November­pogrome
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1938 in Niedersachsen

Goslar

Vorgeschichte

Alte Jüdische Gemeinde

Seit dem 14. Jahrhundert ist die Anwesenheit von jüdischen Einwohnern in Goslar nachzuweisen. 1350 lebten etwa einhundert von ihnen in der Stadt. 1338 wurde die erste Synagoge erbaut, doch im Laufe der nächsten 200 Jahre verliert sich eine nachweisbare Spur. Erst aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sind Berichte über jüdisches Leben in der Stadt bekannt. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde eine neue Synagoge gebaut, die 1780 während des großen Brandes in der Goslarer Unterstadt abbrannte. Ein Jahr später wurde sie am gleichen Ort, Bäckerstraße 31, wieder aufgebaut, bis sie 1959 der Stadterneuerung weichen musste.

Die nach dem großen Brand in der Innenstadt 1782 gebaute Synagoge Bäckerstraße / Ecke Vogelsang. „Die rechte Tür führte in die Synagoge (gekennzeichnet durch die Fenster) mit der Empore für die Frauen, die linke in die Küsterwohnung mit der Religionsschule. Von 1945 bis etwa 1950 diente das Gebäude nochmals als jüdische Gotteshaus.“ Foto und Text: Donald Cramer, Das Schicksal der Goslarer Juden 1933-145, S. 42.

 

Antisemitismus in der Stadtgesellschaft des beginnenden 20. Jahrhunderts

Die Politik des ausgrenzenden Antisemitismus wurde direkt nach der Machtübergabe an Hitler auch in Goslar in die Praxis umgesetzt. Mit den Boykott- und Zerstörungsaktionen vom 1.April 1933 wurden erste Zeichen markiert. Es folgten der Ausschluss von Juden aus der Badeanstalt Herzberger Teich, aus diversen Vereinen, die Verweigerung von städtischer Auftragsvergabe an jüdische Unternehmer und Anwälte.

SA und SS organisierten unter Führung des „Aktionsausschusses zur Abwehr der Judenhetze“ unter Beifall, Zustimmung und Ansporn der sich medial äußernden örtlichen kulturellen Elite einen dreitägigen Boykott jüdischer Geschäfte in der Innenstadt. Die Stadtverwaltung hatte die Liste der zu boykottierenden Läden erarbeitet. Der Herausgeber der Goslarschen Zeitung, Werner Krause, schrieb zur Vorbereitung am 27. März in seiner Zeitung: „Bei andauernder Hetze allerdings könnten wir sehr wohl daran denken, dass die Regierung sich gezwungen sehen müsste, zur Vermeidung von ganz spontanen Zornesausbrüchen eines gequälten Volkes die in Deutschland ansässigen Juden in Schutzhaft zu nehmen und in Konzentrationslagern nützlicher Arbeit zuzuführen.“

Zeitungsbericht

Goslarsche Zeitung vom 3. April 1933 mit Bericht zu den Aprilboykotten. Stadtarchiv Goslar

Nur wenige Wochen später, am 5. Mai 1933, wurden der ehrenwerte Senator a.D. Söffge (SPD) und der Kaufmann Selmar Hochberg unter dem Johlen einer nicht unerheblichen Menschenmenge von NS-Leuten auf einem Fleischerkarren einer Prangeraktion gleich durch die Innenstadt geschleift.

Schon 1920 hatte Heinrich Pieper, Besitzer eines der bedeutendsten Hotels am Ort, aus seinem antisemitischen Furor keinen Hehl gemacht. Per unübersehbarer Anzeige in der lokalen Zeitung erteilte er einem Juden Hausverbot in seinem Hotel Achtermann und bekannte sich offen zu seinem Antisemitismus. Pieper war nicht nur Großhotelier, sondern suchte auch den Harzer, insbesondere aber den Goslarer Fremdenverkehr zu forcieren. Der sollte jedoch „deutsch“ und für Juden versperrt sein. Piepers antisemitischer Einfluss sollte das Goslarer Fremdenverkehrswesen stark beeinflussen. Viele Juden mieden den Ort und zogen Erholung im benachbarten „Judenbad“ Bad Harzburg vor. Heute ist eine wichtige Verkehrsader der Stadt nach ihm benannt.

