November­pogrome
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1938 in Niedersachsen

Göttingen

Vorgeschichte

In Göttingen gab es bereits im Jahr 1289 die erste Erwähnung einer jüdischen Gemeinde mit einem urkundlichen Verweis, in welchem die Göttinger Herzöge Wilhelm und Albrecht dem Stadtrat gestatten, „die Juden der Familie Moyse“ mit den geltenden Bürgerrechten auszustatten.

Die erste Synagoge, aus dem 14. Jahrhundert stammend, welche in der Jüdenstraße stand, wurde im Zuge des ersten Abbruchs jüdischen Lebens und der ersten Verfolgungswelle in Göttingen im Jahr 1350 zerstört. Anlass war der Vorwurf, jüdische „Brunnenvergifter“ seien für den Ausbruch der Pest verantwortlich. In der Mitte des 15. Jahrhunderts fand der zweite große Abbruch des jüdischen Lebens in Göttingen statt. Diesem fiel unter anderem die jüdische Schule in der Speckstraße zum Opfer. Jüdisches Leben in Göttingen begann nach diesem zweiten Abbruch, wohl auch durch den starken Antijudaismus des folgenden Jahrhunderts, erst wieder im 17. Jahrhundert zu erstarken, als einzelne Familien jüdischen Glaubens wieder nach Göttingen zogen.

Als im 18. Jahrhundert die Anzahl der Bürger*innen jüdischen Glaubens wieder anstieg (zwischenzeitlich war es nur noch einigen „Schutzjuden“ gestattet, in Göttingen zu wohnen), wurde eine Synagoge in einem Hinterhaus der Prinzenstraße eingerichtet. Nachdem diese Synagoge bereits 1867 als baufällig beschrieben wurde und zugleich durch die Gleichstellung der Bürger*innen jüdischen Glaubens im Königreich Hannover (1848) die Zahl an jüdischen Bürger*innen stetig wuchs, wurde 1869 eine neue Synagoge in der Maschstraße errichtet, die 1872 eingeweiht werden konnte. Da die jüdische Gemeinde im Jahr 1890 bereits 450 Gemeindemitglieder zählte, wurde bald eine Erweiterung der Synagoge veranlasst. Diese erweiterte Synagoge blieb bis zu den Novemberpogromen in ihrer Form erhalten.

Bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten waren antisemitisch geprägte Denkmuster in den Köpfen der Göttinger Bürgerschaft fest verankert. Vor dem Ersten Weltkrieg stellte der Antisemitismus jedoch noch keine akute Bedrohung für die soziale und geschäftliche Stellung der jüdischen Bürger*innen dar. Das änderte sich 1918 mit dem Ende des Ersten Weltkrieges.

Die Anfeindungen fanden nun öffentlich statt, der „Verband zur Befreiung des Judenjochs“ gründete 1919 eine eigene Ortsgruppe in Göttingen und publizierte Aufrufe zum Boykott von Geschäften mit Besitzern jüdischen Glaubens. Zu dieser Zeit umfasste die jüdische Gemeinde fast 500 Personen. Gleichzeitig druckte das noch heute existierende Göttinger Tageblatt bereits zum  Ende der Kaiserzeit antisemitische Artikel gegen Mitbürger*innen jüdischen Glaubens und rief zum Kampf gegen Juden auf.

Die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung Göttingens erfuhr bereits in den 1920er Jahren einen weiteren tiefen Einschnitt, als Mitglieder der NSDAP sowie die Schülerinnen einer Mädchenschule mit Flugblättern gezielt zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verstärkten sich diese Boykotte. Zudem verweigerte die Göttinger Universität Dozent*innen und Student*innen den Zutritt zur Bibliothek, sofern sie als „Juden“ bekannt waren. Jüdische Professoren wurden aus dem Amt gedrängt. Promotionen wurden aberkannt, sobald bekannt wurde, dass der oder die Betreffende eine Emigration plante.

