November­pogrome
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1938 in Niedersachsen

Achim

Vorgeschichte

Die ersten Hinweise auf in der Stadt Achim ansässige Juden stammen aus dem 18. Jahrhundert. Jacob Alexander erhielt am 7. Oktober 1746 von der Kurfürstlichen Regierung einen „Judenschutzbrief“, der ihm gegen bestimmte Zahlungen eine Aufenthaltsberechtigung und eine Handels- und Schlachtlizenz sowie den Schutz des Eigentums und des eigenen Lebenssicherte. Auch für jeden seiner Söhne beantragte Jacob Alexander „Judenschutzbriefe“. Die zweite jüdische Familie zog um 1800 nach Achim. Nathan Levi Anspacher fand als Knecht Arbeit bei einem der Söhne Alexanders. Im Jahr 1843 gab es mit dem Zuzug der Familie Alexander Seligmann den ersten jüdischen Privatlehrer in Achim.

Eine Volkszählung im Jahr 1852 zeigt, dass sich unter 11.909 Einwohnern mittlerweile 30 Juden befanden. Seit dieser Zeit kamen immer mehr jüdische Familien nach Achim und jüdisches Leben wurde Stück für Stück zu einem Teil der Stadt.

Im Jahr 1864 wurde durch die Spende von Elias Alexander eine Synagoge für die jüdische Gemeinde errichtet. Diese befand sich auf dem Grundstück des Spenders, einem Hinterhof in der heutigen Synagogenstraße und erhielt den inoffiziellen Namen „Scheune mit Synagoge“. Die Synagoge war nicht sonderlich auffällig und von einem herkömmlichen Wohnhaus nicht zu unterscheiden. Die Innenausstattung und -einrichtung beschränkte sich nur auf das Nötigste.

Ein Bericht über einen jüdischen Feiertag sowie eine Vielzahl an Anzeigen jüdischer Geschäftsleute in Achim in der seit 1878 erscheinenden Achimer Zeitung macht deutlich, dass jüdisches Leben in Achim in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts selbstverständlich geworden war. Einige jüdische Geschäftsleute setzen mit der Übernahme bestimmter Ämter in der Gemeinde außerdem ein Zeichen der Assimilation. So wurden im Jahr 1888 Alfred Moses Heilbronn Agent der Gesellschaft „Equitable“ und der Kaufmann Alexander zum Wahlmann der 3. Abteilung im „Oelfkeschen Locale“ ernannt.

Allerdings gab es auch immer wieder Zeichen von Antisemitismus. In der Ausgabe des Achimer Kreisblatts vom 24. August 1889 veröffentlichte die lutherische Kirchengemeinde der Stadt Achim einen Aufruf, der die Ablehnung des jüdischen Glaubens deutlich machte und die Achimer Nichtjuden zur „Judenmission“ anhielt.

Im Februar 1890 kam es zu ersten Ausschreitungen, als eine große Fensterscheibe des Hauses von Jakob Alexander und fünf weitere Scheiben des Kornhauses eingeschlagen wurden.

Der seit dem 19. Jahrhundert bestehende jüdische Friedhof wurde wiederholt das Ziel judenfeindlicher Übergriffe. 1892 zündeten Achimer Schüler das trockene Gras des Friedhofs an, was hinterher lediglich als „Schuljungenstreich“ abgetan wurde. Im Mai 1900 kam es zu stärkeren Verwüstungen. Der Grabhügel sowie Steine und Inschriften wurden in Mitleidenschaft gezogen. Die Stadt Achim zeigte sich solidarisch mit der jüdischen Gemeinde und lobte eine Belohnung von 50 Mark für die Ergreifung des Täters aus. Auch das Kreisblatt berichtete von den Ereignissen und beschrieb diese als „Rohheit“, betitelte die Handlung der Täter oder des Täters im Laufe des Berichts jedoch verharmlosend als „Unfug“.