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Anzeige von Heinrich Pieper in der Goslarschen Zeitung vom 18. Juni 1920. Stadtarchiv Goslar

Die Harzburger Front, eine Versammlung von Nationalsozialisten, Deutschnationalen und anderen rechtsextremen Republikfeinden mit entsprechender antisemitischer Gesinnung, am 11. Oktober 1931 im benachbarten Bad Harzburg wurde von der meinungsführenden Presse in Goslar euphorisch bejubelt. In der Folge rief die Goslarsche Zeitung anlässlich der Reichspräsidentenwahl im Frühjahr 1932 zur Wahl von Adolf Hitler auf. NSDAP und Deutschnationale erhielten bei den Kommunalwahlen im März 1933 die Zustimmung von 2/3 der Wählerinnen und Wähler. Der Boden für Ausgrenzung, Drangsalierung, Verfolgung und Deportation war bereitet.

Gebäude

Die nach dem großen Brand in der Innenstadt 1782 gebaute Synagoge Bäckerstraße / Ecke Vogelsang. „Die rechte Tür führte in die Synagoge (gekennzeichnet durch die Fenster) mit der Empore für die Frauen, die linke in die Küsterwohnung mit der Religionsschule. Von 1945 bis etwa 1950 diente das Gebäude nochmals als jüdische Gotteshaus.“ Stadtarchiv Goslar

Die Ereignisse im November 1938

Ab dem frühen Abend des 9. November 1938 versammelten sich etwa 300 NS-Parteimitglieder, SA-Männer und Zuschauer vor der Kaiserpfalz am Rand der Goslarer Innenstadt, um bei Aufmarsch und Kampfliedern im Fackelschein den 15. „Jahrestag der Bewegung“ zu zelebrieren und ihrer „Märtyrer“ zu gedenken. Später am Abend verlegte ein Teil der Versammelten die biergeschwängerten Gedenkaktivitäten in das altehrwürdige Gasthaus Brusttuch am Markt. Dort erreichte sie kurz vor Mitternacht Goebbels Mobilisierungsbefehl gegen die Juden. Etwa vierzig Personen setzten sich unter Führung des Kreispropagandaleiters und Ortsgruppenführers Albert Fuchs Richtung Innenstadt in Bewegung, um diesen Befehl in die Tat umzusetzen.

Das Modegeschäft der Familie Heilbrunn in der Fischemäkerstraße 8 fiel der Verwüstung anheim, auch das Schuhgeschäft von Joseph Schacker in der Breiten Straße wurde nicht verschont. Die Einrichtung der Synagoge in der Bäckerstraße 31 war das nächste Ziel des Mobs. Weiter ging es mit der Verwüstung des Lederwarenladens von Alfred Jacobs in der Petersilienstraße 3-4. Dort im Obergeschoss wohnte Selmar Hochberg, ein jüdischer Geschäftsmann, der nach den Boykottaktionen vom 1. April 1933 und weiteren Drangsalierungen sein Geschäft hatte aufgeben müssen. Selmar Hochberg wurde von den Eindringlingen schwer misshandelt. Zwei Tage später verstarb er im Krankenhaus. Weil aufgrund einer Anzeige gegen die stadtbekannten Randalierer die örtliche Polizei wegen des Todesfalls ermitteln musste, ließ sie ein ärztliches Gutachten erstellen, das keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Tod des bettlägerigen alten Mannes und den Misshandlungen herstellen wollte. Die Ermittlungen wurden eingestellt, bis im Jahr 1950 neun noch lebende Aktivisten dieser Nacht von der Staatsanwaltschaft Braunschweig angeklagt wurden und sich vor dem Landgericht Braunschweig verantworten mussten.

