November­pogrome
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1938 in Niedersachsen

Burgdorf

Vorgeschichte

Die erste nachweisliche Erwähnung über die Niederlassung eines Juden in Burgdorf erfolgte 1689. Dieser betrieb in Burgdorf und der Umgebung Handel mit Woll- und Leinenwaren. Später siedelten sich weitere jüdische Familien in Burgdorf an.

Bevor es eine erste offizielle Synagoge in Burgdorf gab, nutzte man einen Raum innerhalb eines Wohnhauses. Im späteren Verlauf wurde ein neues Gebäude am gleichen Platz erbaut, welches ab der Fertigstellung als offizielle Synagoge genutzt wurde.

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Bei einem großen Stadtbrand wurden 1809 große Teile Burgdorfs zerstört und dabei ebenfalls die Synagoge. Die jüdische Gemeinde beschloss daraufhin, eine neue Synagoge im Stadtzentrum zu errichten. Das Gebäude in der Postsstraße 2 wurde 1809 fertiggestellt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtete man auch eine jüdische Schule, welche als Elementarschule geführt wurde; diese bestand allerdings nur bis in die 1920er Jahre. An der Uetzer Straße lag der jüdische Friedhof, welcher bereits um 1700 als Begräbnisstätte genutzt worden sein soll.

Die Burgdorfer Juden waren bis 1933 vollständig in das städtische Leben integriert. Ab April 1933 gewannen SA und SS an Einfluss; die jüdische Gemeinde wurde immer mehr ausgegrenzt. Während des „Aprilboykotts“ 1933 bezogen Mitglieder von HJ, SA und SS Stellung vor diversen Geschäften und Grundstücken Burgdorfer Juden und riefen zum Boykott der jüdischen Geschäfte auf. Ab Mitte der 1930er Jahre wurden die Burgdorfer Juden immer mehr mit dem Ziel unter Druck gesetzt, ihre Häuser und Geschäfte unter Wert zu veräußern. Etliche Burgdorfer Juden emigrierten.

Gebäude

Die Burgdorfer Synagoge, 1938. Stadtarchiv Burgdorf

Die Ereignisse im November 1938

Im Vergleich zu anderen Kommunen verliefen die Novemberpogrome in Burgdorf relativ ruhig – vor allem, weil die wenigen noch in Burgdorf lebenden Juden 1938 kaum noch in der Öffentlichkeit auftraten.

Trotzdem planten Burgdorfer Nationalsozialisten am 9. November 1938, die Synagoge in der Poststraße 2 niederzubrennen, was jedoch durch den Feuerwehrkommandeur Adolf Michelssen verhindert werden konnte. Er setzte sich mit der Argumentation durch, dass die Feuerwehr nicht in der Lage sei, die angrenzenden alten Fachwerkhäuser in der Post- und Luisenstraße vor einem Übergreifen der Flammen zu schützen. Daraufhin gaben sich die Nationalsozialisten damit zufrieden, die Inneneinrichtung der Synagoge zu verwüsten.

Die Synagoge war im übrigen bereits seit 1935 nicht mehr genutzt worden, da die Mindestzahl von zehn männlichen Gemeindemitgliedern über 13 Jahren nicht mehr gegeben war.

Außer der Synagoge wurden während der Pogrome in Burgdorf vermutlich keine anderen Gebäude beschädigt.

Zeitung

Die Titelseite des „Burgdorfer Kreisblatt“ vom 8. November 1938. Stadtarchiv Burgdorf

Folgen

Im Herbst 1938 hatten die meisten Burgdorfer Juden die Stadt oder sogar das Land bereits verlassen. Zum Zeitpunkt der Pogrome lebten in der Stadt noch elf Jüdinnen und Juden. Sechs konnten Deutschland noch vor dem Kriegsbeginn im September 1939 verlassen. Die übrigen fünf Burgdorfer Jüdinnen und Juden wurden in Ghettos und Konzentrationslager deportiert. Nur eine von ihnen, Johanna Simon, überlebte und kehrte nach dem Krieg in ihre Heimatstadt zurück.

