. Die Juden lebten größtenteils in der Neustädter „Joddenstraße“ und wurden wirtschaftlich als Konkurrenz zu den in Braunschweig stark vertretenen handwerklichen Gilden wahrgenommen. Spätestens mit der Pest von 1350 griff der Antijudaismus um sich, die Juden wurden als „Brunnenvergifter“ verfolgt, Pogrome wurden verübt und ab 1435 die Kennzeichnung der Kleidung vorgeschrieben.

1546 kam es zur Vertreibung der Juden aus Braunschweig in Folge eines Ratsbeschlusses. Diese Vertreibung kann im Kontext der sich auch in Braunschweig vollziehenden Reformation gesehen werden, da sich bei diesen Entscheidungen auch auf die judenfeindlichen Schriften Martin Luthers bezogen wurde.

Die Neugründung der Gemeinde erfolgte 1707 um den sogenannten Hofjuden Alexander David aus Halberstadt. Karl Wilhelm Ferdinand, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, gewährte den Juden zum Ende des 18. Jahrhunderts mehr Rechte, sodass die jüdische Gemeinde eine Synagoge im Hof des Hauses Kohlmarkt 12 einrichten konnte. 1797 wurde der Rat der Stadt vom Herzog zur Genehmigung eines jüdischen Friedhofs in der Stadt gedrängt. Am 23. September 1875 wurde die Synagoge in der Braunschweiger Altstadt eröffnet. Diese ersetzte die Synagoge am Kohlmarkt 12 und bestand bis zu ihrem Abriss 1940 als Folge der schweren Schäden vom November 1938.

In Braunschweig bestand schon seit September 1930 eine Koalitionsregierung unter Beteiligung der NSDAP. Unter Innenminister Dietrich Klagges (NSDAP), der ab 1933 Ministerpräsident des Landes Braunschweig wurde, nahm die Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung zu. Schon am 11. März 1933 kam es in Braunschweig zum von der NS-Propaganda so genannten „Warenhaussturm“ – ähnlich dem reichsweiten „Judenboykott“ vom 1. April 1933. Bei den Übergriffen am 11. März wurden die Kaufhäuser Adolf Frank, Hamburger&Littauer und Karstadt stark beschädigt. Diese wurden in den Folgejahren „arisiert“. Bemerkenswert ist, dass es der Inhaberfamilie Forstenzer/Frank gelang, das Kaufhaus Adolf Frank bis August 1938 zu betreiben.

Werbung des Kaufhaus Adolf Frank. Quelle unbekannt

Die jüdische Gemeinde umfasste bei der Volkszählung im März 1933 noch 682 Juden. Für die Nationalsozialisten galten jedoch 1150 Personen als „Glaubens-“ und „Rassejuden“. Dies schloss unter Anderem zum Christentum konvertierte Juden mit ein. Bis zum Mai 1939 nahm die Zahl der von den Nazis als Juden gezählten Menschen durch Ab- und Auswanderung, Vertreibung und Deportation auf 226 Personen ab.

Stadtplan

Braunschweig, um 1400. Quelle unbekannt

Die Ereignisse im November 1938

Vom 12. bis 20. März 1938 erschien eine Artikelserie in der Braunschweiger Tageszeitung, dem NSDAP-Parteiblatt im Braunschweiger Land, mit dem Titel „700 Jahre Juden in Braunschweig“. Dies war nicht die erste antijüdische Kampagne. Sie war Ausdruck der antisemitischen Grundstimmung und Propaganda und heizte die Stimmung gegen die Juden weiter auf. Die erste Massenverhaftung von Juden im Braunschweiger Land fand am 28. Oktober im Rahmen der „Polenaktion“ statt: insgesamt 74 Bürger, davon 69 aus der Stadt Braunschweig und 11 Kinder unter 15 Jahren wurden verhaftet und mit einem Transport nach Neu-Bentschen an die polnische Grenze verbracht.

Am 8. November erschien in der Braunschweiger Lokalpresse ein Bericht über das Pariser Grynszpan-Attentat, der die nationalsozialistische Erzählung wiedergab. Am 9. November 1938 versammelten sich die Nationalsozialisten, vor allem SS und SA, auf dem „Franzschen Feld“ (auch SA-Feld genannt), einer NS-Weihestätte unterhalb des Nussberges, um dem Hitlerputsch von 1923 zu gedenken. Danach ging man zum Feiern in die Kneipen und Wirtshäuser der Stadt.

Friedrich Jeckeln, Polizei- und SS-Führer im SS-Oberabschnitt Mitte, der auch das Braunschweiger Land umfasste, befand sich auf dem Weg nach Hannover, um dort die Zerstörung der Synagoge zu überwachen. In Braunschweig tat Dr. jur. Otto Diederichs, Oberregierungsrat im Innenministerium, seinen Dienst und veranlasste in Absprache mit dem Ministerpräsidenten Dietrich Klagges die Postierung von Schutzpolizisten vor jüdischen Geschäften, sodass SS und SA erkennen konnten, wo diese waren. Für Jeckeln kamen die Schreiben aus der Gestapo-Zentrale in Berlin zu spät. Er hatte schon vorher in vorauseilendem Gehorsam die Zerstörung der Synagogen angeordnet.

