November­pogrome
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1938 in Niedersachsen

Verden

Vorgeschichte

Im Bistum Verden sollen bereits um 1300 Juden ansässig gewesen sein. Erst im Jahr 1571 durften drei Juden mit ihren Familien als „Schutzjuden“ für zehn Jahre ohne Bürgerrecht in Verden leben und Handel treiben. Als Gründungsjahr der jüdischen Gemeinde gab der Vorstand das Jahr 1808 an. Nach Abzug der Franzosen und der einsetzenden Restauration erhielten sie den Status von Schutzjuden und unterlagen Gewerbeeinschränkungen. Vermutlich schon 1816 fand der Gottesdienst in einem Betsaal im Privathaus des Ziegelfabrikanten Schragenheim statt. Die jüdische Schule befand sich in der Wohnung des Lehrers. Am 31.08.1858 wurde die neue Synagoge am Johanniswall eingeweiht.1875 zählte die Gemeinde 120 Mitglieder. Der Friedhof der jüdischen Gemeinde am Ahornweg wurde 1834 angelegt. Mindestens 132 Beisetzungen sind nachweisbar. Anfang 1933 wurden in Verden noch 98 jüdische Bürger gezählt.

Der Aufstieg der NSDAP in Verden zeigte sich bei den Reichstagswahlen 1930, als sie mit 16,4 % zweitstärkste Partei nach der SPD wurde. Bei den Reichstags- und Landtagswahlen 1932 war sie in Verden bereits stärkste Partei. Bei der Wahl der Bürgervorsteher der Stadt Verden im März 1933 wurde die NSDAP stärkste Fraktion.

Auch in Verden kam es am 1. April 1933 zu antijüdischen Aktionen. Es wurden alle sechs Ladengeschäfte, die sich in jüdischen Händen befanden, geschlossen und SA-Leute davor postiert. Es folgte eine Reihe von Verordnungen, die für die jüdischen Mitbürger das Ende ihrer wirtschaftlichen Existenz brachten. Rechtsanwalt Dr. Gustav Löwenstein erhielt bereits im April 1933 ein Vertretungsverbot. Den fünf Verdener Viehhändlern wurde im Dezember 1937 die Viehhandelserlaubnis entzogen. Am Vorabend der Pogromnacht existierten nur noch vier jüdische Einzelhandelsbetriebe und die jüdische Gemeinde bestand noch aus 39 Mitgliedern.

 

Synagogengemälde. Domherrenhaus – Historisches Museum Verden/Bildersammlung, Nr. 3867

Die Ereignisse im November 1938

Am 9. November, vermutlich schon vor Mitternacht, schlugen Angehörige der Verdener SA Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte ein. Zu Plünderungen oder Zerstörungen der Ladeneinrichtungen kam es nicht. Vierzehn jüdische Männer wurden von SA-Leuten in ihren Wohnungen festgenommen. Zu Ausschreitungen in den Wohnungen kam es nicht. Die Opfer wurden zunächst zur Gestapo gebracht und später ins Verdener Gerichtsgefängnis eingeliefert.

Gegen fünf Uhr morgens brachen drei Männer in die Synagoge am Johanniswall ein, steckten sie in Brand und verließen wieder das Gebäude. Als die Feuerwehr kurz danach eintraf brannte das Feuer mit mäßiger Flamme. Ein Gestapobeamter verbot den Feuerwehrmännern zu löschen. Der inzwischen eingetroffene Landrat Dr. Karl Weber begrüßte den Brandmeister mit den Worten: „Endlich mal eine vernünftige Maßnahme gegen die Juden.“ Gestapo-Leute und SA-Männer entwendeten Kultgegenstände (Thorarollen, Ehrentafel für die im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Mitglieder) und Möbelstücke, die sich in der Wohnung des Rabbiners Grünfeld befanden, der mit seiner Familie wenige Tage zuvor ausgewiesen worden war.

