November­pogrome
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1938 in Niedersachsen

Jever

Vorgeschichte

In Jever war die erste Jüdin im Jahr 1497 als Heilerin bekannt, 1587 kam erstmals ein ‚Judenkirchhof‘ in Erwähnung. Dauerhaft lebten Juden in Jever ab dem 17. Jahrhundert, damals war ihnen der Handel mit einem Schutzbrief erlaubt, jedoch nicht der Erwerb von Immobilien.

Als die jüdische Gemeinde sich im 18. Jahrhundert immer weiter vergrößerte, ging ein großer Widerstand der christlichen Bevölkerung damit einher. Fürst Christian August wies 1744 erstmalig alle Juden formal aus Jever aus, allerdings wurde das nicht konsequent umgesetzt. Jüdische Gemeindemitglieder, die zum Christentum konvertierten, belasteten den Stand der Gemeinde stark. Als Beispiel wird in der Stadtgeschichte Copilio Liepmann (später Christian Fürchtegott) angeführt, welcher konvertierte und 1744 sogar Pastor wurde.

Im Jahr 1776 änderte sich die Haltung des Fürsten stark, da er der jüdischen Gemeinde von nun an religiöse Toleranz gewährte, in der Hoffnung auf den Zuzug vieler Händler und Handwerker, um somit die wirtschaftliche Lage in Jever zu stärken. 1779 wurde die erste Synagoge behördlich genehmigt. Im selben Jahr entstand ein jüdischer Friedhof, auf welchem 1795 das erste Begräbnis abgehalten wurde.

Es kam teilweise zu pogromartigen Übergriffen durch einzelne Teile der christlichen Bewohner und Bewohnerinnen, die jedoch stets durch Behörden unterbunden wurden und somit eher eine Ausnahme darstellten.

Mitglieder der jüdischen Gemeinde bezeichneten die Jahre von 1807 bis 1813 unter holländisch-französischer Besatzung als ‚beste‘ Zeit, da sie dort rechtlich gleichgestellt waren. Die Bevölkerungszahl wuchs von 17 auf 35 Haushalte. Unter der folgenden oldenburgischen Herrschaft sank die Zahl der jüdischen Familien in Jever aber wieder. Durch ein „Judenschutzgesetz“ von 1813 wurden die Gewerbefreiheiten der Juden in Jever wieder eingeschränkt.

Ein Wandel hinsichtlich der ablehnenden Haltung der Mehrheitsbevölkerung gegen die jüdische Gemeinde lässt sich erst um 1840 erkennen, die vor allem durch folgende Persönlichkeiten gefördert worden war: Salomon Mendelssohn, welcher einen Turnverein in Oldenburg und Umgebung gründete und Levi Löwenstein, der die größte Manufaktur in Jever übernahm. Jüdinnen und Juden erhielten ein passives Wahlrecht und erfuhren eine rechtliche Gleichstellung. Sie emanzipierten sich im gesellschaftlichen Leben, traten Vereinen bei und engagierten sich.

Die jüdische Gemeinschaft in Jever setzte sich zu nahezu zur Hälfte aus Viehhändlern zusammen. Andere arbeiteten in der Kleiderbranche, wenige im Handwerk. Ein geringer Prozentsatz war akademisch geschult.

Während des Ersten Weltkrieges kämpften jüdische Bürger aus Jever, von ihnen erhielten zehn eine besondere Auszeichnung. Sechs Männer fielen im Krieg, für sie fand eine Gedächtnisfeier in der jeverschen Synagoge statt, an welcher auch viele christliche Gemeindemitglieder teilnahmen.

Ab 1910 war bereits ein stetiger Abfall der Bevölkerungszahl jüdisch Gläubiger zu verzeichnen. Von 1910 bis 1933 sank die Zahl von 188 auf 98 Personen. Die NSDAP bekam in Jever bereits 1924 die absolute Mehrheit, was die Verbreitung des Antisemitismus in der Stadt beschleunigte.

Die Ereignisse im November 1938

In der Nacht vom 9. zum 10. November drangen SA-Mitglieder in zahlreiche Geschäfte jüdischer Bürgerinnen und Bürger in Jever ein. Auch die Bevölkerung nahm an den Plünderungen teil und zerstörte jüdisches Eigentum.

Die Synagoge wurde in Brand gesetzt und vollständig niedergebrannt, die örtliche Feuerwehr wurde vorher über die Brandstiftung informiert und konnte dadurch die umliegenden Gebäude schützen. Der jüdische Friedhof wurde geschändet, alle Grabsteine wurden umgestoßen und verunstaltet.

42 jüdische Bürgerinnen und Bürger wurden in der Pogromnacht festgenommen und im örtlichen Amtsgericht verwahrt. Unter ihnen waren auch alte Menschen und kleine Kinder. Die Frauen und Kinder wurden am Folgetag freigelassen und 13 Männer in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Bis zum Ende des Jahres wurden sie wieder freigelassen.