Im weiteren Verlauf der Nacht wurden die wenigen noch nicht „arisierten“ jüdischen Geschäfte sowie zahlreiche Privatwohnungen (beispielsweise die der Familie Forstenzer) verwüstet. Zusätzlich wurden in der Nacht und am Folgetag im Land Braunschweig 149 Juden verhaftet, davon 71 aus der Stadt Braunschweig. Diese wurden in das KZ Buchenwald gebracht und dort bis mindestens Dezember 1938, teils auch noch länger, festgehalten.

Auch die Synagoge in der Alten Knochenhauerstraße wurde zerstört, die Inneneinrichtung zertrümmert und das Gebäude teilweise gesprengt. Eine marmorne Erinnerungstafel, die der im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Kaiserreich gefallenen Braunschweiger Juden gedachte, wurde ebenfalls zerschmettert. Es gibt nicht viele Zeugenaussagen zur Zerstörung der Synagoge, doch diesen wenigen zufolge wurden auch die Thorarollen und das hölzerne Gestühl auf dem nicht weit entfernten Eiermarkt verbrannt. Die in den umgebenden Fachwerkhäusern wohnende Bevölkerung sorgte sich um ein Ausbreiten des Feuers und verhinderte so, ganz auf den Eigenschutz bedacht, die weitere Inbrandsetzung der Trümmer durch SA und SS. Es liegt nahe, dass sich unter den Angreifern auch Teilnehmer der SS-Lehrgänge der SS-Junkerschule befanden. Diese befand sich seit 1935 im Braunschweiger Residenzschloss mitten in der Innenstadt.

Straße mit Pferd

Abrissarbeiten an der zerstörten Synagoge im Winter 1941. Landesmuseum Braunschweig

Folgen

Die zerstörte Synagoge wurde 1940 zusammen mit dem angrenzenden unzerstörten Gemeindehaus und dem Gesamtgrundstück der jüdischen Gemeinde von der Stadt Braunschweig für 1200 RM abgekauft und dann abgetragen (das unzerstörte Gemeindehaus steht noch heute). Ein Teilgrundstück wurde 1943 für 13.200 RM an das Reich verkauft. Auf dem Gelände der zerstörten Synagoge wurde ein Luftschutzbunker errichtet, der bis heute an dieser Stelle steht (in den 1980ern wurde der Bunker nach einer Instandsetzung wieder als Zivilschutzbunker genutzt).

Im Dezember 1938 wurden die meisten der in das KZ Buchenwald gebrachten Juden, soweit sie nicht gestorben waren, unter der Auflage freigelassen, umgehend zu emigrieren und ihre Geschäfte aufzugeben. Nicht wenige blieben jedoch weiterhin in Buchenwald. In einem Bericht des Innenministeriums an Ministerpräsident Dietrich Klagges vom 15. Dezember 1938 heißt es:

„Anlässlich der Judenaktion vom 9. und 10. November d.Js. sind von der Staatspolizeistelle Braunschweig 149 Juden festgenommen, die fast sämtlich einem Konzentrationslager zugeführt worden sind. Gestorben bzw. zur Entlassung gekommen sind 106 Juden, so dass z. Zt. sich noch 43 Juden im Konzentrationslager befinden; (…) Von den anlässlich der Judenaktion festgenommenen Juden beabsichtigen 29 Juden auszuwandern (…). Ich habe wiederholt feststellen können, dass der Wille zur Geschäftsaufgabe oder auch zur Auswanderung bei den hiesigen Juden verhältnismäßig groß ist.“ (Niedersächsisches Landesarchiv-Standort Wolfenbüttel 12 A Neu 13, Nr. 16059).

Zivilschutzbunker auf dem Gelände der ehemaligen Neuen Synagoge in Braunschweig, 2018. Foto: Liam Harrold

Justizielle Ahndung

Nach 1945 gab es im Rahmen diverser Entnazifizierungsprozesse einige Spruchkammerverfahren und Gerichtsprozesse gegen bekannte Täter im Braunschweiger Raum, die auch an den Novemberpogromen 1938 beteiligt waren. So standen beispielsweise Dietrich Klagges und Dr. jur. Otto Diederichs als NS-Verbrecher vor Gericht. In keinem der Verfahren spielten jedoch die Ereignisse im November 1938 eine Rolle. So gibt es keine Aktenüberlieferung aus der Stadt Braunschweig über Ermittlungen oder Gerichtsverfahren, die explizit im Zusammenhang mit den Novemberpogromen 1938 stehen. In angrenzenden Landkreisen und Gemeinden wie beispielsweise in Peine oder Bad Harzburg ist dies mitunter anders.

Biografien - Familie Baron

Friederike Baron, geborene Eisner (1866 in Wielun/Polen geboren) war mit dem Kaufmann Isidor Baron (1859 ebenfalls in Polen geboren) seit 1881 verheiratet. Sie hatten vier Töchter, Amalie (geboren 1882 in Wielun/Polen), Luise (geboren 1883 in Wielun/Polen), Bertha (Geburtsdaten unbekannt), verheiratete Weglein, und Gertrud (geboren 1897 in Braunschweig), verheiratete Gruenberg. 1892 zogen Friederike und Isidor nach Braunschweig. Während des ersten Weltkrieges unterlagen sie der Meldepflicht als „feindliche Ausländer“. Erst 1928 erfolgte die Einbürgerung der Familie Baron. Doch die Nationalsozialisten widerriefen im Juli 1933 alle erst nach 1918 erfolgten Einbürgerungen, was die Familie Baron staatenlos werden ließ (somit waren sie von der sogenannten „Polenaktion“ im Oktober 1938 nicht betroffen, denn Staatenlose waren von der Ausweisung polnischer Juden ausgenommen).

