November­pogrome
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1938 in Niedersachsen

Aurich

Vorgeschichte

Die Anwesenheit von Juden in Aurich, der Residenzstadt des Fürstentums Ostfrieslands, ist seit 1635 nachweisbar: Die Familie des Hoffaktoren Calman Abraham bildete die Keimzelle für die jüdische Gemeinde in Aurich. 1736 lebten hier 14 Familien.

Spätestens um 1764 lässt sich die Nutzung des jüdischen Friedhofes in Aurich nachweisen. Im September 1811, während der französisch-holländischen Besatzungszeit, konnte die jüdische Gemeinde die Synagoge einweihen, deren Bau mithilfe von Spenden aus der gesamten Stadt finanziert wurde. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war Aurich Sitz des Landesrabbiners. Die Gemeinde galt als strenggläubig und konservativ. 1910 konnte die jüdische Elementar- und Religionsschule baulich erneuert werden. Jüdische Schüler besuchten auch die weiterführenden Schulen wie Berufsschule und das Gymnasium Ulricianum.

Die Gemeinde umfasste gegen Ende des 19. Jahrhunderts und bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts um die 400 Personen. Jüdische Bürger bildeten ein festes Element im Wirtschaftsleben und waren vornehmlich als Schlachter, Viehhändler, Manufakturwarenhändler und Krämer tätig. Nur wenige jüdische Familien brachten es zu mäßigem wirtschaftlichem Wohlstand, die meisten gehörten zu den „kleinen Leuten“. Die Juden sprachen Hochdeutsch so gut oder so schlecht wie alle anderen Ostfriesen. Sie sprachen das ostfriesische Niederdeutsch, durchsetzt mit Vokabeln des Auricher Judendeutsch und von daher klanglich gefärbt. Untereinander benutzten sie die Auricher „Mauschelsprache“.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich ein vielfältiges jüdisches Vereinsleben, vor allem im Bereich der Wohltätigkeit. Juden waren aber auch Mitglieder in anderen bürgerlichen Vereinen. 1848 und 1913 erhielt jeweils ein Jude ein Mandat im Stadtrat.

Von den jüdischen Kriegsteilnehmern aus Aurich fielen mindestens 13 Männer im Ersten Weltkrieg.

Die jüdischen Familien wohnten zwar nicht in ghettoähnlicher Abgeschlossenheit, bewohnten aber bevorzugt einige Straßenzüge. Das Zusammenleben der Auricher Juden mit den Bürgern anderer Konfessionen verlief bis in die Zeit der Weimarer Republik, trotz einzelner antisemitischer Vorfälle, weitgehend störungsfrei. 1933 lebten 398 Juden in Aurich, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug 6,5%.

Die reichsweiten Boykottmaßnahmen vom 1. April 1933 trafen auch die Geschäfte der Auricher Juden. Bereits am 29. März 1933 hatten SA-Männer die Synagoge umstellt und die Herausgabe der Schächtmesser erzwungen, um sie auf dem Marktplatz zu verbrennen. Am 30. Mai 1933 schloss man die Juden aus der Schlachterinnung aus. Seit Gründung der Innung 1911 waren sie immer im Vorstand vertreten und stellten auch die meisten Mitglieder (13 von 21).

Diskriminierung, Ausgrenzung und Arisierungsmaßnahmen ließen ab 1934 die Bereitschaft zur Auswanderung ins Ausland ansteigen. Etliche Familien waren deshalb bereits vor dem Novemberpogrom 1938 geflohen, vor allem in die Niederlande (ca. 55 Personen) und in die USA (ca. 26), nach Südamerika (21), Palästina (9), nach Belgien und Frankreich (je 4) sowie nach Australien und Schweden (je 2). Befanden sich 1933 noch 77 Wohnhäuser in jüdischem Besitz, so waren es im Juni 1939 nur noch 28 Wohnhäuser.

In der Wallstraße wohnten viele jüdische Familien, 1930er Jahre. Bildarchiv Bibliothek der Ostfriesischen Landschaft in Aurich

Innenraum der Auricher Synagoge, um 1915. Bildarchiv Bibliothek der Ostfriesischen Landschaft in Aurich, Nachlass Byl

Die Ereignisse im November 1938

Die Ausschreitungen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden von dem in Emden wohnenden Führer des Auricher SA-Sturmbannes Eltze ausgelöst. Dieser war von der SA-Gruppe Nordsee vermutlich zwischen 23:00 und 24:00 Uhr informiert worden. Wahrscheinlich erhielt er auch über den zweiten Befehlsstrang, nämlich über die Oldenburger Kreisleiter die weiteren Anordnungen.

Eltze setzte daraufhin den NSDAP-Kreisleiter Heinrich Bohnens in Aurich telefonisch davon in Kenntnis, dass er mit weiteren SA-Männern nach Aurich kommen würde, um Aktionen gegen die Juden vorzunehmen. Ebenfalls von Emden aus organisierte Eltze die Beschaffung von Benzin in Aurich. Bohnens informierte daraufhin in Aurich die Feuerwehr, dass eine Übung stattfinden würde deshalb die Feuermeldeanlage still gelegt werden sollte. Auf dem Marktplatz trafen Bohnens und Eltze sowie die Auricher und Emder SA-Trupps zu weiteren Absprachen zusammen. Eltze organisierte die Brandlegung der Synagoge.

Die SA hatte inzwischen das Synagogengelände abgeriegelt. Das Feuer wurde von Eltze und SA-Männern in den frühen Morgenstunden gelegt. Die Feuerwehr durfte nur anrücken, um ein benachbartes Privathaus und auch die jüdische Schule vor dem Übergreifen der Flammen zu schützen. Die Synagoge brannte vollständig nieder.

Gleichzeitig begann die „Aufholung“ der Juden. SA-Posten sperrten sowohl die Ausfahrtstraßen als auch die Straßen ab, in denen viele jüdischen Bürger wohnten. Männer sowie einige Frauen wurden in der Landwirtschaftlichen Halle, auch „Bullenhalle“ genannt, unter Beschimpfungen und Misshandlungen zusammengetrieben. In etliche jüdische Häuser wurde gewaltsam eingebrochen. Scheiben, Türen und Mobiliar wurden zertrümmert, es fielen Schüsse. Geschäftsräume wurden geplündert, ein ärztliches Behandlungszimmer wurde demoliert. Beteiligt waren auch SS-Männer und Mitglieder des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) wie auch SA-Trupps aus den Nachbardörfern Holtrop und Westerende. Ältere, Gebrechliche, Frauen und Kinder wurden aus der Landwirtschaftlichen Halle bald wieder entlassen und nach Hause geschickt.

Die zurückgebliebenen Männer mussten im Vorführraum der Halle bis zum Mittag ausharren, ohne Essen oder Trinken zu bekommen. Die Aufsicht führte u.a. der Österreicher Haas, der ehemalige Leiter der Auricher SA-Schule. Die jüdischen Männer wurden mit Sport- und anderen Exerzierübungen gedemütigt, drangsaliert und gequält: Bockspringen, im Laufschritt Runden drehen, über Anbindevorrichtungen springen. Hierbei tat sich auch der Sportwart der Auricher SA, Wilhelm Bock, hervor.

Gegen Mittag wurden wieder einige von ihnen entlassen, ca. 40-50 Männer wurden aber durch die Straßen auf das Ellernfeld getrieben, einen Sportplatz, der damals gerade von der Stadt drainiert wurde. Vor den Augen neugieriger Zuschauer waren sie dort weiteren Schikanen ausgesetzt: Sie mussten wie schon in der Viehhalle „Sport“ treiben, Gräben ausheben, Drainagerohre hin und her tragen, Sand in Schubkarren fahren. Werner Hoffmann wurde gezwungen zu rufen: „Ich bin ein Rasseschänder“. Einige Auricher wollten helfen und versuchten, den Gedemütigten Wasser zu geben. Gegen 16.00 Uhr wurden die jüdischen Männer in die Viehhalle zurückgeführt. Die Polizei hatte mittlerweile von der Gestapoleitstelle Wilhelmshaven die Anweisung bekommen, die Juden in „Schutzhaft“ zu nehmen und in das Gerichtsgefängnis zu bringen. Einige ältere Männer wurden nach Hause entlassen, so dass gegen 18.00 Uhr noch 42 Männer in das Gefängnis gebracht wurden. Am nächsten Morgen, den 11. November, wurden die jüdischen Männer mit Bussen nach Oldenburg und von dort mit anderen ostfriesischen Juden mit dem Zug in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Im Januar 1939 kehrte der letzte von ihnen wieder nach Aurich zurück.

Joseph von der Wall, ein Norder, der in Aurich geheiratet hatte, wurde in das KZ Buchenwald gebracht und starb dort am 16. Dezember 1938. Der Auricher Heimann Wolff Wolffs (geb. 1884), der sich in Papenburg Arbeit hatte suchen müssen, weil ihm der Gewerbeschein als Viehhändler entzogen worden war, wurde von dort nach Buchenwald gebracht. Der ehemalige Kriegsteilnehmer starb fünf Tage nach seiner Rückkehr am 22. Dezember 1938 an den Folgen der Misshandlungen.

Die Ruine der Auricher Synagoge im November 1938. Bildarchiv Drogerie Maaß

Folgen

Die Gottesdienste fand nach der Zerstörung der Synagoge in der Wohnung der Lehrerwitwe Amalie Wolff, geb. Fromm statt. Da die jüdische Schule von der SA beschlagnahmt worden war, fand der Unterricht nun in den Privaträumen des letzten Synagogenvorstehers Abraham Wolffs statt.

Nach dem Novemberpogrom versuchten die Familien, die es finanziell noch bewältigen konnten, ins Ausland zu fliehen.

Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, oft führten die Fluchtbewegungen über mehrere Stationen und verschiedene Länder. Aufgrund der biographischen Recherchen der Stolperstein-Gruppe Aurich (Stand September 2018) lassen sich aber folgende Tendenzen ausmachen: Ab 1939 versuchten noch ca. 30 Juden in den benachbarten Niederlanden zu überleben, die Flucht in die USA schafften ebenso viele wie vor dem Pogrom (ca. 25), 17 Menschen konnten sich noch nach Palästina retten, neun nach England, vier nach Australien, je eine Person rettete sich nach Italien, in die Schweiz und nach Schweden.

In einer Liste der Stadt Aurich vom 10. Oktober 1939 erfasste die Stadt Aurich noch 156 polizeilich gemeldete Juden in Aurich und 17 in der näheren Umgebung. Aus dieser Liste geht hervor, dass kaum einer der jüdischen Männer noch seinen ehemaligen Beruf ausübte: 25 waren nun als Arbeiter im Straßenbau oder in der Landwirtschaft eingesetzt, 33 wurden als berufslos bezeichnet, zu 15 gab es keine Angaben. 52 Frauen wurden als Hausfrauen oder Hausangestellte bezeichnet. Außerdem lebten noch ein Maler, zwei Kultusbeamte, ein Lehrer, zwei Rentiers, 19 Schulkinder und fünf Kleinkinder in der Stadt.

Anfang 1940 wurden auch die letzten Familien aus Aurich vertrieben. Am 26. Januar 1940 wurde Wolff Benjamin Wolffs von der SS und der Gestapo Wilhelmshaven gezwungen, alle Juden aus Aurich zu evakuieren. Ostfriesland wurde damit früher als andere Regionen „judenfrei“. Hintergrund war der bevorstehende Einmarsch der Wehrmacht in die Niederlande und die vermeintliche Gefahr der Spionage durch die einheimischen Juden in den grenznahen Gebieten.

Am 18. April 1940 meldete der Auricher Landrat an den Regierungspräsidenten, dass „im ländlichen Bezirke des Kreises sowie in der Stadt Aurich […] keine Juden mehr wohnhaft“ seien. Sie waren vor allem nach Berlin (ca. 59) geflohen oder nach Essen, Düsseldorf und Köln (insgesamt 37), nach Hamburg (3) oder Bremen (16). Einige Familien versuchten noch, ihre Kinder in Kinderheimen in Köln und Hildesheim unterzubringen. Die letzten, die Aurich verließen, waren die Alten und Gebrechlichen (19), sie wurden in das jüdische Altersheim in Emden gebracht und im Oktober 1941 nach Litzmannstadt und Theresienstadt deportiert, in den sicheren Tod. Nur acht Menschen gelang 1940 noch die sichere Flucht nach Argentinien.

Insgesamt sind von 403 jüdischen Auricher Bürgern, die zwischen 1933 bis 1940 in Aurich lebten 255 in den Vernichtungslagern ermordet worden, an den Folgen der Haft und auf der Flucht gestorben oder hatten den Freitod gewählt. Überlebt haben die Familien, die rechtzeitig in die USA, nach Südamerika, Palästina, England oder Australien flüchten konnten. Die Flucht in die Niederlande, nach Belgien oder Frankreich bedeutete in den meisten Fällen den sicheren Tod.

Biografie - Wolff und Benno Wolffs

Wolff Wolffs (1910-1995) wurde mit seinem Bruder Benno Wolffs (1904-1986) und ihrem Vater, dem Malermeister Abraham Wolffs (1872-1942) mitten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 geweckt. Die Tür ihres Hauses in der Wallstraße wurde eingeschlagen, nur notdürftig bekleidet wurden sie durch die Straßen getrieben und zur Viehhalle gebracht. Dort wurde der Vater geschlagen und beschimpft, bis ein SA-Mann mit den Worten: „Wir wollen jetzt noch keine Leichen haben“ Schlimmeres verhinderte (Bericht Wolff Wolffs, 1966).

