November­pogrome
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1938 in Niedersachsen

Wolfenbüttel

Vorgeschichte

Jüdische Bürger waren in Wolfenbüttel, wie in vielen anderen Kommunen, der Mehrheitsbevölkerung lange Zeit unwillkommen. In dem Zeitraum von 1553 bis 1615 kam es wiederholt zu Ausweisungen aus der Stadt. Nur reiche Juden erhielten vereinzelt die Erlaubnis der Herzöge, sich anzusiedeln – sogenannte „Betteljuden“ blieben unerwünscht. Herzog Rudolf August und Herzog Anton Ulrich vollzogen jedoch einen politischen Kurswechsel hin zu einer liberaleren Judenpolitik. Die Niederlassung von „Schutzjuden“ in Wolfenbüttel ist seit der gemeinsamen Regentschaft der Brüder Ende des 17. Jahrhunderts belegt. So erhielt Marcus Gumpel Fulda, der als Gründer der jüdischen Gemeinde Wolfenbüttels gilt, 1697 einen Schutzbrief. Der jüdische Friedhof Am Jahnstein, welcher von Marcus Fulda eingerichtet wurde, datiert aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Auch der Nachfahre Fuldas, Phillipp Samson, nahm Einfluss auf die Entwicklung der Stadt. Im Jahr 1781 errichtete dieser das erste jüdische Gebetshaus Wolfenbüttels im Hinterhaus der Harzstraße 12, in der Nähe der Trinitatiskirche. Ungefähr 80 Männer und Frauen fanden darin Platz. Die Familie Samson engagierte sich außerdem für die Gemeinde. Sie finanzierte ein Waisenhaus und eine Talmud-Thora Schule, die sogenannte „Samsonschule“. Letztere befand sich zuerst in der Harzstraße 12, anschließend in der Kommißstraße 9 und zuletzt am Neuen Weg 51.

Eine prachtvolle, neue Synagoge an der Lessingstraße, welche Platz für 284 Menschen bot, wurde 1893 eingeweiht. Der Bau, bei dessen Einweihung auch städtische Beamte und weitere christliche Bürger teilnahmen, wurde vom Kreisblatt als „Zierde“ der Stadt gepriesen. Die jüdische Bevölkerung schien endlich als Teil der Stadtgemeinschaft integriert zu sein.

Nicht alle Bewohner der Stadt waren allerdings derart liberal eingestellt. Am Ende des 19. Jahrhunderts lässt sich eine Entwicklung vom religiösen Antijudaismus hin zu einem deutlichen Anstieg eines völkisch-rassistischen Antisemitismus in der Stadt erkennen. Emblematisch dafür steht die „Christlich Sociale Partei“, welche ein judenfeindliches politisches Programm verfolgte. Am 12. April 1893 rief der Schriftsteller Leuß eine Versammlung dieser Partei ein. Das Thema der Zusammenkunft war mit „Die Judenfrage – eine nationale Frage“ betitelt. Viele Wolfenbütteler Juden nahmen an der Veranstaltung teil. Der jüdische Realschul-Oberlehrer der Samsonschule, Gustav Eichengrün, argumentierte dabei wortführend für seine Gemeinde. Er entgegnete den anti-jüdischen Anfeindungen der Nationalisten, dass Deutschland für die Juden genauso eine Heimat darstelle, wie für die Anhänger der „Christlich Socialen Partei“. Doch das Ende des Ersten Weltkrieges samt Revolution und Dolchstoßlegende verstärkte die judenfeindlichen und zunehmend rassistischen Ressentiments noch zusätzlich. Die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde verdeutlicht diese Entwicklung. Während 1910 noch rund 302 Juden in der Stadt lebten, konnte bis 1925 ein Rückgang der jüdischen Bevölkerung auf 125 Personen verzeichnet werden.

