November­pogrome
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1938 in Niedersachsen

Hehlen

Vorgeschichte

Der Anteil der jüdischen Bevölkerung war in Hehlen relativ hoch. Im Jahre 1774 gab es in Hehlen bei einer Einwohnerzahl von 536 Personen drei jüdische Familien, 1829 zählte man bei 899 Einwohnern 44 Juden.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Hehlener Juden in einem raschen wirtschaftlichen Aufstieg begriffen. Fast alle besaßen Häuser und unterhielten darin ein Ladengeschäft. Um 1875 hatte die Gemeinde einen Lehrer angestellt und verfügte über ein angemietetes Bethaus und ein Schullokal.

Wie in vielen ländlichen Gemeinden sank die Zahl der Gemeindemitglieder nach der Jahrhundertwende stark ab. Die Synagoge wurde geschlossen.

Ab 1900 lebten nur noch Mitglieder der Familie Bach in Hehlen. Mit den Brüdern David (geb. 1857) und Alex (geb. 1868) Bach nahm das jüdische Leben in Hehlen jedoch noch einmal einen ungeahnten Aufschwung.

Die Brüder David Bach und Alex Bach beschäftigten in ihren Textilgeschäften neben ihren Söhnen zahlreiche (bis zu elf) in der Regel jüdische Angestellte. Beide Geschäfte verfolgten ein ähnliches Konzept. Neben dem Ladenverkauf stand als zweite Säule der Verkauf durch Reisende in den umliegenden Dörfern. Die Brüder hatten die Dörfer unter sich aufgeteilt.

Sie hatten auch die Fahne des SPD-Ortsvereins gestiftet. Offenkundig stammte die Käuferschaft der Bachs eher aus dem in Hehlen starken Arbeitermilieu.

Seit den dreißiger Jahren war nicht mehr die SPD, sondern die NSDAP stärkste Partei im Ort und stellte mit dem Sattlermeister Kreibaum den Ortsgruppenleiter und Gemeindevorsteher. In einem „Stürmer“-Kasten veröffentlichte die NSDAP Denunziationen. Im Dezember 1938 war dort beispielsweise zu lesen:

„Frau Bertelsmeier, Nr. 154 und Frau Ebeling, Haus Nr. 98, beide in Hehlen a. Weser, hielten gute Freundschaften mit Juden.“

Nach 1933 liefen die Geschäfte trotz aller Behinderungen weiter. Hehlener gingen zu Bach, wenn es dunkel war, Auswärtige kamen auch tagsüber. Anders als das Ladengeschäft war der Direktverkauf in den Dörfern nur schwer zu unterbinden.

Im Oktober 1938 verkaufte David Bach sein Geschäft an den aus Fallingbostel kommenden Kaufmann Hans Seemann. Wenige Tage später verließ er mit seiner Familie den Ort. Die Prüfung des Kaufvertrags zog sich über ein Jahr hin. Am Ende wurde der verabredete Kaufpreis von 25.000 RM um 5.200 RM gedrückt. Das Geld war auf ein Sicherungskonto einzuzahlen und der Devisenüberwachung anzuzeigen.

David Bach in seinem Geschäft mit Angestellten, undatiert. Sammlung Bernhard Gelderblom

Die Ereignisse im November 1938

Um 3 Uhr am Morgen des 10. November 1938 rief der NS-Kreispropagandaleiter und spätere Landrat August Laue aus Holzminden Bürgermeister Theodor Kreibaum an, er solle die Juden des Ortes festnehmen und binnen einer Stunde Vollzug melden.

Friedrich Helmer, dem stellvertretenden Bürgermeister und Stellmachermeister Karl Reese, dem Hauptlehrer H. Stapel, dem Forstaufseher sowie dem Eisenbahnassistenten, verschaffte er sich bei Alex Bach gewaltsam Einlass.