Mit ca. 40-50 weiteren jüdischen Männern wurden die Brüder am Vormittag des 10. November auf das Ellernfeld, den städtischen Sportplatz gebracht, wo die Schikanen weitergingen. Benno Wolffs erinnerte sich 1987 in einem Interview: „Wir haben überhaupt geglaubt, dass wir dort erschossen werden sollten. Bei den Kanalisations- und Drainagearbeiten waren ja große Berge Sand aufgeschüttet worden. Die stellten uns dahin, einen nach dem anderen, zum Erschießen! Das war aber Gott sei Dank ja nicht so.“ Stattdessen wurden sie zunächst in die Bullenhalle zurückgebracht und am Abend in das Gerichtsgefängnis überführt. Benno Wolffs: „Es war gerade der Abend des 10. November; Luthers Geburtstag, Kipp-Kapp-Kögel-Abend. [Kipp-Kapp-Kögel: Laterne mit Kerze]. Wir haben die Kinder durch das Gefängnisfenster gehört. Als wir Kinder waren, sind wir ja auch immer mitgegangen. Umgezogen haben wir uns gehabt und das Gesicht ein bisschen schwarz gemacht. Es gab ja immer gute Sachen an diesem Abend! … Wir sind als Jungen später auch mit Scherbellenskoppen [Masken] gegangen. Und nun saßen wir hier im Gefängnis. Ich war 28 Jahre alt. Unsere Kipp-Kapp-Kögel-Abende lagen weit zurück.“

Die beiden Brüder wurden mit den anderen Auricher Juden über Oldenburg in das KZ Sachsenhausen gebracht und um die Jahreswende 1938/39 entlassen. Benno ging im Februar 1939 nach Hamburg, während Wolff in Aurich blieb, um im Malergeschäft seines Vaters zu helfen. Im Januar 1940 wurde er von der Gestapo-Führung in Wilhelmshaven gezwungen, stellvertretend für seinen kranken Vater, den letzten Synagogenvorsteher in Aurich, bis April 1940 für den Wegzug der noch ca. 150 in der Stadt und im Kreis verbliebenen Juden zu sorgen.

Wolff gelang es mit seinem Bruder Benno und dessen Frau mit dem Schiff „Patria“ illegal nach Haifa zu entkommen. Bis 1945 wurden sie im britischen Internierungslager Atlit festgehalten. Benno wanderte 1952 mit seiner Frau in die USA aus, während sich Wolff, seit 1950 verheiratet, in Beit-Jitzchak niederließ.

Ihre Eltern Abraham und Betti, geb. Wallheimer, wurden am 22. Oktober 1941 aus dem jüdischen Altersheim in Emden über Berlin nach Litzmannstadt (Lodz) abtransportiert und im September 1942 in Kulmhof (Chełmno) ermordet. Ihre Schwester Erna (geb. 1905) war schon im Mai 1938 mit ihrem Mann und der kleinen Tochter nach Groningen in die Niederlande geflohen. 1942 wurden die Familie aus dem Lager Westerbork nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

1951 reiste Wolff Wolffs nach Aurich, um mehr über das Schicksal seiner Familie und der jüdischen Mitbürger aus Aurich und Ostfriesland zu erfahren und um Rückerstattungsansprüche für die ehemalige jüdische Gemeinde geltend zu machen. Danach schwor er, nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen. Dennoch erklärte er sich ab den 1960er Jahren als erster zögernd dazu bereit, den Lehrer Johannes Diekhoff mit Auricher Schülern in Israel zu treffen, um sie über die Vergangenheit aufzuklären. Er und sein Bruder Benno begannen, ihre Erlebnisse schriftlich festzuhalten. Benno Wolffs gehörte mit seiner Frau Irma im Mai 1992 zu den 50 Gästen – Auricher jüdische Bürger und ihre Familien –, die an der Begegnungswoche auf Einladung der Stadt Aurich, der Kirchengemeinde Wallinghausen, der Dorfgemeinschaft Egels-Popens und der Deutsch Israelischen Gesellschaft teilnahmen.

Kennkarte Wolff Wolffs (1904 Aurich – 1987 Beit-Jitzchak, Israel). Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Aurich

Biografie - Brüder Samson

Die Brüder Bendit (geb. 1860), Herz (geb. 1863) und Ruben (geb. 1868) Samson wohnten im November 1938 gemeinsam in der Zingelstraße. Ihren Haushalt führte ein Hausmädchen. Bendit hatte nie geheiratet, die beiden anderen waren Witwer.

In der Nacht der Nacht vom 9. auf den 10. November brachen SA-Männer in ihre Wohnung ein, Bendit, noch im Schlafanzug, öffnete ihnen. Das Hausmädchen hielt sich im Obergeschoss versteckt. Zu den Eindringlingen gehörte auch der SS-Mann Georg Lang. Zunächst wurden alle drei alten Männer gezwungen, sich zur Landwirtschaftlichen Halle zu begeben. Nur der älteste, Bendit, durfte laut der Haushälterin bald wieder umkehren. Herz und Ruben Samson aber wurden in die Halle gebracht und dort bis zum Abend festgehalten. Das Aufholkommando durchsuchte das gesamte Haus, nahm Wäsche und Möbel mit.

Bendit, Herz und Ruben Samson waren wie schon ihr Vater Joseph Hartog Samson und auch der jüngste Bruder Abraham (geb. 1870) erfolgreiche Schlachter und Viehhändler. Ihr Schlachtbetrieb gehörte zu den größten der Region. 1938 endete die Geschichte der Firma mit der Zwangsauflösung.

Eine Flucht ins Ausland war für die Brüder keine Option mehr. Als Ostfriesland im Frühjahr 1940 „aus militärischen und staatspolizeilichen Gründen“ „judenfrei“ werden sollte, entschieden sie sich gegen das jüdische Altersheim in Emden und zogen Anfang März nach Dortmund. Dort hielt sich ihr Bruder Abraham (geb. 1870) schon seit Ende 1939 auf, er war mit seiner Ehefrau bei seiner Tochter untergekommen.

Im Juli 1942 wurden Bendit, Ruben, Herz nach Theresienstadt deportiert und von dort zwei Monate später nach Treblinka. Hier verlieren sich ihre Spuren. Abraham wurde mit seiner Ehefrau Hedwig im Oktober 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert.

Auch die Söhne von Ruben und deren Ehefrauen werden im Holocaust ermordet. Nur die drei Enkelkinder von Ruben überlebten in den Niederlanden und in den USA.

 

Bendit Samson, Schlachter und Viehhändler (1860 Aurich-1942 Treblinka). Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Aurich

Biografie - Dr. Manfred Louis Hoffmann

Der Arzt Dr. Manfred Louis Hoffmann (geb. 1907) wohnte mit seiner Ehefrau Rosi Ronsheim (geb. 1911) in der Wallstraße 20, wo er auch seine Praxis führte. 1926 hatte er als Jahrgangsbester sein Abitur am Auricher Gymnasium abgelegt. Im September 1938 erkannte man ihm, wie allen jüdischen Ärzten, die Approbation ab. Schon vorher hatte er viele nichtjüdische Patienten verloren, die ihn aus Angst vor Denunziation nicht mehr aufsuchten. Er musste weite Fahrten in Ostfriesland und bis ins Emsland unternehmen, um seine jüdischen Patienten aufzusuchen.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 stürmten SA-Leute in seine Wohnung, zerstörten Türen, Fenster und die Praxiseinrichtung. Eine Pistolenkugel soll über dem Bett in der Wand eingeschlagen sein. Man beschlagnahmte sein Auto, ein Fahrrad und einen Fotoapparat im Wert von insgesamt 1.800 RM sowie Bargeld.

Bei seiner Ankunft in der Landwirtschaftlichen Viehhalle erhielt er von einem Wachposten, dem später angeklagten SS Mitglied Georg Lang, einen Tritt. Manfred Hoffmann musste bis zur Erschöpfung an den entwürdigenden „Sport“- Übungen unter Führung des SA-Sportwartes Wilhelm Bock in der Halle mitmachen, und auch auf dem Ellernfeld war er weiteren Torturen ausgesetzt.

Manfred Hoffmann wurde mit den anderen jüdischen Männern aus Aurich am 11. November 1938 über Oldenburg in das KZ Sachsenhausen gebracht. Von den schweren körperlichen und seelischen Misshandlungen in Sachsenhausen, so schilderte es später sein Cousin Werner Hoffmann, hat er sich nicht mehr erholt.

Mit seiner Ehefrau, seinen Eltern und der Familie seines Bruders floh Dr. Manfred Hoffmann am 9. März 1939 über Hamburg in die USA. Er lebte und praktizierte in Chicago unter schwierigen Bedingungen und starb früh im Alter von 55 Jahren am 16. November 1962.

Dr. Manfred Louis Hoffmann, praktischer Arzt, (1907 Aurich – 1962 Chicago). Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Aurich

Biografie - Moritz Lachmann

Der Lehrer Moritz Lachmann wurde am 18. Mai 1874 in Schwersenz im Kreis Posen geboren. Seine erste Stelle trat er in Bunde in Ostfriesland an, wo er von 1895 bis 1897 als Religionslehrer, Vorbeter und Schächter tätig war. Dann wechselte er nach Wittmund und unterrichtete dort fast 30 Jahre in der jüdischen Schule. Nebenher übte er dort auch Funktionen als Kultusbeamter und Schächter aus. Wegen Schülermangels wurde er in den vorzeitigen Ruhestand versetzt und zog 1926 mit seiner Familie nach Aurich. Dort fand er an der jüdischen Schule eine neue Anstellung und übernahm auch wieder die Aufgaben eines Kultusbeamten. Um 1930 wurde er Mitglied im Auricher Männergesangverein „Frisia“.

Er wohnte mit seiner Frau Friederike Hess in der oberen Etage der jüdischen Schule in der Kirchstraße, direkt neben der Synagoge. In der Pogromnacht wurde er unter Drohungen und Beschimpfungen aus seiner Wohnung geholt und in die Landwirtschaftliche Halle gebracht. Dem Bericht von Wolff Wolffs zufolge, hinterlegt in Yad Vashem, „gab man [ihm] in der Halle ein Gebetbuch in die Hand, schlug die erste Seite auf und befahl ihm dieses Gebet auf deutsch vorzulesen. Er tat dieses und begann wortgetreu mit den Worten: Gross ist der lebendige Gott. Daraufhin bekam der alte Mann Ohrfeigen, so dass er sofort umfiel. Die Nazis höhnten dann noch und sagten: ‚Das Schwein lügt, die Übersetzung lautet, du sollst alle christlichen Mädchen schänden.‘ In dieser Art ging es die ganze Nacht weiter.“

Da die SA das Gebäude der jüdischen Volksschule beschlagnahmt hatte, musste das Ehepaar vorübergehend bei Joseph Hess, einem Bruder von Friederike, wohnen. Am 23. Februar 1939 verließ das Ehepaar Aurich, sie zogen in das jüdische Altersheim in Emden. Ihre Söhne Henry, Jakob und Siegbert hatten Aurich schon Anfang der 1930er Jahre verlassen und konnten rechtzeitig in die USA emigrieren.

Am 23. Oktober 1941 wurden Moritz und Friederike Lachmann mit 120 weiteren Juden aus dem Altersheim über Berlin in das Ghetto Litzmannstadt deportiert. Den Tod seiner Ehefrau Friederike im Januar 1942 konnte Moritz Lachmann noch seinen Kindern in den USA mitteilen, er selbst starb am 12. August 1942.

Die Deportation der letzten Juden aus dem jüdischen Altersheim in Emden am 21.10.1941, im Vordergrund rechts Abraham Wolffs, der letzte Synagogenvorsteher in Aurich (1872 Aurich 1942 Kulmhof / Chelmno), rechts dahinter Rieke Lachmann, die Ehefrau des Lehrers Moritz Lachmann aus Aurich. Ostfriesische Tageszeitung vom 11.02.1942; Stadtarchiv Emden

Biografie – Kreisleiter Heinrich Bohnens

Als NSDAP Kreisleiter in Aurich war Heinrich Bohnens mit verantwortlich für den Synagogenbrand und die Verfolgung der Auricher Juden in der Pogromnacht.

Er war an der Organisation und Durchführung des Synagogenbrandes zwar nicht aktiv beteiligt, unterstützte die Taten aber – so ließ er die Feueralarmanlage für eine angebliche Feuerwehrübung ausschalten. Im Synagogenbrandprozess 1948 wurde er als „nationalsozialistischer Aktivist“ bezeichnet, der sich unterstützend an der Aufholung der Juden beteiligt habe. Bezeichnenderweise belastete Bohnens – wie auch die anderen Angeklagten – den im Krieg gefallenen SA Sturmbannführer Eltze als Haupttäter und Anführer. Bohnens war in der Nacht vom 9. / 10. November von dem damals in Emden wohnenden Eltze angerufen und über die anstehenden Aktionen gegen die Juden informiert worden. Eine Mitschuld wies er stets zurück und zeigte weder Bedauern noch Einsicht.