Das Jahr 1913 war für die Juden in Achim im Hinblick auf die Bildung von besonderer Bedeutung. Mit der Anerkennung der jüdischen Schule als öffentliche Schule wurden auch die Abschlüsse der Schule anerkannt, und die Schule konnte auf finanzielle Unterstützung des Staates hoffen. Im selben Jahr betrug der Anteil von Juden an der Ortsbevölkerung etwa zwei Prozent.

Während des Ersten Weltkrieges verlief das Leben der Achimer Juden kaum anders als das der nichtjüdischen Bevölkerung. Viele Achimer Juden kämpften als Soldaten an der Front. Auch nach dem Krieg engagierten sich die Achimer Juden im städtischen Leben.

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war besonders durch wirtschaftlichen Aufschwung geprägt, die jüdischen Geschäfte und Unternehmen hatten ein gutes Einkommen und waren endgültig in die Achimer Bevölkerung integriert. Viele Achimer Bürger berichteten von der Großzügigkeit der jüdischen Geschäftsleute. Dabei sind besonders die Familien Heilbronn (Textilwarengeschäft) und Anspacher zu nennen, die größere Geschäfte in Achim besaßen. Der Viehhändler Anspacher leistete kleinen Bauern immer wieder Unterstützung, wenn diese durch das Sterben ihrer Tiere vor dem Ruin standen. Viele Achimer Juden beteiligten sich darüber hinaus durch Mitgliedschaften in Vereinen, besonders im örtlichen Schützenverein, am Gemeinschaftsleben der Bremer Vorstadt. 1929 zählten zehn jüdische Familien zur Achimer Bevölkerung.

Am 21. April 1924 kam es jedoch wieder einmal zu Ausschreitungen auf dem jüdischen Friedhof. Das Kriegerdenkmal der Gefallenen im ersten Weltkrieg wurde mit Steinen beworfen, außerdem versuchten Unbekannte, den Gedenkstein umzustoßen und beschmierten diesen mit Hakenkreuzen

Mit dem Antritt der „Deutschen Freiheitsbewegung“ bei den Reichstagswahlen 1924 begann in Achim die Hetze gegen die jüdische Gemeinde, federführend durch den ersten Ortsgruppenleiter Wilhelm Rieke. Aus dieser „Bewegung“ ging später die Achimer Ortsgruppe der NSDAP hervor. Aus Archivberichten geht hervor, dass es immer wieder Versammlungen mehrerer Nationalsozialisten vor dem Gasthaus „Gieschens Hof“ gab. Von dort zogen diese, antisemitische Parolen grölend, weiter zum Textilwarengeschäft der jüdischen Familie Heilbronn. Sie sangen:

„So steh’n die Sturmkolonnen zum Rassenkampf bereit.
Erst wenn die Juden bluten, erst dann sind wir befreit.
Kein Wort mehr vom Verhandeln, was doch nichts nützen kann.
Mit unserem Adolf Hitler wir greifen euch mutig an.
Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig!
Laßt die Messer flutschen in den Judenleib!
Blut muss fließen knüppeldick.
Wir scheißen auf die Freiheit der Judenrepublik.“

Zu organisierten Übergriffen gegen die Achimer Juden kam es nach der Machtübernahme der NSDAP am 30. Januar 1933. Achimer Altgardisten gründeten in dieser Zeit eine SA-Abteilung. Trotz der zunehmenden judenfeindlichen Aktionen standen die Achimer Juden bei einer Gedenkfeier am Kriegerdenkmal auf dem jüdischen Friedhof im März 1933 treu zum deutschen Staat.

Der reichsweite Boykott jüdischer Geschäfte ging auch nicht an der Stadt Achim vorbei.  SA-Angehörige postierten sich am 1. April 1933 vor den jüdischen Geschäften. Berichten zufolge fotografierte ein Mann Kunden vor dem Textilwarengeschäft Heilbronn, um diese einzuschüchtern. Der Plan ging auf. Nach dem Boykott kauften immer weniger Kunden in den Geschäften der Achimer Juden ein. Auch das Achimer Kreisblatt stimmte bald in die antisemitische Hetze ein. Ab 1936 war es der Synagogengemeinde untersagt, in der Volksschule jüdischen Religionsunterricht zu geben.