Die Straßenfront der zerstörten Synagoge am 10. November 1938 mit Schulkindern und SA-Leuten. Sammlung K. Andersen

Folgen

Die Lebensbedingungen verschlechterten sich für alle Jüdinnen und Juden nach den Pogromen stark. Sämtliche Geschäfte und Betriebe jüdischer Eigentümer wurden bis Anfang 1939 zwangsweise geschlossen und häufig für wenig Geld verkauft. Juden durften nur noch in bestimmten Läden und zu bestimmten Zeiten einkaufen. Vom gesellschaftlichen Leben wurden sie gänzlich ausgeschlossen.

Als Reaktion auf die Pogrome in Jever emigrierten mindestens 29 Menschen. Vor allem alleinstehende oder finanziell schwache jüdische Gemeindemitglieder sowie Senioren blieben in der Stadt. Ein Großteil von ihnen wurde im Jahr 1940 in größere umliegende Städte zwangsumgesiedelt. Jüdinnen, die mit einem deutschen Mann verheiratet waren, bekamen erst im Jahr 1945 einen Deportationsbefehl. Helene Klüsener beging Selbstmord.  Erna Hirche überlebte einen versuchten Selbstmord.

Biografien - Änne Gröschler

Änne Gröschler wurde am 16. August 1888 als Änne Steinfeld in Osnabrück geboren. Im Jahr 1914 heiratete sie in Jever Hermann Gröschler, der dort die erfolgreiche Rohprodukt- und Altwarenhandelsfirma „Simon Gröschler KG“ leitete. Er war außerdem Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Jever sowie Mitglied im Stadtrat. Das Ehepaar hatte drei Kinder.

Obwohl Änne und Hermann Gröschler aufgrund ihres Status als in der Stadt angesehene und respektierte Familie nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten vorerst von konkreten Anfeindungen größtenteils verschont blieben, waren auch sie zunehmend der antisemitischen und repressiven Politik des Regimes ausgesetzt. So wurde der Familie die Wohnung gekündigt und ihr Sohn Walter vom Besuch des Gymnasiums ausgeschlossen. Zwischen 1935 und 1937 gelang es allen drei Kindern der Familie Gröschler, ins Ausland zu emigrieren: Käthe Gröschler in das niederländische Groningen, Gertrud Gröschler nach England und Walter Gröschler zu seinem Onkel Fritz Steinfeld nach Palästina.

Infolge der Ereignisse der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Wohnung des Ehepaars Gröschler geplündert und sie selber verhaftet. Während Änne Gröschler nur kurzzeitig inhaftiert war, wurde Hermann Gröschler zusammen mit zwölf weiteren jüdischen Männern aus Jever in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Das Vermögen der Familie wurde nahezu vollständig beschlagnahmt.

Nach der Entlassung Hermann Gröschlers aus Sachsenhausen emigrierte das Ehepaar Anfang 1939 zu Tochter und Schwiegersohn nach Groningen. Aufgrund der Besetzung der Niederlande durch die Wehrmacht im Mai 1940 und der nun auch hier einsetzenden Ausgrenzung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung, sahen sich Änne und Hermann Gröschler 1942 gezwungen, in einem Versteck unterzutauchen, das ihnen von Seiten des niederländischen Widerstands vermittelt wurde.

Nach der Entdeckung des Verstecks im Oktober 1942, wurde das Ehepaar erneut verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork gebracht. Dort wurden die Gröschlers aufgrund ihrer Kontakte nach Palästina als sogenannte „Austauschjuden“ eingestuft. Als solche wurden im Nationalsozialismus diejenigen Jüdinnen und Juden bezeichnet, die aufgrund von persönlichen Kontakten zu „Feindstaaten“ für einen Austausch gegen Güter oder in diesen Staaten internierte Deutsche in Frage kamen. Dementsprechend wurde das Ehepaar Gröschler im Februar 1944 in das anfangs hauptsächlich für „Austauschjuden“ konzipierte Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht. Dort starb der bereits vorher erkrankte Hermann Gröschler nach nur etwa zwei Wochen an Herzversagen. Änne Gröschler wurde im April 1944 tatsächlich gemeinsam mit 221 anderen Jüdinnen und Juden für einen Austausch mit Palästina ausgewählt und konnte das KZ im Juni 1944 verlassen. Sie erreichte im Juli 1944 schließlich Haifa in Palästina.

Nach Kriegsende zog Änne Gröschler 1948 zurück nach Groningen, wo sie bis zu ihrem Tod am 23. September 1982 lebte. Nach Deutschland kehrte sie nie zurück.

Änne und Hermann Gröschler, etwa 1930. Archiv H. Peters

Änne Gröschler, etwa 1930. Archiv H. Peters

Biografien - Erich Moritz Levy

Erich Levy wurde am 6. August 1891 als Sohn eines Viehhändlers und Landwirts in Jever geboren. Während seiner Teilnahme als Soldat am Ersten Weltkrieg erlitt er eine schwere Kriegsverletzung, die eine Amputation eines Beins nach sich zog. Nach seiner Rückkehr wurde er schließlich selbst als Viehhändler und Weidewirt tätig. Im Jahr 1920 heiratete Erich Levy die Protestantin Louise (genannt „Ruth“) Seecamp, die nach der Hochzeit zum jüdischen Glauben konvertierte.