Bereits 1933 fand eine Welle von Geschäftsaufgaben in der Göttinger Innenstadt statt, nachdem die NSDAP die jüdischen Besitzer der Geschäfte bedroht und an ihren Läden Hetzplakate angebracht hatte. 1935 hielt der fränkische Gauleiter und Herausgeber des „Stürmers“ Julius Streicher auf einer  Kundgebung in Göttingen eine Rede über „Die Judenfrage im Allgemeinen (…)“. „Streicher war schlimm, schlimmer war das Volk…“, hielt der jüngere Bruder der bekannten Göttinger Autorin Hannah Vogt, die 1933 als Kommunistin verfolgt worden war, in seinem Tagebuch fest.

Bedingt durch den wachsenden Antisemitismus in Göttingen verließen ab 1933 die meisten  Göttinger Juden ihre Heimat. Ein Teil flüchtete ins europäische Ausland, emigrierte in die Vereinigten Staaten oder floh in größere deutsche Städte, während nur wenige Bürger jüdischen Glaubens in Göttingen wohnhaft blieben. Bereits im Oktober 1938 löste der letzte Vorsteher der Gemeinde, Herrman Ostfeldt, die jüdische Gemeinde Göttingen auf und floh nach Palästina.

Bis 1938/39 verließen über 200 der 450  Göttinger Gemeindemitglieder die Stadt. Die verbliebenen 250 wurden von den Nationalsozialisten im Zuge der Shoa schließlich in Ghettos und Konzentrationslager deportiert. Die meisten von ihnen wurden ermordet.

Die Ereignisse im November 1938

Am späten Abend des 9. November 1938, gegen 23.00 Uhr, trafen sich im Sitzungssaal des Göttinger Rathauses der SS-Standartenführer Friedrich Steinbrink, der amtierende Oberbürgermeister Albert Gnade, der Leiter der Feuerwehr Wilhelm Rodenwald und die Leitung der Kriminalpolizei Göttingen, um zu beraten, wie die Göttinger Synagoge am besten anzuzünden sei.

Rodenwald eilte zwischenzeitlich zu seinem Haus, um seine privaten Benzinvorräte zur Synagoge zu bringen. Die Freiwillige Feuerwehr stand unter der Leitung von Hermann Grote bereit, um angrenzende Häuser vor dem Flammen zu schützen, als Mitglieder der SS die Synagoge an der Unteren Maschstraße am 10. November 1938 um 01.00 Uhr nachts in Brand setzten.

Am Vormittag des 10. November 1938 wurden die Fassaden der Synagoge kontrolliert gesprengt, auch wenn die gesamte Synagoge und deren Inneneinrichtung bereits über Nacht ausgebrannt waren. Zahlreiche Schaulustige aus der Göttinger Bevölkerung begleiteten schließlich die endgültige Zerstörung und Sprengung der Synagoge.

Noch am 10. und am 11. November 1938 stürmten Mitglieder der SA und SS Geschäfte und Wohnungen jüdischer Familien, zerstörten deren Eigentum, misshandelten und verhafteten jüdische Familien und brachten sie in das örtliche Polizeigefängnis.

Angesichts der vielen Verhafteten war das Polizeigefängnis schnell überfüllt. Aus diesem Grund wurden einige Inhaftierte teilweise bereits nach kurzer Zeit wieder entlassen, um Platz zu schaffen. Manche Juden blieben jedoch noch bis ins Jahr 1939 dort inhaftiert.

Folgen

Die meisten Göttinger Juden wurden bereits im Zeitraum von Dezember 1938 bis spätestens Anfang Januar 1939 wieder aus dem Gefängnis entlassen. Eine Ausnahme bildeten die Brüder Max Raphael und Nathanel Hahn.

Deportationen in die Konzentrationslager, wie in vielen anderen Teilen Deutschlands, blieben allerdings aus. Die Historikerin Cordula Tollmien begründet diese Ausnahme mit der Abwesenheit des Göttinger Gestapo-Leiters Hans Eysels, welcher in der Pogromnacht außerhalb Göttingens war.

Von den circa 250 in Göttingen nach der Pogromnacht verbliebenen Juden konnten bis 1939 einige wenige ins Ausland fliehen. Einige weitere jüdische Frauen und Männer waren durch „Mischehen“ geschützt.

Die meisten Göttinger Juden wurden allerdings im Zuge von zwei Deportationen im Jahr 1942 verschleppt und ermordet. 79 Personen wurden am 1. April 1942 zuerst nach Hannover überführt, um von dort aus in Viehwaggons nach Warschau deportiert zu werden. Die zweite Deportation fand am 21. Juli 1942 statt und umfasste auch die 27 Bewohner des „Judenhauses“ an der Weender Landstraße.