Schon während der Weimarer Republik besaß die NSDAP signifikanten Rückhalt in der Bevölkerung Wolfenbüttels. Eine der ersten nationalsozialistischen Ortsgruppen außerhalb Süddeutschlands wurde 1922 dort gegründet. Führende Wolfenbütteler Nationalsozialisten bezeichneten die Welfenstadt daher gern als Keimzelle der nationalsozialistischen Bewegung in Norddeutschland. Die ersten antisemitischen Ausschreitungen fanden bereits im November 1923 statt. Auch zeichnen sich die Entwicklungen in der Herzogstadt dadurch aus, dass sie zwar größtenteils zeitlich analog zum Rest Deutschlands verliefen, allerdings oftmals eine radikalere und brutalere Eigendynamik entwickelten. Ein Beispiel dafür ist das aggressive Vorgehen der Wolfenbütteler SA und SS gegen Oppositionelle im Zuge der Herrschaftseroberung, welches selbst in Berlin wahrgenommen wurde. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 herrschte in der Bevölkerung Wolfenbüttels relativ breite Zustimmung zu der neuen Regierung.

Ab 1933 wurden zahlreiche diskriminierende Gesetze gegen die Juden erlassen. Beispiele hierfür sind unter anderem die „Nürnberger Rassegesetze“ 1935, welche die jüdische Bevölkerung zu Bürgern zweiter Klasse degradierten. Die Juden sollten allerdings nicht nur politisch oder sozial, sondern auch ökonomisch marginalisiert werden. An mehreren Tagen im Februar 1938 wurden in Wolfenbüttel rote Zettel mit der antisemitischen Parole „Pfui! Deutscher Volksgenosse, auch Du kaufst noch beim Juden?“ in der Stadt ausgegeben. Angehörige der Hitlerjugend gaben dabei vor, Kunden des Kaufhauses Hermann Daniel zu fotografieren und die Fensterscheibe des Geschäfts wurde von einem Jugendlichen eingeworfen.

Wie andernorts wurden auch in Wolfenbüttel Juden systematisch aus dem wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen. Ein Beispiel für die „Arisierung“ jüdischer Geschäfte ist die Übernahme des Kaufhauses Hermann Daniel (bis vor kurzem Steeneck & Bähr) durch Willi Sparmann 1938. Ein weiteres Opfer dieses Programms war Joseph Pohly, welcher für seine Viehhandlung seit 1938 keine notwendige Legitimationskarte mehr erhielt. Ab Ende April 1938 mahnten Schilder an allen Lebensmittelläden und Schlachtereien in der Stadt: „Juden unerwünscht“. Bürgermeister Fritz Ramien und der Braunschweigische Ministerpräsident Dietrich Klagges wiesen eine Klage des jüdischen Rechtsanwalts Leo Tannchen dagegen zurück. Ein Verarmungsprozess und Abwanderungen waren die Folge, wie sich aus den Bevölkerungszahlen für die jüdische Gemeinde entnehmen lässt: Im September 1939 war die Gemeinde auf 48 Personen geschrumpft.

Der Innenraum der Wolfenbütteler Synagoge, Aufnahme nach 1900. (Museum Wolfenbüttel)

Die 1893 eingeweihte Synagoge in der Lessingstraße, Aufnahme nach 1900. (Museum Wolfenbüttel)

Die Ereignisse im November 1938

Um den Ablauf des Pogroms in Wolfenbüttel zu planen, trafen sich der SS-Obergruppenführer und Braunschweigische Polizeichef Friedrich Jeckeln und der Wolfenbütteler SS-Angehörige Paul Szustak in Braunschweig. Nach ihrem Treffen leitete Szustak die Pogrome in Wolfenbüttel ein.