Vater, Mutter, die beiden Söhne Kurt und Arthur, das Hausmädchen Lieselotte Eichengrün und der Angestellte Kurt Buchheim wurden aus den Betten gerissen und in das Feuerwehrspritzenhaus getrieben. Das Spritzenhaus war ein kleines Kabuff mit etwas Stroh, aber ohne Toilette. Dort mussten sie – nur notdürftig bekleidet – ein oder zwei Nächte verbringen. Nachbarn halfen heimlich mit Decken und Essen.

Das Geschäft wurde von der Einwohnerschaft geplündert, die drei großen Schaufenster gingen zu Bruch. SS-Leute schafften Kurt und Arthur Bach sowie Kurt Buchheim auf einem offenen Lastwagen nach Holzminden; von dort wurden sie in das KZ Buchenwald transportiert.

Das Geschäft wurde geschlossen, das Warenlager, soweit nicht geplündert, beschlagnahmt und bei der NSV in Holzminden sichergestellt.

Übrigens ist auch das Geschäft von David Bach, der sich mit seiner Familie in diesen Tagen nicht in Hehlen aufhielt, in dieser Nacht geplündert worden, nachdem mit Zuckerrüben die Schaufenster eingeworfen worden waren.

Wohn- und Geschäftshaus von Alex Bach, Hauptstraße 50, 1998. Das stattliche Haus von Alex Bach wurde um das Jahr 2000 abgerissen. David Bachs Geschäftshaus verschwand im Zuge des Ausbaues der Ortsdurchfahrt im Jahre 1972. Foto: Bernhard Gelderblom

 

Pfarrscheune mit angebautem Spritzenhaus, Zeichnung Wilhelm Höntze aus Hehlen, undatiert. Verein für Heimatpflege und Regionalgeschichte Hehlen

Folgen

Die beiden Söhne von Alex Bach kehrten erst im März 1939 aus Buchenwald zurück und wanderten einen Monat später über Holland nach Bolivien aus. Dabei gelang es ihnen, die kostbare Thorarolle aus der ehemaligen Hehlener Synagoge, die Alex Bach am 10. November 1938 hatte verstecken können, bei ihrer Auswanderung mitzunehmen.

Die Eltern blieben allein zurück. Um die Auswanderung finanzieren zu können, musste Alex Bach Haus und Grundstück verkaufen. Als er Ende April 1939 mit dem Hehlener Fabrikanten Asmus einen Käufer gefunden hatte, verhinderte das Braunschweigische Innenministerium auf Intervention von Bürgermeister Kreibaum den Verkauf. Wegen seiner „Judenfreundlichkeit“ war Asmus angeblich kein „politisch und aktiv zuverlässiger Volksgenosse“. Bach musste letztlich einem niedrigeren Kaufangebot des Sattlermeisters Theodor Kreibaum bzw. der Gemeinde Hehlen zustimmen.

Trotz weiterer Schikanen gelang dem 72-Jährigen und seiner Frau im März 1940 die Ausreise nach Bolivien. Mit ihm, so meldete der Bürgermeister, „ist der letzte Jude ausgewandert“. Die jüdische Gemeinde Hehlen wurde aus dem Vereinsregister gestrichen.

David Bach war bereits im Februar oder März 1939 zusammen mit seiner Ehefrau Ida, Sohn Alfred mit Ehefrau Betty und dessen Kind Günther über Bremerhaven die Auswanderung nach New York gelungen. David war damals 82 Jahre alt.

Der jüdische Friedhof, der im November 1938 von Zerstörung verschont blieb, wurde wenig später vermutlich von Mitgliedern der Hehlener SA verwüstet.

Justizielle Ahndung

Nach dem Kriege kämpften die Söhne von Alex Bach in einem 13 Jahre dauernden Rechtsstreit um Wiedergutmachung für die erlittenen Schäden während der Pogromnacht. Schon im Juni 1946 stellte Kurt Bach eine Anklageschrift zusammen; zwei Jahre später erhob die Staatsanwaltschaft gegen zehn Hehlener Einwohner Anklage. Das erste Urteil des Hildesheimer Schwurgerichts vom 30. November 1948 wurde vom Obersten Gerichtshof für die britische Zone wegen zu milder Strafen aufgehoben. 1950 stellte das Landgericht Hildesheim das Verfahren jedoch ein.