Friederike war gelernte Schneiderin, führte jedoch seit 1900 das einzige jüdische Restaurant Braunschweigs, zuletzt in der Steinstraße 2, gleichzeitig Wohnhaus der Familie Baron und in Nachbarschaft zur Braunschweiger Synagoge. Amalie und Luise halfen ihr beim Betrieb des Lokals, das Treffpunkt der jüdischen Leopold-Zunz-Loge war. Nach dem Tod der Mutter 1936 führten die Töchter das Restaurant weiter. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde das Restaurant von der SS zerstört und die Einrichtung sowie das Porzellan zerschlagen. Amalie Baron wurde, als sie sich Berichten zufolge den 25 bis 30 SS-Männern in den Weg stellte, so stark verletzt, dass ihr im Krankenhaus der rechte Arm amputiert werden musste.

Amalie und Luise wurden am 31. März 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert und kamen dort oder in einem Konzentrationslager um. Sie wurden mit Datum des 8. Mai 1945 (Kriegsende) für tot erklärt. Die vierte Tochter, Gertrud, war in Braunschweig als Einkäuferin tätig. Ihr gelang im Mai 1939 die Emigration über Antwerpen in die USA.

Isidor Baron verstarb 1941 noch in Braunschweig. Zu dieser Zeit wohnte die Familie Baron bereits nicht mehr in der Steinstraße, sondern in einem „Judenhaus“ in der Ferdinandstraße 9, da sie nach der Geschäftsaufgabe nach den Novemberpogromen kein Einkommen mehr hatten und die Miete nicht mehr zahlen konnten. Wie aus einem Brief der Eigentümer, der Lagerhausgesellschaft Gerloff, hervorgeht, nutzte die Gestapo das Haus in der Steinstraße 2 als Büroräume, nachdem die Barons gezwungen waren, in das Judenhaus umzuziehen.

Das Haus Steinstraße 2 brannte im Zweiten Weltkrieg aus und wurde 1958 abgerissen. Heute steht dort ein Parkhaus. Seit einigen Jahren erinnern Stolpersteine an die Familie Baron. Das Ehepaar Friederike und Isidor Baron ist auf dem jüdischen Friedhof in Braunschweig begraben.

Auto

Die Steinstraße 2 in Braunschweige heute (2018): Auf dem Gelände des ehemaligen Wohnhauses und Cafés der Familie Baron steht nun ein Parkhaus. Foto: Liam Harrold

Gedenken Braunschweig

Stolpersteine der Familie Baron in der Steinstraße 2, 2018. Foto: Liam Harrold

Biografien - Ehepaar Forstenzer

Gustav-Elias Forstenzer (geboren 1888 in Berlin) war mit Lucie-Sara Forstenzer, geborene Frank, Tochter des Braunschweiger Kaufhausbesitzers Adolf Frank, verheiratet. Forstenzer war Kaufmann, Handelsrichter und Präsident der jüdischen Leoplold-Zunz-Loge sowie im Vorstand der jüdischen Gemeinde Braunschweig. Der erste Sohn Claus Forstenzer kam 1919 zur Welt, die Zwillingsbrüder Martin und Peter folgten 1921. Die Familie Forstenzer wohnte in der Lützowstraße 6. Auch Gustav-Elias Forstenzer wurde 1933 aufgrund der Reichsverordnung die Staatsbürgerschaft wieder entzogen, da seine Eltern aus Galizien kamen und er erst 1921 die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatte, trotz Geburt in Berlin.

Nachdem der Schwiegervater und Kaufmann Adolf Frank verstorben war, übernahm Gustav zusammen mit seinem Schwager Herbert Frank das Kaufhaus Adolf Frank in der Schuhstraße 24-28. Dieses konnten sie erstaunlich lange führen, bis es im August 1938 an den Kaufmann Karl Stöber verkauft und damit „arisiert“ wurde.

In der Pogromnacht wurden Gustav-Elias Forstenzer und die beiden Zwillingssöhne Martin und Peter von zwei SS-Männern verhaftet und in das KZ Buchenwald eingewiesen. Dort wurden sie bis Anfang Dezember 1938 festgehalten. Die Wohnung in der Lützowstraße 6 wurde von SA-Männern nach der Verhaftung zerstört. Am 9. Dezember 1938 gelang der Familie Forstenzer die Emigration in die USA. Diese war Auflage für die Entlassung aus dem KZ Buchenwald gewesen.