Heinrich Bohnens wurde am 14. Januar 1891 in Hopels, Kreis Wittmund, als siebtes Kind eines Gast- und Landwirtes geboren. Im Ersten Weltkrieg diente er als Soldat hinter der Front. Nach dem Krieg ließ er sich in Friedeburg als Schuhmachermeister nieder.

1923 schloss er sich der deutschvölkischen Bewegung an, wurde 1928 Mitglied der NSDAP und SA und gleichzeitig Ortsgruppen- sowie Bezirksleiter. 1929 wurde er in Friedeburg zum Gemeindevorsteher gewählt. Im Juli 1932 kandidierte er äußerst erfolgreich für den Reichstag, dem er mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Ende der NS-Zeit angehörte. Im Februar 1933 wurde er als Kreisleiter in Wittmund eingesetzt und ab 1934 in Aurich, wo er auch zum Präsidenten der Handwerkskammer in Aurich gewählt wurde. Vermutlich stellte man ihn aufgrund seiner vielfältigen Funktionen 1939 vom Militärdienst frei.

Am 11. Mai 1945 verhafteten ihn die Alliierten. Wegen seiner Zugehörigkeit zu einer verbrecherischen Organisation wurde er am 20. August 1948 zu vier Jahren Gefängnis und 500 DM Geldstrafe verurteilt. Vier Monate später verurteilte ihn die Staatsanwaltschaft Aurich im Synagogenbrandprozess zu weiteren drei Jahren Zuchthaus wegen Brandstiftung, Landfriedensbruch, schwerer Freiheitsberaubung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Beide Strafen wurden zu einer Gesamtstrafe von viereinhalb Jahren Zuchthaus zusammengezogen. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden ihm auf vier Jahre aberkannt. Im Oktober 1950 entließ man ihn vorzeitig aus der Haft. Er blieb arbeitslos. Im Februar 1951 wurde er im Entnazifizierungsverfahren in die Kategorie III eingestuft. Im März 1951 zog er mit seiner Frau nach Brake bei Bielefeld, wo er am 5. November 1952 an den Folgen eines Verkehrsunfalls starb.

 

Heinrich Bohnens (1891 Hopels – 1952 Brake), Schuhmachermeister, NSDAP Kreisleiter in Aurich, aus: Kreistag des Kreises Aurich der NSDAP am 11. und 12. Juni 1938 in Aurich, hg. von der Kreisleitung der NSDAP in Aurich, verantw. für den Inhalt: Wilh. Kranz, Aurich 1938. Bibliothek der Ostfriesischen Landschaft in Aurich

Biografie – SA-Sportwart Wilhelm Bock

Wilhelm Bock war am 10. November 1938 an Hausdurchsuchungen bei den Familien Wallheimer und Valk beteiligt. Im Bekleidungsgeschäft der Firma H. C. Knurr beschlagnahmte er Geld aus der Ladenkasse (2.000-3.000 RM). Eine besondere Rolle nahm er in seiner Funktion als SA-Sportwart wahr, als er in der Landwirtschaftlichen Halle die männlichen Auricher Juden in entwürdigender Weise „Sport“ treiben ließ. Später gab er vor Gericht an, er hätte auf Befehl des Sturmbannführers Eltze gehandelt und die „Lockerungsübungen, Dauerlauf, Drittenabschlagen und Bockspringen“ durchführen lassen, weil die Juden doch „gefroren“ hätten.

Wilhelm Bock wurde 27. Dezember 1897 in Hamburg geboren. Die Familie, sein Vater war Gärtner, zog bald nach Aurich um, wo Bock eine Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten absolvierte. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich bei der Marine und wurde 1919 entlassen – dekoriert mit dem Ehrenkreuz für Frontkämpfer. In Aurich arbeitete er zunächst kurze Zeit beim Infanterieregiment 29. Von 1920 bis 1930 war er als Büroangestellter bei der Ostfriesischen Landschaftlichen Brandkasse tätig und wurde dann als Kassierer bei der Kreissparkasse Aurich angestellt.

1939 wurde er erneut zur Marineflak eingezogen und geriet 1945 als Oberfeldfeldwebel in britische Gefangenschaft. Ab 1947 arbeitete er bei seinem Vater in einer Gärtnerei in Aurich.

Er war verheiratet und hatte drei Kinder, ein Sohn fiel im Krieg.

1933 war er der SA-Reserve beigetreten und wurde am 01. Mai 1937 in die NSDAP aufgenommen, wo er allerdings keine Funktionen ausübte. In der SA war er als Sportwart tätig, 1938 im Dienstrang eines Scharführers. In der Folge brachte er es noch zum Truppführer.

Er wurde bei der Entnazifizierung in Kategorie III, d.h. als „Minderbelasteter“ (Bewährungsgruppe) eingestuft.

Das Schwurgericht Aurich verurteilte ihn im Februar 1950 zu zehn Monaten Gefängnis wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, schwerem Landfriedensbruch, gemeinschaftlicher schwerer Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung. In der Urteilsbegründung hieß es, er habe aus einem „falsch verstandenen soldatischen Gehorsam heraus die Durchführung der ihm erteilten Befehle zu seiner eigenen Sache gemacht“. Das Gericht erkannte an, dass „er sich als alter Soldat verpflichtet fühlte, Befehle seiner Vorgesetzten auch auszuführen“. Man rechnete ihm an, dass er ein „offenes Geständnis abgelegt“ habe, was auf „innere Einkehr“ schließen lasse. Aufgrund des Straffreiheitsgesetztes von 1949 wurde die Strafvollstreckung im Dezember 1950 aufgehoben.

Biografie – SA-Obersturmführer Tjarko Gerdes

Tjarko Gerdes gehörte zu der Führergruppe auf dem Auricher Marktplatz, die die „Aufholung“ der Juden koordinierte und vorantrieb. Er hatte zu der Zeit den Rang eines SA Obersturmführer z.b.V. der Standarte Emden inne. Auf seine Anordnung hin wurden Juden aus ihren Wohnungen geholt und in die Landwirtschaftliche Halle gebracht. Ihm konnte 1950 nachgewiesen werden, dass er selber aktiv an der Festnahme der Brüder Jakob und Willi Wolff in Ostgroßefehn beteiligt gewesen war. Zusätzlich wurde er der „räuberischen Erpressung“ angeklagt: Er hatte in den Tagen nach der Pogromnacht bei Benjamin Wolff einen Schreibtisch beschlagnahmt, den er in das neu eingerichtete SA-Büro in der jüdischen Volksschule bringen ließ.

Gerdes, geboren 1906 in Bangstede, war Sohn eines Landwirts. Er galt als „Alter Kämpfer“, da er bereits 1928 in die NSDAP und 1931 in die SA eingetreten war. Ab 1934/35 arbeitete er als Angestellter bei der Kreisbauernschaft Aurich und anschließend bis 1943 bei der Viehverwertungsgenossenschaft Aurich. 1938 war er Ratsherr der Stadt Aurich. Als Obergefreiter wurde er im Krieg in den Niederlanden und Italien eingesetzt. Bis 1948 befand er sich in französischer Kriegsgefangenschaft. 1942 soll er auf eigenen Wunsch aus der SA ausgetreten sein.

Er wurde 1950 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit in Tateinheit mit Landfriedensbruch, gemeinschaftlicher schwerer Freiheitsberaubung und räuberischer Erpressung. Die Strafvollstreckung wurde zwar nicht ausgesetzt, sein Anwalt erreichte allerdings einen Strafaufschub bis Ende 1951, so dass er erst im Januar 1952 die Strafe antreten musste. Im April 1952 wurde er bereits wieder entlassen und die restlichen neun Monate Haft wurden in eine Geldstrafe von 1.200 DM umgewandelt. Sein Entnazifizierungsverfahren endete mit der Einstufung in Kategorie III (Bewährungsgruppe). Tjarko Gerdes bewirtschaftete in der Folge einen Bauernhof in Simonswolde, wo er 1967 starb.

Biografie – SS-Scharführer Georg Lang

Der SS-Mann Georg Lang war an der „Aufholung“ der alten und gebrechlichen Brüder Bendit (81 Jahre), Herz (79 Jahre) und Ruben Samson (74 Jahre) beteiligt. Im Strafprozess 1950 gab er an, auf Befehl des Kreisleiters Heinrich Bohnen gehandelt zu haben. Da sich die Alten noch im Schlafanzug befanden, ließ er nachfragen, ob diese zur Halle gebracht werden sollten. Er erfuhr, dass diese von der „Aktion“ nicht betroffen wären, brachte aber nur Bendit Samson wieder zurück. Das Haus der Samsons wurde durchsucht, Wäsche und Möbel wurden abtransportiert. Georg Lang war im weiteren Verlauf auch an der Bewachung der Juden in der Landwirtschaftlichen Halle beteiligt, obwohl die SS bei dem Novemberpogrom offiziell nicht eingesetzt wurde. Als der Arzt Dr. Manfred Hoffmann in die Halle geführt wurde, soll er diesen mit einem Tritt misshandelt haben.

Georg Lang, Sohn eines Brauers, wurde 1910 in Aurich geboren. Er besuchte die Volksschule, machte eine Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten und arbeitete in einem Schuhgeschäft. 1933 trat er der Allgemeinen SS bei und übernahm die Funktion des Sportwarts, 1938 war er Scharführer. 1937/38 trat er auch in die NSDAP ein. 1939 wurde er zur Waffen-SS eingezogen und war in Italien, Ungarn und Polen im Einsatz. Bis 1947 befand er sich in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. In der Nachkriegszeit arbeitete er wieder als Schuhverkäufer.

Er wurde zu einer Gefängnisstrafe von acht Monaten verurteilt, wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit, schwerem Landfriedensbruch, Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung. Aufgrund des Straffreiheitsgesetzes von 1949 wurde seine Strafe 1950 zur Bewährung ausgesetzt. Bei Strafhöhen zwischen sechs Monaten und einem Jahr Freiheitsentzug konnte die Vollstreckung der Freiheitsstrafe ausgesetzt und in eine Bewährungsstrafe umgewandelt werden. Voraussetzung war, dass der Täter nicht „aus Grausamkeit, aus ehrloser Gesinnung oder aus Gewinnsucht“ gehandelt hatte. Das wurde Georg Lang zugestanden.

Biografie – Anna Nannen, geb. Dieken

Anna Nannen war die einzige Frau, die 1949 in Aurich vor Gericht gestellt wurde. Ihr Verhalten in der Pogromnacht spiegelt den alltäglichen Antisemitismus wieder.

 

Anna Nannen wurde 1901 in Walle als Tochter eines Landwirts geboren. Sie besuchte die Volksschule und arbeitete bis zu ihrer Heirat mit 21 Jahren als Köchin. Ihr Mann war Filmvorführer und später beim Wehrbezirkskommando tätig. Er war Mitglied in der NSDAP und im NSKK und starb 1942, sie selber wurde kein Mitglied in der NSDP. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor.

Anna Nannen wohnte in der Wallstraße, in der viele jüdische Familien lebten. In den Morgenstunden des 10. November schloss sie sich den „Aktionsteilnehmern“, den Aufholtrupps an, die nach den Brüdern Fritz (1907-1945) und Josef (1911- 1945?) Seckels suchten, die mit ihrer Familie in der Marktstraße, in ihrer direkten Nachbarschaft, lebten.

Sie soll die Männer noch angefeuert haben, indem sie rief: „Na sucht man, die sind noch drin!“ Fritz und Josef Seckels wurden bald darauf auf dem Dachboden ihres Hauses gefunden und zur Viehauktionshalle gebracht.

Wie fast alle Angeklagten leugnete sie 1950 vor Gericht, an der Aufholung der Juden beteiligt gewesen zu sein. Sie konnte aufgrund von Zeugenaussagen überführt werden. Diese Zeugen gaben auch an, dass sie früher schon vor Juden ausgespuckt und dazu gesagt haben soll: „So wollen wir es haben.“

Das Gericht erkannte an, dass sie der Menschenmenge vor dem Haus der Seckels „in dem Bewusstsein und mit dem Willen angehörte, dass es aus ihr heraus zu einer gewaltsamen Festnahme der beiden Seckels“ kommen würde. Sie habe die Festnahme „wissentlich“ gefördert und die Menge „dadurch in ihrem Täterwillen bestärkt.“

Die Anklage lautete auf „Beihilfe zu schwerer Freiheitsberaubung“. Da ihre Strafe bei sechs Monaten Gefängnis lag – wie auch bei weiteren neun Angeklagten – und sie damit unter das Amnestiegesetz fiel, wurde das Verfahren 1950 eingestellt.

Justizielle Ahndung

Im Prozess um den Synagogenbrand in Aurich wurden im Dezember 1948 vier Männer vor dem Schwurgericht des Landgerichts Aurich wegen Brandstiftung, Landfriedensbruchs, schwerer Freiheitsberaubung und Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt: der NSDAP-Kreisleiter Heinrich Bohnens, der Maler Hermann Theesfeld, der Kaufmann Karl Rector und der Regierungsobersekretär Harm Flügge. Letzterer wurde wie Bohnens wegen seiner „Zugehörigkeit zum Korps der politischen Leiter“ in Internierungshaft genommen. Er blieb dort bis zum 19. Juni 1948, eine aktive Beteiligung an der Brandstiftung wurde ihm nicht nachgewiesen.