Am Morgen des 10. November standen nur noch die Außenmauern des Gotteshauses. Schaulustige waren zugegen und der Rektor der Nicolaischule, Hermann Thies, führte seine Klasse zum Tatort, wo sie ein Lied singen und anschließend singend durch die Stadt marschieren musste. Ungefähr zehn SA-Mitglieder ließen sich auf einem Schutthaufen vor der Synagoge fotografieren. Gleichzeitig standen auf der Straßenseite gegenüber mehrere SA-Führer, die sich unter Händeschütteln offensichtlich zum Erfolg gratulierten.

Die Brandstifter wurden nicht identifiziert. Im Synagogenbrandprozess von 1948 kam das Gericht zu dem Schluss, dass es sich um Mitglieder der SA-Führungsschule Etelsen gehandelt haben könnte. Nach jetzigem Kenntnisstand muss man davon ausgehen, dass Männer des Verdener SA-Reitersturms, insbesondere der SA-Sturmführer Friedrich Kruse, aktiv an der Brandstiftung beteiligt waren.

Verdener EinwohnerInnen beobachten am 10.11.1938 den Synagogenbrand am Johanniswall Nr. 7. Domherrenhaus – Historisches Museum Verden/Bildersammlung, Nr. 5513

Folgen

Die Verdener Polizei teilte den Ehefrauen der Verhafteten mit, dass man versuchen würde, die Männer in Verden zu behalten. Tatsächlich wurde keiner der Betroffenen in ein KZ eingeliefert. Im Gerichtsgefängnis wurden die Männer jedoch wie Kriminelle behandelt. Sie durften sich auch von keinem „arischen“ Rechtsanwalt vertreten lassen. Unter der Zusicherung, unverzüglich die Auswanderung zu betreiben, wurden die Männer nach zwei bis drei Wochen entlassen.

Die drei Kaufleute, die den Vorstand der Synagogengemeinde bildeten, erklärten sich unter dem massiven Druck im Gefängnis bereits am 12.11.1938 bereit, das Synagogengrundstück an Hilde Grantz zu verkaufen. Deren Ehemann Dr. Wilhelm Grantz war Rechtsanwalt und SS-Obersturmführer beim Sicherheitsdienst (SD) des Reichsführer SS, Abschnitt Bremen. Vom Erlös muss die Gemeinde die Abbrucharbeiten und die Kosten für den Feuerwehreinsatz begleichen. Der jüdische Friedhof wurde 1943 verwüstet.

Nur drei der in der Pogromnacht Verhafteten konnten noch vor Kriegsbeginn auswandern. Danach gelang nur noch zwei Personen die Auswanderung nach Übersee. Fünf weitere Personen übersiedelten nach Holland bzw. Dänemark, von ihnen überlebte nur Horst Baumgarten im Ghetto Theresienstadt. Bis 1940 gelang insgesamt 26 Personen die Auswanderung in ein sicheres Land.

Von den 24 jüdischen Bürgern, die Mitte Oktober 1941 noch in Verden lebten, wurden sechs Personen in das „Judenhaus“ Stifthofstraße 13 und sieben Personen in das nicht arisierte Haus der Familie Spanier in der Predigerstraße 11 eingewiesen. Die restlichen Familien durften weiterhin in den Wohnungen zur Miete wohnen. Vier Wochen später erhielten 21 von ihnen den Deportationsbefehl für den 17.11.1941 ab Verden. Über Bremen und Hamburg ging der Transport in das Ghetto Minsk und dann in das Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk. Nur Martin Spanier überlebte.

 

 

Die Opfer tragen die Kosten. Stadtarchiv Verden

Biografie - Familie David Grünfeld

David Grünfeld wurde am 18. Mai 1897 im polnischen Zelow geboren. Seit 1920 hielt er sich, der als Muttersprache „deutsch“ angab, ununterbrochen in Deutschland auf, behielt aber die polnische Staatsbürgerschaft. Im Jahre 1925 heiratete der „Lehrer und Schächter“ David Grünfeld in Stuttgart Rosa-Frieda Goldberg, die mit ihren Eltern aus „Russisch-Polen“ zugezogen war. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Ernst (Jg. 1926), Manfred (Jg. 1928) und Hanna (Jg. 1936). Von 1927 bis 1937 war David Grünfeld als Kantor und Religionslehrer bei der jüdischen Gemeinde in Papenburg/Ems angestellt. Im Oktober 1937 trat er in dieser Funktion als Nachfolger von Richard Seif seinen Dienst in Verden an. Die Arbeitserlaubnis war bis September 1939 befristet. Die Familie lebte in der Hausmeisterwohnung in der Synagoge.