Stolperstein für Gustav-Elias Forstenzer. Foto: Wikipedia-Nutzer Brunswyk https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Brunswyk

Dietrich Klagges, Ministerpräsident des Landes Braunschweig von 1933 bis 1945

Als nationalsozialistischer Ministerpräsident des Landes Braunschweig von 1933 bis 1945 und als Lehrer und völkischer Ideologe war Klagges eine Schlüsselfigur für die NS-Herrschaft im Braunschweiger Land. Klagges nahm als Kriegsfreiwilliger am 1. Weltkrieg teil und wurde 1915 schwer verwundet. Nach langem Krankenhausaufenthalt, den er zur politischen Lektüre nutzte, wurde Klagges 1916 aus dem Militärdienst entlassen.1918 trat er in Schleswig-Holstein (wo Klagges zu der Zeit als Lehrer tätig war) in die DNVP ein und wechselte nach einer Reichstagskandidatur auf Platz drei für die DFP (Deutschvölkische Freiheitspartei) 1925 in die NSDAP. Schon vor seinem Wechsel publizierte er völkisch-rassistische und antimarxistische Texte.

Nach erfolgreicher Bewerbung auf eine Konrektorenstelle in Benneckenstein (Harz) war er von 1928 bis 1930 Ortsgruppenleiter der NSDAP. Nachdem er am 15. September 1931 zum Volksbildungs- und Innenminister in Braunschweig ernannt worden war, half er, die NS-Herrschaft im Braunschweiger Land, die zweite (nach der thüringischen Baum-Frick-Regierung) Landesregierung unter Beteiligung der NSDAP, aufzubauen. Er war einer der wenigen NS-Funktionäre, die schon vor 1933 ihre Ideen praktisch umsetzen konnten. Unter anderem verschaffte er dem damals staatenlosen Adolf Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft, indem er ihn als Referenten anstellte.

Braunschweig wurde so schon früh zur „NS-Musterstadt“. In den 1930er Jahren machte sich Klagges einen Namen mit seinem Werk „Geschichtsunterricht als nationalpolitische Erziehung“ und wurde führender Geschichtsdidaktiker des Nationalsozialismus. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 wurde er Ministerpräsident des Landes Braunschweig. Zeitweise war er auch als Gauleiter für den NS-Gau Südhannover-Braunschweig im Gespräch. Er blieb jedoch bis 1945 Ministerpräsident und tat sich vor allem in den Bereichen Gewinnung kriegswichtiger Rohstoffe sowie nationalsozialistischer Bildungspolitik auch reichsweit hervor. Klagges selbst sah sich als Sozial- und Wirtschaftspolitiker in der NSDAP.

Schon vor 1933 beantragte er beim Reichsinnenministerium die Einrichtung einer braunschweigischen „Hilfspolizei“, die jedoch erst nach der Machtübergabe von Göring zugelassen und aus SS- und SA-Einheiten zusammengestellt wurde. Klagges berief 1933 weiterhin Friedrich Jeckeln, der für seine Brutalität bekannt war, als Chef der Landespolizei und schuf so die Voraussetzungen für die Ereignisse im November 1938. Bei den Novemberpogromen war es auch Klagges als oberster Dienstherr der Braunschweiger Behörden, der als nationalsozialistischer Entscheider im Hintergrund zu den Verfolgungsaktionen gegen Juden maßgeblich beitrug.

Am 12. April 1945 wurde Klagges von amerikanischen Truppen verhaftet. Aufgrund seiner Zugehörigkeit zur SS wurde er von einem amerikanischen Militär-Spruchgericht zu sechs Jahren Haft verurteilt. 1950 verurteilte ihn das Braunschweiger Landgericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer lebenslangen Haftstrafe. In einem Revisionsverfahren wurde dieses Urteil jedoch in 15 Jahre Zuchthaus umgewandelt. Schon 1957 wurde Klagges jedoch aus der Haft entlassen und lebte bis zu seinem Tod 1971 in Bad Harzburg. Er blieb der NS-Ideologie bis zu seinem Tode treu und war einer der wenigen, die entsprechende Schriften auch noch zu bundesrepublikanischen Zeiten erfolgreich publizierten.

Dietrich Klagges, Datum und Quelle unbekannt

Otto Diederichs, Oberregierungsrat

Otto Diederichs kam als „Buchhalter und Administrator“ der politischen Verfolgung im Land Braunschweig ebenfalls eine wichtige Bedeutung zu. Er wurde am 17. April 1904 in Danndorf, Kreis Helmstedt geboren und machte Abitur. Nach dem Jurastudium promovierte Diederichs 1930 in Jena und legte die große juristische Staatsprüfung am Oberlandesgericht Braunschweig ein Jahr später ab. Der spätere braunschweigische Justizminister Friedrich Alpers riet Diederichs, in die NSDAP einzutreten, da dies der Karriere förderlich sein könne. Dieser Empfehlung folgte Diederichs 1932 und trat auch der SA bei. Er wurde sodann am 1. Februar 1932 als Regierungsassessor bei der Kreisdirektion Braunschweig-Land eingestellt und war schon dort mit Polizeiangelegenheiten befasst.