Bohnens, dem man nicht die aktive Teilnahme an der Brandstiftung nachweisen konnte, wurde zu einer Zuchthausstrafe von drei Jahren verurteilt, zudem wurden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von vier Jahren aberkannt. Theesfeld erhielt eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und Rector von zehn Monaten. Bohnens wurde 1950 vorzeitig entlassen. Als Initiator und Organisator wurde ein Verstorbener genannt: Sowohl für die Brandlegung wie auch die Aufholung und Misshandlung der Juden wurde der SA-Sturmbannführer Georg Eltze verantwortlich gemacht. Er war wie der SA-Mann Haas, dem besonders brutales Vorgehen zugeschrieben wurde, im Krieg gefallen.

In einem zweiten Prozess 1949/1950 wurde wegen der Ausschreitungen in der Pogromnacht Anklage gegen 28 weitere Personen, darunter eine Frau, erhoben, die des Verbrechens gegen die Menschlichkeit, Landfriedensbruchs und der Freiheitsberaubung angeklagt wurden. Obwohl viele Auricher die Nacht und den kommenden Tag miterlebt hatten, fanden sich kaum Zeugen, die bereit waren, auszusagen. Einige Zeugen zogen, als es ernst wurde, ihre früheren Aussagen wieder zurück. Die große Mehrheit der angeklagten SA Männer behauptete, sich nicht an die Ereignisse erinnern zu können, dass sie geschlafen hätten, gar nicht in Aurich anwesend gewesen seien oder dass sie nur mit der Absperrung der Straßen beauftragt worden seien.

Am 16. Februar 1950 erfolgte die Urteilsverkündung: Elf der Angeklagten erhielten Freiheitsstrafen zwischen sieben Monaten und einem Jahr Gefängnis, zehn Verfahren wurden aufgrund des Straffreiheitsgesetztes von 1949 eingestellt, sieben wegen mangels an Beweisen eingestellt. Keiner der elf Verurteilten musste die Haft vollständig verbüßen.

Bericht in den Ostfriesische Nachrichten vom 17.02.1950 über die verhängten Strafen im Synagogenbrandprozess: „Gefängnisstrafen im Kristallnachtprozeß – Auch ein Befehl keine Entschuldigung – Wenig Bereitschaft zur Wahrheit“. Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Aurich

Spuren und Gedenken

Nach 1945 erinnerte nur noch wenig an das jüdische Leben in Aurich und an die vertriebenen und ermordeten Mitbürger. Nur der 1764 angelegte jüdische Friedhof an der Von-Jhering-Straße blieb bis heute erhalten.

Mitte der 1960er Jahre versuchte Johannes Diekhoff, damals Lehrer an der IGS Aurich-West, erstmals mit seinen SchülerInnen, Kontakt zu den vertriebenen jüdischen Aurichern in Israel, besonders zu Wolff Wolffs, aufzunehmen. Gut zehn Jahre später initiierte er eine öffentliche Spurensuche mit SchülerInnen nach den ehemaligen jüdischen Bewohnern in Aurich. Es entstanden eine erste Dokumentation und eine Ausstellung zur Geschichte der Auricher Judengemeinde.

Ab 1981 hat Wolfgang Freitag, Nachfolger von Diekhoff als Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Ostfriesland, regelmäßig Besuche in Israel vorbereitet und durchgeführt. 1984 besuchten erstmals ehemalige Auricher Bürger aus Israel ihre Geburtsstadt, und im Frühjahr 1992 fand ein auch von großem öffentlichem Interesse begleiteter, offizieller mehrtägiger Besuch ehemaliger Auricher Juden und ihrer Angehörigen aus verschiedenen Ländern statt. Von 1983 bis 2007 organisierte die DIG regelmäßig Jugendaustausche für Auricher Schulen.

Seit Oktober 1987 unterhält der Landkreis Aurich eine offizielle Partnerschaft mit der Stadt Bat-Yam bei Tel-Aviv.

1980 gründete sich ein Arbeitskreis zur „Geschichte der Jüdischen Gemeinden in Ostfriesland“ bei der Ostfriesischen Landschaft in Aurich. Anlässlich des 50. Jahrestages des Novemberpogroms erarbeitete der Arbeitskreis 1988 eine Ausstellung mit einem Begleitband über „Das Ende der Juden in Ostfriesland“. Seit 1998 hat die Ausstellung „gedemütigt – verfolgt – getötet. Das Leben der Auricher Juden“ im Historischen Museum Aurich einen festen Platz im Schaubereich.

 

Die Gedenkstelen am Hohen Wall mit den Namen der ermordeten Auricher Juden sowie die Säule mit einer Nachbildung der Synagoge wurden 2002 aufgestellt. An die einstige jüdische Schule erinnert eine Gedenktafel am Hause der Ärztekammer in der Kirchstraße.

2012 wurde zusätzlich eine Gedenkplatte (Granitplatte) vor dem Sozialgericht in das Pflaster eingebettet. Ein Pfeil zeigt in Richtung der ehemaligen Synagoge. Die Abraham-Wolffs-Straße erinnert an den letzten Vorsteher der jüdischen Gemeinde.

Im Jahr 2010 begannen die Vorbereitungen zur Verlegung von Stolpersteinen, unterstützt von der Stadt Aurich. Der stellvertretende Vorsitzende der DIG-Ostfriesland, Günther Lübbers, ermöglichte Kontakte zu Überlebenden und deren Nachkommen in Israel, den USA, den Niederlanden und Großbritannien, so dass bei den Verlegungen auch immer wieder ehemalige Auricher MitbürgerInnen und ihre Nachkommen aus aller Welt teilnehmen. Von Anfang an wurden SchülerInnen und KonfirmandInnen bei den Recherche- und Verlegearbeiten einbezogen. Am 8. November 2011 konnte der erste dieser Gedenksteine in Aurich verlegt werden. Ende 2021, so ist es geplant, werden knapp über 400 Stolpersteine an die jüdische Bevölkerung Aurichs erinnern.

Der jüdische Friedhof in Aurich an der Emder Straße. Foto: Günther Lübbers

Weiterführende Literatur und Links

Peter Bahlmann, Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Wiederaufbau der Justiz und frühe NS-Prozesse im Nordwesten Deutschlands, Dissertation an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Oldenburg 2008, in: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands, Verlag der Ostfriesischen Landschaft, Aurich: Teil 1 Bd. 91 (2011), S. 105-163; Teil 2: Bd. 92 (2012), S. 185-199; Teil 3: Bd. 93 (2013), S. 35-117; online unter: http://oops.uni-oldenburg.de/1015/1/bahver08.pdf

Bernd Volker Brahms, Stolperstein Geschichten – Spurensuche gegen das Vergessen. Aurich, hrsg. vom Ulrich Völkel Eckhaus Verlag Weimar 2018.

Johannes Diekhoff, Die Auricher Judengemeinde von 1930 bis 1940, in: Herbert Reyer (Hg.), Aurich im Nationalsozialismus (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands 69), Aurich 21993, S. 247-299.

Inge Lüpke-Müller, Artikel Heinrich Bohnens, in: Biographisches Lexikon für Ostfriesland; online unter: https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Bohnens.pdf.

Herbert Reyer, Aurichs Weg ins „Dritte Reich“, in: Ders. (Hg.), Aurich im Nationalsozialismus (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands 69), Aurich 1993 (2. Aufl.), S. 19-90.

Herbert Reyer, Artikel Aurich, in: Herbert Obenaus (Hg.) in Zusammenarb. mit David Bankier und Daniel Fraenkel, Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, 2 Bände, Göttingen 2005, S. 1-28; online unter: http://www.unics.uni-hannover.de/hdb-synagogen-nds/Aurich.pdf

Rolf Uphoff, Reise ohne Wiederkehr, Wege in das Grauen – die Deportation der letzten jüdischen Bürger Emdens, Nordens und Aurichs, Emden 2011.

Sandra Weferling, u.a. (Bearb.), Judenverfolgung im Nationalsozialismus am Beispiel Aurichs / Materialkoffer und Unterrichtskiste Stolpersteine, hg. vom Regionalen Pädagogischen Zentrum Aurich, Ostfriesische Landschaft, 2015.

https://stolpersteineaurich.wordpress.com; Homepage des Projekts „Stolpersteine – Im Gedenken an Aurichs Opfer des Nationalsozialismus“

http://www.alemannia-judaica.de/aurich_synagoge.htm; Alemania Judaica: Artikel Aurich

Autorin: Astrid Parisius, Aurich

1938 in Niedersachsen

Delmenhorst

Vorgeschichte

Erste Erwähnungen zu jüdischem Leben in Delmenhorst finden sich in dem Jahr 1695. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wuchs die Anzahl jüdischer Bewohner auf nur etwa 20 an. Grund dafür war die restriktive Haltung der Stadtverwaltung gegenüber den Juden. Da Delmenhorst als aufkommender Industriestandort allerdings Arbeit bot, stieg die Zahl der angesiedelten Juden weiter an, sodass die jüdische Gemeinde im Jahre 1933 insgesamt 175 Mitglieder zählte.

Seit 1930 erhielt die NSDAP in Delmenhorst bei den Reichstags- sowie den Landtagswahlen jeweils 20 Prozent oder mehr aller Wählerstimmen. In den Jahren 1932 und 1933 konnten knapp 35 Prozent errungen werden, was leicht unter dem Reichsdurchschnitt lag.

Mit der Machtübernahme der NSDAP 1933 setzte auch in Delmenhorst die Repression der jüdischen Bevölkerung ein. Den Anfang machte hier der Boykott der jüdischen Geschäfte am 1. April desselben Jahres. In den folgenden Jahren verstärkte sich die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung und die antisemitische Hetze in Delmenhorst.

Die Ereignisse im November 1938

Am Abend des 9. November 1938 war die gesamte höhere Führung der NSDAP in München versammelt, um den gescheiterten Hitler-Putsch des Jahres 1923 zu feiern. Unter den Teilnehmern waren auch Mitglieder aus dem Gau Weser-Ems.

Die Delmenhorster Funktionäre der NSDAP sowie die Führer der SA kamen in Delmenhorst zusammen, um der Toten des Putschversuchs von 1923 zu gedenken. Im Verlauf dieser Feier ging wahrscheinlich ein Brandstiftungsbefehl ein. Aufgrund dieses Befehls gab NSDAP-Kreisleiter Gustav Sturm die Anweisung, dass alle Anwesenden der Feier sich unverzüglich auf der Burginsel, einer kleinen Insel im Stadtpark von Delmenhorst, versammeln sollten. Auf der Burginsel hielt Sturm dann eine leidenschaftliche Ansprache, wonach die Anwesenden Zivilkleidung anlegen und anschließend Benzin von einer Tankstelle besorgen sollten. Mit diesem Benzin sollte dann in kleinen Gruppen bei der örtlichen Synagoge aufmarschiert werden.

Dieser Aufforderung kamen die Anwesenden umgehend nach. Die erst zehn Jahre zuvor erbaute Synagoge in der Cramerstraße wurde wenig später in Brand gesteckt. Das Gebäude wurde stark beschädigt. Die alarmierte Feuerwehr beschränkte sich darauf, zu verhindern, dass das Feuer auf nebenstehende Gebäude übergriff. Auch die herbeigerufene Polizei schritt nicht ein.

Zusätzlich gab Kreisleiter Sturm den Befehl, das Möbelgeschäft Fink in der Langenstraße zu demolieren. Am folgenden Tag verhaftete man in Delmenhorst zehn männliche jüdische Bewohner der Stadt. Sie wurden in das Gerichtsgefängnis gebracht und von Kreisleiter Sturm bedroht. Anschließend wurden sie in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Nach etlichen Quälereien und Misshandlungen wurden sie unter der Bedingung einer zügigen Auswanderung wieder entlassen.

Innenraum der Synagoge in der Cramerstraße. Aus: Architekt B. Himmelskamp, Delmenhorst, nach 1928; Stadtarchiv Delmenhorst.

Die 1928 eingeweihte Synagoge in der Cramerstraße. Aus: Architekt B. Himmelskamp, Delmenhorst, nach 1928; Stadtarchiv Delmenhorst.

Folgen

Da viele Mitglieder der Jüdischen Gemeinde im Anschluss an die Ereignisse emigrierten, konnten die verbliebenen Mitglieder ausstehende Schulden bei der Oldenburger Landessparkasse nicht mehr begleichen, da die Last zu hoch war. Auf Drängen der Bank musste die Jüdische Gemeinde das Grundstück, auf dem die in der Pogromnacht stark beschädigte Synagoge stand, im Jahre 1939 an einen privaten Käufer abgeben. Dieser baute das Gebäude zum Wohnhaus um, als welches es noch heute genutzt wird.

Die nicht zerstörten jüdischen Geschäfte wurden „arisiert“. Da die jüdische Schule nach dem Pogrom geschlossen wurde, mussten die jüdischen Delmenhorster Schülerinnern und Schüler die bis zum Jahr 1940 zugelassene jüdische Schule in Oldenburg besuchen.

