November­pogrome
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1938 in Niedersachsen

Bad Münder

Die Vorgeschichte

Mitte des 16. Jahrhunderts sind in Münder drei Juden namentlich bekannt. Ab 1700 ist eine jüdische Gemeinde nachweisbar, deren Mitglieder Schutzbriefe vom Amt Springe erhielten. Ein Friedhof ist seit 1782 bezeugt.

1806 und 1814 erwarben Juden Bürgerhäuser, erhielten aber nicht die Bürgerrechte. 1821 gab es 55 Juden im Ort – bei gut 2.200 Einwohnern. Sie handelten mit Vieh, Lederwaren und Getreide, waren im Fleischereigewerbe, als Klempner und als Lotteriekollekteure tätig.

Gottesdienste sind in einem Privathaus seit 1785 belegt. 1835 genehmigte der Rat den Juden, das Bürgerhaus Deisterallee 3 für die Einrichtung einer Synagoge und Mikwe zu erwerben. Die Absicht, dort auch eine Schule einzurichten, konnte zunächst nicht realisiert werden.

Die meisten Juden der Stadt waren „dürftig bis arm“. Allein vier Familien, darunter zwei mit Hausbesitz, waren in der Lage, sich an den Gemeindeabgaben zu beteiligen und wurden als einigermaßen wohlhabend bezeichnet.

Noch im 19. Jahrhundert gab es das so genannte Katharinenläuten. Am Abend des 25. November versammelten sich Einwohner vor den Häusern der Juden unter dem Ruf: „Hier hebbet s´n! Hier schrubbet s´n!“ (Hier haben sie einen, hier quälen sie einen). Obrigkeit und Polizei bemühten sich lange vergeblich, diese Unsitte abzustellen.

1906 lebten noch 28 jüdischer Einwohner in Münder. Bis 1930 sank die Zahl auf 19 Personen (Familien Windmüller, Friedheim, Herzberg und Hammerschlag).

Die Reichstagswahlen vom 5. März 1933 brachten der NSDAP mit 50,2 Prozent der Stimmen ein in der Region überdurchschnittliches Ergebnis.

1935 waren noch neun Juden in Münder sowie ein weiterer im benachbarten Hachmühlen ansässig. Hinzu kamen zwei so genannte Jüdische Mischlinge Ersten Grades in Eimbeckhausen. Obwohl im Zeitraum 1935-1939 drei Personen starben, stieg die Zahl der jüdischen Einwohner in Münder durch Zuzüge in diesem Zeitraum leicht an. 1939 gelang zwei Personen die Flucht ins Ausland.

 

Die Ereignisse im November 1938

Die Synagoge war ein hoher Raum mit Rundbogenfenstern und einem blauen Sternenhimmel unter der Decke. An der östlichen Wand befand sich der Schrein zur Aufbewahrung der Thorarolle, im Westen die Empore für die Frauen. Im Nachbargebäude war zeitweise die Schule der Gemeinde untergebracht.

Am 9. November 1938 zerstörten ortsansässige SA-Männer gemeinsam mit einem SA-Führer aus Springe die Fenster und demolierten das Innere der Synagoge. Wegen der Gefährdung der benachbarten Häuser konnten sie das Gebäude nicht in Brand setzen, und da im angrenzenden, ebenfalls der jüdischen Gemeinde gehörenden Wohnhaus eine nichtjüdische Familie lebte, blieb auch dieses verschont. Eine Zeitzeugin, damals Schülerin, berichtete, von der Schule aus seien die Kinder zum zerstörten „Judentempel“ geführt worden.

Die Polizei stellte die Personenstandsregister sicher und übergab sie der Staatspolizeileitstelle Hannover. Der Verbleib der Kultgegenstände, vor allem der Thorarolle lässt sich nicht mehr nachvollziehen.

