November­pogrome
Listenansicht aller Städte
1938 in Niedersachsen

Stolzenau

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts siedelten sich die ersten jüdischen Familien in Stolzenau an. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt mit dem Viehhandel und dem Verkauf landwirtschaftlicher Produkte. 1935/36 entstand eine Synagoge mit einem Schulraum. Dieser diente als Elementarschule, in der in den 1880er Jahren bis zu 80 Schüler unterrichtet wurden und die bis Mitte der 1920er Jahre in Betrieb blieb. Zudem gab es in Stolzenau eine Talmud-Thora-Schule. Der jüdische Friedhof befand sich an der Schinnaer Landstraße. Religiös waren die Stolzenauer Juden orthodox ausgerichtet.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg begann mit der Abwanderung in die Großstädte der Niedergang der jüdischen Gemeinde. 1933 lebten nur noch etwa 25 Juden in Stolzenau, 1940 waren es noch 13.

1935 zwang eine Verordnung des Gemeinderates die noch in Stolzenau lebenden Juden zur Aufgabe ihrer Geschäfte. In der Pogromnacht wurden sie Opfer von Übergriffen durch NSDAP-Mitglieder, die in ihre Wohnungen eindrangen. Die über 100 Jahre alte Synagoge wurde geplündert, die Kultgegenstände wurden öffentlich auf dem Markplatz verbrannt. Anschließend wurden die Mauern der Synagoge eingerissen. Das „Stolzenauer Wochenblatt“ schrieb darüber am 12. November 1938: „Mit dem Abbruch der Synagoge ist ein Schandfleck aus unserer Gemeinde verschwunden und es gibt keinen Volksgenossen, der nicht froh darüber wäre, dass dieser hässliche und artfremde Bau dem Erdboden gleich gemacht worden ist.“

Von den 15 bei Kriegsbeginn noch in Stolzenau lebenden Juden wurden zwölf 1942 über Nienburg in das besetzte Polen deportiert und ermordet.

Erst 2013 wurde an dem Grundstück „Hinterm Dahle“, auf dem die Synagoge gestanden hatte, eine Gedenktafel angebracht. Im selben Jahr wurden erste Stolpersteine verlegt. Der jüdische Friedhof an der Schinnaer Landstraße ist samt einer kleinen Trauerhalle und mehr als 120 Grabsteinen erhalten geblieben.

Weiterführende Literatur und Links

Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum: Stolzenau (Niedersachsen)

Autor: Dr. Jens-Christian Wagner, Stiftung niedersächsische Gedenkstätten