In der Nacht des 9. November 1938 gegen zwei Uhr morgens zerstörten Angehörige der SS, SA und Hitlerjugend die Synagoge in der Lessingstraße. Sie zerschlugen das Mobiliar mit Äxten und legten mit Benzin ein Feuer in dem Gotteshaus. Auch eine Gedenktafel für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Juden wurde zerstört. Die Synagoge brannte bis auf die Grundmauern nieder, da die Feuerwehr nur auf Befehl der SS eingreifen sollte. Ihr einziger Auftrag war es, das Übergreifen des Feuers auf umliegende Gebäude zu verhindern.

Die Identität der Täter ist bislang nicht bekannt.

Die Gewalt der Nationalsozialisten richtete sich ebenfalls gegen die jüdische Bevölkerung Wolfenbüttels. Angehörige der SS drangen in Privatwohnungen und Häuser ein und zerstörten auch hier Einrichtungs- und Wertgegenstände. Auf die Bewohner schlugen sie auf brutale Weise ein. Die Gewaltexzesse scheinen dabei bis nach sechs Uhr morgens des 10. Novembers angedauert zu haben. Die jüdischen Männer wurden im Wolfenbütteler Strafgefängnis interniert und anschließend in das KZ Buchenwald deportiert. Eine Ausnahme bildete dabei der 14-jährige Ken Berger, welcher aus ungeklärten Gründen nicht auf der Verhaftungsliste aufgeführt war.

Neben der Synagoge setzten die SS-Angehörigen ebenfalls die Nordseite eines benachbarten Mehrfamilienhauses in Brand, welches einer jüdischen Familie gehörte. Die Nationalsozialisten drangen in das Haus ein und zerschlugen das Mobiliar. Auf einen alten und körperlich behinderten Mann schlugen sie mit abgebrochenen Besenstilen erbarmungslos ein, während sie ihn beschimpften. Der Brand wurde später von der Feuerwehr gelöscht.

Auch der Friedhof Am Jahnstein blieb im Zuge der Novemberpogrome nicht verschont. Nationalsozialisten zertrümmerten Grabsteine und verwendeten diese anschließend im Straßenbau und bei dem Bau des Meesche-Sportplatzes.

Die Wolfenbütteler Synagoge nach dem Brand in der Pogromnacht, Aufnahme kurz nach der Pogromnacht, November 1938. (Museum Wolfenbüttel)

Folgen

Die Braunschweigische Landeszeitung griff die Ereignisse der Novembernacht am 10. November 1938 auf. Während die Titelseite auf das Attentat Herschel Grynszpans vom 7. November 1938 auf den deutschen Botschaftssekretär Ernst Eduard vom Rath fokussiert war (die Hauptüberschrift mahnt „Pyrrhus-Sieg des Weltjudentums über das Leben“), berichtete ein kleiner Artikel am rechten unteren Rand derselben Seite von „Judenfeindlichen Kundgebungen“ in Berlin, Braunschweig und Wolfenbüttel. Jene Aktionen werden dabei als reichsweite spontane Ausdrücke des Volkszorns dargestellt. Mit dem Attentat habe die „jüdische Rasse“ eine „kollektive Blutschuld“ auf sich geladen, argumentierte die Zeitung. Berichte über gewaltsame Übergriffe oder Zerstörung jüdischen Eigentums, vor allem der Synagogen, sind nicht vorhanden.

Ausschnitt aus der Titelseite der Braunschweigischen Landeszeitung mit einem Artikel über „Judenfeindliche Kundgebungen“, 10. November 1938. (Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel; NLA WO, 49 Z, Nr. 41/9)

Dr. Hermann Kleinau, der damalige Leiter des Landesarchivs der Stadt schildert, wie er am 10. November einen seiner Mitarbeiter, Dr. Friedrich Schattenberg, zur Synagoge begleitete. Schattenberg, ein überzeugter Nationalsozialist, gab vor, eventuell verschontes Schriftgut aus der Synagoge retten zu wollen, was Kleinau skeptisch machte. Nachdem sie in den Überresten in der Synagoge nichts gefunden hatten, durchsuchten sie zwei verlassene jüdische Wohnungen. Das wenige Material, das sie sicherstellten, verschloss Kleinau in einem Schrank seines Dienstzimmers. 1950 händigte er diese Dokumente den Beauftragten einer jüdischen Organisation aus.