Wer es bis 1941 nicht schaffte auszuwandern, wurde Opfer der Deportationen. In Sammeltransporten wurden die übrig gebliebenen Delmenhorster Juden in die Ghettos Minsk, Litzmannstadt oder Theresienstadt verschleppt. Die meisten kamen dort oder in Vernichtungslagern ums Leben. Insgesamt wurden mindestens 68 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Delmenhorst Opfer der Shoah.

Biografie - Adolf Dessauer

Adolf Dessauer war mehrere Jahrzehnte Inhaber der Firma Neugarten in Delmenhorst. Nach der Machtübernahme durch die NSDAP zog Dessauer nach Hannover in die Wedekindstraße 22. Den Rest seines Warenlagers übergab er Verwandten in Bremen. In seine ehemaligen Geschäftsräume zog anschließend ein „arischer“ Betrieb.

Biografie - Familie Hirschtick

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1922 übernahm Rosaltje Hirschtick dessen Rohprodukte-Firma. Ihre Söhne Leonhard und Isaak gründeten unter dem Namen „Gebrüder Hirschtick“ ebenfalls einen eigenen Betrieb. 1936 wanderte die Familie in die Niederlande aus, von wo aus sie weiter in die USA emigrierten.

Spuren und Gedenken

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es lange Zeit keine Jüdische Gemeinde mehr in der Stadt Delmenhorst. Erst im Jahr 1997 gründete sich in Delmenhorst eine neue Jüdische Gemeinde. Die Gemeinderäumlichkeiten befinden sich heute in der Louisenstraße, zentral gelegen und unweit vom Bahnhof. Vor dem Grundstück der 1938 ausgebrannten Synagoge wurde eine Gedenktafel aufgestellt – wann genau, ist nicht bekannt. Im Laufe der Jahre wurde diese Tafel allerdings ausgetauscht. Auf Nachfrage beim Stadtarchiv Delmenhorst konnte allerdings nicht mehr rekonstruiert werden, wann genau dies geschehen ist.

Auf dem Jüdischen Friedhof an der Syker Straße in Delmenhorst, auf dem rund 130 Grabsteine erhalten geblieben sind und der seit der Neugründung der Gemeinde 1997 auch wieder für Beerdigungen genutzt wird, wurden im Jahre 2012 zwei Gedenktafeln aufgestellt. Diese wurden vom Freundes- und Förderkreis der Jüdischen Gemeinde zur Erinnerung und Mahnung gespendet. Eine der Tafeln informiert über die Geschichte des Friedhofs, während die andere Tafel die Namen der 68 getöteten jüdischen Bürger zeigt, welche zur Zeit des Nationalsozialismus ihr Leben ließen. Über den Namen steht der Satz: „Zum Gedenken an die Opfer der Schoa“.

Außerdem gibt es in Delmenhorst 37 Stolpersteine. Das Projekt der Stolpersteine in Delmenhorst begann am 31. Juli 2006, als an vier Stellen zunächst insgesamt 13 Steine verlegt wurden.

Mittig: Das Gebäude der ehemaligen Synagoge der Jüdischen Gemeinde in der Cramerstraße, November 2018.
Foto: Philipp Karthäuser

Weiterführende Literatur und Links

 https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/29464

letzter Aufruf: 12.11.2018

https://www.nwzonline.de/wirtschaft/zur-erinnerung-und-mahnung-an-den-holocaust_a_1,0,542641770.html

letzter Aufruf: 12.11.2018

http://www.geschichtsatlas.de/~gb21/Projekt/wahlergebnisse/NSADP1928-1933.htm

letzter Aufruf: 12.11.2018

https://www.nwzonline.de/delmenhorst/stolpersteine-erinnern-an-die-ns-opfer_a_6,1,2070149735.html

letzter Aufruf: 12.11.2018

Glöckner, Paul Wilhelm, Delmenhorst unter dem Hakenkreuz. Band 3: Kriegsvorbereitung in Delmenhorst, Propaganda und Gleichschaltung von 1933 bis 1939, Delmenhorst 1987.

http://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/c-d/115-delmenhorst-niedersachsen

Autor: Philipp Karthäuser, Student der Leibniz Universität Hannover

1938 in Niedersachsen

Nordenham

Vorgeschichte

Im Jahr 1933 existierte eine Jüdische Gemeinde Brake-Nordenham, die 40 Mitglieder umfasste. In Nordenham lebten 24 Juden. Die Gemeinde verfügte über keine eigene Synagoge, verwaltete jedoch den seit 1795 bestehenden Friedhof in Ovelgönne, der im Dezember 1933 geschändet wurde. Gemeindevorsitzender war Robert Löwy, Inhaber eines Herrenkleidungsgeschäfts in Nordenham. In Einswarden (heute ein Stadtteil von Nordenham) ließen sich 1908 David und Thekla Jakobsohn als erste Juden nieder und eröffneten ein Herrenbekleidungsgeschäft.

Im Oktober 1930 gründete sich in Nordenham eine Ortsgruppe der NSDAP. Bei den Reichstagswahlen erhielt die Partei in Nordenham 37 Prozent und in dem 1933 eingemeindeten Blexen 35 Prozent der Stimmen.

Der „Judenboykott“ vom 1. April 1933 traf in Nordenham das Bekleidungshaus Mayer, die Fa. Robert Löwy und den Milchhandel Emanuel Pinto. In Einswarden und Friedrich-August-Hütte marschierte die SA nach einem „Umzug“ vor dem Kaufhaus Jacobsohn auf. SPD- und KPD-Mitglieder versuchten, den Boykott zu stören. Robert Löwy sah sich 1935 nach Boykottaktionen gezwungen, sein Geschäft zu verkaufen, und wanderte 1936 in die USA aus. Die Familie Pinto, die einen Viehhandel betrieb, emigrierte zwischen 1933 und 1936 in die Niederlande. Fünf der sechs Familienangehörigen kamen später in Auschwitz um. Die Familie Stoppelmann, die ebenfalls einen Viehhandel betrieb, emigrierte ebenfalls in die Niederlande. Drei Familienangehörige starben in Auschwitz, nur Eugen Stoppelmann überlebte. Der Textilkaufmann David Jacobsohn, Textilkaufmann in Einswarden, musste 1937 sein Geschäft verkaufen und verzog in demselben Jahr nach Bremen.

Die Ereignisse im November 1938

In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 befahl der Wilhelmshavener SA-Standartenführer Johannes Hinz dem Nordenhamer SA-Truppführer Osterthun telefonisch, sämtliche Juden zu verhaften und ihr Eigentum „sicherzustellen“. Osterthun alarmierte wiederum weitere Angehörige des SA-Reservesturms und Bürgermeister Dr. Emil Gerdes, der mit dem örtlichen Leiter der Gendarmerie Drebing über weitere Maßnahmen beriet. Die Familien Adalbert Mayer und Walter Friedemann wurden daraufhin von der SA, begleitet von Gerdes und Drebing, festgenommen. Frau Mayer und die beiden Kinder wurden am Vormittag wieder freigelassen. Die inhaftierten Männer wurden schließlich in das KZ Sachsenhausen abtransportiert. Everhard Lewenstein aus Burhave, evangelischer Konfession, aber nach den rassistischen Grundsätzen des Nationalsozialismus Jude, wurde in das Gerichtsgefängnis Nordenham überführt. Kurze Zeit nach seiner Entlassung starb er im Januar 1939. Julius Rosenberg, Schlachter und Viehhändler in Dedesdorf, beging am 17. November Selbstmord im Gefängnis Nordenham.

Auf der Titelseite der Butjadinger Zeitung vom 8. November 1938 wurde durch die Überschrift „Jüdischer Mordanschlag“ suggeriert, dass Herschel Grynszpan nicht als Einzeltäter gehandelt hatte. Archiv des Rüstringer Heimatbundes

Folgen

Der Nordenhamer Textilkaufmann Adalbert Mayer konnte 1939 über Kuba in die USA emigrieren, seinem Angestellten Walter Friedemann gelang die Flucht in die Niederlande. Er kam später in Auschwitz um. Adolph und Emma Ossa waren 1930 von Oldenburg nach Nordenham gezogen. Sie kamen beide in Theresienstadt um. Karl-Richard Gutmann aus Einswarden und zwei Angehörige der Familie Gutmann, die als „Mischlinge 1. Grades“ galten, wurden 1944 in die Lager Farge (bei Bremen) und Lenne (bei Holzminden) deportiert. Am 17. März 1941 wurde die Jüdische Gemeinde Brake-Nordenham vom oldenburgischen Staat aufgelöst. Die überlebenden Emigranten kehrten nicht nach Nordenham zurück.

Biografie - David Jakobsohn

David Jakobsohn wurde am 28. November 1881 in Barenburg (Kr. Diepholz) geboren. Er eröffnete 1908 in Einswarden ein Herrenkleidungsgeschäft. Im Februar 1937 verkaufte er sein Geschäft und verzog nach Bremen. Dort wurde er beim Novemberpogrom festgenommen und in das KZ Sachsenhausen transportiert. Nach seiner Entlassung emigrierte er im Dezember 1938 nach Kolumbien.

Biografie - Dr. Emil Gerdes

Emil Gerdes wurde am 16. Juni 1903 in Stollhamm geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften trat er in den oldenburgischen Staatsdienst ein. NSDAP-Mitglied wurde er 1933. In demselben Jahr wurde er Mitglieder der SA, in der er den Rang eines Obertruppführers bekleidete. Von 1933 bis 1945 war er Bürgermeister in Nordenham. Er war in der Bundesrepublik bis zur Pensionierung als Landessozialgerichtsrat in Celle tätig. Er starb am 5. Mai 1997.

Justizielle Ahndung

Über eine justizielle Ahndung ist nichts bekannt.

Spuren und Gedenken

An sieben Standorten erinnern Stolpersteine an die verfolgten Juden aus Nordenham.

Weiterführende Literatur und Links

Christoph Heilscher, Auch Nordenhamer Juden wurden ins KZ verschleppt, in: Kreiszeitung Wesermarsch, 5. Nov. 1998.

Gerd Strachotta, Juden in der Wesermarsch 1933-1945, Oldenburg 1997.

Werner Vahlenkamp, Brake / Nordenham in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Bd. I, hg. v. Herbert Obenaus, Daniel Bankier u. Daniel Fraenkel, Göttingen 2005, S. 252-257.

 

Autor: Dr. Joachim Tautz, Oldenburg

1938 in Niedersachsen

Verden

Vorgeschichte

Im Bistum Verden sollen bereits um 1300 Juden ansässig gewesen sein. Erst im Jahr 1571 durften drei Juden mit ihren Familien als „Schutzjuden“ für zehn Jahre ohne Bürgerrecht in Verden leben und Handel treiben. Als Gründungsjahr der jüdischen Gemeinde gab der Vorstand das Jahr 1808 an. Nach Abzug der Franzosen und der einsetzenden Restauration erhielten sie den Status von Schutzjuden und unterlagen Gewerbeeinschränkungen. Vermutlich schon 1816 fand der Gottesdienst in einem Betsaal im Privathaus des Ziegelfabrikanten Schragenheim statt. Die jüdische Schule befand sich in der Wohnung des Lehrers. Am 31.08.1858 wurde die neue Synagoge am Johanniswall eingeweiht.1875 zählte die Gemeinde 120 Mitglieder. Der Friedhof der jüdischen Gemeinde am Ahornweg wurde 1834 angelegt. Mindestens 132 Beisetzungen sind nachweisbar. Anfang 1933 wurden in Verden noch 98 jüdische Bürger gezählt.

Der Aufstieg der NSDAP in Verden zeigte sich bei den Reichstagswahlen 1930, als sie mit 16,4 % zweitstärkste Partei nach der SPD wurde. Bei den Reichstags- und Landtagswahlen 1932 war sie in Verden bereits stärkste Partei. Bei der Wahl der Bürgervorsteher der Stadt Verden im März 1933 wurde die NSDAP stärkste Fraktion.

Auch in Verden kam es am 1. April 1933 zu antijüdischen Aktionen. Es wurden alle sechs Ladengeschäfte, die sich in jüdischen Händen befanden, geschlossen und SA-Leute davor postiert. Es folgte eine Reihe von Verordnungen, die für die jüdischen Mitbürger das Ende ihrer wirtschaftlichen Existenz brachten. Rechtsanwalt Dr. Gustav Löwenstein erhielt bereits im April 1933 ein Vertretungsverbot. Den fünf Verdener Viehhändlern wurde im Dezember 1937 die Viehhandelserlaubnis entzogen. Am Vorabend der Pogromnacht existierten nur noch vier jüdische Einzelhandelsbetriebe und die jüdische Gemeinde bestand noch aus 39 Mitgliedern.

 

Synagogengemälde. Domherrenhaus – Historisches Museum Verden/Bildersammlung, Nr. 3867

Die Ereignisse im November 1938

Am 9. November, vermutlich schon vor Mitternacht, schlugen Angehörige der Verdener SA Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte ein. Zu Plünderungen oder Zerstörungen der Ladeneinrichtungen kam es nicht. Vierzehn jüdische Männer wurden von SA-Leuten in ihren Wohnungen festgenommen. Zu Ausschreitungen in den Wohnungen kam es nicht. Die Opfer wurden zunächst zur Gestapo gebracht und später ins Verdener Gerichtsgefängnis eingeliefert.