1936 wanderten wegen der zunehmenden Ausgrenzung und Verfolgung die ersten Juden Achims aus. Kurt Heilbronn, der Sohn Siegried Heilbronns, begann in Manchester ein neues Leben. Im Juli 1937 verließ auch sein Bruder Hans die Stadt und fand in Los Angeles ein neues Zuhause. Im selben Jahr beschlossen Wilhelm Seligmann und seine Frau Deutschland zu verlassen. Vorher war die Tochter Johanna in der Schule als „Judensau“ beschimpft und mit Steinen beworfen worden. Die Großmutter des Mädchens unternahm einen Selbstmordversuch, der jedoch durch das NSDAP-Mitglied Hermann Haake verhindert worden konnte. Für Haake bedeutete dies den Ausschluss aus der Partei.

Doch nicht nur die Seligmanns bekamen den Judenhass der Nationalsozialisten zu spüren. Die Hetze trieb viele Achimer Juden in die Flucht. Viele versuchten im Jahr 1936 und 1937, in Bremen ein neues Leben anzufangen, weil sie hofften, in einer Großstadt weniger aufzufallen und so den Anfeindungen zu entgehen. Nach einiger Zeit wurde aber deutlich, dass diese Hoffnungen Trugschlüsse waren. Auch in Bremen war die Hetze gegen Juden weit verbreitet.

Im August 1938 mussten die Achimer Juden sich in Listen eintragen und ab Oktober ihre Geschäfte mit Plakaten als „jüdisch“ kennzeichnen.

Während die jüdische Synagogengemeinde Achim zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch 80 Mitglieder zählte, gab es 1939 nur noch 13 Juden in der Bremer Vorstadt.

Die Ereignisse im November 1938

In der Pogromnacht vom 9. November bis 10. November 1938 blieb in Achim kein Gebäude jüdischer Eigentümer unbeschädigt. Die Achimer Nationalsozialisten trafen sich vor der Synagoge im Hinterhof des jüdischen Unternehmers Alexander. Dem Bericht von Zeitzeugen zufolge wurde die Einrichtung der Synagoge zu Brennholz zerkleinert und von den Achimern mitgenommen, um ihren Vorrat aufzufüllen. Die Seitentüren wurden komplett zerstört. Außerdem soll es in der Synagoge ein Fass gegeben haben, indem die Nationalsozialisten religiöse Utensilien verbrannten. Die Synagoge selbst wurde nicht angesteckt, nachdem der Besitzer des benachbarten Hotels „Gieschens Hof“ die anwesenden SA-Männer gebeten hatte, auf die Brandstiftung zu verzichten, weil er befürchtete, dass das Feuer auf das Hotel übergreifen könnte. Im Achimer Kreisblatt hieß es am Folgetag:

„Es wäre wahrscheinlich in Flammen aufgegangen, wenn nicht für die unmittelbar angrenzenden Häuser Gefahr bestanden hätte. Von dem flammenden Zorn unserer Achimer Volksgenossen erhält man ein Bild, wenn man die Überreste dieses schmierigen Judentempels sieht: es blieb buchstäblich kein Stück aufeinander, und daß unser Ort niemals wieder durch ein ähnliches ‚Kleinod‘ verbrecherischer Giftmischerei verschandelt wird, das sind wir den Ermordeten der Bewegung schuldig.“

Nach der Zerstörung der Achimer Synagoge zogen die angestachelten Nationalsozialisten der Stadt Achim zu den Wohnhäusern und Geschäften weiterer Juden. Die Polizei schritt nicht ein. Der Mob durchsuchte die Wohnungen, schlug die Fensterscheiben ein, plünderte die Auslagen und beschmierte die Hauswände. Der Zeitzeuge Karl Ravens berichtet von völlig zerstörten Fenstern des Hauses Seligmann und vom zerschlagenen Mobiliar des Bekleidungsgeschäfts der Familie Heilbronn, sowie von den Auslagen, die völlig durchwühlt waren. Jedes verwüstete Geschäft oder Wohnhaus wurde am nächsten Tag von SA-Mitgliedern bewacht.