Ehemaliges Wohnhaus (links) und ehemalige Synagoge (rechts) der jüdischen Gemeinde Bad Münder, 2010. Foto: Bernhard Gelderblom

In diesem Gebäude befand sich seit 1835 die Synagoge der jüdischen Gemeinde von Münder. Rekonstruktion der Straßenseite (Südansicht). Das hochgestellte Fenster bezeichnet den Ort der Frauenempore. Zeichnung: Beth Tfila, TU Braunschweig, Fachgebiet Baugeschichte

Folgen

Gemäß Weisung wurden drei jüdische Männer nach Buchenwald verschleppt, aus Bad Münder Louis Windmüller und Hermann Friedheim, aus Hachmühlen Walter Kosterlitz. Nach seiner Rückkehr aus Buchenwald musste Louis Windmüller den jüdischen Besitz an Immobilien verkaufen. Das betraf das eigene Haus und den Besitz der Gemeinde an der Synagoge und dem Friedhof.

Für den Verkauf von Synagoge und Friedhof hatte Louis Windmüller Friedrich Wingerter als Käufer gewinnen können, der in dem der Synagoge benachbarten Wohnhaus im Erdgeschoss zur Miete wohnte. Das im Kaufvertrag vorgesehene lebenslange Wohnrecht für die beiden jüdischen Schwestern Frieda und Henny Hammerschlag wurde vom Regierungspräsidenten abgelehnt. Die Synagoge diente in der Folge als Lagerraum einer Spedition.

Die Bad Mündener Juden wurden 1942 in drei Transporten deportiert. Am örtlichen Feuerlöschteich mussten sie unter den Augen der Bevölkerung auf einen LKW steigen, der sie zunächst nach Hannover-Ahlem transportierte. Von dort wurden sie in den Osten deportiert und ohne Ausnahme ermordet.

Der Friedhof war ein ursprünglich sehr großes, weit vor der Stadt liegendes Grundstück (fast 2.500 qm). Nach der Pogromnacht ging die unbelegte Hälfte des Geländes in den Besitz von Friedrich Wingerter über. Mit der Begründung, dass er jedem Kurgast und Spaziergänger störend ins Auge falle, beantragte der Mündener Bürgermeister Kleineck 1939 die Einebnung des Friedhofs und die Errichtung eines Kleinkaliberschießstandes. „Judenleichen“ aus Bad Münder sollten künftig auf dem abgelegenen Friedhof in Lauenau bestattet werden.

Der Regierungspräsident ordnete daraufhin die Schließung des Friedhofs an. Eine „Umnutzung“ des Geländes für einen Schießstand lehnte er aber ab, weil die „vorgeschriebene Verwesungszeit“ noch nicht abgelaufen sei. 1941 kaufte Wingerter auch den restlichen Teil des Friedhofes. Entgegen der im Kaufvertrag eingegangenen Verpflichtung, „während der Liegezeit die angemessene Instandhaltung von Friedhof und Gräbern vorzunehmen“, wurde das Gelände eingeebnet und als Gemüsegarten genutzt.

Biographie – Familie Friedheim

Die Familie Friedheim war eine der ältesten jüdischen Familien der Stadt, die seit 1850 fast ununterbrochen die Gemeindevorsteher stellte. Arnold Friedheim besaß um 1909 das größte Konfektionsgeschäft der Stadt.

1933 lebten in Münder die Eheleute David und Emma Friedheim mit ihrem 25 Jahre alten Sohn Hermann in der Obertorstraße 10. Nachdem David 1935 verstorben war, wechselten seine Witwe und ihr Sohn mehrfach in Münder den Wohnort.

Im Anschluss an die Pogromnacht wurde Hermann Friedheim in das KZ Buchenwald verschleppt. Nach seiner Rückkehr musste er den Viehhandel aufgeben.

Im August 1939 heiratete er Sophie Culp aus Hameln. Diese war 1909 als Tochter von Benjamin und Rosa Culp geboren worden. Ihr Vater hatte sich evangelisch taufen lassen, während ihre Mutter Rosa am Judentum festhielt. Auch Sophie war evangelisch getauft. Die Volkszählung des Jahres 1939 hatte sie wegen der jüdischen Großeltern allerdings als Jüdin erfasst.