Gegen fünf Uhr morgens brachen drei Männer in die Synagoge am Johanniswall ein, steckten sie in Brand und verließen wieder das Gebäude. Als die Feuerwehr kurz danach eintraf brannte das Feuer mit mäßiger Flamme. Ein Gestapobeamter verbot den Feuerwehrmännern zu löschen. Der inzwischen eingetroffene Landrat Dr. Karl Weber begrüßte den Brandmeister mit den Worten: „Endlich mal eine vernünftige Maßnahme gegen die Juden.“ Gestapo-Leute und SA-Männer entwendeten Kultgegenstände (Thorarollen, Ehrentafel für die im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Mitglieder) und Möbelstücke, die sich in der Wohnung des Rabbiners Grünfeld befanden, der mit seiner Familie wenige Tage zuvor ausgewiesen worden war.

Am Morgen des 10. November standen nur noch die Außenmauern des Gotteshauses. Schaulustige waren zugegen und der Rektor der Nicolaischule, Hermann Thies, führte seine Klasse zum Tatort, wo sie ein Lied singen und anschließend singend durch die Stadt marschieren musste. Ungefähr zehn SA-Mitglieder ließen sich auf einem Schutthaufen vor der Synagoge fotografieren. Gleichzeitig standen auf der Straßenseite gegenüber mehrere SA-Führer, die sich unter Händeschütteln offensichtlich zum Erfolg gratulierten.

Die Brandstifter wurden nicht identifiziert. Im Synagogenbrandprozess von 1948 kam das Gericht zu dem Schluss, dass es sich um Mitglieder der SA-Führungsschule Etelsen gehandelt haben könnte. Nach jetzigem Kenntnisstand muss man davon ausgehen, dass Männer des Verdener SA-Reitersturms, insbesondere der SA-Sturmführer Friedrich Kruse, aktiv an der Brandstiftung beteiligt waren.

 

Gestapo-Außendienststelle Verden

Die Staatspolizeistelle Wesermünde mit ihren beiden Außendienststellen in Verden und Stade hatte bis 1937 nur die Zuständigkeit für den Regierungsbezirk Stade. Ab Sommer 1941 war die Außendienststelle Verden für die Kreise Verden und Rotenburg/Wümme zuständig. Die Verdener Dienststelle war in einem Wohnhaus in der Herrlichkeit Nr. 4 im 2. Stock untergebracht.

Für den Zeitraum der Pogromnacht konnten drei Gestapobeamte identifiziert werden. Die 13 jüdischen Männer, die von der SA aus ihren Wohnungen geholt worden waren, wurden zunächst zur Gestapo gebracht. Leopold Rothschild gab nach dem Krieg an, dass er dort die Thorarollen aus der Synagoge erkannt hatte. Die Verhafteten wurden etwa zwei Stunden festgehalten und von den beiden Beamten Böhlke und Tippenhauer in das Gerichtsgefängnis eingeliefert. Im Synagogenbrandprozess 1948 gab der beschuldigte Leiter der Feuerwehr an, dass ein Gestapobeamter ihm entgegengetreten wäre mit den Worten: „In dieser Nacht brennen in Deutschland sämtliche Tempel! Seien Sie vernünftig, machen Sie keine Geschichten und löschen Sie nicht ab, sonst muß ich Sie von der Brandstelle entfernen!“ Ein anderer Gestapomann forderte einen der löschenden Feuerwehrleute auf, das Strahlrohr aus dem hinteren Fenster zu halten, um vor den vor der Synagoge stehenden Schaulustigen den Eindruck zu erwecken, als würde weiter gelöscht werden.

Karl Tjaben (*07.04.1903 in Bremen) kam am 01.07.1937 als Kriminal-Assistent von Wesermünde nach Verden. NSDAP-Eintritt am 01.05.1933.

Hermann Tippenhauer (*04.01.1909 in Hildesheim) kam am 05.07.1937 als Kriminal-Oberassistent von Wesermünde nach Verden. NSDAP-Eintritt am 01.05.1937.

Paul Böhlke (*07.11.1907 in Seelze) kam am 03.10.1937 als Kriminalsekretär von Wesermünde nach Verden. NSDAP-Eintritt am 01.05.1937.

Außer den drei Männern war noch eine Schreibkraft in der Dienststelle tätig. Von den drei Gestapobeamten kam nur Tippenhauer vor ein Spruchkammergericht. Ihre Entnazifizierungsverfahren konnten nicht ermittelt werden.

Verdener EinwohnerInnen beobachten am 10.11.1938 den Synagogenbrand am Johanniswall Nr. 7. Domherrenhaus – Historisches Museum Verden/Bildersammlung, Nr. 5513

Folgen

Die Verdener Polizei teilte den Ehefrauen der Verhafteten mit, dass man versuchen würde, die Männer in Verden zu behalten. Tatsächlich wurde keiner der Betroffenen in ein KZ eingeliefert. Im Gerichtsgefängnis wurden die Männer jedoch wie Kriminelle behandelt. Sie durften sich auch von keinem „arischen“ Rechtsanwalt vertreten lassen. Unter der Zusicherung, unverzüglich die Auswanderung zu betreiben, wurden die Männer nach zwei bis drei Wochen entlassen.

Die drei Kaufleute, die den Vorstand der Synagogengemeinde bildeten, erklärten sich unter dem massiven Druck im Gefängnis bereits am 12. November 1938 bereit, das Synagogengrundstück an Hilde Grantz zu verkaufen. Deren Ehemann Dr. Wilhelm Grantz war Rechtsanwalt und SS-Obersturmführer beim Sicherheitsdienst (SD) des Reichsführer SS, Abschnitt Bremen. Vom Erlös muss die Gemeinde die Abbrucharbeiten und die Kosten für den Feuerwehreinsatz begleichen. Der jüdische Friedhof wurde 1943 verwüstet.

Nur drei der in der Pogromnacht Verhafteten konnten noch vor Kriegsbeginn auswandern. Danach gelang nur noch zwei Personen die Auswanderung nach Übersee. Fünf weitere Personen übersiedelten nach Holland bzw. Dänemark, von ihnen überlebte nur Horst Baumgarten im Ghetto Theresienstadt. Bis 1940 gelang insgesamt 26 Personen die Auswanderung in ein sicheres Land.

Von den 24 jüdischen Bürgern, die Mitte Oktober 1941 noch in Verden lebten, wurden sechs Personen in das „Judenhaus“ Stifthofstraße 13 und sieben Personen in das nicht arisierte Haus der Familie Spanier in der Predigerstraße 11 eingewiesen. Die restlichen Familien durften weiterhin in den Wohnungen zur Miete wohnen. Vier Wochen später erhielten 21 von ihnen den Deportationsbefehl für den 17. November 1941 ab Verden. Über Bremen und Hamburg ging der Transport in das Ghetto Minsk und dann in das Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk. Nur Martin Spanier überlebte.

Die Opfer tragen die Kosten. Stadtarchiv Verden

Biografie - Familie David Grünfeld

David Grünfeld wurde am 18. Mai 1897 im polnischen Zelow geboren. Seit 1920 hielt er sich, der als Muttersprache „deutsch“ angab, ununterbrochen in Deutschland auf, behielt aber die polnische Staatsbürgerschaft. Im Jahre 1925 heiratete der „Lehrer und Schächter“ David Grünfeld in Stuttgart Rosa-Frieda Goldberg, die mit ihren Eltern aus „Russisch-Polen“ zugezogen war. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Ernst (Jg. 1926), Manfred (Jg. 1928) und Hanna (Jg. 1936). Von 1927 bis 1937 war David Grünfeld als Kantor und Religionslehrer bei der jüdischen Gemeinde in Papenburg/Ems angestellt. Im Oktober 1937 trat er in dieser Funktion als Nachfolger von Richard Seif seinen Dienst in Verden an. Die Arbeitserlaubnis war bis September 1939 befristet. Die Familie lebte in der Hausmeisterwohnung in der Synagoge.

Am 28. Oktober 1938 wurde das Ehepaar sowie ihre Kinder Manfred und Hanna aufgrund eines Erlasses Himmlers „betreffend Aufenthaltsverbots für Juden polnischer Staatsangehörigkeit“ in Abschiebehaft genommen und noch am selben Tag in Begleitung eines Polizisten in Zivilkleidung nach Hamburg abtransportiert.

Der inzwischen im jüdischen Waisenhaus in Hamburg untergebrachte älteste Sohn Ernst sollte dort seiner Familie „zugeführt“ werden. Das jedoch scheiterte, weil er inzwischen per Bahn nach Verden gefahren war. Er wurde umgehend zurückgeschickt, verpasste aber die Abfahrt des Sammeltransportes mit seiner Familie an die deutsch-polnische Grenze nach Neu Benschen und musste wieder zurück in das jüdische Waisenhaus in Hamburg. Am 9. November 1938 hatte David Grünfeld bereits Beschwerde gegen das Aufenthaltsverbot eingelegt. Er erhielt im Pass einen „Ausnahme-Einreisevermerk“ für fünf Wochen, um vorübergehend nach Verden zurückzukehren und sich nach Hamburg „zu seinem Kinde zu begeben“. Er hielt sich nur 20 Tage in Verden auf und meldete sich am 19. Juni 1939 „nach Bentschen, Polen“ ab. Die „Central Database of Shoa Victims´ Names“ nennt für die gesamte deportierte Familie als Todesort Warschau.

Aktenvermerk zur Odyssee von Ernst Grünfeld. Stadtarchiv Verden

Feuerwehrleute „sichern“ am 10.11.1938 das Eigentum der Familie Grünfeld. Ehemaliges Fotoarchiv Curt Troue, Privatbesitz Jürgen Woock, Verden

Biografie – Hanni Baumgarten, verh. Friedman

Die wohl abenteuerlichste Flucht gelang Hanni Baumgarten. Sie wurde 1920 in Erfurt als Tochter gut situierter Eltern geboren. Der Vater stammte aus Achim, die Mutter aus Treysa in Hessen. Nach dem frühzeitigen Tode ihrer Eltern kam sie mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Horst im Jahre 1929 nach Verden zu ihrer Tante Henriette Goldschmidt. Ihr Bruder lebte bei Julius und Amalie Löwenstein. Hanni Baumgarten ging von 1932 bis 1937 auf das Lyzeum (heute Gymnasium am Wall). Sie musste ihre schulische Ausbildung unter enormen psychischen Druck ohne Abschluss abbrechen und begann eine Schneiderlehre. Im Oktober 1939 meldete sie sich nach Ahrensdorf ab, wo sich auf dem Landgut eine jüdische Ausbildungsstätte befand, um die Jugendlichen praktisch auf die Ausreise nach Palästina vorzubereiten. Im April 1940 teilte das Zollamt Verden der Ortspolizeibehörde mit, dass Hanni Friedman nach Palästina auswandere.

Über Wien und Pressburg per Bahn und dann per Donaudampfer gelangte ihre Gruppe nach Konstanza (Rumänien), wo sie an Bord eines Schiffes ging. Am 1. November 1940 kam sie in Haifa an. Die Engländer befürchteten, dass sich unter so vielen Passagieren aus Deutschland Spione befänden und verbrachten alle Flüchtlinge auf den Dampfer „Patria“, der sie in eine weit abgelegene britische Kolonie bringen sollte. Das Schiff aber explodierte und ging unter. 250 Personen fanden den Tod und nur die, die schwimmend das Ufer erreichten, wurden gerettet und als feindliche Ausländer interniert. Darunter befand sich Hanni Friedman.

Horst Baumgarten ging auf die Nicolaischule und meldete sich im Juni 1939 zur Jüdischen Gartenbauschule nach Ahlem ab, wanderte aber bereits drei Monate später nach Dänemark aus. Im Oktober 1943 wurde er im besetzten Dänemark verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. Im März 1945 gelangte er mit den „Weißen Bussen“ des schwedischen Roten Kreuzes nach Schweden.

Passfoto von Hanni Friedman, geb. Baumgarten (1939). Stadtarchiv Verden

Biografie – Joseph Goldschmidt

Das erste Mordopfer der Nazis wurde der am 11. Oktober 1884 im hessischen Treysa geborene Joseph Goldschmidt. Schon als 14-jähriger verließ er sein Elternhaus, um sich in Hannover an der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer zum Religionslehrer ausbilden zu lassen. Seine erste Anstellung als Lehrer erhielt er 1905 an der jüdischen Volksschule in Delmenhorst. Im Jahre 1909 wählte er Verden als ständigen Wohnsitz. Seinen Lebensunterhalt verdiente er in Verden jedoch überwiegend als Viehhändler.

Von 1927 bis 1932 war er Religionslehrer und Kultusbeamter der Synagogengemeinde Verden. Er war bis zu seiner Scheidung 1934 mit Henriette Goldschmidt, geb. Baumgarten (Jg. 1877), verheiratet. Das Ehepaar hatte zwei Kinder: Renate (Jg. 1911), der die Ausreise nach Palästina gelang, und Walter (Jg. 1921), der am 19. August 1942 im KZ Auschwitz umkam.