Nach dem Machtwechsel 1933 war das Ehepaar auf vielfältige Weise den antisemitischen und rassistischen Ausgrenzungs- und Verfolgungsmaßnahmen des nationalsozialistischen Regimes ausgesetzt. So musste Erich Levy aufgrund von Boykottierung sein Geschäft aufgeben, im Jahr 1937 wurde er außerdem für kurze Zeit von der Gestapo in „Schutzhaft“ genommen. Im Rahmen der Ereignisse der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 wurde er zusammen mit einigen anderen jüdischen Männern erneut verhaftet und für drei Wochen in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er in seiner Wohnung in Jever unter „Hausarrest“ gestellt, bevor er schließlich zusammen mit seiner Ehefrau und allen anderen noch vor Ort verbliebenen Jüdinnen und Juden aus der Stadt vertrieben wurde. Anschließend wurde das Ehepaar gezwungen, in Berlin in einem sogenannten „Judenhaus“ zu leben, auch wurde Erich Levy trotz seiner erlittenen Kriegsverletzung zwischenzeitlich zur Zwangsarbeit eingesetzt.

1945 erlebte das Ehepaar schließlich die Befreiung der Stadt durch die Alliierten. Dem Schicksal einer Deportation und möglichen Ermordung waren sie nur deshalb entgangen, weil Louise Levy nach den rassenideologischen Prinzipien des Nationalsozialismus trotz ihrer Konversion zum Judentum als „arisch“ galt und die Ehe der beiden somit den Status einer „Mischehe“ besaß.

Nach Kriegsende kehrte das Ehepaar Levy schließlich nach Jever zurück, wo Erich Levy versuchte, eine Entschädigung für seinen beschlagnahmten Besitz zu erhalten. Auch engagierte er sich in weiteren Entschädigungsverfahren als Bevollmächtigter für andere aus Jever vertriebene Jüdinnen und Juden, wobei er nach wie vor mit antisemitisch bedingter Ablehnung in der Stadt konfrontiert wurde. Zudem bemühte er sich, den geschändeten jüdischen Friedhof in Jever wieder in Stand zu setzen und ließ Gedenksteine für die verfolgten und ermordeten Juden und für die zerstörte Synagoge setzen. Erich Levy starb am 4. Oktober 1967 in Hannover.

Justizielle Ahndung

Im Jahr 1949 gab es ein Gerichtsverfahren bezüglich der Brandstiftung der Synagoge in der Pogromnacht in Jever. Die Angeklagten, die an der Brandstiftung beteiligt waren, wurden aufgrund eines angeblichen „Befehlsnotstands“ freigesprochen.

Der Oberste Gerichtshof für die Britische Zone in Köln hob das Urteil jedoch für die britisch besetzte Zone auf, wodurch das Verfahren im Jahr 1950 neu aufgerollt wurde. Neun von 17 Brandstiftern wurden zu zehn bis 36 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.

Spuren und Gedenken

Erich Levy, ein jüdischer Bürger aus Jever, kam unmittelbar nach dem Krieg im Jahr 1947 wieder zurück in seine Heimatstadt und errichtete noch in demselben Jahr ein Mahnmal auf dem jüdischen Friedhof (siehe Biografie), 1961 erfolgte die Einweihung eines Mahnmals am Standort der Synagoge.

Ein ehemaliger Militärflughafen in Upjever diente nach der Schließung des DP-Camps Bergen-Belsen als neues Camp bis 1951.

Fritz Levy, der im Jahr 1950 zurückkehrte, verteilte in Jever Flugblätter über die repressive Nachkriegszeit. Die Kontinuitäten zur NS-Zeit bestätigen sich in der Wahl von 1951, bei welcher die rechtsextreme Sozialistische Reichspartei (SRP) 22,1% der Stimmen erhielt und somit zweitstärkste Partei im Jeverland wurde.

Schülerinnen und Schüler des örtlichen Gymnasiums erarbeiteten 1982 einen Film über die Vergangenheit ihrer Stadt.  Ein weiterer Film (1994) sowie ein Roman (2000) wurden über das Leben Fritz Levys erstellt. Des Weiteren folgte 1984 die Ausstellung Verbannte Bürger mit einem Begleitband.

Zahlreiche Straßen und einige Altersheime in Jever wurden nach ehemaligen jüdischen Gemeindemitgliedern benannt.

Im Jahr 1978 ließ die Stadt auf dem Platz der ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel für alle jüdischen Bürgerinnen und Bürger anbringen, die durch den Nationalsozialismus Leid erfahren haben.

1996 ließ die Initiative „Juden und Jever“ ein Mahnmal für die ermordeten Juden Jevers in der Innenstadt errichten.

Das Mahnmal für die ermordeten Juden Jevers, 2015. Foto H. Peters

Das Mahnmal für die ermordeten Juden Jevers, 2015. Foto H. Peters

Autorinnen: Wienke Stegmann und Jelena Fürstenberg, Studentinnen der Leibniz Universität Hannover