Die Nacht hatte dem Mob noch nicht gereicht. Nachdem am Morgen des 10. November Dagobert Levy, Besitzer einer Kurzwaren- und Hosenträgerfabrik, in Schutzhaft genommen worden war – er kam erst am 2. Dezember wieder frei –, „kamen etwa 10 SA- und SS-Männer, denen sich einige Zivilisten angeschossen hatten, verlangten unter Beschimpfungen der Ehefrau Levy mit den Worten ‚Ihr Schufte, Ihr Verbrecher, Ihr Mörder, wir wollen nach Waffen suchen‘ von dieser den Schlüssel zu Wohnung und zu den Geschäftsräumen und stürmten dann herein.“ (Zitat aus dem Gerichtsurteil im Jahr 1950).

Zeitzeugen berichteten später: „Ich sehe noch deutlich die Zerstörung, wie man alles, was im Haus war, herauswarf, die Hosenträger hingen in den Bäumen, die um das Haus herum standen. Als ich zur Abzuchtbrücke am Trollmönch kam, sah ich viele Menschen dort stehen. Wir alle beobachteten, wie SA-Männer aus der Levyschen Fabrik Betten, Inletts usw. herausholten und sie aufschlitzten. Hier hatte man auch schrecklich gewütet, Betten aufgeschlitzt, teilweise die Möbel aus dem Fenster geworfen, es sah in der Wohnung schlimm aus. Man sagte Frau Levy, dass die Männer erschossen würden. Sie kam zu uns gelaufen und in ihrer Angst bat sie meine Mutter um Hilfe. Dieses Gesicht, in dem der ganze Schrecken stand, war grün und gelb vor Angst.“

Binnen weniger Stunden waren in der Nacht vom 9. bis in die Morgenstunden des 10. November fast alle in der Innenstadt gelegenen jüdischen Geschäfte und Einrichtungen verwüstet, die Bewohner geschlagen, drangsaliert, gedemütigt worden. Wenige Wochen nach den Ereignissen des 9. November nötigte die Stadt Goslar den Vorsteher der Synagogengemeinde Willi Heilbrunn zu Verkaufsverhandlungen über die seit 1782 in der Innenstadt stehende Synagoge. Ein entsprechender Kaufvertrag wurde am 5. April 1939 unterzeichnet. Der Kaufpreis von 2.500,- Reichsmark, für die Stadt ein Schnäppchen für eine Immobilie in bester Innenstadtlage, wurde auf ein Sperrkonto mit der Bezeichnung „Synagogengemeinde“ bei der Stadtsparkasse eingezahlt. Willi Heilbrunns Hoffnung, durch den Verkauf seine Gemeindemitglieder finanziell entlasten zu können, hatte sich zerschlagen.

Zeitungsartikel

Goslarsche Zeitung vom 15./16. November 1938 mit Berichten über die Pogrome. Stadtarchiv Goslar

 

Goslar Karte

Innenstadtplan aus dem Stadtführer von 1935. Aus: Carl Borchers, Reichsbauernstadt Goslar am Harz. Die tausendjährige Kaiser-, Reichs- und Hansestadt. Ein Führer durch Goslar und Umgebung. Geschichte – Kultur – Wirtschaft. III. Auflage Goslar 1936, S. 113-114.

Folgen

Seit 1933 war die jüdische Bevölkerung von etwa 50 Personen durch Emigration und Sterbefälle auf zwanzig im März 1939 zurückgegangen. Im Zuge der weiteren Verfolgungsmaßnahmen wurden alle Goslarer Jüdinnen und Juden Opfer nationalsozialistischer Gewaltverbrechen.

Darunter befanden sich nach den Recherchen von Donald Cramer folgende Personen:

„Max Jacob war etwa ab 1935 aus Goslar in das Lager Wendefurt (Rappebodetalsperrenbau) eingewiesen. In der Goslarer Wohnung, Obere Schildwache 8, lebte seine Frau Gertrud geb. Deutsch. Robert Rotheberg musste mit seiner Familie aus finanziellen Gründen die Wohnung Vorwerckstraße 4 aufgeben. Die Familie Louis Meyer, Kornstr. 96, nahm die Familie Rothenberg in ihrer Wohnung behelfsmäßig auf. Über Herta Ehrlich, die offenbar bei Rothenbergs wohnte, ist nichts bekannt. Lucie Lebach konnte noch nach England emigrieren, wo sie 1970 starb. Maria Behrens geb. Hesse lebte seit etwa 1905 als ‚Witwe des Gutsbesitzers B. in Goslar, wo sie mehrmals ihre Wohnung wechselte. Sie starb am 29. 4. 1942 in Goslar. Louis Meyer, der seine Wohnung trotz seiner Abwesenheit im Zwangsarbeiterlager Wendefurt beibehielt, und seine beiden Töchter sind hier nicht verzeichnet, das gilt auch für die Söhne von Charley Jacob.“ (Donald Cramer, Das Schicksal der Goslarer Juden 1933-145, S. 46)

Am 31. März 1942 wurden sie von Gestapobeamten aus ihrer Wohnung abgeholt und einem Transport von Braunschweig in das Warschauer Ghetto zugeteilt. Sie kamen ebenso ums Leben wie Henny und Willi Heilbrunn, Helene Lebach und Richard Löwenthal, die am 16 März 1943 in das Konzentrationslager Theresienstadt, das ab Oktober 1942 Durchgangslager in das Vernichtungslager Auschwitz war, deportiert wurden. Charley Jacob und seine Kinder Manfred und Peter sowie Louis Meyer und Dagobert Levy wurden noch am 19. Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebten. Ihre Berichte sind in der Veröffentlichung von Donald Cramer dokumentiert. Nach seinen Recherchen wurden von 1938 bis Kriegsende 20 Goslarer Jüdinnen und Juden Opfer nationalsozialistischer Gewaltverbrechen und Mordtaten.

Gebäude Goslar

Das Goslarer „Judenhaus“ Am Trollmönch 3. In dieses kleine verwahrloste Eckhaus wurden 1942 die verbliebenen zehn Goslarer Juden von den Polizeibehörden eingewiesen, nachdem sie aus ihren Wohnungen vertrieben worden waren. Hier mussten sie auf ihre Deportation nach Theresienstadt warten. Nur eine Person überlebte die Deportation. Stadtarchiv Goslar

Biografie - Selmar Hochberg

Geboren am 11. Februar 1870 in Osterode/Harz lebte er seit 1913 in Goslar. In der Innenstadt, Breite Straße 91, betrieb er ein Kaufhaus für Herrenkonfektion, Möbel und Aussteuerartikel. Er beschäftigte keine Angestellte. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1928 half seine Frau im Geschäft mit, danach seine Haushälterin Getrud Heuer. Nach von Donald Cramer eingeholten Erkundigungen war Hochberg ein zuvorkommender, freundlicher Mensch und Geschäftsmann mit sozialer Ader. Er fühlte sich in der Stadtgesellschaft gut aufgehoben. Selmar Hochberg war wohl religiös eingestellt, hat aber anscheinend am jüdischen Gemeindeleben kaum teilgenommen. Politisch stand er der Sozialdemokratie nahe, mit dem SPD-Senator Wilhelm Söffge war er freundschaftlich verbunden.

Beide wurde am 5. Mai 1933 Zielscheibe eines NS-Mobs, der sie mit Gewalt auf einen Fleischerkarren zerrte und unter dem Gejohle von Hunderten einer Prangeraktion gleich durch die Innenstadt schob.

Schon bei den „Boykottaktionen“ vom 1. April 1933 war Hochbergs Geschäft bevorzugtes Ziel der antijüdischen Aggressionen des „Aktionsausschusses zur Abwehr der Judenhetze“ gewesen. Selmar Hochberg, nach diesen Angriffen physisch und psychisch schwer angeschlagen, gab noch im Jahr 1933 sein Ladengeschäft auf und zog in das Haus der Familien Jacobs in der Petersilienstraße 3-4, wo er seine Geschäfte als Heimbetrieb in eingeschränktem Umfang weiterführte. Selmar Hochberg erlag den Misshandlungen der Pogromnacht am 11. November 1938 im Krankenhaus Goslar.

An seinem Wohnhaus ist eine Gedenktafel angebracht.