Am 28. Oktober 1938 wurde das Ehepaar sowie ihre Kinder Manfred und Hanna aufgrund eines Erlasses Himmlers „betreffend Aufenthaltsverbots für Juden polnischer Staatsangehörigkeit“ in Abschiebehaft genommen und noch am selben Tag in Begleitung eines Polizisten in Zivilkleidung nach Hamburg abtransportiert. Der inzwischen im jüdischen Waisenhaus in Hamburg untergebrachte älteste Sohn Ernst sollte dort seiner Familie „zugeführt“ werden. Das jedoch scheiterte, weil er inzwischen per Bahn nach Verden gefahren war. Er wurde umgehend zurückgeschickt, verpasste aber die Abfahrt des Sammeltransportes mit seiner Familie an die deutsch-polnische Grenze nach Neu Benschen und musste wieder zurück in das jüdische Waisenhaus in Hamburg. Am 09. November 1938 hatte David Grünfeld bereits Beschwerde gegen das Aufenthaltsverbot eingelegt. Er erhielt im Pass einen „Ausnahme-Einreisevermerk“ für fünf Wochen, um vorübergehend nach Verden zurückzukehren und sich nach Hamburg „zu seinem Kinde zu begeben“. Er hielt sich nur 20 Tage in Verden auf und meldete sich am 19. Juni 1939 „nach Bentschen, Polen“ ab. Die „Central Database of Shoa Victims´ Names“ nennt für die gesamte deportierte Familie als Todesort Warschau.

Aktenvermerk zur Odyssee von Ernst Grünfeld. Stadtarchiv Verden

 

Feuerwehrleute „sichern“ am 10.11.1938 das Eigentum der Familie Grünfeld. Ehemaliges Fotoarchiv Curt Troue, Privatbesitz Jürgen Woock, Verden

Biografie – Hanni Baumgarten, verh. Friedman

Die wohl abenteuerlichste Flucht gelang Hanni Baumgarten. Sie wurde 1920 in Erfurt als Tochter gut situierter Eltern geboren. Der Vater stammte aus Achim, die Mutter aus Treysa in Hessen. Nach dem frühzeitigen Tode ihrer Eltern kam sie mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Horst im Jahre 1929 nach Verden zu ihrer Tante Henriette Goldschmidt. Ihr Bruder lebte bei Julius und Amalie Löwenstein. Hanni Baumgarten ging von 1932 bis 1937 auf das Lyzeum (heute Gymnasium am Wall). Sie musste ihre schulische Ausbildung unter enormen psychischen Druck ohne Abschluss abbrechen und begann eine Schneiderlehre. Im Oktober 1939 meldete sie sich nach Ahrensdorf ab, wo sich auf dem Landgut eine jüdische Ausbildungsstätte befand, um die Jugendlichen praktisch auf die Ausreise nach Palästina vorzubereiten. Im April 1940 teilte das Zollamt Verden der Ortspolizeibehörde mit, dass Hanni Friedman nach Palästina auswandere. Über Wien und Pressburg per Bahn und dann per Donaudampfer gelangte ihre Gruppe nach Konstanza (Rumänien), wo sie an Bord eines Schiffes ging. Am 01. November 1940 kam sie in Haifa an. Die Engländer befürchteten, dass sich unter so vielen Passagieren aus Deutschland Spione befänden und verbrachten alle Flüchtlinge auf den Dampfer „Patria“, der sie in eine weit abgelegene britische Kolonie bringen sollte. Das Schiff aber explodierte und ging unter. 250 Personen fanden den Tod und nur die, die schwimmend das Ufer erreichten, wurden gerettet und als feindliche Ausländer interniert. Darunter befand sich Hanni Friedman.