Nachdem Dietrich Klagges 1933 das Landespolizeiamt eingerichtet hatte, dessen Chef Friedrich Jeckeln wurde, wurde Diederichs im September von Jeckeln zum Hilfsreferenten berufen. Daraufhin trat Diederichs auf Anraten Jeckelns auch der SS bei. 1934 wurde Diederichs von Klagges zum Regierungsrat befördert und in der neu eingerichteten politischen Polizei, dessen Leiter Jeckeln wurde, zu dessen Stellvertreter ernannt. In den ersten beiden Jahren des Bestehens des Landespolizeiamtes war Diederichs der einzige Jurist in der Behörde. Ihm kam damit eine gewichtige Funktion zwischen Politik und Behörden zu. Beispielsweise entwarf er das „Gesetz über die braunschweigische Politische Polizei“ sowie weitere Erlasse, Anordnungen und Verfügungen.

1937 wurde er zum Oberregierungsrat befördert und war bis zu seinem Eintritt in die Wehrmacht als Polizeiverwaltungsjurist beschäftigt. In diesen Funktionen ordnete Diederichs schon seit seinem Wechsel ins Innenministerium 1933 „Schutzhaftmaßnahmen“ an. Er war, als stellvertretender Chef der politischen Polizei und als Oberregierungsrat, die für das Land Braunschweig zuständige zentrale Stelle in „Schutzhaftangelegenheiten“ und setzte Anordnungen der Reichsbehörden um. Ab dem Frühjahr 1935 wurden hier außerdem die Transporte in Konzentrationslager koordiniert. Diederichs selbst verhandelte mit dem preußischen Innenministerium über die Unterbringung braunschweigischer „Schutzhäftlinge“ in preußischen Konzentrationslagern.

Am 9. November 1938 war Diederich im Dienstgebäude des Oberabschnitts der SS, dem ehemaligen braunschweigischen Landtagsgebäude. Er veranlasste in Absprache mit Klagges die Postierung von Schutzpolizisten vor jüdischen Geschäften, sodass SS und SA erkennen konnten, wo die Geschäfte waren. Außerdem instruierte er die Polizei im Braunschweiger Land zur Zurückhaltung, um SS und SA nicht im Wege zu stehen. Bei Diederichs liefen in dieser Nacht die Fäden zusammen. Er koordinierte die Einsätze der Polizei im Land Braunschweig und ordnete Verhaftungen an.

1940 meldete er sich zur Wehrmacht, doch nach nur einem Jahr schied er dort aus, da er vom Reichsinnenminister als „unabkömmlich“ bezeichnet wurde. Noch 1941 wurde er zum Regierungsdirektor befördert. Danach wurde er ab 1942 Chef und Befehlshaber der Ordnungspolizei „Ostland“ in Riga und folgte somit seinem früheren Chef Jeckeln, der schon seit 1941 dort Chef der Polizei und SS war. Bis 1943 tat er unter Jeckeln in Riga seinen Dienst und wirkte so vermutlich an der Liquidierung des Rigaer Ghettos mit. 1943 wurde er zum Ministerialrat befördert und im Dezember in das Hauptamt Ordnungspolizei im Reichsinnenministerium beordert. Dort blieb er bis zum Kriegsende und wurde, im Rang eines SS-Oberführers (vergleichbar mit einem Oberst der Wehrmacht), von amerikanischen Truppen verhaftet.

Besonders interessant am Beispiel Otto Diederichs ist der unterschiedliche Umgang mit Schreibtischtätern in der Nachkriegszeit: So bezeichnete ihn 1949 das Spruchgericht Bielefeld als „Funktionsträger des Unrechtsregimes“ und verurteilte ihn aufgrund seiner Mitgliedschaft in der SS. Vor dem Spruchgericht stritt er jede Beteiligung an NS-Verbrechen, auch an den Novemberpogromen ab und versuchte sich als einfacher Verwaltungsjurist darzustellen. Diesen Darstellungen folgte das Spruchgericht jedoch nicht.

Ein halbes Jahr später wurde er jedoch in einem Braunschweiger Entnazifizierungsverfahren als „korrekter Verwaltungsbeamter“ bezeichnet. Diese unterschiedlichen Ausgänge der beiden Verfahren sind damit zu begründen, dass im Verfahren vor dem Entnazifizierungshauptausschuss Braunschweig in der gut zweistündigen Anhörung vor allem Entlastungszeugen gehört wurden. So gelang es Diederichs beispielsweise, seine SS-Mitgliedschaft als „lose“ und unbedeutend darzustellen.

Die erste Hauptverhandlung vor dem Landgericht Braunschweig gegen Diederichs wurde 1951 abgelehnt. Nachdem die Staatsanwaltschaft Widerspruch eingelegt hatte, fand 1953 die Hauptverhandlung gegen Diederichs vor dem Landgericht Braunschweig statt. Er wurde wegen „Beihilfe zur erschwerten Freiheitsberaubung im Amt“ in acht Fällen (die Staatsanwaltschaft ging im Schlussplädoyer von 24 Fällen aus) zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Auf Grundlage des Straffreiheitsgesetzes von 1949 sowie nach gescheiterter Revision Diederichs und der Staatsanwaltschaft  vor dem Bundesgerichtshof wurde das Verfahren beendet. Es ist anzunehmen, jedoch nicht belegbar, dass Diederichs beim Bundesinnenministerium (BMI) wieder Anstellung fand, da es Korrespondenz zwischen dem BMI und dem Landgericht Braunschweig bezüglich eines Disziplinarverfahrens gibt.