Justizielle Ahndung

Weil es 1950 einen Prozess gegen Teilnehmer des Pogroms in Goslar gab, können wir auf der Grundlage der Aussagen von Angeklagten und Zeugen sowie des ausführlichen schriftlichen Urteils die Pogrom-Nacht ziemlich genau rekonstruieren. Eine wichtige Aussage sei hier ausschnittsweise zitiert. Die Zeugin Plünnecke, Haushaltshilfe von Selmar Hochberg, hatte schon 1938 im Zuge der Strafanzeigen eine Aussage gemacht – eine couragierte und mutige Handlung –, die sie später im Prozess wiederholte:

„Sie sei gegen 2 Uhr nachts von einem Geräusch aufgewacht, das offenbar von dem Zerschlagen der großen Ladenfenster herrührte. Als sie ins Erdgeschoss gekommen sei, sei die Scheibe zertrümmert gewesen, während die Auslagen auf der Straße gelegen hätten. Sie habe die Polizei angerufen und dann die Waren mithilfe eines hinzukommenden Polizeibeamten zusammengelesen und in das Schaufenster gestellt. Kurze Zeit darauf sei eine Gruppe von SA-Leuten erschienen und habe mit den Worten ‚Hier ist nicht sauber gearbeitet worden‘ die Sachen wiederum auf die Straße geworfen. Sie habe sich dann nochmals daran gemacht, die Waren zu bergen, habe aber die Arbeit unterbrochen, weil ein neuer Haufen von braun uniformierten Männern herangekommen sei, und sich in die Wohnung begeben, um sich selbst keinen weiteren Belästigungen mehr auszusetzen. Kaum habe sie die Wohnung betreten, als etwa 5-6 Männer in brauner Uniform die Treppe heraufgekommen seien und an der Wohnungstür, deren Scheiben sie zerschlagen hätten, mit den Worten Einlass begehrt hätten ‚Wir wollen uns den Juden holen.‘ Der Anführer sei ein untersetzter Mann mit roten Haaren gewesen, der von den anderen ‚Fuchs‘ genannt worden sei. Dieser habe sich wie wild gebärdet, habe sie beschimpft und sei, obwohl sie auf den schwerkranken Zustand von Hochberg hingewiesen habe, als erster in das Schlafzimmer von Hochberg eingedrungen und habe ihm zugerufen: ‚Steh auf, du Stinkjude‘. Als ein anderer ihn mit der Bemerkung ‚Der Jude verreckt auch so‘ zum Fortgehen veranlassen wollte, habe er zunächst weiter darauf bestanden, Hochberg aus dem Bett zu holen, und erklärt, er habe versprochen, Hochberg umzubringen. Schließlich sei es den anderen doch gelungen, ihn zum Mitkommen zu bewegen. Zuvor habe er aber noch mit einem Stück Holz, wahrscheinlich der Sprosse eines Treppengeländers, wahllos auf Möbelsachen eingeschlagen. Sie selbst sei von ihm ‚Judensau‘ beschimpft worden.“

Die Angeklagten:

  • Otto Teuber, Kaufmann, 40 Jahre, seit dem 1.4. 1932 NSDAP-Mitglied; SA-Reserve, später NSKK-Sturmführer und Motor-Sport-Referent in dessen Stab. Freispruch.
  • Albert Fuchs, kaufmännischer Angestellter, 34 Jahre, seit 1932 NSDAP-Mitglied, seit 1933 Ortsgruppenleiter und 1938 Kreispropagandaleiter der Kreisleitung der NSDAP. Verurteilt zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahr und sechs Monaten
  • Hermann Wiedermeier, Arbeiter, 45 Jahre, seit 1932 NSDAP-und SA-Mitglied, 1938 Oberscharführer, später Obertruppführer. Verurteilt zu acht Monaten Gefängnis.
  • Willi Förster, kaufmännischer Angestellter, 40 Jahre, seit 1933 NSDAP- und SA-Mitglied, 1938 Scharführer, später Truppführer. Freispruch.
  • Kurt Rudolf, Kaufmann, 31 Jahre, März 1934 Eintritt in die SA, 1937 – nach Aufhebung des Aufnahmestopps – Eintritt in die NSDAP, 1938 Oberscharführer, letzter Dienstgrad Obertruppführer. Verurteilt zu einem Jahr und zwei Monaten Gefängnis.
  • Robert Schacht, Arbeiter, 44 Jahre, 1934 vom Stahlhelm in die SA übernommen, 1938 SA-Scharführer und hauptamtlicher Schreiber der Standarte Goslar, letzter Dienstgrad Obertruppführer. Verurteilt zu sieben Monaten Gefängnis.
  • Heinrich Bass, Schlosser, 39 Jahre, seit November 1930 NSDAP-und seit Frühjahr 1931 SS-Mitglied, 1938 Oberscharführer, seit 1943 bei der Waffen-SS (Sanitätsunterscharführer). Er wurde am 21.4.1948 vom Spruchgericht Stade wegen Zugehörigkeit zur Waffen-SS zu einer Strafe von einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt, die durch seine Internierungshaft vom 6. 6.1945 bis Februar 1948 als verbüßt galt. Freispruch.
  • Erich Moll, Kraftfahrer, 37 Jahre, seit 1931 Mitglied der NSDAP und der SA, trat dann der Motor-SS bei. 1938 war er SS-Scharführer, von September 1945 bis März 1947 wegen seiner SS-Mitgliedschaft interniert. Freispruch.
  • Werner Kühne, kaufmännischer Angestellter, 34 Jahre, seit Dezember 1931 in der NSDAP und SA, 1938 SA-Sturmführer. Freispruch

 

Spuren und Gedenken

Nach dem Krieg sah man sich in Goslar durch die Gerichtsurteile gegen die Täter vom 9./10. November 1938 und die Anführer des Mobs vom 5. Mai 1933 der Schuld entledigt. Latenter Antisemitismus und das Leugnen von Verantwortung für eigenes Tun schwärten weiter.

Die Goslarsche Zeitung berichtete 1950 unter der Überschrift „Sühne für die Goslarer ‚Kristallnacht“ über den Prozess vor dem Landgericht Braunschweig. Die Redakteure distanzierten sich massiv von den Taten. Die Verurteilten wurden mit vollem Namen genannt, ihre Taten ausführlich geschildert und ihre Strafen veröffentlicht. Die Zeitung vergaß allerdings nicht, offen zu lassen, ob die SS- und SA-„Haufen“ – so die Formulierung des Redakteurs – auf Befehl aus München oder aus spontaner Empörung über das Attentat auf von Rath gehandelt hatten. Das Urteil wiedergebend heißt es:

„Es sei einwandfrei nachgewiesen, dass z.B. das Hochberg’sche Geschäft von fünf Haufen heimgesucht sei und dass der schwerkranke Hochberg in übelster Weise misshandelt worden sei. […] Es [sei] dem Gericht nicht gelungen, die Hintergründe dieser Goslarer Aktion restlos aufzuklären. Es bestehe die Möglichkeit, dass die Anweisung zu diesen antisemitischen Maßnahmen von München gekommen sei, es sei aber auch möglich, dass die Nachricht von der Ermordung des Botschaftsrats von Rath, die in dieser Nacht in Goslar eingetroffen sei, die Aktion ausgelöst habe.“ (Goslarsche Zeitung vom 5. April 1950)

Gleichzeitig wusch der NS-Oberbürgermeister und damit Chef der Polizeibehörde, Heinrich Droste, seine Hände in Unschuld: Er hätte die Ausschreitungen nicht zugelassen, aber er habe in der Nacht vom 9. auf den 10. November nichts davon gewusst und mitbekommen, äußerte er in einem Interview im Rahmen einer 1953 vom Frankfurter Institut für Sozialforschung durchgeführten Studie.

Bereits im März 1948 hatte das Landgericht Braunschweig zwei Teilnehmer der Prangeraktion vom 5. Mai 1933 zu sechs bzw. drei Monaten Gefängnis wegen Beihilfe zur Freiheitsberaubung verurteilt.