Horst Baumgarten ging auf die Nicolaischule und meldete sich im Juni 1939 zur Jüdischen Gartenbauschule nach Ahlem ab, wanderte aber bereits drei Monate später nach Dänemark aus. Im Oktober 1943 wurde er im besetzten Dänemark verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. Im März 1945 gelangte er mit den „Weißen Bussen“ des schwedischen Roten Kreuzes nach Schweden.

Passfoto von Hanni Friedman, geb. Baumgarten (1939). Stadtarchiv Verden

Biografie – Joseph Goldschmidt

Das erste Mordopfer der Nazis wurde der am 11. Oktober 1884 im hessischen Treysa geborene Joseph Goldschmidt. Schon als 14-jähriger verließ er sein Elternhaus, um sich in Hannover an der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer zum Religionslehrer ausbilden zu lassen. Seine erste Anstellung als Lehrer erhielt er 1905 an der jüdischen Volksschule in Delmenhorst. Im Jahre 1909 wählte er Verden als ständigen Wohnsitz. Seinen Lebensunterhalt verdiente er in Verden jedoch überwiegend als Viehhändler.

Von 1927 bis 1932 war er Religionslehrer und Kultusbeamter der Synagogengemeinde Verden. Er war bis zu seiner Scheidung 1934 mit Henriette Goldschmidt, geb. Baumgarten (Jg. 1877), verheiratet. Das Ehepaar hatte zwei Kinder: Renate (Jg. 1911), der die Ausreise nach Palästina gelang, und Walter (Jg. 1921), der am 19. August 1942 im KZ Auschwitz umkam.

Joseph Goldschmidt schied auf eigenen Wunsch aus dem Dienst aus und war danach wieder im Viehhandel tätig. Wegen unerlaubten Viehhandels war er vorbestraft. Viermal seit 1934 wurde er als „im höchsten Grade asoziales Element“ in das Verdener Gefängnis eingeliefert. Im Anschluss an die verbüßte Strafe wurde gegen ihn am 21. Januar 1939 „Schutzhaft“ verhängt. Gegen seine Auswanderung nach Schanghai hatte die Gestapo keine Einwände. Dennoch wurde er am 19. März 1939 in das Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt und der Kategorie „BV/Jude“ (BV = „Befristete Vorbeugehäftlinge“ / „Berufsverbrecher“) zugewiesen. Dort war er schwersten Misshandlungen ausgesetzt. Er verstarb am 03. Januar 1940 im „Krankenbau“. Als Todesursache wurden „Lungenentzündung“ angegeben.

Henriette Goldschmidt gehörte zu den 21 jüdischen Einwohnern Verdens, die am 17. November 1941 in das Ghetto Minsk deportiert wurden. Dort ist Henriette Goldschmidt ermordet worden. Ein konkretes Todesdatum gibt es nicht.

Joseph Goldschmidt (1884-1940). Stadtarchiv Verden

Biografie – Hermann und Marianna Osterholz

Hermann Ehler Osterholz (Jg. 1904), der Kraftfahrer von Beruf war, heiratete 1933 die Jüdin Marianna Rosenbaum. Sie lebten in seinem Haus in Dörverden Nr. 117, in dem noch eine weitere Familie zur Miete wohnte. Im Jahre 1935 wurde das einzige Kind Inge geboren. Da sie mit einem Christen verheiratet war, konnte Marianna Osterholz sich zunächst sicher fühlen. Sie musste auch keinen Judenstern tragen. Doch aufgrund einer Verordnung vom Januar 1945 sollten alle in „Mischehe“ lebenden arbeitsfähigen Juden zum Arbeitseinsatz nach Theresienstadt deportiert werden. Von der Gestapo war sie bereits einmal festgenommen, aber dann wieder entlassen worden.

Auf dem Grundstück der Familie befand sich ein Geräteschuppen. Hermann Osterholz schachtete darin heimlich einen Erdbunker aus. Der Eingang wurde mit einem Schrank verdeckt. Marianna hielt sich in dem Versteck die letzten sieben Wochen bis Kriegsende auf. Hermann Osterholz war inzwischen zur Wehrmacht eingezogen und in den letzten Kriegsmonaten dienstverpflichtet worden. Da er sich nicht immer um die zehnjährige Tochter Inge kümmern konnte, übernahm eine Nachbarsfamilie die Betreuung.