Spuren und Gedenken

Am 16. November 1958 wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Helmstedter Straße ein Gedenkstein für die Opfer der Jüdischen Gemeinde unter der nationalsozialistischen Herrschaft enthüllt. 1966 wurde der Band „Brunsvicensia Judaica“ herausgegeben. Dieser war als Gedenkbuch an die Braunschweiger Jüdinnen und Juden von 1933 bis 1945 gedacht und von der Stadt in Auftrag gegeben worden. 1976 erfolgte die Anbringung einer Gedenktafel am Luftschutzbunker, dem Standort der ehemaligen „Neuen Synagoge“, die bei den Novemberpogromen zerstört wurde.

1985 gründete sich der „Arbeitskreis Andere Geschichte e.V.“ als „Die Braunschweiger Geschichtswerkstatt“, die seit Mai 2000 auch im städtischen Auftrag die Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße betreut und Veranstaltungen zur Braunschweiger Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts organisiert. Seit 2001 hat die Stadt ein „Konzept zur Planung, Errichtung und Gestaltung städtischer Erinnerungsstätten zur nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“, welches seit 1998 erarbeitet wurde.

2005 gründete sich der Verein „Stolpersteine für Braunschweig Förderverein e.V.“. Am 9. März 2006 wurden die ersten elf „Stolpersteine“ in Braunschweig verlegt. Inzwischen sind es weit über  300 Stolpersteine im Stadtgebiet Braunschweig.

Schon 1945 wurde sich um die Neugründung der jüdischen Gemeinde in Braunschweig bemüht. Seit 1983 besitzt die Gemeinde rechtliche Eigenständigkeit. Am 6. Dezember 2006 wurde die neue Braunschweiger Synagoge eingeweiht. Jährlich wird der Yom HaShoah, der Tag des Gedenkens an die Shoah begangen.

Umschlag der Brunsvicensia Judaica – Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig 1933–1945, Ausgabe von 1966. Foto: Liam Harrold

Weiterführende Literatur und Links

Ebeling, Hans-Heinrich, Die Juden in Braunschweig. Rechts-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von den Anfängen der Jüdischen Gemeinde bis zur Emanzipation (1282-1848), Braunschweig 1987.

Bein, Reinhard, Ewiges Haus, Braunschweig 2004.

Ders., Sie lebten in Braunschweig. Biografische Notizen zu den in Braunschweig bestatteten Juden (1797 bis 1983), Braunschweig 2009.

Ders., Zeitzeichen. Stadt und Land Braunschweig 1930–1945, Braunschweig 2006.

Bilzer, Bert / Moderhack, Richard, Brunsvicensia Judaica – Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig 1933–1945 (Braunschweiger Werkstücke 35), Braunschweig 1966.

Erhardt, Frank, Täter, Opfer, Nutznießer. Beiträge zur Geschichte Braunschweigs im Nationalsozialismus, Band II, Braunschweig 2016.

Kuessner, Dietrich, Pogromnacht im Braunschweiger Land, in: Volkshochschule Salzgitter u.a. (Hrsg.): Vom Antisemitismus zur Reichspogromnacht, Salzgitter, ohne Jahr (vermutl. 1980er).

Sohn, Werner, Im Spiegel der Nachkriegsprozesse: Die Errichtung der NS-Herrschaft im Freistaat Braunschweig, Braunschweig 2003.

Stadt Braunschweig, Kulturinstitut, Konzept zur Planung, Errichtung und Gestaltung städtischer Erinnerungsstätten zur nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, Braunschweig 2001.

Arbeitskreis Andere Geschichte e.V. Die Braunschweiger Geschichtswerkstatt

Förderverein Stolpersteine für Braunschweig

Parr, Thomas, Vor 75 Jahren brannten im Land Braunschweig die Synagogen, Braunschweiger Zeitung vom 8.11.2013

Autor: Liam Harrold, Student an der Leibniz Universität Hannover

1938 in Niedersachsen

Diepholz

Vorgeschichte

Günter Roberg berichtete nach dem Zweiten Weltkrieg, Adolf Meyer, 54 Jahre alt und Viehhändler auf dem Esch gegenüber dem Marktplatz, sei das erste jüdische Opfer der Nationalsozialisten unter den Diepholzer Juden gewesen, man habe ihm einfach das Geschäft unmöglich gemacht. Er nahm sich am 25. Mai 1934 das Leben und hinterließ seine Frau und drei erwachsene Kinder.

In der ev.-luth. Nicolai-Kirche hing eine Tafel mit den Namen der gefallenen des Ersten Weltkrieges. Die Namen von Iwan Fontheim und Julius Goldschmidt auf dieser Tafel wurden übermalt. Ähnlich wurde mit dem Buntglasfenster im Ratssaal verfahren, das Siegfried Simon Fontheim, der seit 1921 Ehrenbürger der Stadt war, gestiftet hat. Dort wurde der Name des Stifters in der unteren linken Ecke übermalt, nachdem die NSDAP gedroht hatte, das Fenster ansonsten zu zerstören.

Bereits vor dem November 1938 fliehen jüdische Familien aus Diepholz vor dem zunehmenden Druck der Diskriminierung ins Ausland. So wandert Max Müller 1935 mit seiner Frau Lucie, der Tochter des Schlachters Gustav Kleinschmidt, ohne Abmeldung nach Santiago de Chile aus. Die andere Tochter von Gustav Kleinschmidt, Irma Vogel, gelangt 1936 mit ihrem Mann Werner per Bahn über die Schweizer Grenze.