In Goslar hatte man das Glück, dass einige der wenigen Überlebenden in die Stadt zurückkehrten und damit quasi Vergebung gewährten. An der Stelle des abgerissenen „Judenhauses“ Am Trollmönch 3 wurde 1988 ein Gedenkstein für die jüdischen Opfer der Stadt angebracht. Dass dieser mit dem christlichen Symbol des Kreuzes versehen war, fiel erst kurz vor der Einweihung auf. Der seit dem 17 Jahrhundert existierende jüdische Friedhof am Rande der Innenstadt erinnert mit seinen 145 erhaltenen Grabsteinen an die lange jüdische Geschichte in dieser Stadt.

Eine wichtige Straße in der Innenstadt wurde nach Charly Jacob benannt, an den ehemaligen Wohnhäusern Goslarer Juden wurden Gedenk- und Erinnerungstafeln angebracht. Am Standort der einstigen Synagoge, heute Verlagshaus der Goslarschen Zeitung, erinnert eine Tafel an die Existenz jüdischen Lebens in der Stadt. 1986 erschien die erste verdienstvolle Monografie von Donald Cramer, der auf der Grundlage von Akten und zahlreichen Zeitzeugenbefragungen das „Schicksal der Goslarer Juden 1933-1945“ erarbeitete – heute ein Standardwerk, musste es damals noch mit anonymisierten Täternamen erscheinen. Im Rahmen eines bedeutenden kollektiven Gedenkens auf Initiative der evangelisch-lutherischen Propstei Goslar und des Vereins Spurensuche Harzregion im Jahr 2008 an dem sich weite Teile der Stadtgesellschaft beteiligten, fiel auf, dass die Texte auf diesen Tafeln das Schicksal schönten: Über die Todesfälle in den KZ hieß es, dass die Menschen dort „gestorben“ seien. Auf Intervention eines Schüler*innenprojekts im Rahmen des Gedenkjahrs wurden die Texte den Tatsachen angepasst. Nun ist richtig benannt, dass diese Menschen in den Lagern „umgekommen“ bzw. „ermordet“ wurden.

Erinnerungskultur

Ankündigungsplakat der Ev.-luth. Propstei Goslar zu den Veranstaltungen im Gedenken an 70 Jahre Reichspogromnacht 2008. Archiv Peter Schyga

 

Erinnerungskultur

Gedenkstein Am Trollmönch 3, 2018. Foto: Peter Schyga

Weiterführende Literatur

Cramer, Donald, Das Schicksal der Goslarer Juden 1933-1945. Eine Dokumentation (Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar, Bd. 36), Goslar 1986. Hier finden sich auf S. 64-190 auch sehr ausführliche Biografien mit Bildern und Dokumenten.

Lange, Horst-Günther, Die Geschichte der Juden in Goslar von den Anfängen bis 1933 (Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar, Bd. 41), Goslar 1994.

Schyga, Peter, Goslar 1918-1945. Von der nationalen Stadt zur Reichsbauernstadt des Nationalsozialismus (Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar, Goslarer Fundus, Bd. 46), Bielefeld 1999.

Ders., „Es gilt diesen Pestherd in allen Winkeln Europas auszurotten.“ Die Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 (Spuren Harzer Zeitgeschichte, Heft 1), Clausthal-Zellerfeld 2006.

Ders., Kirche in der NS-Volksgemeinschaft – Selbstbehauptung, Anpassung und Selbstaufgabe. Die ev.-luth. Gemeinden in Goslar, der Reichsbauernstadt des Nationalsozialismus, hrsg. v. Helmut Liersch im Auftrag des Propsteivorstandes Goslar, Hannover 2009.

Ders., Goslar 1945-1953. Hoffnung – Realitäten – Beharrung (Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar, Goslarer Fundus, Bd. 56), Bielefeld 2017.

Autor: Dr. Peter Schyga, freiberuflicher Historiker, Hannover

Referent des Vereins Netzwerk Erinnerung und Zukunft in der Region Hannover
1. Vorsitzender des Vereins Spurensuche Harzregion (www.spurensuche-harzregion.de).

Website www.kliopes.de

Kontakt: peter.schyga@gmx.de