Am Folgetag des 10. November berichtete das Achimer Kreisblatt hauptsächlich von der „Durchsuchung“ des Hauses der Familie Anspacher. Man habe eine Menge Tausendmarkscheine gefunden sowie Mengen an Altsilber, Nickel und Kupfer. Laut der Darstellung des Kreisblatts hielten die Anspachers diese Kostbarkeiten absichtlich zurück, um der deutschen Wirtschaft zu schaden. Der Abtransport habe aufgrund des umfangreichen beschlagnahmten Besitzes stundenlange Arbeit beansprucht. Allgemein rechtfertigte das Kreisblatt die Ausschreitungen in Achim als „eine Antwort auf die feige jüdische Mordtat“ von Paris.

In der Pogromnacht wurden mehrere Achimer Juden verhaftet und in das örtliche Gefängnis gebracht. Über Bremen wurden die Männer am nächsten Tag in das KZ Sachsenhausen transportiert. Für die Kinder war in Bremen allerdings Stopp. Sie durften zurück in ihre Heimatstadt Achim. Nach der Ankunft der Gefangenen im KZ Sachsenhausen ließ die SS ihre Gefangenen 25 Stunden bei eisiger Novemberkälte auf dem Appellplatz verharren. Einige der verhafteten Juden befanden sich noch im Schlafanzug, da sie ohne Vorwarnung aus ihren Betten gerissen worden waren. Viele waren über den Grund ihrer Verhaftung im Unklaren. Später wurden die Festnahmen damit begründet, dass jeder Jude für die Mordtat an Ernst von Rath zu büßen habe und als Geisel dafür hafte, dass kein weiterer Mord geschehe.

Gebäude Achim

In diesem Haus befand sich früher das Textilwarengeschäft der Familie Heilbronn. Derzeit (2018) steht es leer. Foto: Ann-Christin Weber

Gebäude Achim

Das Hotel „Gieschens Hof“, 2018. Foto: Ann-Christin Weber

Folgen

Im Unterschied zu vielen anderen überlebten alle Achimer Juden die Haft im KZ Sachsenhausen. Die meisten von ihnen blieben dort bis Weihnachten 1938. Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg wie Hermann Anspacher wurden jedoch schon früher entlassen. Der 73jährige Mann wurde nach seiner Rückkehr nach Achim aufgefordert, die Schäden in der Kornstraße, die in der Reichspogromnacht entstanden waren, auf eigene Kosten zu beseitigen. Die anderen aus dem KZ Sachsenhausen zurückkehrenden Juden blieben erst einmal in Achim, versuchten nun aber die Emigration zu forcieren.

1938/39 gelang es mehreren Achimer Juden, zu emigrieren. 1938 verließen Rosi Heilbronn und ihr Ehemann Wolf Podolsky die Stadt Achim, ebenso wie Ingeborg Anspacher. 1939 verließen zehn weitere Achimer Juden das Land. Außerdem planten drei weitere Familien die Auswanderung, blieben jedoch trotz intensiver Vorbereitungen aus unbekannten Gründen in Achim zurück. Insgesamt verließen zwischen 1936 und 1939 insgesamt 17 jüdische Bürgerinnen und Bürger die Stadt Achim, um dem nationalsozialistischen Terror zu entkommen. Die Novemberpogrome beschleunigten die Auswanderungsbemühungen.

Von dem „Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden“, das am 30. April 1939, wenige Monate nach der Pogromnacht, in Kraft trat, war besonders die Familie von Paul Anspacher betroffen, die bei einer alleinstehenden deutschen Frau zur Miete wohnte. Diese befolgte das Gesetz bis September 1939 allerdings nicht, da sie davon ausging, dass die jüdische Familie ohnehin bald auswandern würde. Auf Druck des Ortsgruppenleiters und des Bürgermeisters kündigte die Vermieterin der Familie zum 1. Oktober 1939 doch.