Die Ereignisse im November 1938

Vom Nachmittag des 9. November sind die ersten Ereignisse überliefert, als SA-Mitglieder zu Kindern auf der Straße sagen, dass sie die Scheiben der Synagoge einwerfen dürften. Am frühen Morgen des 10. November, einem Donnerstag, gehen einige SA-Männer durch die Betriebe und fordern die Leute auf bei der Zerstörung mitzuhelfen. Bürgermeister Gustav Brüning protestiert, der NSDAP-Ortsgruppenleiter übernimmt für den Tag die Verantwortung.

Fünf SA-Männer nehmen vor der Synagoge einem Zimmermann, der an einem Nachbarhaus arbeitet, sein Beil ab, brechen die Tür auf und schlagen die Scheiben über dem Eingang ein. Außerdem zerstören sie die Steinplatte über dem Eingang, auf der in hebräischer Schrift stand: „Dies ist ein Bethaus für alle Völker“. Im Anschluss zerstören die SA-Männer das Inventar der Synagoge vollständig. Alles was sie in den Schränken finden, auch die Thorarollen, tragen sie in das Parteilokal in der Straße der SA (heute: Lange Straße).

Informationstafel am Gebäude in der Mühlenstraße 5, dem Standort der ehemaligen Synagoge. Foto: Falk Liebezeit

Folgen

Die Synagoge wurde nach den Ereignissen des November 1938 als Schulungsraum für den SA-Motorsturm 23/N 62 benutzt. Die Drei-Zimmer-Wohnung in der Synagoge wurde weiter vermietet.

Die Diepholzer Kreiszeitung verschweigt den Diepholzer Pogrom, sie titelt am Sonnabend, dem 12. November: „Die Antwort wird legal, aber hart sein, der Fall Grünspan“. Am Montag, dem 14. November heißt es: „Juden haben 1 Milliarde RM. zu zahlen, die Strafe für den Mord. […] Kein Jude mehr auf deutschen Hochschulen, die Regierung steht auf der Wacht, die deutsche Judenfrage wird bald gelöst.“

Infolge der Ereignisse des November 1938 versuchen viele jüdische Familien in die Emigration zu fliehen. Fanny Goldschmidt kann 1941 zu ihrem Neffen nach Rio de Janeiro gehen. Der Schlachter Gustav Kleinschmidt und seine Frau Edith gehen 1939 nach Chile, wo seit 1935 bereits ihre Tochter Lucie lebt.

Am 28. März 1942 soll der Transport von Diepholz in das Sammellager Ahlem gehen. Der Synagogenvorsteher Semmi Philippsohn, wohnhaft in der Hindenburgstraße 46, nimmt sich vorher im Stall hinter seinem Haus das Leben.

Am letzten Wochenende im Juli 1942 meldet das Diepholzer Kreisblatt: „Diepholz juden-frei – nachdem im Laufe der Woche die letzten Juden die Stadt verlassen haben, ist Diepholz nach langen Jahren wieder judenfrei.“

Biografie – Günter Roberg

Günter Roberg wurde 1921 in Lemförde geboren. Zur Zeit des Novemberpogroms ist er Lehrling in Hannover bei einer Bäckerei auf dem Engelbosteler Damm. Günter Roberg berichtet über den Pogrom in Diepholz aus der Erinnerung seiner Mutter Sophie: „Früh um 7 Uhr marschierte eine Gruppe von SA-Leuten vor unser Haus und umzingelte dieses. Meine Mutter und mein Großvater waren damals allein im Haus, wurden von dem Aufmarsch wach, als sie hörten wie alle Fensterscheiben klirrten, die Haustür aufgebrochen wurde und in ganz kurzer Zeit war die Einrichtung unseres Hauses nur noch ein Trümmerhaufen. Es war nicht mal ein Glas ganz oder ein Gerät um daraus etwas Wasser zu trinken. Meine Mutter und mein Großvater wurden verhaftet. Der Polizist führte alle Diepholzer Juden in das Schloßgefängnis.

Nur Karl Samenfeld wurde wegen seines Alters auf einem Handwagen gefahren. Nach einigen Stunden wurden alle wieder freigelassen. Die Behandlung im Gefängnis ist unmöglich zu schildern. Allen Juden wurde befohlen, schnellstens auf eigene Kosten die zerstörten Wohnungen wieder herzurichten. Wenige Tage nach der Aktion verstarb der greise Karl Samenfeld [am 11. Januar 1939 im Alter von 86 Jahren]. Während der Ereignisse kam plötzlich unser Gendarm [Polizeioberwachtmeister Heinrich Schneidewind] herein, nahm seine Pistole genommen und hat sie meiner Mutter vorgesetzt. Da hat sie gesagt: ‚Schieß doch schon.‘ Er erwiderte: ‚Ich würde ja schießen, aber da müsste ich ja hinterher den Spachtel nehmen und den Dreck wegmachen.‘“

Der SA-Mann Evers aus der Kolkstraße (bis 1935: Judenstraße) lief weinend zu seinem Vater in dessen Tischlerwerkstatt, er konnte es nicht ertragen, seine Kameraden auf dem Klavier der Familie Roberg herumspringen zu sehen. An den Wänden in der Wohnung hingen die Diplome und Auszeichnungen, die der verstorbene Familienvater und Schlachtermeister Alfred Roberg im Laufe seines Lebens bekommen hatte, auch aus seiner Zeit in den Vereinigten Staaten.