Joseph Goldschmidt schied auf eigenen Wunsch aus dem Dienst aus und war danach wieder im Viehhandel tätig. Wegen unerlaubten Viehhandels war er vorbestraft. Viermal seit 1934 wurde er als „im höchsten Grade asoziales Element“ in das Verdener Gefängnis eingeliefert. Im Anschluss an die verbüßte Strafe wurde gegen ihn am 21. Januar 1939 „Schutzhaft“ verhängt. Gegen seine Auswanderung nach Schanghai hatte die Gestapo keine Einwände. Dennoch wurde er am 19. März 1939 in das Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt und der Kategorie „BV/Jude“ (BV = „Befristete Vorbeugehäftlinge“ / „Berufsverbrecher“) zugewiesen. Dort war er schwersten Misshandlungen ausgesetzt. Er verstarb am 3. Januar 1940 im „Krankenbau“. Als Todesursache wurden „Lungenentzündung“ angegeben.

Henriette Goldschmidt gehörte zu den 21 jüdischen Einwohnern Verdens, die am 17. November 1941 in das Ghetto Minsk deportiert wurden. Dort ist Henriette Goldschmidt ermordet worden. Ein konkretes Todesdatum gibt es nicht.

Joseph Goldschmidt (1884-1940). Stadtarchiv Verden

Biografie – Hermann und Marianna Osterholz

In Verden lebte von 1928 bis 1932 der jüdische Pferdeschlachter und Viehhändler Ernst Feldheim mit seiner Frau Selma. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, Walter (Jg. 1912) und Marianna (Jg. 1913). Im Jahre 1932 meldete sich die Familie nach Bremen ab. Ernst Feldheim war aber weiterhin im Landkreis Verden als Viehaufkäufer aktiv. Selma, die einen Schlaganfall erlitten hatte, wurde im Rahmen der Euthanasieaktionen 1940 in Brandenburg a. d. Havel ermordet. Ernst Feldheim kam 1943 in Auschwitz um.

Hermann Ehler Osterholz (Jg. 1904), der Kraftfahrer von Beruf war, heiratete 1933 die Jüdin Marianna Feldheim. Sie lebten in seinem Haus in Dörverden Nr. 117, in dem noch eine weitere Familie zur Miete wohnte. Im Jahre 1935 wurde das einzige Kind Inge geboren. Da sie mit einem Christen verheiratet war, konnte Marianna Osterholz sich zunächst sicher fühlen. Sie musste auch keinen Judenstern tragen. Doch aufgrund einer Verordnung vom Januar 1945 sollten alle in „Mischehe“ lebenden arbeitsfähigen Juden zum Arbeitseinsatz nach Theresienstadt deportiert werden. Von der Gestapo war sie bereits einmal festgenommen, aber dann wieder entlassen worden.

Auf dem Grundstück der Familie befand sich ein Geräteschuppen. Hermann Osterholz schachtete darin heimlich einen Erdbunker aus. Der Eingang wurde mit einem Schrank verdeckt. Marianna hielt sich in dem Versteck die letzten sieben Wochen bis Kriegsende auf. Hermann Osterholz war inzwischen zur Wehrmacht eingezogen und in den letzten Kriegsmonaten dienstverpflichtet worden. Da er sich nicht immer um die zehnjährige Tochter Inge kümmern konnte, übernahm eine Nachbarsfamilie die Betreuung.

Ein Jahr nach Kriegsende wurde die Ehe geschieden und Marianna heiratete den Schmiedemeister Hermann August Beck aus Dörverden Nr. 54.

Aufgrund einer Verfügung vom 11. Juli 1946 erfasste die Kreisverwaltung Verden alle im Kreisgebiet lebenden Menschen jüdischer Konfession, die auch nach ihren Auswanderungsplänen befragt wurden. Sie wurden in einer tatsächlich noch so bezeichneten „Judenstatistik“, die bis 1948 fortgeführt wurde, namentlich aufgeführt. Die Gemeinde Dörverden teilte am 24. Juli 1946 der Kreisverwaltung mit, dass „Frau B.“ nicht die Absicht hätte, nach Palästina auszuwandern.

Marianna Feldheim und Hermann Osterholz kurz vor ihrer Hochzeit 1933. Links ihr Bruder Walter Feldheim, der am 15.03.1939 nach Schweden auswanderte. Privatbesitz Inge Grupe, Dörverden

Biografie – NSDAP-Ortsgruppenleiter Bruno Woltersdorf

Bruno Woltersdorf wurde am 27. Januar 1894 in Berlin geboren, absolvierte eine Buchhändlerlehre und nahm am Ersten Weltkrieg teil. Im Dezember 1919 eröffnete er in Verden eine Versandbuchhandlung mit Antiquariat. Mit seinem sehr frühen Parteieintritt am 13. Juli 1925 gehörte er zu den „Alten Kämpfern“. Am 1. September 1932 übernahm er die Leitung der Verdener NSDAP-Ortsgruppe.

Inwieweit Woltersdorf tatsächlich bei der Pogromnacht in Verden involviert war, konnte nicht festgestellt werden. Die Verdener Ortsgruppe hielt am 9. November im Hotel Höltje eine Feierstunde ab, um Hitlers Putschversuch von 1923 zu gedenken. Im Anschluss an die Feier marschierte die SS-Standarte zur SS-Schulungsstätte „Sachsenhain“ in Verden-Dauelsen, wo um Mitternacht die Bewerber vereidigt wurden. Drei Tage später ging Woltersdorf auf die Pogromnacht ein, indem er ausführte, dass das deutsche Volk die richtige Antwort gegeben hätte und dass alle politischen Morde der letzten Jahrzehnte von Judenhand ausgeführt worden wären.

Der ehemalige Kreisleiter Otto Schwiering gab während seiner Internierung an, dass er nicht glaube, dass Woltersdorf oder SA-Standartenführer Cordes, vorher „Kenntnis von den Dingen“ gehabt hätten. Auch die Gestapo habe weder vor noch nach der Aktion mit ihm Verbindung aufgenommen. Das war auch schlecht möglich, hatte er doch an der Erinnerungsfeier in Mahndorf teilgenommen und war gegen Mitternacht zu seiner Wohnung gefahren, in der sich kein Telefon befand. Erst am nächsten Morgen will er von den Ausschreitungen erfahren haben.

Woltersdorf veranlasste im November 1940, dass den Juden verboten wurde, städtische Grünanlagen zu betreten. Es war nur noch erlaubt, auf Bänken zu sitzen, die als „Judenbänke“ gekennzeichnet waren. Einen Monat später trat Woltersdorf seine neue Arbeit bei der Deutschen Informationsstelle im Auswärtigen Amt an. Im Juli 1944 wurde er in die Rüstungsindustrie beurlaubt. Nach 1945 lebte er in Dresden. Er starb ca. 1960.

Mann

Bruno Woltersdorf. Bundesarchiv, Signatur: BArch R 9361-VIII KARTEI / 25411656

Justizielle Ahndung

Bereits 1945/46 befasste sich die britische Militärregierung mit Anschuldigungen wegen des Synagogenbrandes gegen den Leiter der Verdener Feuerwehr, Johann Hagemann. Sie kam zu der Einschätzung, dass diese nicht haltbar waren. Die Staatsanwaltschaft ermittelte jedoch weiter und erhob am 29. Juli 1947 Anklage gegen Hagemann, wobei sie ihm vorwarf, „am 10. November 1938 die jüdische Synagoge […] vorsätzlich in Brand gesetzt zu haben, indem er als Brandmeister der Feuerwehr der Stadt Verden das von anderen nicht ermittelten Tätern angelegte Feuer nicht nur nicht bekämpfen liess, sondern durch seine Tätigkeit erst so in Gang brachte, dass das Gebäude zerstört wurde.“ Hagemann wurde wenige Wochen nach seiner Verhaftung aus der Untersuchungshaft entlassen. Einer zweiten Verhaftung am 25. September entzog er sich durch Flucht. Die „Niedersächsische Volksstimme“ schrieb dazu: „Die Bevölkerung in Verden fragt sich daher nicht ohne Grund, wer dem Kreisbrandmeister Hagemann mit dazu verholfen hat, […] und zweitens, dass er bei seiner jetzigen Wiederverhaftung gut vorbereitet die Flucht ergreifen konnte.“ Die KPD kritisierte die Vorgänge in einem öffentlichen Aushang vor ihrer Geschäftsstelle.

Nachdem ihm freies Geleit zugesichert worden war, erschien der Angeschuldigte zur Hauptverhandlung am Landgericht. Nach fünf Verhandlungstagen wurde er freigesprochen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er Beihilfe zur Zerstörung der Synagoge geleistet hatte, indem er anordnete, die Löscharbeiten einzustellen. Das Gericht schloss sich aber den Ausführungen der Verteidigung an, dass Hagemann dazu durch Gestapo und Landrat Dr. Weber mit den Worten „Menschenskind, wenn Sie irgendetwas unternehmen, werden Sie abgeführt! Der Tempel bleibt brennen! Wir haben uns verstanden!“ genötigt worden war.

Der Oberstaatsanwalt legte gegen das Urteil Revision ein, die aber vom Obersten Gerichtshof der Britischen Zone in Köln abgelehnt wurde.

SA-Standarte 14 Verden

Inwieweit sich Männer der Verdener SA-Standarte am Pogrom beteiligten, konnte nach dem Krieg nicht eindeutig geklärt werden. Die Staatsanwaltschaft vermutete 1947, dass die Täter, die die Synagoge um 5:25 Uhr in Brand setzten, von der SA-Führungsschule in Etelsen kamen. Nach Aussagen von SA-Männern hatte der Verdener SA-Nachrichtensturm die Schaufensterscheiben der jüdischen Geschäfte zerstört. Die Verhaftung der 13 jüdischen Männer soll hauptsächlich vom Verdener SA-Reitersturms vorgenommen worden sein.

Dass Mitglieder des Verdener SA-Reitersturms gegen 4 Uhr morgens auch aus den umliegenden Ortschaften zur SA-Standarte in Verden beordert wurden, ist belegt. Ortsgruppenführer Friedrich Thies aus Westen weckte Heinrich Winsemann mit den Worten: „Heinrich, wir müssen sofort nach Verden, um die Synagoge und die Judengeschäfte niederzubrennen!“ Zusammen mit drei SA-Männern fuhr er dann, ohne Thies, nach Verden. Als sie bei der Standarte ankamen, wurden sie zur Synagoge geschickt, die bereits gebrannt haben soll.

Hermann Lindemann war SA-Sturmbannführer des Verdener Reserve-Sturmbanns I/R 59, NSDAP-Mitglied und ab 1938 Landgerichtspräsident. In seiner Personalakte befindet sich ein Schreiben des OLG-Gerichtspräsidenten Dr. Freiherr v. Hodenberg vom 21. September 1945, aus dem hervorgeht, dass Lindemann dem britischen Gerichtsoffizier Major Derni mitgeteilt hatte, dass SA-Sturmbannführer Friedrich Kruse aus Verden-Dauelsen aktiv an der Zerstörung der Synagoge beteiligt gewesen sein soll. In einem Schreiben des Verdener Rechtsanwaltes von Hugo vom 19. Oktober 1945 an den OLG-Präsidenten wird dieser Sachverhalt wiederholt. Paul Hall gab vor der Staatsanwaltschaft Verden 1947 an, dass es das Gerücht gab, dass Kruse und ein weiterer Mittäter den Brand verursacht hätten. Im Synagogenbrandprozess 1948 trat Kruse als Zeuge auf und bestritt seine Beteiligung. Als Mittäter geriet auch Tischlermeister Otto Schickher in Verdacht, der am nächsten Tag, auf den Brand angesprochen, zu seinem Mitarbeiter stolz sagte: „Das haben wir gemacht!“ Die Uhr aus der Synagoge hing später in seiner Werkstatt.

Rückseite der brennenden Synagoge am 10. November 1938. Ehemaliges Fotoarchiv Curt Troue, Privatarchiv J. Woock, Verden

Spuren und Gedenken

Gedenktafel

Vom Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen wurde 1965 bei der Stadt Verden angeregt, mit einer Gedenktafel an die zerstörte Synagoge zu erinnern. Am 25.10.1966 fand die Gedenktafel ihren Standort an der Außenmauer des Landgerichtsgebäudes, das der ehemaligen Synagoge gegenüber steht. Das Mahnmal trägt die von der jüdischen Gemeinde entworfene Inschrift: „Zum Gedenken an unsere jüdischen Mitbürger der Stadt und an die Synagoge, die am Johanniswall gestanden und am 9. November 1938 mutwillig zerstört wurde, hat die Stadt Verden diese Tafel gestiftet.“ Es folgt eine Zeile in hebräischer Schrift und darunter die Übersetzung: „Mit meiner Stimme zum Ewigen schreie ich, mit meiner Stimme zum Ewigen flehe ich.“ Ps.142/2.

Teilstück der Synagogen-Grundmauer mit Informationstafel

Im Sommer 2011 kamen die Überreste der Synagoge bei Bauarbeiten wieder an ans Tageslicht. Bei der Ausgrabung wurden die Grundmauern, ein Keller und die Mikwe aufgedeckt. Die Ziegelfundamente umfassen eine Grundfläche von 21,50 x 10,50 m. Aus den Resten der Grundmauern wurde auf dem Gelände des neuen Fachmarktzentrums ein Teilstück in Form eines angedeuteten Davidsterns wieder aufgebaut und mit einer Informationstafel versehen.