Bis zum Februar 1940 wechselten vier Mietshäuser ihren Eigentümer. Die zerstörte Synagoge wurde noch am 16. Januar 1939 für 1200 Reichsmark an Wilhelm Braun verkauft. Fortan wurde das ehemalige Gotteshaus als Lagerschuppen genutzt. Der Großteil jüdischen Eigentums in Achim war somit bis 1940 „arisiert“.

In der folgenden Zeit kannen die Anfeindungen gegen Juden in Achim keine Grenzen mehr. Ein Nationalsozialist stieß im Jahr 1940 alle Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof um. 1941 verschlechterte sich die Lage der in Achim verbliebenen Juden weiter. Wie überall im Reichsgebiet wurden sie gezwungen, einen Davidstern auf der Kleidung zu tragen. Im November 1941 erfolgte die Deportation der Juden in Achim. Ausgenommen blieben nur die Familie Seligmann und einige jüdische Frauen, die in „Mischehen“ lebten. Nach der vier- bis fünftägigen Zugfahrt erreichten die Achimer Juden das Ghetto Minsk. Dort fanden die Angehörigen der Familie Paul Alexander, Louis Friedemann und Erich Harf bei einer der „großen Säuberungen“ den Tod. Günther Anspacher konnte rechtzeitig aus dem Ghetto fliehen. Sein weiteres Schicksal ist nicht bekannt.

Über das Schicksal der in „Mischehen“ lebenden Achimer Jüdinnen ist nichts Weiteres bekannt. Die wenigen in Achim und Bremen verbliebenen Juden wurden im Sommer 1942 ins Ghetto Minsk deportiert. Dort starben mehrere Achimer Juden und Jüdinnen unter großen Qualen. Andere wurden von Minsk in das Vernichtungslager Ausschwitz-Birkenau deportiert.

Biografie - Kurt Anspacher

Kurt Anspacher wurde am 1. Mai 1925 als Sohn von Emma und Albert Anspacher geboren und verbrachte seine Kindheit in der Obernstraße 45. Schon im Jahr 1935 wurden dem jungen Kurt die Anfeindungen gegen seinen Glauben bewusst. Auf seiner Bar-Mitzwa-Feier wurden die Scheiben der Synagoge von Nationalsozialisten mit Steinen eingeworfen. In der Pogromnacht verhaftete die Polizei Kurt. Im Gegensatz zu den erwachsenen Juden aus Achim wurde der 13-Jährige jedoch nicht in das KZ Sachsenhausen gebracht und konnte bald nach Hause zurückkehren. Allerdings wurde ihm verboten, weiter die Volksschule in Achim zu besuchen. Sein Vater wurde im Dezember 1938 aus dem KZ Sachsenhausen entlassen

Nach dem fehlgeschlagenen Versuch seiner Familie, auszuwandern, wurden Kurt und seine Eltern im November 1941 nach Minsk deportiert. „Uns wurde gesagt, wir würden umgesiedelt werden, nach Russland, um das Land aufzubauen“, sagt Anspacher in einem Interview. Im Ghetto wurde Kurt Anspacher mit gerade einmal 16 Jahren mit furchtbaren Dingen konfrontiert. So wurde er etwa schon bald gezwungen, neben den Leichen verstorbener Juden zu schlafen. Der Cousin von Kurt Günther Anspacher floh, wie Anspacher später berichtete, „mit einem russischen Mädchen zu den Partisanen“. Zur Strafe brachte die SS alle Familienmitglieder, auch Kurt, auf den Appellplatz, um sie dort zu erschießen. Kurt Anspacher entging der Erschießung, indem er sich unter eine Arbeitskolonne mischte, die gerade am Appellplatz vorbeizog. Seine Eltern Emma und Albert Anspacher hingegen wurden ermordet.