Der Direktor einer Wolfenbütteler Mittelschule organisierte am Tag nach dem Synagogenbrand einen, wie ein früherer Schüler angibt, „Besuch“ der rauchenden Trümmer. Ob solch ein Voyeurismus jedoch häufiger vorkam, ist unbekannt.

Eine Liste in der Gedenkstätte KZ Buchenwald enthält die Namen von 12 Wolfenbütteler Juden, welche nach der Pogromnacht in das Lager deportiert und zwischen dem 21. November 1938 und 12. April 1939 wieder entlassen wurden.

Am 28. November 1938 organisierten die Nationalsozialisten einen Propagandamarsch durch Wolfenbüttel mit einer anschließenden Massenversammlung auf dem Stadtmarkt. In einer Rede drohte Kreisleiter Kuhlemann den Anwesenden, keine Toleranz gegenüber der jüdischen Mitbevölkerung zu zeigen.

Fritz Ramien, der nationalsozialistische Bürgermeister Wolfenbüttels, forderte im Januar 1939 die verbliebenen Mitglieder der jüdischen Gemeinde auf, die Überreste ihres Gotteshauses selbst abzutragen oder für die dafür entstehenden Kosten aufzukommen. Als Begründung nannte er, dass Trümmerteile des einsturzgefährdeten Gebäudes passierende Bürger verletzen könnten.

Aufforderung Fritz Ramiens an die jüdische Gemeinde, die Reste ihrer Synagoge abzureißen, 16. Januar 1939. (Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel; NLA WO, 34 N 7, Nr. 246)

Auf Geheiß der Geheimen Staatspolizei Braunschweig lebten die Juden der Lessingstadt ab 1941 unter katastrophalen Bedingungen in „Judenhäusern“. Diese eigentlich zum Abriss vorgesehenen Häuser befanden sich in der Langestraße 10 und 34, sowie in der Karrenführerstraße 5. Die ehemaligen Grundstücke der Juden fielen dem Reich zu.

Zwischen dem 31. März 1942 und dem 16. März 1943 erfolgten mehrere Deportationen, unter anderem ins Warschauer Ghetto, in das KZ Auschwitz und in das Ghetto Theresienstadt. Dabei wurden die Juden gezwungen, die Kosten ihrer Deportationen selbst zu tragen und sämtliche Wertgegenstände auszuhändigen. Ihre letzte Habe erfasste das Finanzamt Wolfenbüttel mit beispielloser Akribie und versteigerte es anschließend unter der Wolfenbütteler Bevölkerung. Insgesamt wurden 64 aus Wolfenbüttel deportierte Juden in den Konzentrationslagern ermordet (hier ist zu beachten, dass es auch während des Krieges noch zu Wanderungs- bzw. Fluchtbewegungen der jüdischen Bevölkerung innerhalb Deutschlands gekommen ist). Die Bestimmung der genauen Opferzahl wird zusätzlich erschwert, da auch im Wolfenbütteler Strafgefängnis (heute JVA) nachweislich Juden inhaftiert und exekutiert wurden. In der Hinrichtungsstätte wurden seit 1937 mehr als 500 Menschen ermordet.

Entgegen der nationalsozialistischen Propaganda war Wolfenbüttel 1943 allerdings nicht „judenfrei“. Elli Bücher, welche mit dem Kunstmaler Otto Bücher in einer „Mischehe“ lebte, entging der Shoah Dank des couragierten Einsatzes eines Freundes. Amalie Schloss überlebte als einzige Wolfenbüttlerin die Deportation nach Theresienstadt im Alter von 84 Jahren.

