November­pogrome
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1938 in Niedersachsen

Zeven

Vorgeschichte

Das Leben von Juden rund um Zeven ist seit ca. 1820 in den Dokumenten belegt – allerdings wird vermutet, dass der erste Jude Meyer Samson bereits um 1814 zuzog, noch während der französischen Besatzungszeit, in der es kein Sonderrecht für Juden gab. Ab 1836 gibt es zwölf Personen jüdischen Glaubens, die sich in Zeven und Umgebung ansiedelten. Im Königreich Hannover wurden zwischen 1842 und 1847 verschiedene Gesetze erlassen, die das Schutzbriefwesen für Juden aufhoben. Von diesem Zeitpunkt an konnten Juden ihren Wohnort frei wählen. Das bedeutete auch für Zeven, dass jüdische EinwohnerInnen neu hinzuzogen. Im Zuge der Revolution 1848 erfolgte im Königreich Hannover die gesetzliche Gleichstellung der Juden.

Eine Synagogengemeinde in Zeven ist seit 1844/45 dokumentiert, ihr gehörten insgesamt 22 Personen an. Die jüdische Gemeinde in Zeven war damit die kleinste Gemeinde im Bezirk Stade. Die Zahl der jüdischen Einwohner Zevens schwankte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer wieder durch Zu- und Abwanderungen. Aufgrund der freien Wohnortwahl wanderten einige jüdische Familien in größere Städte ab. Dort gab es bessere Verdienstmöglichkeiten und größere jüdische Gemeinden. Der gesamte Bezirk Stade war von diesem Abwanderungsprozess betroffen. Vermutlich wanderten einige Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Zeven auch nach Amerika aus.

Das Bestehen der jüdischen Gemeinde in Zeven war nicht gesichert. Denn um einen Gottesdienst abhalten zu können, musste nach den jüdischen Religionsvorschriften immer ein Quorum von mindestens 10 männlichen Gemeindemitgliedern anwesend sein. Auch einen Religionsunterricht für Kinder konnte sich die jüdische Gemeinde in Zeven nicht leisten, daher entschied der Landesrabbiner Dr. Heilbut aus Stade, die Zevener Gemeinde mit der Bremervörder Synagogengemeinde zusammenzulegen.

Um 1867 wurde ein Friedhof in der „Kleinen Ahe“ angelegt. Der Friedhof war ein Geschenk des Königs Georg von Hannover.

Anfang des 20. Jahrhunderts kamen mit dem Aufschwung der Landwirtschaft mehrere jüdische Familien nach Zeven.

Prägend für die Gemeinde in Zeven war vor allem der Viehhändler Siegfried Neugarten. Er kam 1911 nach Zeven und heiratete Johanna Samson, die Tochter von Adolf Samsons. Er baute sein Viehhandelsgeschäft zusammen mit seinem Bruder Erich Neugarten in den 20er Jahren aus und wurde auch zu einer bedeutenden Person im öffentlichen Leben Zevens.

1933 bestand die Zevener jüdische Gemeinde im Wesentlichen aus fünf Familien: Familie Blumert, Neugarten, Rosenthal, Samson und Wolf. Die Stadt Zeven hatte vor dem Krieg 3233 Einwohner, 32 von Ihnen waren Juden. Als der Synagogenraum in Bremervörde geschlossen wurde, richtete die Zevener Gemeinde 1937 einen Synagogenraum im Haus von Erich Neugarten ein. Es ist vermutlich die letzte Einrichtung einer Synagoge vor dem Krieg in Deutschland.

 

Der erste jüdische Friedhof in der „Kleinen Ahe“ in Zeven Foto: Ronald Sperling

Die Ereignisse im November 1938

In Zeven wurde der SA-Führer Wilhelm Schnase in der Nacht zu seinem Nachbarn ans Telefon gerufen. Am Apparat war die SA Standarte in Verden, die ihn beauftragte, Maßnahmen in Zeven durchzuführen. Er alarmierte den SA-Sturm in Zeven um alle ansässigen Juden in Schutzhaft zu nehmen. Als Sammelplatz wurde die Gastwirtschaft Lohmann bestimmt. Hier trafen sich am frühen Morgen 40 – 50 SA-Männer aus dem Zevener SA-Sturm. Einige von ihnen zogen in kleinen Trupps los, um die Juden aus Zeven zu verhaften. Die Familien Samson, Rosenthal, Blumert und Melita Neugarten mit Kind, sowie Ernst Ilias, ein landwirtschaftlicher Gehilfe aus Hoya, der zu dieser Zeit im Haus von Melita Neugarten wohnte und Kurt Deichmann, ebenfalls landwirtschaftlicher Gehilfe aus Bremervörde, der bei seiner Tante Martha Helmke wohnte, wurden verhaftet. Vom Sammelplatz aus brachte die SA sie in das Haus von Erich Neugarten.