Ein Jahr nach Kriegsende wurde die Ehe geschieden und Marianna heiratete den Schmiedemeister Hermann August Beck aus Dörverden Nr. 54.

Aufgrund einer Verfügung vom 11. Juli 1946 erfasste die Kreisverwaltung Verden alle im Kreisgebiet lebenden Menschen jüdischer Konfession, die auch nach ihren Auswanderungsplänen befragt wurden. Sie wurden in einer tatsächlich noch so bezeichneten „Judenstatistik“, die bis 1948 fortgeführt wurde, namentlich aufgeführt. Die Gemeinde Dörverden teilte am 24. Juli 1946 der Kreisverwaltung mit, dass „Frau B.“ nicht die Absicht hätte, nach Palästina auszuwandern.

Marianna Feldheim und Hermann Osterholz kurz vor ihrer Hochzeit 1933. Links ihr Bruder Walter Feldheim, der am 15.03.1939 nach Schweden auswanderte. Privatbesitz Inge Grupe, Dörverden

Biografie – NSDAP-Ortsgruppenleiter Bruno Woltersdorf

 Bruno Woltersdorf wurde am 27. Januar 1894 in Berlin geboren, absolvierte eine Buchhändlerlehre und nahm am Ersten Weltkrieg teil. Im Dezember 1919 eröffnete er in Verden eine Versandbuchhandlung mit Antiquariat. Mit seinem sehr frühen Parteieintritt am 13. Juli 1925 gehörte er zu den „Alten Kämpfern“. Am 01. September 1932 übernahm er die Leitung der Verdener NSDAP-Ortsgruppe.

Inwieweit Woltersdorf tatsächlich bei der Pogromnacht in Verden involviert war, konnte nicht festgestellt werden. Die Verdener Ortsgruppe hielt am 9. November im Hotel Höltje eine Feierstunde ab, um Hitlers Putschversuch von 1923 zu gedenken. Im Anschluss an die Feier marschierte die SS-Standarte zur SS-Schulungsstätte „Sachsenhain“ in Verden-Dauelsen, wo um Mitternacht die Bewerber vereidigt wurden. Drei Tage später ging Woltersdorf auf die Pogromnacht ein, indem er ausführte, dass das deutsche Volk die richtige Antwort gegeben hätte und dass alle politischen Morde der letzten Jahrzehnte von Judenhand ausgeführt worden wären.

Der ehemalige Kreisleiter Otto Schwiering gab während seiner Internierung an, dass er nicht glaube, dass Woltersdorf oder SA-Standartenführer Cordes, vorher „Kenntnis von den Dingen“ gehabt hätten. Auch die Gestapo habe weder vor noch nach der Aktion mit ihm Verbindung aufgenommen. Das war auch schlecht möglich, hatte er doch an der Erinnerungsfeier in Mahndorf teilgenommen und war gegen Mitternacht zu seiner Wohnung gefahren, in der sich kein Telefon befand. Erst am nächsten Morgen will er von den Ausschreitungen erfahren haben.

Woltersdorf veranlasste im November 1940, dass den Juden verboten wurde, städtische Grünanlagen zu betreten. Es war nur noch erlaubt, auf Bänken zu sitzen, die als „Judenbänke“ gekennzeichnet waren. Einen Monat später trat Woltersdorf seine neue Arbeit bei der Deutschen Informationsstelle im Auswärtigen Amt an. Im Juli 1944 wurde er in die Rüstungsindustrie beurlaubt. Vermutlich starb er während der alliierten Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945.