Titelseite der Braunschweigischen Landeszeitung, 10. November 1938. (Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel; NLA WO, 49 Z, Nr. 41/9)

Biografien - Friedrich Carl Ernst Ramien

Fritz Ramien wurde am 24. September 1883 in Saarberg in Lothringen geboren. Der Sohn des Postdirektors Carl Ramien absolvierte ein Jurastudium in Berlin und befand sich von 1915 bis1922 im Heeresdienst. Dabei kämpfte er an der Westfront und fungierte außerdem als Staatsanwalt beim Kriegsgericht. Am 8. April 1922 heiratete Ramien Marie Willing. 1930 ließ er sich auf eigenen Wunsch hin nach Wolfenbüttel versetzen, um dort die Stelle des stellvertretenden Leiters des Finanzamtes zu übernehmen.

Ramien trat 1932 in die NSDAP ein. Kurz nachdem er im April zum Mitglied der Stadtverordnetenversammlung gewählt wurde, bewarb Ramien sich, trotz mangelnder kommunalpolitischer Erfahrung, um das Amt das Bürgermeisters. Im November 1933 wurde er zum Bürgermeister Wolfenbüttels gewählt. Begründet wurde dies mit seinen Fähigkeiten als Verwaltungsfachmann und Jurist, wobei seine Partei-Mitgliedschaft ebenfalls von zentraler Bedeutung gewesen sein dürfte.

Seine Mitgliedschaft in der NSDAP nutzte Ramien zudem, um seinen Kindern Vorteile in der Schule, sowie bei der Vergabe von Erholungskuren und der Flüchtlingsunterbringung zu verschaffen. Im Januar 1939 forderte er die verbliebenen Mitglieder der jüdischen Gemeinde auf, die Reste ihrer ausgebrannten Synagoge selbst abzureißen, da Einsturzgefahr bestehe. Obwohl sein Mandat als Bürgermeister am 1. Oktober 1942 auslief, führte er die Amtsgeschäfte bis Kriegsende weiter. Während seiner Amtszeit geriet Ramien wiederholt in Streitigkeiten mit NS-Funktionären wie dem Braunschweigischen Ministerpräsidenten, Dietrich Klagges.

Am 11. April 1945 übergab Ramien die Stadt kampflos den amerikanischen Streitkräften. Es ist fraglich, ob ihn ein bewaffnetes SS-Kommando noch zuvor versucht hatte zu stoppen, oder ob diese Geschichte einen nachträglichen Versuch der Image-Aufbesserung darstellt. Eine Woche später wurde er von Captain Manning abgesetzt und befand sich vom 2. Mai 1945 bis zum 15. Oktober 1947 in Internierungshaft. In seinem Entnazifizierungsverfahren wurde er in die Kategorie IV, also als Mitläufer, eingestuft.

Nach seiner Freilassung kehrte Fritz Ramien für kurze Zeit nach Wolfenbüttel zurück. Er zog 1951 nach Frankfurt am Main, wo er am 24. September 1983 starb.

Fritz Ramien, Aufnahme nach 1933. (Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel; NLA WO, 50 Slg, 222 Nr. 8)

Biografie - Elli Bücher (geb. Freudenthal)

Elli Bücher wurde am 15. September 1888 als Kind jüdischer Eltern in Berlin geboren. Dort studierte sie Musik im Stern‘schen Konservatorium. Ihren Mann, Otto Bücher, der unter anderem als freischaffender Künstler und Kunstlehrer arbeitete, lernte sie in Weimar kennen. Die beiden heirateten im August 1923. In Wolfenbüttel gab Elli Bücher Musikstunden und schrieb bis 1932 Musikkritiken für die Wolfenbütteler Zeitung. Berichten zufolge versteckte Otto Bücher seine tiefe Zuneigung zu seiner Frau auch in der Zeit des Nazi-Regimes nicht. Der besondere Status der „privilegierten Mischehe“ schütze Elli Bücher lange Zeit vor der Deportation, jedoch musste sie zunehmend im Verborgenen leben.