Als Waise durchlief Kurt Anspacher anschließend verschiedene Lager: Budzyn, Treblinka, Mielec, Flossenbürg, Kamenz, Mauthausen und Dachau. Dort wurde Kurt Anspacher am 29. April 1945 von amerikanischen Soldaten befreit. Er wog zu diesem Zeitpunkt noch 33 Kilogramm. Die Amerikaner wiesen ihn in ein Krankenhaus ein, dass er jedoch nach einigen Wochen verließ, weil er fürchtete, von den deutschen Ärzten getötet zu werden. Nun kehrte er nach Achim zurück. Dort erwartete ihn allerdings eine Enttäuschung. Das Elternhaus war, wie er später berichtete, „voller Deutscher“. Bei einem Arztbesuch wurden bei ihm Tuberkulose (TBC) und Typhus diagnostiziert. Da er entgegen der Anweisung des Arztes nicht nach Goslar in ein Krankenhaus ging, wurde er von Bremen aus in ein TBC-Sanatorium nach Davos in der Schweiz eingewiesen.

Vorher hatte er laut eines Protokollauszugs des Gemeindeausschusses vom 3. April 1946 die Stadt Achim um die Rückgabe des Elternhauses in der Langenstraße 90 gebeten. Aufgrund seines Sanatorium-Aufenthalts wurde der Antrag jedoch zurückgestellt. Ob er jemals bearbeitet wurde, geht aus den Archivunterlagen nicht hervor. Im Jahr 1948 wanderte Kurt Anspacher nach Chicago in den USA aus und lernte dort seine Ehefrau Eleanor Parker kennen. Mit seiner Heirat im Jahr 1973 nahm er den Nachnamen seiner Frau an und hieß fortan Curt Parker.

Die Stadt Achim hatte gelegentlich Kontakt mit dem Zeitzeugen und es wurden Interviews für die Archive angefertigt. Auch im Rahmen des sogenannten Spielberg-Projektes entstand ein Videointerview mit ihm. Der einzige Achimer Jude, der den Holocaust überlebt hatte, starb im Jahr 2011

Biografie - Albert Seligman

Albert Seligmann wurde am 9. Mai 1869 in Ronnenberg geboren. In den 1890er Jahren zog er nach Achim, wo er im September 1894 Nanny Alexander heiratete. Familie Seligmann lebte in der Obernstraße 116. Albert Seligmann wurde ein angesehener Bürger der Stadt und übernahm zwei wichtige Ämter: 1913 wurde er zum Obermeister der Schlachterinnung im Kreis Achim ernannt, und  nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde er Vorstandsmitglied in der Ortsgruppe der Deutschen Demokratischen Partei der Stadt Achim. Im Ersten Weltkrieg wurde er mit dem Eisernen Kreuz erster und zweiter Klasse geehrt. Sein Sohn Hugo überlebte den Krieg nicht.

In den 1920er Jahren, als in Achim der Antisemitismus zunahm, versuchte Albert Seligmann stetig die jüdische Gemeinde zu verteidigen. So zeigte er 1924 den Ortsvorsteher Pape an, den er dabei beobachtet hatte, wie er ein Plakat des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten“ überschrieb. Im gleichen Jahr wurde bei einer Versammlung der „Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung“ eine Rede mit judenfeindlichen Äußerungen gehalten. Seligmann versuchte vergeblich dagegen vorzugehen und die Anfeindungen als Vorurteile bloßzustellen.

Bereits vor den Geschäftsboykotten im Jahr 1933 gingen SA-Mitglieder gegen die Metzgerei Seligmann vor. Sie postieren sich am Gasthaus an der Ueser Brücke und wollen die Fleischlieferung an die Metzgerei blockieren. Während des Aprilboykotts 1933 hielt Seligmann sein Geschäft geschlossen. Die SA hängte trotzdem ein Hetzplakat an die Geschäftsfront.

1937 musste Seligmann sein Geschäft aufgeben, da ihm die Gewerbegenehmigung unter dem Vorwand, er habe Steuern hinterzogen, entzogen wurde. Beschwerden Seligmanns beim Landrat und beim Reichsinnenministerium waren erfolglos geblieben. Auch der Versuch, das Geschäft an seinen verbliebenen Sohn Wilhelm zu überschreiben, scheiterte, da dieser von den Behörden als „notorisch unzuverlässig“ eingestuft wurde. Wenig später wanderte Wilhelm Seligmann mit seiner Familie in die USA aus. Nach Kriegsbeginn zogen Albert Seligmann und seine Frau Jenny (Nanny) nach Bremen in ein „Judenhaus“. Von dort wurden die beiden in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie am 23. Juli 1942 starben.