Justizielle Ahndung

Bereits 1945/46 befasste sich die britische Militärregierung mit Anschuldigungen wegen des Synagogenbrandes gegen den Leiter der Verdener Feuerwehr, Johann Hagemann. Sie kam zu der Einschätzung, dass diese nicht haltbar waren. Die Staatsanwaltschaft ermittelte jedoch weiter und erhob am 29. Juli 1947 Anklage gegen Hagemann, wobei sie ihm vorwarf, „am 10. November 1938 die jüdische Synagoge […] vorsätzlich in Brand gesetzt zu haben, indem er als Brandmeister der Feuerwehr der Stadt Verden das von anderen nicht ermittelten Tätern angelegte Feuer nicht nur nicht bekämpfen liess, sondern durch seine Tätigkeit erst so in Gang brachte, dass das Gebäude zerstört wurde.“ Hagemann wurde wenige Wochen nach seiner Verhaftung aus der Untersuchungshaft entlassen. Einer zweiten Verhaftung am 25. September entzog er sich durch Flucht. Die „Niedersächsische Volksstimme“ schrieb dazu: „Die Bevölkerung in Verden fragt sich daher nicht ohne Grund, wer dem Kreisbrandmeister Hagemann mit dazu verholfen hat, […] und zweitens, dass er bei seiner jetzigen Wiederverhaftung gut vorbereitet die Flucht ergreifen konnte.“ Die KPD kritisierte die Vorgänge in einem öffentlichen Aushang vor ihrer Geschäftsstelle.

 

Nachdem ihm freies Geleit zugesichert worden war, erschien der Angeschuldigte zur Hauptverhandlung am Landgericht. Nach fünf Verhandlungstagen wurde er freigesprochen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er Beihilfe zur Zerstörung der Synagoge geleistet hatte, indem er anordnete, die Löscharbeiten einzustellen. Das Gericht schloss sich aber den Ausführungen der Verteidigung an, dass Hagemann dazu durch Gestapo und Landrat Dr. Weber mit den Worten „Menschenskind, wenn Sie irgendetwas unternehmen, werden Sie abgeführt! Der Tempel bleibt brennen! Wir haben uns verstanden!“ genötigt worden war.

Der Oberstaatsanwalt legte gegen das Urteil Revision ein, die aber vom Obersten Gerichtshof der Britischen Zone in Köln abgelehnt wurde.

Rückseite der brennenden Synagoge am 10.11.1938. Ehemaliges Fotoarchiv Curt Troue, Privatarchiv J. Woock, Verden

Spuren und Gedenken

Gedenktafel

Vom Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen wurde 1965 bei der Stadt Verden angeregt, mit einer Gedenktafel an die zerstörte Synagoge zu erinnern. Am 25.10.1966 fand die Gedenktafel ihren Standort an der Außenmauer des Landgerichtsgebäudes, das der ehemaligen Synagoge gegenüber steht. Das Mahnmal trägt die von der jüdischen Gemeinde entworfene Inschrift: „Zum Gedenken an unsere jüdischen Mitbürger der Stadt und an die Synagoge, die am Johanniswall gestanden und am 9. November 1938 mutwillig zerstört wurde, hat die Stadt Verden diese Tafel gestiftet.“ Es folgt eine Zeile in hebräischer Schrift und darunter die Übersetzung: „Mit meiner Stimme zum Ewigen schreie ich, mit meiner Stimme zum Ewigen flehe ich.“ Ps.142/2.

Teilstück der Synagogen-Grundmauer mit Informationstafel

Im Sommer 2011 kamen die Überreste der Synagoge bei Bauarbeiten wieder an ans Tageslicht. Bei der Ausgrabung wurden die Grundmauern, ein Keller und die Mikwe aufgedeckt. Die Ziegelfundamente umfassen eine Grundfläche von 21,50 x 10,50 m. Aus den Resten der Grundmauern wurde auf dem Gelände des neuen Fachmarktzentrums ein Teilstück in Form eines angedeuteten Davidsterns wieder aufgebaut und mit einer Informationstafel versehen.