Günter Roberg konnte noch 1940 nach Palästina fliehen. Er lebte zuletzt in Kiryat Bialik bei Haifa und starb dort im Jahr 2014.

Informationstafel am Gebäude in der Langen Straße 22 zur Erinnerung an die Familie Roberg. Foto: Falk Liebezeit

Günter Roberg im Jahr 2010. Stadt Diepholz

Justizielle Ahndung

Über Strafprozesse gegen die Täter der Pogromnacht in Diepholz ist nichts bekannt. Allerdings gab es im August 1946 einen Beschluss des Rates der Stadt Diepholz, nach dem die fünf Männer, die in die Synagoge eingebrochen waren, die Schäden am Gebäude beheben lassen mussten. Ihre Namen standen auch 1950/51 in Zeitungsberichten – in der 50 km entfernten Nachbarkreisstadt Syke mit vollen Namen, in Diepholz nur mit den Initialen, die jedoch damals jeder Einheimische mühelos auflösen konnte.

Spuren und Gedenken

Als im UNRRA-Lager auf dem ehemaligen Fliegerhorst (1938-1944) im Jahr 1953 keine Juden mehr lebten für die ein Bethaus benötigt wurde, verkaufte das Jewish Trust Committee in Hannover das Gebäude an die benachbarte Auto-Werkstatt Wilh. Paradiek. Es wurde später wegen Einsturzgefahr abgebrochen. Am Nachfolgegebäude, mittlerweile ein Optikergeschäft, ist eine Erinnerungstafel angebracht, die zunächst von Stadtarchiv und Bauamt initiiert wurde und mittlerweile vom Heimatverein Diepholz gepflegt wird.

Im Jahr 1962 fährt der Schuhmachermeister Fritz Schröder aus der Langen Straße in Diepholz zu seinem früheren Nachbarn Günter Roberg nach Israel. Bei dem Schuhmacher arbeitete auch Klaus Eickenhorst aus Lemförde, der den CVJM Lemförde leitete. 1963 bringt der CVJM mit Erlaubnis des Bürgermeisters Ey den jüdischen Friedhof in Ordnung, als sie erfahren dass Günter Roberg die Gräber seiner Großeltern besuchen möchte, die dort bestattet sind. Später übernimmt die Stadt Diepholz die Rasen- und Baumpflege auf dem jüdischen Friedhof.

Im Jahr 1978 befragen drei Schüler des Diepholzer Gymnasium ältere Einwohner zu ihren Erinnerungen an jüdische Mitbürger. Das Diepholzer Kreisblatt berichtet darüber im Dezember 1978.

Der Bürgermeister Oskar Bödeker erwähnt 1986 in einer öffentlichen Sondersitzung des Stadtrats zum 9./10. November 1938 unter anderem, dass die Fontheim- und die Roberg-Strasse nach ehemaligen jüdischen Mitbürger benannt worden seien. Außerdem hatte es Gespräche mit dem Ehepaar Roberg gegeben und Ewald Samenfeld lud den Bürgermeister zu sich nach Riveira bei Buenos Aires ein.

Im Juli 1994 werden vor dem Schulhof der Mühlenkamp-Grundschule, die in den 1950er Jahren erbaut worden war, bei Straßenbauarbeiten unter dem Asphalt Bruchstücke von Grabsteinen mit hebräischen Buchstaben gefunden. Die Firma Wragge bricht daraufhin die Arbeiten ab und informiert das städtische Bauamt. Die Bruchstücke gelangen ins Stadtarchiv und werden im Ratssaal der Öffentlichkeit gezeigt. Es wird der Gedanke entwickelt, daraus ein Mahnmal auf dem jüdischen Friedhof zu konzipieren. Es wird ein Wettbewerb unter den Diepholzer Schulen veranstaltet, der 23 Vorschläge hervorbringt. Der Entwurf der beiden Abiturienten des Jahrgangs 1995/96 Mirco Oetting und Thomas Staggl wird unter Mitwirkung des Zentralverbands der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen in Hannover, Günter Roberg in Israel und dem „Arbeitskreis jüdische Geschichte im Landkreis Diepholz“ schließlich umgesetzt und 1997 eingeweiht.

Diepholz Friedhof

Eingang zum jüdischen Friedhof. Foto: Falk Liebezeit

Weiterführende Literatur und Links

Kurth, Hilmar, Günter Roberg erinnert sich, Diepholz 1998.

Liebezeit, Falk / Major, Herbert,  Auf den Spuren jüdischer Geschichte in Diepholz, Diepholz 1999.

Liebezeit, Falk / Schröder, Reinald / Sobetzki-Petzold, Peter, Stationen jüdischen Lebens in Diepholz. Ein Stadtrundgang, Diepholz 2010.

Jüdische Regionalgeschichte im Landkreis Diepholz

 

Autor: Falk Liebezeit, Diepholz