Die Stadt Burgdorf kaufte im Februar 1939 die Synagoge und nutzte das Gebäude anschließend als Geschäftsstelle der „Hitler-Jugend“. Alle übrigen Gebäude jüdischer Eigentümer wurden ebenfalls in „arischen“ Besitz überführt.

Strasse

Das Textilhaus Rosenberg, Marktstraße 11 in den Burgdorf, 1930er Jahre. Stadtarchiv Burgdorf

Biografien – Familie Cohn

Der Viehhändler Julius Cohn (geb. 1884) und Elsa Cohn (geb. ebenfalls 1884) hatten  zwei Töchter und einen Sohn: Ruth Cohn (geb. 1918), Inge Cohn (geb. 1921) und Arnold Cohn (geb. 1924). Sie wohnten in der Uetzer Straße 12.

Ruth Cohn zog am 14. Februar 1937 nach Hannover, ihre Schwester Inge zwei Jahre später nach London. Julius und Elsa Cohn blieben mit ihrem Sohn Arnold in Burgdorf. Anfang Dezember 1941 wurden sie in das Ghetto Riga deportiert, wo sie umkamen.

Biografien – Familie Rosenberg

Der Textilkaufmann Paul Rosenberg (geb. 1880) lebte mit seiner Frau Alma Rosenberg (geb. 1893) und den Töchtern Ellen (geb. 1917) und Lotte (geb. 1920) sowie Pauls Mutter Lina Rosenberg (geb. 1855) in Burgdorf. Die Familie betrieb ein Textilkaufhaus in der Marktstraße.

Die älteste Tochter Ellen wanderte bereits am 30. August 1935 im Alter von 18 Jahren nach Chicago aus. Pauls Mutter Lina Rosenberg verstarb am 23. Januar 1936 und ist die letzte Jüdin, die auf dem Jüdischen Friedhof in Burgdorf beigesetzt wurde. Im April 1936 zog das Ehepaar Rosenberg mit der Tochter Lotte nach Hannover.

Paul Rosenberg war gezwungen, seine Grundstücke sowie sein Geschäft zu verkaufen. Mit dem Erlös finanzierte er 1939 die Flucht nach England für seine Familie.

Biografien – Julie und Johanna Simon

Die beiden Schwestern lebten gemeinsam in der Straße Hannoversche Neustadt 4 in Burgdorf.

Sie waren 1943 die letzten beiden Jüdinnen in Burgdorf und wurden am 1. April 1943 über Hamburg in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Julie starb dort Ende Juli 1944; Johanna überlebte und kehrte nach dem Krieg nach Burgdorf zurück, wo sie bis zu ihrem Tod 1955 bei ihrer Nichte lebte.

Justizielle Ahndung

Gegen die Täter, die am 9. November 1939 die Inneneinrichtung der Synagoge zerstörten, wurden nach dem Krieg offenbar keine strafrechtlichen Ermittlungen eingeleitet. Die „Arisierung“ jüdischen Eigentums hatte hingegen rechtliche Folgen.

Die Stadt Burgdorf kaufte am 17. Februar 1939 das Haus der Synagoge (Poststraße 2) von der Jüdischen Gemeinde Burgdorf – vertreten durch den Vorsitzenden Schlachtermeister Hermann Cohn – für 2.500 RM. Der Kaufpreis wurde zunächst auf einem Sperrkonto bei der Stadtsparkasse Burgdorf hinterlegt. Im Juli 1939 wies die Oberfinanzdirektion Hannover die Stadt Burgdorf an, den Kaufpreis an das Bankhaus Wassermann in Berlin zugunsten der Reichsvertretung der Juden in Deutschland zu überweisen. 1953 erklärte sich die Stadt Burgdorf  in einem mit der Jewish Trust Corporation geschlossenen Vergleich bereit, 6.100 DM zur Abgeltung der Wiedergutmachungsansprüche zu zahlen.