Sophie Culp blieb lange unverheiratet und lebte in der sehr ärmlichen Wohnung ihrer Mutter Rosa in Hameln. 1936 hatte sie die Tochter Ingrid zur Welt gebracht. Der Vater war ein Hamelner „Arier“. Dessen Familie soll auf der Trennung von der jüdischen Frau bestanden haben. Die Nürnberger Gesetze verboten Heiraten zwischen Juden und Ariern.

Sophie und Ingrid Friedheim mit Oma Rosa Culp, Weihnachten 1939. Sammlung Bernhard Gelderblom

Nach der Heirat zog Sophie mit ihrer Tochter zum Ehemann nach Bad Münder. Am 1. Juli 1942 wurde die Familie in das „Judenhaus“ in Hannover-Ahlem eingeliefert. Dort mussten die Eltern Zwangsarbeit leisten. Acht Monate blieben Friedheims im völlig überfüllten Ahlem.

Am 2. März 1943 wurde die Familie nach Auschwitz deportiert. Hermanns Todesdatum wird im Gedenkbuch des Bundesarchivs mit dem 5. Juli 1943 angegeben. Auf der Rampe in Auschwitz-Birkenau war er für „arbeitsfähig“ befunden und von seiner Frau und ihrer Tochter getrennt worden. Mütter mit kleinen Kindern wurden sofort in die Gaskammer geschickt.

Hermann Friedheim, undatiert, Sammlung Bernhard Gelderblom

Justizielle Ahndung

Eine juristische Aufarbeitung hat es nicht gegeben.

Spuren und Gedenken

1953 erhielt der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen einen 937 qm großen Teil des Friedhofsgrundstücks zurück. Ohne Kenntnis der ursprünglichen Standorte der Grabsteine ließ dieser 1961 den Friedhof wiederherstellen. Von den 1939 vorhandenen 39 Steinen konnten 28 gesichert und wieder aufgestellt werden.

An das vernichtete jüdische Leben in Münder erinnerte allein eine Tafel, die 1988 versteckt im Hauseingang am Standort der ehemaligen Synagoge angebracht worden war. Eine reflektierte Erinnerungskultur begann am 9. November 2010 mit einem Vortrag von Bernhard Gelderblom über das jüdische Leben in Bad Münder. Eine Führung über den jüdischen Friedhof schloss sich 2011 an.

In der Folge konstituierte sich eine Arbeitsgruppe, der neben weiteren Personen der Bürgermeister, die örtliche Landtagsabgeordnete, der evangelische Pastor und Bernhard Gelderblom angehörten. Sie beschloss, am Ort der ehemaligen Synagoge, am Löschteich als dem Ort der Deportationen und am jüdischen Friedhof Informationstafeln aufzustellen. Diese wurden am 15. September 2014 unter großer Beteiligung der Bevölkerung eingeweiht.

Am 23. September 2015 legte Gunter Demnig in Bad Münder acht Stolpersteine und im benachbarten Hachmühlen einen Stolperstein.

Stolpersteine für Eugen und Hedwig Chana Herze sowie für Hermann und Sophie Friedheim und für Ingrid Friedheim, 2015. Foto: Bernhard Gelderblom

 

Weiterführende Literatur und Links

Anke Quast, Ortsartikel Münder, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, 2 Bde., Göttingen 2005, S. 1082-1086.

Heiko Arndt, „Kampfzustände“. Alltag, Streit und Radikalisierung im nationalsozialistischen Bad Münder, Bielefeld 2014.

Dokumentation der Opfer der NS-Herrschaft in der Stadt Hameln und im Landkreis Hameln-Pyrmont: Deportierte jüdische Bürger aus Bad Münder

http://www.geschichte-hameln.de/gedenkbuch

Orte der Erinnerung für die Opfer des Nationalsozialismus im Kreis Hameln-Pyrmont und angrenzenden Orten: Bad Münder

http://www.geschichte-hameln.de/erinnerungsorte/badmuender

Der jüdische Friedhof Bad Münder

http://www.gelderblom-hameln.de/judenhameln/friedhoefe/judenfriedmuender

Autor: Bernhard Gelderblom, Hameln