Biografie - Liesel Anspacher

Liesel Anspacher wurde als zweites Kind von Lilli und Carl Anspacher am 7. April 1924 in Achim geboren. Gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Günther besuchte sie die Volksschule am Ort. Nach der Pogromnacht war es ihr, den Dokumenten zufolge, ab dem 12. November 1938 nicht mehr erlaubt, die Schule zu besuchen. Zusammen mit ihrer Familie wurde Liesel Anspacher am 17. November 1941 in das Ghetto Minsk deportiert. Laut dem Zeitzeugen Kurt Osmers-Cohrs traf Liesel Anspacher dort in der Schneiderei, in der sie Zwangsarbeit verrichten musste, Lotte Alexander wieder, die ebenfalls aus Achim stammte. Dem Bericht nach wussten beide, dass sie ein grausamer Tod erwarten würde, weswegen sich die beiden „für immer“ voneinander verabschiedeten. Die Spuren von Liesel Anspacher und ihrer Familie verlieren sich im Ghetto Minsk.

Justizielle Ahndung

Es ist nicht bekannt, ob es nach 1945 Versuche gab, rechtlich gegen Bürger aus Achim vorzugehen, die sich an den Pogromen und bei der Zerstörung jüdischer Geschäfte, Häuser und der Synagoge beteiligt hatten.

Spuren und Gedenken

An der ehemaligen Synagoge erinnert seit 1990 ein Denkmal an die ermordete jüdische Bevölkerung Achims. Mauern aus Basaltsteinen sollen den Umriss der Synagoge nachzeichnen. In einem Mauerteil befindet sich ein Schmuckstein mit einem zerbrochenen Davidstern. Dieser stammt aus den Überresten der in der Pogromnacht zerstörten Achimer Synagoge. Außerdem befindet sich auf Augenhöhe eine Kupfertafel, die folgende Inschrift trägt:

„Zum Gedenken an unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger
Und an die Synagoge, die hier gestanden hat. Am 9.November 1938
Wurde sie mutwillig zerstört.
Vergessen führt in die Verbannung. Erinnern ist jedoch das
Geheimnis der Befreiung.“

Das Synagogendenkmal wurde am 21. Mai 1990 eingeweiht. Das Denkmal befindet sich an der Anspacherstraße und dem „Synagogenweg“, einem kleinen Fußweg.

Am 9. November 1988 fand anlässlich des 50. Jahrestages der Pogromnacht ein Schweigemarsch statt, an dem circa 800 Bürger und Bürgerinnen beteiligt waren – für Achim, das gut 30.000 Einwohner zählt, eine recht beachtliche Zahl. Startpunkt des von der evangelischen Kirchengemeinde organisierten Marschs war der jüdische Friedhof. Ein ökumenischer Gottesdienst in der St. Laurentius-Kirche beendete das Ereignis.

Der jüdische Friedhof in Achim wird gepflegt und kann ohne vorherige Anmeldung nicht betreten werden. Aufgrund seiner etwas abgelegenen Lage ist der Friedhof den meisten Achimern unbekannt.

Drei Straßennamen erinnern in Achim an das ausgelöschte jüdische Leben der Stadt: der Synagogenweg direkt am Synagogendenkmal (dieses wurde 1990 eingeweiht), die Anspacherstraße, die Kurt Anspacher gewidmet ist, und die Heilbronnstraße, benannt nach der Familie Heilbronn, die dort ein Textilwarengeschäft betrieben hatte. Der Umbenennung der Straße am „Schmiedeberg“ in Heilbronnstraße im Jahr 1994 waren einige öffentliche Debatten vorausgegangen. Zunächst hatte die SPD-Fraktion im Stadtrat beantragt, den Platz vor dem ehemaligen Textilwarengeschäft der Familie Heilbronn in „Heilbronnplatz“ umzutaufen. Dieser Antrag stieß jedoch auf Ablehnung. Die Grünen schlugen stattdessen vor, den Platz in „Stadtplatz“ umzubenennen. Auch die CDU war für einen anderen Namen. Es wurde sich letztendlich 1994 darauf geeinigt, dass ein Durchgang zwischen den Geschäften Rumsfeld und Rewe „Heilbronnstraße“ benannt wird.