Biographien - Familie Hahn

Max Raphael Hahn, geboren am 22. April 1880 als Sohn des Kaufmanns Raphael Hahn, verheiratet mit Gertrud Hahn, war zusammen mit seinem Bruder Nathanel Eigentümer der Göttinger „Fabrik Rohhäute- und Fellgroßhandlung Raphael Hahn Söhne OHG“ sowie der Schuhfabrik Gallus. Beide Eheleute waren in der jüdischen Gemeinde sehr angesehen, Hahns Frau engagierte sich in karikativer Form. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, Rudolf (*1910) und Hanni (*1922).

Der prägende Antisemitismus, der in Göttingen vorherrschte, traf die Hahns bereits vor 1938 hart.

1935 verkaufte Raphael Hahn unter Druck der Nationalsozialisten Teile seiner privaten Besitztümer an das Museum Göttingen, seine Firmen wurden boykottiert und Kredite wurden von der Bank verweigert. Die Übergriffe gegen die Familie Hahn erreichten einen weiteren Höhepunkt, als die Fenster ihres Wohnhauses eingeworfen wurden und  Mitglieder der SA vor der Villa Schmähungen wie „Max Hahn verrecke!“ riefen.

Im Zuge der Novemberpogrome 1938 drang die SS auch in die Villa der Hahns in der Merkelstraße 3 ein und nahm Max Hahn, seine Frau Gertrud und die Kinder in „Schutzhaft“. Der Familie des Brudes Nathanel Hahns geschah dasselbe.

Die Frauen und Kinder der Gebrüder Hahn werden noch 1938 aus der „Schutzhaft“ entlassen, während die Brüder bis zum 4. Juli 1939 in Haft verbleiben mussten. Schließlich zwangen Mitglieder der SA Max Hahn zum Verkauf seines Eigentums.

Die Kinder der Hahns emigrierten nach England. Die Eheleute Max und Gertrud Hahn flohen nach der Entlassung der Gebrüder Hahn nach Hamburg, beide wurden jedoch 1941 nach Riga deportiert und dort 1942 ermordet. Nathanel und Betty Hahn wurden 1942 über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort 1943 ermordet.

Albert Gnade - Oberbürgermeister

Oberbürgermeister Albert Gnade (1886-1966) war einer der führenden NS-Funktionäre in Göttingen. Bereits seit 1922 Mitglied in der NSDAP, war er vor seiner politischen Karriere im Nationalsozialismus Betreiber eines Gasthauses in der Nähe von Göttingen. 1933 wurde er Polizeichef in Göttingen.

Bereits seit 1931 war Gnade Mitglied der SS. 1934 erhielt er den Rang des Standartenführers und wurde 1934 von Heinrich Himmler mit dem Totenkopfring ausgezeichnet. Im selben Jahr wurde Gnade zum Bürgermeister und 1938 schließlich zum Oberbürgermeister der Stadt Göttingen ernannt.

Gnade, der als bekennender Nationalsozialist aktiv an den Pogromen und anderen Gräueltaten gegen die jüdische Bevölkerung teilnahm, wurde 1945 des Amtes enthoben und in den Entnazifizierungsverfahren zuerst als minderbelasteter Mitläufer, später als Begünstigter eingestuft, jedoch ohne für seine Vergehen oder seine privaten Bereicherungen jemals eine Strafe erhalten zu haben. Gnade beteiligte sich nach diesen Verfahren wieder aktiv in der rechtsextremen Szene Göttingens und war ab 1952 als Mitglied der rechtsextremen Deutschen Reichspartei Abgeordneter im Stadtrat Göttingen. Nach deren Verbot kandidierte er – wenn auch erfolglos – für andere rechtsextreme Parteien auch für den Bundestag.

Spuren und Gedenken

Einige jüdische Familien kehrten bereits nach 1945 wieder nach Göttingen zurück, so auch Gerda Buergenthal, die Tochter der Silbergleits, die ein Schuhgeschäft an der Groner Straße besessen hatten und enteignet, deportiert und ermordet worden waren. Sie lebte nach 1945 einige Jahre zusammen mit ihrem Sohn Thomas Buergenthal in Göttingen.

