November­pogrome
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1938 in Niedersachsen

Delmenhorst

Vorgeschichte

Erste Erwähnungen zu jüdischem Leben in Delmenhorst finden sich in dem Jahr 1695. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wuchs die Anzahl jüdischer Bewohner auf nur etwa 20 an. Grund dafür war die restriktive Haltung der Stadtverwaltung gegenüber den Juden. Da Delmenhorst als aufkommender Industriestandort allerdings Arbeit bot, stieg die Zahl der angesiedelten Juden weiter an, sodass die jüdische Gemeinde im Jahre 1933 insgesamt 175 Mitglieder zählte.

Seit 1930 erhielt die NSDAP in Delmenhorst bei den Reichstags- sowie den Landtagswahlen jeweils 20 Prozent oder mehr aller Wählerstimmen. In den Jahren 1932 und 1933 konnten knapp 35 Prozent errungen werden, was leicht unter dem Reichsdurchschnitt lag.

Mit der Machtübernahme der NSDAP 1933 setzte auch in Delmenhorst die Repression der jüdischen Bevölkerung ein. Den Anfang machte hier der Boykott der jüdischen Geschäfte am 1. April desselben Jahres. In den folgenden Jahren verstärkte sich die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung und die antisemitische Hetze in Delmenhorst.

Die Ereignisse im November 1938

Am Abend des 9. November 1938 war die gesamte höhere Führung der NSDAP in München versammelt, um den gescheiterten Hitler-Putsch des Jahres 1923 zu feiern. Unter den Teilnehmern waren auch Mitglieder aus dem Gau Weser-Ems.

Die Delmenhorster Funktionäre der NSDAP sowie die Führer der SA kamen in Delmenhorst zusammen, um der Toten des Putschversuchs von 1923 zu gedenken. Im Verlauf dieser Feier ging wahrscheinlich ein Brandstiftungsbefehl ein. Aufgrund dieses Befehls gab NSDAP-Kreisleiter Gustav Sturm die Anweisung, dass alle Anwesenden der Feier sich unverzüglich auf der Burginsel, einer kleinen Insel im Stadtpark von Delmenhorst, versammeln sollten. Auf der Burginsel hielt Sturm dann eine leidenschaftliche Ansprache, wonach die Anwesenden Zivilkleidung anlegen und anschließend Benzin von einer Tankstelle besorgen sollten. Mit diesem Benzin sollte dann in kleinen Gruppen bei der örtlichen Synagoge aufmarschiert werden.

Dieser Aufforderung kamen die Anwesenden umgehend nach. Die erst zehn Jahre zuvor erbaute Synagoge in der Cramerstraße wurde wenig später in Brand gesteckt. Das Gebäude wurde stark beschädigt. Die alarmierte Feuerwehr beschränkte sich darauf, zu verhindern, dass das Feuer auf nebenstehende Gebäude übergriff. Auch die herbeigerufene Polizei schritt nicht ein.

Zusätzlich gab Kreisleiter Sturm den Befehl, das Möbelgeschäft Fink in der Langenstraße zu demolieren. Am folgenden Tag verhaftete man in Delmenhorst zehn männliche jüdische Bewohner der Stadt. Sie wurden in das Gerichtsgefängnis gebracht und von Kreisleiter Sturm bedroht. Anschließend wurden sie in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Nach etlichen Quälereien und Misshandlungen wurden sie unter der Bedingung einer zügigen Auswanderung wieder entlassen.

Innenraum der Synagoge in der Cramerstraße. Aus: Architekt B. Himmelskamp, Delmenhorst, nach 1928; Stadtarchiv Delmenhorst.

Die 1928 eingeweihte Synagoge in der Cramerstraße. Aus: Architekt B. Himmelskamp, Delmenhorst, nach 1928; Stadtarchiv Delmenhorst.

Folgen

 Da  viele Mitglieder der Jüdischen Gemeinde im Anschluss an die Ereignisse emigrierten, konnten die verbliebenen Mitglieder ausstehende Schulden bei der Oldenburger Landessparkasse nicht mehr begleichen, da die Last zu hoch war. Auf Drängen der Bank musste die Jüdische Gemeinde das Grundstück, auf dem die in der Pogromnacht stark beschädigte Synagoge stand, im Jahre 1939 an einen privaten Käufer abgeben. Dieser baute das Gebäude zum Wohnhaus um, als welches es noch heute genutzt wird.