1955 klagten die Opfer selbst. Im Prozess schoben alle beteiligten früheren SA-Leute die Plünderungen auf die SS. Solange sie zuständig gewesen seien, sei alles ordnungsgemäß verlaufen. Die vor dem Laden aufgestellten Wachen hätten nichts bemerkt. Kreibaum hätte ja durch das Wacheaufstellen Plünderungen gerade verhindern wollen. Die Klage wurde abgewiesen, da die Kläger nach Meinung des Gerichts die Plünderungen nicht nachzuweisen vermochten.

Erst Ende 1959 stellte das Oberlandesgericht Celle eindeutig die Schuld des ehemaligen Bürgermeisters Kreibaum fest.

Spuren und Gedenken

Das 198 qm große Gelände des Friedhofs wurde nach 1945 wieder hergerichtet; von den noch vorhandenen 21 Steinen sind mehrere stark beschädigt, teilweise beim Umstürzen zerbrochen und fehlerhaft wieder aufgestellt worden. Der Friedhof gehörte ab 1953 der Jewish Trust Corporation, seit 1960 dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen.

Die Erinnerung an das Geschehen spaltete das Dorf in zwei Parteien und verhinderte lange eine Befassung mit dem Thema. Am 16. März 1999 fand eine von den Landfrauen Hehlen organisierte Vortragsveranstaltung mit Bernhard Gelderblom statt. Seitdem bemühte sich auch der Verein für Heimatpflege und Regionalgeschichte Hehlen darum, die Erinnerung an die ehemaligen Hehlener Juden wach zu halten.

1986 übergaben Kurt und Arthur Bach die Hehlener Thorarolle der Synagoge der Militärakademie West Point (New York), wo sie zusammen mit einer Plakette „Saved from the Holocaust by their father, Alex Bach“ ausgestellt ist.

Eine zweite Thorarolle, die Alex Bach vor seiner Flucht aus Deutschland einem Hehlener Lederfabrikanten zur Aufbewahrung anvertraut hatte, wurde am 25. Juni 2011 vom Verfasser dem Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen übergeben.

Die während des Zweiten Weltkrieges in Hehlen versteckte Thorarolle, 2011. Foto: Bernhard Gelderblom

Der jüdische Friedhof in Hehlen, 2016. Foto: Bernhard Gelderblom

Weiterführende Literatur und Links

Gelderblom, Bernhard, Jüdisches Leben im mittleren Weserraum zwischen Hehlen und Polle. Von den Anfängen im 14. Jahrhundert bis zu seiner Vernichtung in der nationalsozialistischen Zeit. Ein Gedenkbuch, Holzminden 2003, S. 105-177.

Ders., Hehlen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, 2 Bde., Göttingen 2005, S. 816-820.

Kuessner, Dietrich, Die Pogromnacht im Land Braunschweig, in: „Kristallnacht“ und Antisemitismus im Braunschweiger Land. Drei Vorträge im November 1988. Büddenstedt-Offleben 1988 (Arbeiten zur Geschichte der Braunschweigischen ev.-luth. Landeskirche im 19. und 20. Jahrhundert 6), S. 7-35.

Die Dokumentation der Opfer der NS-Herrschaft in der Stadt Hameln und im Landkreis Hameln-Pyrmont: Deportierte jüdische Bürger aus Hehlen

http://www.geschichte-hameln.de/gedenkbuch

Orte der Erinnerung für die Opfer des Nationalsozialismus im Kreis Hameln-Pyrmont und angrenzenden Orten: Hehlen

http://www.geschichte-hameln.de/erinnerungsorte/aaaerinnerungsorte.php?ort=vorwort

Der jüdische Friedhof Hehlen

http://www.gelderblom-hameln.de/judenhameln/friedhoefe/judenfriedhehlen.php?name=hehlen

Autor: Bernhard Gelderblom, Hameln