Die SA-Männer setzten die Verhafteten im Wohnzimmer der Familie Neugarten fest. Man verhörte die Familien über ihre Vermögensverhältnisse und stahl alles Geld im Hause Neugarten. Auch wurde der Sparkassendirektor Viehbrock geholt um das Sparbuch von Henny Neugarten mit 12.000 Reichsmark aufzulösen. Die SA nahm außerdem das gesamte Bargeld der Familie Neugarten in Höhe von 7012,35 Reichsmark mit und auch den neu angeschafften Radioapparat. Dieser soll später im SA-Lokal der Gaststätte Norden gestanden haben. Gegen Mittag kam der Standartenführer Cordes ins Haus und brachte einen weiteren Verhafteten mit. Er hatte zusammen mit SA-Männern aus dem Sturm Rotenburg Gustav Kleinschmidt in Tarmstedt verhaftet.

Cordes war der ranghöchste SA-Führer und angeblich gab er Schnasse den Befehl zur Zerstörung des Synagogenraums.

Die anwesenden SA-Männer trugen die Einrichtung des Synagogenraumes aus dem Haus. Sie stahlen die besonders wertvollen Silbergegenstände und luden das Mobiliar auf einen LKW. Dieser transportierte die Gegenstände zum Marktplatz, wo sie aufgestapelt wurden.

Auf dem Marktplatz fand sich eine große Menschenmenge ein, es kamen auch Schulkinder mit ihrem Lehrer dazu. Ein SA-Mann brachte einen Kanister und übergoss das aufgestapelte Mobiliar mit Benzin und steckte es an. Zeitzeugen sagten später aus, dass ein Lehrer die Kinder aufgefordert hätte ein Lied zu singen während die Einrichtung verbrannte. Vorher hatte der Lehrer die Schuljungen animiert mit der Thora Fußball zu spielen.

Am Nachmittag kam die Polizei mit einem Lastwagen zum Haus von Erich Neugarten. Alle Männer der Familien wurden aufgefordert sich in einer Reihe aufzustellen und das Haus zu verlassen. Die Frauen und Kinder blieben zurück.

Erich Neugarten, Bernhard Blumert, Hermann Samson, Albert Rosenthal, Kurt Deichmann und Gustav Kleinschmidt aus Tarmstedt wurden mit einem LKW mit judenfeindlichen und antisemitischen Schildern durch die Stadt gefahren. Der LKW bremste immer wieder, damit die auf der Ladefläche befindlichen Männer durcheinanderfielen. Zwei SA-Männer standen beim Abtransport auf dem Lastwagen und riefen „Judas verrecke“.

 

Synagogenraum im Haus von Erich Neugarten. Staatsarchiv Bremen

Folgen

Die Verhafteten Juden aus Zeven wurden zunächst nach Gestemünde ins Gerichtsgefängnis gebracht und dort in einen Keller gesperrt. Die Gestapo vernahm sie zwischen 20 und 21 Uhr. Dann brachte man sie nach Wesermünde / Lehe ins Gefängnis. Am folgenden Tag transportierte die Gestapo sie mit dem Zug nach Bremen. Am Bahnhof waren viele Juden aus Bremen und der Umgebung versammelt. Sie wurden namentlich aufgerufen und bestiegen einen Sonderzug, der sie in das Konzentrationslager Sachsenhausen fuhr. Hier angekommen mussten sie 20 Stunden unter freiem Himmel und ohne jegliche Verpflegung warten bevor am nächsten Tag die Aufnahmeprozedur begann. Es gibt einige Berichte über dieses lange Apell stehen, es ging mit Gewaltausschreitungen einher. Einzelne Häftlinge wurden von den SS-Wachmannschaften beschimpft, geschlagen und misshandelt. Einige blieben zusammengebrochen liegen. Mitten in der Nacht mussten die Häftlinge im Chor brüllen: „Wir haben den Diplomaten vom Rath ermordet“. Nach der Aufnahme mussten sie Zwangsarbeit leisten und wurden immer wieder besonderen Schikanen ausgesetzt. Die Zevener Juden wurden vermutlich am 15. Dezember aus Sachsenhausen entlassen. Zuvor mussten sie die Erklärung unterschreiben, dass sie sich nun verstärkt um ihre Auswanderung kümmern würden, ansonsten, so drohte die SS, würde man sie nochmals ins KZ sperren.

Nach dem Pogrom verließen die meisten jüdischen Familien Zeven und gingen nach Bremen. Nur die Familie Samson blieb weiterhin in Zeven. Adolf Samson musste hier Zwangsarbeit leisten, zusammen mit dem aus Oldenburg stammenden Viehhändler Hermann Lazarus aus Oldenburg.