 Mahnmal für die jüdischen Opfer in Verden aus der Zeit der NS-Gewaltherrschaft

Im Beisein von 200 Gästen wurde das Mahnmal am 05.09.1993 der Öffentlichkeit übergeben. Unter den Gästen befanden sich 15 ehemalige jüdische BürgerInnen Verdens mit Angehörigen, die die Stadt bereits 1989 zu einem siebentägigen Besuch eingeladen hatte. Das Werk des Künstlers Hans-Jürgen Etzold ist eine bronzene ca. 3,50 m hohe Säule, die zwischen altem und neuem Rathaus errichtet wurde. Es wurden die 56 Namen der jüdischen Opfer und deren Verbleib in das Mahnmal aufgenommen. Die Frage, ob ein Mahnmal errichtet werden sollte, war lange umstritten, ebenso wie dessen Standort und Beschriftung. In hebräischer Sprache ist oben an den Seiten der Säule eine Inschrift aus dem 1. Kapitel der Klagelieder Jeremias, Vers 12, angebracht. Die Übersetzung lautet: „Schauet und seht, ob ein Schmerz sei wie der Schmerz, der mir angetan worden.“

Mahnmal für die ermordeten jüdischen MitbürgerInnen vor dem Rathaus. Foto: Joachim Woock, Verden.

 

Stolpersteine

Auf Initiative des Vereins für Regionalgeschichte Verden e. V. wurden bei insgesamt sechs Terminen in den Jahren 2007 bis 2013 in Verden 81 und im Landkreis sechs Stolpersteine für die jüdischen Opfer, politisch Verfolgte, Sinti, Euthanasieopfer, Jehovas Zeugen und Homosexuellen verlegt. Die Liste, ohne die Stolpersteine in Achim, siehe:

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_im_Landkreis_Verden

(mit Stolperstein-Fotos und Koordinaten).

Verlegung der fünf Stolpersteine für die Familie Grünfeld am 09.04.2008 vor dem ehemaligen Standort der Synagoge. SchülerInnen des „Gymnasiums am Wall“ hatten die Patenschaft für die Gedenksteine übernommen. Foto: Joachim Woock, Verden.

Jüdischer Friedhof

Der Friedhof am Ahornweg, am Rande der historischen Stadtbebauung, wurde 1834 angelegt. Er ist 1 250 qm groß. Auf den 117 noch vorhandenen Grabsteinen sind die Namen der Familien erhalten, die als Bankiers-, Kaufmanns-, Handwerker- oder Viehhändlerfamilien in Verden und den umliegenden Dörfern lebten. Die Grabsteininschriften sind z. T. hebräisch und/oder nur deutsch. Mindestens 132 Beisetzungen sind nachweisbar, davon drei nach 1945. Im Jahre 1943 wurde der Friedhof durch Unbekannte verwüstet. Der Friedhof ist mit einer Ziegelmauer eingefriedet, mit einem Stahltor verschlossen und öffentlich nicht zugänglich. Die Stadt Verden hat die Pflege des Geländes übernommen.

Einladungen ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger

In den Jahren 1989, 1993 (Einweihung des Mahnmals) und 1997 wurden ehemalige jüdische MitbürgerInnen bzw. Nachkommen von der Stadt Verden für jeweils sieben Tage eingeladen. Die max. 22 Personen kamen aus Israel, den USA, Kanada, Argentinien, den Niederlanden und Deutschland.

Gruppenfoto mit ehemaligen jüdischen BürgerInnen und Betreuern, 1993. 1. Reihe: 3. Person v. links: Hanni Friedman, geb. Baumgarten; rechts daneben: Hertha, Hans und Irene Löwenstein. 2. Person v. rechts: Uri Bustan (Werner Baumgarten). 2. Reihe: 1. Person v. links: Henry (Horst) Baumgarten. Stadt Verden

Weiterführende Literatur und Links

Dokumentation über den Besuch der ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Verden vom 6.-13. September 1989, Verden 1989.

Dokumentation über den 2. Besuch der ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Verden vom 1.-8. September 1993, Verden 1994.

Dokumentation über den 3. Besuch der ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Verden vom 3.-10. September 1997, Verden 1997.

Emigholz, Björn: „Es ist geschehen – also kann es wieder geschehen“ (Archivierte Dokumente aus dem Stadtarchiv Verden: Rep. III Pascheberg-Akten), Verden 2007.