Auch der Maler erlebte zahlreiche Repressalien und Schikanen aufgrund seiner Weigerung, die Beziehung zu seiner Frau zu beenden. Nachdem er im Jahr 1933 seine Zulassung als Kunstlehrer verloren hatte, wurde er drei Jahre später aus der Reichskammer für bildende Künste ausgeschlossen. Im November 1944 zwang man ihn, als „jüdisch Versippter“, in einem Lager der Organisation Todt in Blankenburg im Harz Zwangsarbeit zu leisten.

Ellli Bücher selbst wurde im Januar 1945 von der Gestapo Braunschweig vorgeladen, wo sie informiert wurde, dass sie innerhalb von drei Tagen nach Theresienstadt „abtransportiert“ werden solle. Die Frist verstrich jedoch vermutlich deswegen, weil die Eisenbahnlinie durch Bombenangriffe beschädigt war. Bücher wandte sich an ihren Mann, der sie kurz in Wolfenbüttel besuchen konnte. Er arrangierte ein Versteck für sie bei Ernst Koch, einem Freund Ottos und Besitzer eines Kunsthauses und einer Glaserei in der Stadt. Während eines nächtlichen Fliegeralarms am 6. Februar 1945 brachte Koch Elli Bücher in einem kleinen, fensterlosen Zimmer hinter einem Büro in der Langen Herzogstraße 9 unter. Ein erneutes Schreiben der Gestapo, welches Ellis Schwägerin acht Tage nach ihrem Untertauchen entgegennahm, forderte sie erneut auf, sich am 19. Februar 1945 zum Zwecke ihrer „Evakuierung“ nach Theresiestadt in Braunschweig zu melden. Dem kam Elli Bücher aber nicht nach. Die letzte Deportation aus Braunschweig erfolgte am 25. Februar 1945 nach Theresienstadt.

Erst mit dem Einmarsch der amerikanischen Streitkräfte in Wolfenbüttel am 11. April 1945 war die traumatisierte Elli in der Lage, ihr Versteck bei Ernst Koch zu verlassen. Auch ihr Ehemann kehrte wenig später in die Stadt zurück. Nach dem Krieg fungierte sie als Beisitzerin im „Kreissonderhilfsausschuss für Verfolgte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.

Elli Bücher überlebte die Shoah Dank der Hilfe couragierter Mitbürger. Sie starb am 3. März 1980 in Wolfenbüttel.

Elli Bücher, um 1980. (Foto: Wolfgang Lange)

Spuren und Gedenken

Nach Kriegsende kehrten zwar einige jüdische Familien nach Wolfenbüttel zurück, blieben jedoch nur kurze Zeit und gründeten keine neue Gemeinde.

Seit 1988 erinnert ein Gedenkstein vor der Herzog August Bibliothek an die Novemberpogrome. Die Innschrift lautet:

„Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.
Richard von Weizsäcker
Errichtet am 9. November 1988 – fünfzig Jahre nach der Zerstörung der Synagoge in der Lessingstraße. Zum Gedenken an die jüdischen Bürger der Stadt Wolfenbüttel.“

Nach zweimaliger Schändung des Steines wurde die Inschrift tiefer eingelassen. An der jährlichen Gedenkfeier beteiligten sich im Jahr 2017 Schülerinnen und Schüler verschiedener Wolfenbütteler Schulen, indem sie Friedensbanner zeichneten und diese anschließend an die Wand des Kornspeichers projizierten.

Auf dem Grundstück der ehemaligen Synagoge steht heute ein Wohnhaus. Eine daran angebrachte Gedenktafel aus dem Jahr 2000 zeigt unter anderem eine Abbildung des ehemaligen Gotteshauses.