Die baulichen Reste der Göttinger Synagoge waren bereits in den späten 1930er Jahren gänzlich abgetragen worden. 1973 wurde an ihrem Standort zum Gedenken an die Opfer und die Geschehnisse der Pogromnacht eine Plastik als Mahnmal errichtet. Aufeinanderliegende Davidsterne bilden bis in sechs Meter Höhe eine symbolische Flamme. Unterhalb dieser Plastik ist ein offener Raum, an dessen Wänden die Namen der Opfer angebracht wurden, welche als Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Göttingen Opfer des nationalsozialistischen Terrors geworden sind und deportiert und ermordet wurden. Eine Gedenkstunde erinnert jedes Jahr am 9. November an diesem Ort an die Geschehnisse der Pogromnacht 1938.

Am Standort des ehemaligen „Judenhauses“ an der Weender Landstraße befindet sich heute ein Parkplatz der Universität Göttingen. Eine Informationstafel bietet Interessierten Auskunft über die frühere Nutzung des Grundstücks. Die Georg-August-Universität zu Göttingen gedenkt zusätzlich der Taten der Nationalsozialisten mithilfe einer Website, auf welcher die Taten und Entscheidungen, wie etwa der Ausschluss von Dozierenden jüdischer Herkunft in der NS-Zeit, kritisch beleuchtet und aufgearbeitet werden.

Seit 1994 existiert in Göttingen die wieder gegründete „Jüdische Gemeinde Göttingen e.V.“, die seit 2008 ihre Gottesdienste in der original erhaltenen Synagoge aus dem nahegelegen Bodenfelde abhält, die abgebaut und in Göttingen wiederaufgebaut wurde.

Die 2005 gegründete „Jüdische Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen e.V.“ nutzte seit 2008 eine Wohnungssynagoge, die 2014 durch eine Kellersynagoge in einem arisierten jüdischen Gebäude in der Rote Straße 28 ersetzt wurde. Hier befindet sich auch die einzige Göttinger Mikwe.

Auf dem jüdischen Friedhof im heutigen Göttinger Stadtteil Geismar, der 1937 von den Nationalsozialisten aufgeschüttet und seiner Grabsteine beraubt wurde, steht seit den 1960er Jahren eine Gedenkstele. Eine weitere Form des Gedenkens bilden darüber hinaus die in Göttingen verlegten Stolpersteine.

Die Gedenkstele auf dem jüdischen Friedhof im Göttinger Stadtteil Geismar. Stadtarchiv Göttingen

Weiterführende Literatur und Links

Buergenthal, Thomas: Ein Glückskind. Wie ein kleiner Junge zwei Ghettos, Auschwitz und den Todesmarsch überlebte und ein neues Leben fand, Frankfurt/Main 2007.

Heinzel, Matthias: 1945 – Kriegsende in Göttingen. Zeitzeugen berichten, Göttingen 2005.

Kruppe, Michael: Häuserchronik der Stadt Göttingen, Göttingen 2012.

Obenaus, Sybille: Göttingen, in: Obenaus, Herbert u.a. (Hg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen., Band 1 und 2, Göttingen 2005.

Schaller, Berndt: Synagogen in Göttingen – Aufbrüche und Abbrüche jüdischen Lebens, Göttingen 2006.

Schwarz, Angelika: Von den Wohnstiften zu den „Judenhäusern“; in: Ebbinghaus, Angelika/Linne, Karsten (Hg.), Kein abgeschlossenes Kapitel: Hamburg im „Dritten Reich“; Hamburg 1997, S. 246.

Tollmien, Cordula: Nationalsozialismus in Göttingen 1933–1945, in: von Tadden, Rudolf/Trittel, Jürgen (Hg.): Göttingen – Die Geschichte einer Universitätsstadt. Bd.3: Von der preußischen Mittelstadt zur südniedersächsischen Großstadt 1866 bis 1989, Göttingen 1999, S.127-273.

Stadtarchiv Göttingen

Jüdische Gemeinde Göttingen

goest – Göttinger Stadtinfo: 9. November

Georg-August-Universität Göttingen: Die Universität im Nationalsozialismus

Autor_innen: Hendrik Torno und Tabea Gudd, Studierende der Leibniz Universität Hannover