Auch das Setzen einiger der 19 Stolpersteine in Achim sorgte bei manchen Bürgern für Unmut, besonders bei den Besitzern einiger Häuser, vor denen Steine gesetzt wurden. Offenbar befürchteten die Hauseigentümer Anfeindungen. Die Häuser werden heute noch bewohnt. Die Idee, mit den Stolpersteinen ein Denkmal in Achim für die in den Vernichtungslagern ermordeten Juden zu setzen, kam von der Initiative „Achimer Appell“. Die durch Paten finanzierten Stolpersteine werden seither gut in Stand gehalten und zuletzt im Mai 2018 wieder auf Hochglanz gebracht. Allerdings beteiligten sich nur recht wenige Bürger an der Putzaktion.

Ein weiteres Zeichen für die Opfer des Nationalsozialismus ist die Namensgebung der Hauptschule in Achim, die seit 2015 Liesel-Anspacher-Schule heißt und damit an eine junge Jüdin aus Achim erinnert, die im Ghetto Minsk ihr Leben ließ. Die Idee für den Namen kam der Achimer Bürgerin Edith Bielefeld. Bei einer Gedenkveranstaltung an den Stolpersteinen wurde sie von Vertretern der Hauptschule Achim darauf aufmerksam gemacht, dass ein neuer Name für die Schule gesucht werde. Edith Bielefeld, die auch Patin für den Stolperstein der Namenspatronin ist, hielt den Namen von Liesel Anspacher für die Namensgebung der Schule für geeignet, da die junge Jüdin ebenfalls in Achim zur Schule gegangen ist. Die Schule setzte den Vorschlag um. Da es vor der offiziellen Umbenennung kein Foto von Liesel Anspacher gab, trat Edith Bielefeld mit Clemens Schultz, dem Cousin der Namenspatronin, der heute in Amerika lebt, in Kontakt und fragte nach Fotografien und Informationen. Letztlich kamen diese dann von der Witwe des verstorbenen Curt Parker, dem anderen Cousin von Liesel Anspacher. Bei der Einweihung des Namens wurde der Cousin Clemens Schultz live dazu geschaltet.

Trotz der Straßen- und Schulbenennungen sowie der Stolpersteinverlegungen ist die jüdische Vergangenheit der Stadt kaum präsent. Eine aktive Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur findet nur durch eine kleine Gruppe engagierter Bürgerinne und Bürger statt. Positiv hervorzuheben ist das Engagement der Liesel-Anspacher-Schule, die jedes Jahr Projekttage zur Geschichte der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Achim veranstaltet.

Bis heute gibt es keine jüdische Gemeinde in der Stadt Achim.

Das Synagogendenkmal soll an die Zerstörung der Synagoge in Achim in der Pogromnacht erinnern. Es bildet den Grundriss des ehemaligen Gotteshauses ab. Foto: Ann-Christin Weber

Weiterführende Literatur

Beermann, Gerrit/ Hofmann, Kerstin/ Veit, Franziska/ Voß, Andreas: Jüdisches Leben in Achim von den Anfängen bis zur Gegenwart, 2. Auflage, Achim: Arbeitsgemeinschaft Regionalgeschichte Achims des Cato Bontjes van Beek-Gymnasium, 2015.

Griep, Wolfgang: Achimer Juden im Dritten Reich, in: Achimer Geschichts-Hefte. Regionalhistorisches Magazin der Geschichtswerkstatt Achim, Heft 1, November 1988.

Voß, Andreas: Die jüdische Gemeinde in Achim. Schriftliche Hausarbeit zur Prüfung für das Lehramt an Realschulen, unveröffentlichtes Manuskript, Achim 1999.

Autorin: Ann-Christin Weber, Studentin der Leibniz Universität Hannover