Viele Zevener Juden schafften es nicht mehr auszuwandern, die meisten wurden am 18. November 1941 von Bremen aus ins jüdische Ghetto nach Minsk deportiert und sind dort verstorben. Nur der Zevener Werner Blumert überlebte das Ghetto Minsk und mehrere Konzentrationslager.

 

Insgesamt lebten in Zeven zwischen 1933 und 1941 ständig oder auch nur zeitweise 48 Menschen, die von den Nationalsozialisten als Juden verfolgt wurden. Über die Hälfte von ihnen starb in deutschen Konzentrationslagern, die Mehrheit im jüdischen Ghetto in Minsk.

Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Zeven. Foto: Ronald Sperling

Biografie - Erich Neugarten

Erich Neugarten wurde 1901 in Mengede geboren. Er begann dort eine Viehhändlerlehre und zog danach zu seinem Bruder nach Zeven. Hier lernte er das Schlachterhandwerk und stieg in das Viehhandelsgeschäft seines Bruders ein. 1930 heiratete er Henriette (Henny) Pollack aus Rüthen und kaufte daraufhin das Haus in der Gartenstraße 336 (heute Nr. 16), das er fortan mit seiner Frau, seinen Kindern Susi-Renate (geb. 1931) und Joachim (geb. 1932) sowie mit seiner Schwiegermutter bewohnte. 1937 wurde im Haus der Neugartens der Betsaal der jüdischen Gemeinde eingerichtet.

Während der Novemberpogrome erlebte die Familie Neugarten Misshandlungen, Erniedrigungen und Hausdurchsuchungen. Der Betsaal wurde vollständig zerstört. Erich Neugarten wurde mit anderen jüdischen Männern aus Zeven ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Vier Wochen später kehrte er nach Zeven zurück, wo er jedoch nur wenige Tage blieb. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um möglichst bald auszuwandern. Zunächst ging er mit seiner Familie nach Bremen, wo er bis zu seiner Ausreise am 23. August 1939 auf dem jüdischen Friedhof Zwangsarbeit leisten musste.

Dank seines Schwagers Adolf Pollack, der die Überfahrt zahlte und für alle anfallenden Kosten vor den US Behörden bürgte, konnte die Familie noch gerade rechtzeitig in die USA auswandern.

Erich Neugarten mit anderen Viehhändlern vor dem Gasthof Bahrenburg in Zeven, Bild undatiert. Privatbesitz Familie Neugarten

Biografie - Wilhelm Schnase

Wilhelm Schnase wurde am 15. August1880 geboren. Er war Arbeiter in der Ziegelbrennerei in Brauel und wohnte auch in dem Ort. 1932 trat er als überzeugter Nationalsozialist in die NSDAP ein, später wurde er SA-Sturmführer des Sturms in Zeven. Er war der verantwortliche Leiter des Pogroms gegen die Juden in Zeven. Unter seinem Kommando wurde die Aktion durchgeführt. Er ließ die Juden verhaften und gab den Befehl das Synagogenmobiliar auf dem Marktplatz zu verbrennen.

Nach dem Krieg wurde Wilhem Schnase wegen der Leitung des Pogroms in Zeven durch das Oberlandesgericht in Celle am 10. März1948 verurteilt. Er bekam drei Monate Gefängnis wegen Freiheitsberaubung und gemeinschaftlicher Sachbeschädigung in Tateinheit mit Nötigung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Seine Strafe verbüßte er im Strafgefängnis Sandbostel.

In seiner Entnazifizierungsakte wurde er in die Kategorie III als Minderbelasteter des NS-Regimes eingestuft.

Justizielle Ahndung

Von den 40 bis 50 Personen, die sich an dem Pogrom in Zeven beteiligt hatten, wurden nach dem Krieg nur wenige angeklagt. Es gab zwei Verfahren vor deutschen Gerichten. In dem ersten Verfahren wurde der Leiter des Pogroms Wilhelm Schnase zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Das zweite Verfahren kam aufgrund von Anzeigen Zevener Juden zustande. Darunter auch Werner Blumert, er konnte sich sehr genau an seine Verhaftung errinnern.
In dem Prozess wurden sieben SA-Männer, die an der Aktion beteiligt waren angeklagt. Bis auf einen bestritten alle ihre konkreten Tatbeteiligungen. Die Befragungen durch die Polizei in Zeven wurden sehr nachlässig geführt. Der Prozess endete mit der Verurteilung von drei SA-Männern zu drei bzw. zwei Monaten Haft, einer Geldstrafe und vier Freisprüchen.

Der SA-Sturm in der Bäckerstraße in Zeven Bild, undatiert. Samtgemeindearchiv Zeven

Autor: Ronald Sperling, Gedenkstätte Lager Sandbostel