Der Standort der ehemaligen Synagoge in der Lessingstraße 11, 2018. (Foto: Henrik Deike, 2018)

Die an dem Wohnhaus angebrachte Gedenktafel aus dem Jahr 2000. (Foto: Henrik Deike, 2018)

Wolfenbüttel besitzt noch zahlreiche weitere Denkmäler. So zum Beispiel das Mahnmal am Harztorplatz, in welchem fünf unterschiedliche hohe Stahl-und Steinstelen  aus einem Davidstern ragen. Auf dem Davidstern eingelassen sind die Namen der 1933 in Wolfenbüttel lebenden Juden.

Das 2006 errichtete jüdische Mahnmal am Harztorplatz in Wolfenbüttel. Auf dem Davidstern sind die Namen der 1933 noch in Wolfenbüttel lebenden Juden zu lesen. (Foto: Henrik Deike, 2018)

Auch die ehemalige Hinrichtungsstätte in der Justizvollzugsanstalt ist heute ein NS-Gedenkort. Im Juni dieses Jahres fand ein Schüler-Wettbewerb zur Gestaltung eines zusätzlichen Mahnmals auf dem Hauptfriedhof statt. Dabei soll an die Opfer der Hinrichtungsstätte des Strafgefängnisses erinnert werden, welche kein Grab besitzen, weil ihre Leichen der Anatomie der Universität Göttingen übergeben wurden.

Des Weiteren verfügt der Friedhof „Am Jahnstein“ über eine Gedenktafel für die NS-Opfer der Stadt.

Der jüdische Friedhof Am Jahnstein. (Foto: Henrik Deike, 2018)

Im Zuge einer Initiative der Stadt, der Schulen, sowie der Bürgerinnen und Bürger wurden seit 2011 insgesamt 90 Stolpersteine in Wolfenbüttel verlegt. Diese wurden durch private Spenden finanziert. Schülerinnen und Schüler hielten dabei Vorträge zu den Biografien der Deportierten oder Geflüchteten.

Stolpersteine in der Wolfenbütteler Innenstadt. (Foto: Henrik Deike, 2018)

Der Gedenkstein der Wolfenbütteler Synagoge vor der Herzog August Bibliothek. (Foto: Henrik Deike, 2018)

Weiterführende Literatur und Links

Bei der Wieden, Brage, Steinführer, Henning (Hg.): Amt und Verantwortung. Träger kommunaler Selbstverwaltung im Wirkungsbereich der Braunschweigischen Landschaft, Braunschweig 2015.

Beier, Frank, Die Geschichte der Stadt Wolfenbüttel 1933 bis 1945. Zeitzeugen-Fotos-Dokumente, Wolfenbüttel 2003.

Gröchtemeier, Markus, Fahnenwechsel. Nationalsozialismus und britische Besatzung in der Stadt Wolfenbüttel 1933-1948, Hameln 2018.

Kumlehn, Jürgen, Jüdische Familien in Wolfenbüttel. Spuren und Schicksale, Braunschweig 2009.

Schulze, Hans, Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Wolfenbüttel. Teil I: Die wirtschaftliche und bürgerliche Stellung der Schutzjuden, In: König, J. (Hg.): Braunschweigisches Jahrbuch, (Bd. 48), Braunschweig 1967.

Schulze, Hans, Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Wolfenbüttel. Teil II: Nachrichten über die Samsonschule, die Synagoge, den jüdischen Friedhof und dem Samsonschen Legatenfonds.- Herz Samson in Braunschweig (1738 bis 1794).- Anhang: Zwei vertauschte Gumpel Bilder?, In: König, J. (Hg.): Braunschweigisches Jahrbuch, (Bd. 49), Braunschweig 1968.

Wiemann, Günter, Prägungen. Erinnerungen an meine Schulzeit in der Mittelschule Wolfenbüttel (1934–1939), Braunschweig 2002.

Wolfenbütteler Zeitung, Ausgabe 28.6.18

Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum: Wolfenbüttel

NS-Spurensuche im Lande Braunschweig

Wolfenbüttel – Harzstraße 12

Stolpersteine Wolfenbüttel

Autor: Henrik Deike, Student der Leibniz Universität Hannover