 

Die nicht zerstörten jüdischen Geschäfte wurden „arisiert“. Da die jüdische Schule nach dem Pogrom geschlossen wurde, mussten die jüdischen Delmenhorster Schülerinnern und Schüler die bis zum Jahr 1940 zugelassene jüdische Schule in Oldenburg besuchen.

Wer es bis 1941 nicht schaffte auszuwandern, wurde Opfer der Deportationen. In Sammeltransporten wurden die übrig gebliebenen Delmenhorster Juden in die Ghettos Minsk, Litzmannstadt oder Theresienstadt verschleppt. Die meisten kamen dort oder in Vernichtungslagern ums Leben. Insgesamt wurden mindestens 68 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Delmenhorst Opfer der Shoah.

Biografie - Adolf Dessauer

Adolf Dessauer war mehrere Jahrzehnte Inhaber der Firma Neugarten in Delmenhorst. Nach der Machtübernahme durch die NSDAP zog Dessauer nach Hannover in die Wedekindstraße 22. Den Rest seines Warenlagers übergab er Verwandten in Bremen. In seine ehemaligen Geschäftsräume zog anschließend ein „arischer“ Betrieb.

Biografie - Familie Hirschtick

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1922 übernahm Rosaltje Hirschtick dessen Rohprodukte-Firma. Ihre Söhne Leonhard und Isaak gründeten unter dem Namen „Gebrüder Hirschtick“ ebenfalls einen eigenen Betrieb. 1936 wanderte die Familie in die Niederlande aus, von wo aus sie weiter in die USA emigrierten.

Spuren und Gedenken

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es lange Zeit keine Jüdische Gemeinde mehr in der Stadt Delmenhorst. Erst im Jahr 1997 gründete sich in Delmenhorst eine neue Jüdische Gemeinde. Die Gemeinderäumlichkeiten befinden sich heute in der Louisenstraße, zentral gelegen und unweit vom Bahnhof. Vor dem Grundstück der 1938 ausgebrannten Synagoge wurde eine Gedenktafel aufgestellt – wann genau, ist nicht bekannt. Im Laufe der Jahre wurde diese Tafel allerdings ausgetauscht. Auf Nachfrage beim Stadtarchiv Delmenhorst konnte allerdings nicht mehr rekonstruiert werden, wann genau dies geschehen ist.

Auf dem Jüdischen Friedhof an der Syker Straße in Delmenhorst, auf dem rund 130 Grabsteine erhalten geblieben sind und der seit der Neugründung der Gemeinde 1997 auch wieder für Beerdigungen genutzt wird, wurden im Jahre 2012 zwei Gedenktafeln aufgestellt. Diese wurden vom Freundes- und Förderkreis der Jüdischen Gemeinde zur Erinnerung und Mahnung gespendet. Eine der Tafeln informiert über die Geschichte des Friedhofs, während die andere Tafel die Namen der 68 getöteten jüdischen Bürger zeigt, welche zur Zeit des Nationalsozialismus ihr Leben ließen. Über den Namen steht der Satz: „Zum Gedenken an die Opfer der Schoa“.

Außerdem gibt es in Delmenhorst 37 Stolpersteine. Das Projekt der Stolpersteine in Delmenhorst begann am 31. Juli 2006, als an vier Stellen zunächst insgesamt 13 Steine verlegt wurden.

Mittig: Das Gebäude der ehemaligen Synagoge der Jüdischen Gemeinde in der Cramerstraße, November 2018.
Foto: Philipp Karthäuser

Weiterführende Literatur und Links

 https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/29464

letzter Aufruf: 12.11.2018

https://www.nwzonline.de/wirtschaft/zur-erinnerung-und-mahnung-an-den-holocaust_a_1,0,542641770.html

letzter Aufruf: 12.11.2018

http://www.geschichtsatlas.de/~gb21/Projekt/wahlergebnisse/NSADP1928-1933.htm

letzter Aufruf: 12.11.2018

https://www.nwzonline.de/delmenhorst/stolpersteine-erinnern-an-die-ns-opfer_a_6,1,2070149735.html

letzter Aufruf: 12.11.2018

Glöckner, Paul Wilhelm, Delmenhorst unter dem Hakenkreuz. Band 3: Kriegsvorbereitung in Delmenhorst, Propaganda und Gleichschaltung von 1933 bis 1939, Delmenhorst 1987.

http://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/c-d/115-delmenhorst-niedersachsen

Autor: Philipp Karthäuser, Student der Leibniz Universität Hannover