Selma Hermes geb. Cohn (Münster) und ihre Schwester Margarete Cohn (Hannover) verkauften ihr Grundstück Gartenstraße 44 am 26. Juni 1939 an den Schlossermeister Gustav Ohlendorf, Hannoversche Neustadt. Der Kaufpreis von 11.000 RM war auf ein Sperrkonto einzuzahlen. Margarete Cohn starb im Konzentrationslager. Selma Hermes forderte nach Kriegsende ihr Grundstück zurück. Sie schloss 1951 mit Gustav Ohlendorf einen Vergleich. Gegen eine Zahlung von 3000 DM an Ohlendorf wurde sie wieder Eigentümerin des Grundstücks Gartenstraße 44. Zwei Jahre später verkauft sie das Grundstück an den Tischlermeister Hundertmark.

Der seit 1937 in Hannover lebende Kaufmann Paul Rosenberg verkaufte sein Haus Marktstraße 11 am 26. Januar 1939 an seinen Pächter, den Kaufmann Hans Wagemann, für 23.000 RM. Das Geld war auf ein Sperrkonto einzuzahlen.  Paul Rosenberg veräußert 1939 auch seine Hypothek von 2000 Mark auf sein früheres Grundstück Kirchstraße 9 für 1000 RM an Wagemann. Über diesen Betrag durfte Paul Rosenberg verfügen. Er finanziert damit die Auswanderung seiner Familie im Sommer 1939 nach England. 1951 schloss Paul Rosenberg, der noch immer in England lebte, mit Hans Wagemann vor dem Wiedergutmachungsamt bei dem Landgericht Hildesheim einen Vergleich. Er erhielt zum Ausgleich seiner Rückerstattungsforderungen einen Betrag von 17.500 DM. Ein weiterer Vergleich wurde mit den Erben des Uhrmachermeisters Karl Mechow geschlossen. Sie zahlten 1500 DM an Paul Rosenberg.

Senta Cohn, Gartenstraße 9, und ihre Cousine Inge Cohn, Uetzer Straße 12, konnten noch im Mai 1939 nach England emigrieren. Das Amtsgericht Burgdorf trugt 1939 die Schwestern Elisabeth Oppenheimer geb. Meyer, Johanne Meyer und Olga Meyer, alle wohnhaft in London, als Eigentümerinnen des Grundstücks Uetzer Straße 4 ein. Ihre Mutter Friederike Meyer, die zuletzt mit ihrer Tochter Olga in Hannover gelebt hatte, starb 1938. Olga zog zu ihren Schwestern nach London. Noch wenige Tage vor Kriegsende – am 16. März 1945 – trugt das Amtsgericht Burgdorf den Eigentumsübergang für das Grundstück Uetzer Straße 4 auf das Deutsche Reich ein. Am 16. Februar 1950 erhielten die noch in London lebenden Schwestern ihr Grundstück durch einen Beschluss des Wiedergutmachungsamts bei dem Landgericht Hildesheim zurück. Sie verkauften es 1954 an den Spediteur Wilhelm Schlerege.

Spuren und Gedenken

Am 17. August 2006 wurden an diversen Stellen im Stadtinneren sieben Stolpersteine verlegt. Weitere Stolpersteinverlegungen erfolgten am 11. September 2007 sowie am 14. September 2008.

Der jüdische Friedhof besteht bis heute, ein Gedenkfries erinnert an die Opfer.

Die ehemalige Synagoge wird seit 2008 als „KulturWerkStadt“ für diverse Ausstellungen und Vorträge genutzt.

Ehemalige Synagoge, Poststraße 2 Burgdorf, 2015. A. Hindemith, 2015, wikipedia.org

Schild

Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge in der Poststraße 2 in Burgdorf, 2018. Foto: Janik Springmann

Weiterführende Literatur und Links

Heinz Neumann, Stadtchronik 1870 bis 1984, o.O., o.J.

Stadtarchiv Burgdorf: Zeitgeschichtliche Hefte der Stadt Burgdorf (1870 bis 1984), Heft 1-5

Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum: Burgdorf (Niedersachsen)

Stadt Burgdorf: Burgdorfer Stolpersteine – ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig zum Gedenken an jüdische Opfer in Burgdorf

Autoren: Janik Springmann, Matthias D. Regenbrecht, Studenten der Leibniz Universität Hannover