Schmidt-Bollmann, Günter: Der jüdische Friedhof in Verden, Bremen 1998 (Loseblattsammlung, Kopie Kreisarchiv Verden 49/3; s. auch: https://www.verdener-familienforscher.de/verden/judenfriedhof/index1.php?idd=Verden).

Haag, Christian: Das Schicksal der jüdischen Bürger Verdens unter dem Nationalsozialismus, Bibliothek Gymnasii Verdensis, Verden 1991 (maschinenschriftlich 1965).

Precht, Jutta: Die Synagoge in Verden – Ein zerstörtes Gotteshaus wird ausgegraben, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2013, Verden 2012, S. 87-99.

Rohdenburg, Günther (Bearb.): „…sind für den geschlossenen Arbeitseinsatz vorgesehen…“. „Judendeportationen“ von Bremerinnen und Bremern während der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, Kleine Schriften des Staatsarchivs Bremen, H. 36, Bremen 2006.

Schmidt, Harm: Entnazifizierung der Lehrkräfte im Landkreis Verden, in: Deuter, Hermann/Woock, Joachim (Hg.): Es war hier, nicht anderswo! Der Landkreis Verden im Nationalsozialismus, Bremen 2016, S. 391-399.

Schröter, Werner/Woock, Joachim: „Stolpersteine“. Biografien aus Verden. Gedenksteine für die Opfer des Nationalsozialismus, Verden 2009 (s. auch:

http://www.regionalgeschichte-verden.de/Dateien/Stolpersteine/Buch_Stolpersteine_A4_300dpi.pdf).

Schröter, Werner: Jüdisches Leben in und um Verden – Eine Annäherung, in: Deuter, Hermann/Woock, Joachim (Hg.): Es war hier, nicht anderswo! Der Landkreis Verden im Nationalsozialismus, Bremen 2016, S. 140-187.

Siemers, Jürgen: Die jüdische Gemeinde in Verden, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 1985, Verden 1984, S. 269-275.

Stadt Verden (Hg.): Urgroßvaters Tagebuch. Aufzeichnungen von Ascher Lämle Weldtsberg, gen. Lehmann, Verden a. d. Aller 1769 bis 1858, Verden 1989.

Voigt, Otto: Die Neubürger der Stadt Verden (Aller) von 1814 bis 1919. Geschichte der Stadt Verden (Aller) in Einzeldarstellungen, Bd. 16, Verden 1987.

Weidemann, Jürgen: Novemberpogrom 1938. „Kristallnacht“ in Verden, hrsg. von der Stadt Verden, o. J. (1988).

Weidemann, Jürgen: Die Angst, die ich hatte, ist nicht zu beschreiben. Eine polnische Jüdin in Verden (1942-45), in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 1990, Verden 1989, S. 169-176.

Weidemann, Jürgen: Dr. Marcus Lehmann aus Verden – ein bedeutender Vertreter des neo-orthodoxen Judentums in Deutschland, in: Landkreis Verden (Hg.): Jahrbuch für den Landkreis Verden 2016, Verden 2015, S. 289-293.

Woock, Joachim: Die „sog. Untergrundbewegung“ in Verden (1944/45), in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2005, Verden 2004, S. 245-267.

Woock, Joachim: Hitlers willige Helfer: Nationalsozialisten im Landkreis Verden. Folge 1: Landrat Dr. Weber, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2007, Verden 2006, S. 215-228.

Woock, Joachim: Hitlers willige Helfer: Nationalsozialisten im Landkreis Verden. Folge 2: Stellvertretender Gauleiter Heinrich Peper, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2008, Verden 2007, S. 165-195.

Woock, Joachim: Hitlers willige Helfer: Nationalsozialisten im Landkreis Verden. Folge 5: NSDAP-Kreisleiter von 1937-1945, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2013, Verden 2012, S. 161-191.

Woock, Joachim: Hitlers willige Helfer: Nationalsozialisten im Landkreis Verden. Folge 7: Der Verdener NSDAP-Ortsgruppenleiter Bruno Woltersdorf, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2015, Verden 2014, S. 293-311.

Autor: Dr. Joachim Woock, Verden