Mahnmal für die jüdischen Opfer in Verden aus der Zeit der NS-Gewaltherrschaft

Im Beisein von 200 Gästen wurde das Mahnmal am 05. September 1993 der Öffentlichkeit übergeben. Unter den Gästen befanden sich 15 ehemalige jüdische BürgerInnen Verdens mit Angehörigen, die die Stadt bereits 1989 zu einem siebentägigen Besuch eingeladen hatte. Das Werk des Künstlers Hans-Jürgen Etzold ist eine bronzene ca. 3,50 m hohe Säule, die zwischen altem und neuem Rathaus errichtet wurde. Es wurden die 56 Namen der jüdischen Opfer und deren Verbleib in das Mahnmal aufgenommen. Die Frage, ob ein Mahnmal errichtet werden sollte, war lange umstritten, ebenso wie dessen Standort und Beschriftung. In hebräischer Sprache ist oben an den Seiten der Säule eine Inschrift aus dem 1. Kapitel der Klagelieder Jeremias, Vers 12, angebracht. Die Übersetzung lautet: „Schauet und seht, ob ein Schmerz sei wie der Schmerz, der mir angetan worden.“

Mahnmal für die ermordeten jüdischen MitbürgerInnen vor dem Rathaus. Foto: Joachim Woock, Verden.

Stolpersteine

Auf Initiative des Vereins für Regionalgeschichte Verden e. V. wurden bei insgesamt sechs Terminen in den Jahren 2007 bis 2013 in Verden 81 und im Landkreis sechs Stolpersteine für die jüdischen Opfer, politisch Verfolgte, Sinti, Euthanasieopfer, Jehovas Zeugen und Homosexuellen verlegt. Liste, ohne die Stolpersteine in Achim (mit Stolperstein-Fotos und Koordinaten).

Verlegung der fünf Stolpersteine für die Familie Grünfeld am 09.04.2008 vor dem ehemaligen Standort der Synagoge. SchülerInnen des „Gymnasiums am Wall“ hatten die Patenschaft für die Gedenksteine übernommen. Foto: Joachim Woock, Verden.

Jüdischer Friedhof

Der Friedhof am Ahornweg, am Rande der historischen Stadtbebauung, wurde 1834 angelegt. Er ist 1 250 qm groß. Auf den 117 noch vorhandenen Grabsteinen sind die Namen der Familien erhalten, die als Bankiers-, Kaufmanns-, Handwerker- oder Viehhändlerfamilien in Verden und den umliegenden Dörfern lebten. Die Grabsteininschriften sind zum Teil hebräisch und/oder nur deutsch. Mindestens 132 Beisetzungen sind nachweisbar, davon drei nach 1945. Im Jahre 1943 wurde der Friedhof durch Unbekannte verwüstet. Der Friedhof ist mit einer Ziegelmauer eingefriedet, mit einem Stahltor verschlossen und öffentlich nicht zugänglich. Die Stadt Verden hat die Pflege des Geländes übernommen.

Einladungen ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger

In den Jahren 1989, 1993 (Einweihung des Mahnmals) und 1997 wurden ehemalige jüdische MitbürgerInnen bzw. Nachkommen von der Stadt Verden für jeweils sieben Tage eingeladen. Die max. 22 Personen kamen aus Israel, den USA, Kanada, Argentinien, den Niederlanden und Deutschland.

Gruppenfoto mit ehemaligen jüdischen BürgerInnen und Betreuern, 1993. 1. Reihe: 3. Person v. links: Hanni Friedman, geb. Baumgarten; rechts daneben: Hertha, Hans und Irene Löwenstein. 2. Person v. rechts: Uri Bustan (Werner Baumgarten). 2. Reihe: 1. Person v. links: Henry (Horst) Baumgarten. Stadt Verden

Weiterführende Literatur und Links

Die Tatorte der Reichspogromnacht 1938 – ein virtueller Rundgang, ausgearbeitet vom Dokumentationszentrum Verden im 20. Jahrhundert e.V. im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Jüdische Woche“ 2020

Dokumentation über den Besuch der ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Verden vom 6.-13. September 1989, Verden 1989.

Dokumentation über den 2. Besuch der ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Verden vom 1.-8. September 1993, Verden 1994.

Dokumentation über den 3. Besuch der ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Verden vom 3.-10. September 1997, Verden 1997.

Emigholz, Björn: „Es ist geschehen – also kann es wieder geschehen“ (Archivierte Dokumente aus dem Stadtarchiv Verden: Rep. III Pascheberg-Akten), Verden 2007.

Schmidt-Bollmann, Günter: Der jüdische Friedhof in Verden, Bremen 1998 (Loseblattsammlung, Kopie Kreisarchiv Verden 49/3; s. auch: Verdener Familienforscher e.V.: Friedhof der Synagogengemeinde Verden

Haag, Christian: Das Schicksal der jüdischen Bürger Verdens unter dem Nationalsozialismus, Bibliothek Gymnasii Verdensis, Verden 1991 (maschinenschriftlich 1965).

Precht, Jutta: Die Synagoge in Verden – Ein zerstörtes Gotteshaus wird ausgegraben, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2013, Verden 2012, S. 87-99.

Rohdenburg, Günther (Bearb.): „…sind für den geschlossenen Arbeitseinsatz vorgesehen…“. „Judendeportationen“ von Bremerinnen und Bremern während der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, Kleine Schriften des Staatsarchivs Bremen, H. 36, Bremen 2006.

Schmidt, Harm: Entnazifizierung der Lehrkräfte im Landkreis Verden, in: Deuter, Hermann/Woock, Joachim (Hg.): Es war hier, nicht anderswo! Der Landkreis Verden im Nationalsozialismus, Bremen 2016, S. 391-399.

Schröter, Werner/Woock, Joachim: „Stolpersteine“. Biografien aus Verden. Gedenksteine für die Opfer des Nationalsozialismus, Verden 2009 (Download)

Schröter, Werner: Jüdisches Leben in und um Verden – Eine Annäherung, in: Deuter, Hermann/Woock, Joachim (Hg.): Es war hier, nicht anderswo! Der Landkreis Verden im Nationalsozialismus, Bremen 2016, S. 140-187.

Siemers, Jürgen: Die jüdische Gemeinde in Verden, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 1985, Verden 1984, S. 269-275.

Stadt Verden (Hg.): Urgroßvaters Tagebuch. Aufzeichnungen von Ascher Lämle Weldtsberg, gen. Lehmann, Verden a. d. Aller 1769 bis 1858, Verden 1989.

Voigt, Otto: Die Neubürger der Stadt Verden (Aller) von 1814 bis 1919. Geschichte der Stadt Verden (Aller) in Einzeldarstellungen, Bd. 16, Verden 1987.

Weidemann, Jürgen: Novemberpogrom 1938. „Kristallnacht“ in Verden, hrsg. von der Stadt Verden, o. J. (1988).

Weidemann, Jürgen: Die Angst, die ich hatte, ist nicht zu beschreiben. Eine polnische Jüdin in Verden (1942-45), in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 1990, Verden 1989, S. 169-176.

Weidemann, Jürgen: Dr. Marcus Lehmann aus Verden – ein bedeutender Vertreter des neo-orthodoxen Judentums in Deutschland, in: Landkreis Verden (Hg.): Jahrbuch für den Landkreis Verden 2016, Verden 2015, S. 289-293.

Woock, Joachim: Die „sog. Untergrundbewegung“ in Verden (1944/45), in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2005, Verden 2004, S. 245-267.

Woock, Joachim: Hitlers willige Helfer: Nationalsozialisten im Landkreis Verden. Folge 1: Landrat Dr. Weber, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2007, Verden 2006, S. 215-228.

Woock, Joachim: Hitlers willige Helfer: Nationalsozialisten im Landkreis Verden. Folge 2: Stellvertretender Gauleiter Heinrich Peper, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2008, Verden 2007, S. 165-195.

Woock, Joachim: Hitlers willige Helfer: Nationalsozialisten im Landkreis Verden. Folge 5: NSDAP-Kreisleiter von 1937-1945, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2013, Verden 2012, S. 161-191.

Woock, Joachim: Hitlers willige Helfer: Nationalsozialisten im Landkreis Verden. Folge 7: Der Verdener NSDAP-Ortsgruppenleiter Bruno Woltersdorf, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2015, Verden 2014, S. 293-311.

 

Autor: Dr. Joachim Woock, Verden

1938 in Niedersachsen

Einbeck

Vorgeschichte

Der erste urkundliche Hinweis auf Einbecker Juden steht im Zusammenhang mit einer durch die Kreuzzüge ausgelösten Verfolgungswelle: Es gibt eine Einbecker Liste jüdischer Märtyrer im Martyrologium des Nürnberger Memorbuches. Die Verfolgung muss vor dem Tod des Schreibers 1298 stattgefunden haben, 15 oder 16 Juden sollen auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden sein. Über die mittelalterliche Gemeinde mit einer ersten Synagoge ist die Lage in unmittelbarer Nähe zum Handelszentrum, dem Marktplatz, bekannt (heutige Judenstraße). Aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sind antijüdische Predigten lutherischer Geistlicher überliefert, besonders der Pastor der Marktkirche, Johann Velius, betreibt eine eifrige antijüdische Agitation. 1578 ist nur noch ein Jude in Einbeck bezeugt, ob er 1581/82 Einbeck auf eigenen Willen oder auf Druck verlässt, ist nicht eindeutig. Bis zur Neuansiedlung von Juden wird es rund 100 Jahre dauern. 1673 ist der erste Schutzbrief für einen Juden bekannt. Um 1800 errichtet die größer werdende jüdische Gemeinde in der Baustraße in Hinterhoflage eine Synagoge, einen schlichten Fachwerkbau. Dieser wird kaum 100 Jahre später zu klein, weshalb die Gemeinde 1896 ihre neue Synagoge in der Bismarckstraße einweiht und das bisherige Synagogen-Gebäude an einen Privatmann verkauft. Die im maurischen Stil mit Kuppel gebaute Synagoge in der Bismarckstraße steht nicht mehr wie sein Fachwerk-Vorgänger in zurückhaltender Hinterhoflage, sondern deutlich sichtbar in bester Einbecker Villen-Gegend.

1890, kurz vor dem Bau der neuen Synagoge, gab es in Einbeck 166 jüdische Einwohner, das sind 2,38 Prozent der damaligen Bevölkerung (rund 7000 Einwohner); 1910 gibt es in Einbeck 66 Menschen jüdischen Glaubens, das entspricht 0,7 Prozent der damaligen Bevölkerung, deren große Mehrheit evangelisch ist. Die Juden sind assimiliert, in vielen Vereinen vertreten, spenden namhafte Beträge beispielsweise zur Errichtung eines Aussichtsturms im Stadtwald. Und Juden ziehen 1914 wie andere Einbecker in den Krieg.

Nachdem Einbecks damals größter Arbeitgeber, der Fahrrad-Fabrikant und Versandhändler August Stukenbrok, in Folge der Weltwirtschaftskrise 1931 schließen musste, fordert die NSDAP von Bürgermeister Dr. Hans Oehlmann sich zu rechtfertigen, warum der Gläubigerausschuss im Konkursverfahren einen Juden als Gutachter eingesetzt hatte. Oehlmann, der sich bisher geweigert hatte, in die NSDAP einzutreten, 1933 abgesetzt wird und aus Einbeck fliehen muss, erklärt in einer Bürgerversammlung im März 1932, dass der Gutachter Oppenheimer durch die Handelskammer beauftragt worden sei: „Ich kenne keinen Juden Oppenheimer, sondern nur einen Herrn Oppenheimer, da ich als Bürgermeister verpflichtet bin, jeden Deutschen vor dem Gesetz gleich zu behandeln.“

Nach 1933, aber auch schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten stellen sich viele Einbecker Geschäftsinhaber auf die Seite der neuen Mächtigen, wie Zeitungsanzeigen belegen. Geschäfte Einbecker Juden werden boykottiert, die Besitzer diskriminiert und verfolgt.

Neue Synagoge in der Bismarckstraße in Einbeck, um 1900. Stadtmuseum Einbeck, Fotosammlung, Ordner 43

Die Ereignisse im November 1938

Wenige Tage vor dem 9. November 1938 wird Einbeck wieder Garnisonsstadt, zieht das Artillerie-Regiment 55 unter klingendem Spiel und dem Läuten sämtlicher Kirchenglocken in Einbeck ein.

Wie jedes Jahr am 9. November gedenkt die NSDAP auch 1938 ihrer Anfänge, des gescheiterten Putsches 1923 in München. Nach dem Aufmarsch am Ehrenmal im Norden von Einbeck sitzen die Männer von SA und SS anschließend in ihren Stammlokalen in der Einbecker Innenstadt zusammen. Und dann brennt mit einem Mal die Synagoge in der Bismarckstraße, mitten im gutbürgerlichen Wohnquartier…

Jahrzehntelang galt in Einbeck die Legende, dass in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 das jüdische Gotteshaus von Auswärtigen in Brand gesetzt worden sei, von SS-Leuten aus Bad Gandersheim. Einbecker seien nicht beteiligt gewesen, lautete die Beruhigung verheißende Maxime. Basis dafür war ein Erinnerungsbericht des 1938 amtierenden Landrats Dr. Kurt Heinrichs aus dem Jahr 1970. Der Karriere-Jurist gab in seinen Nachkriegs-Schilderungen den Ahnungslosen: „Ob in der einen oder anderen Wohnung geplündert worden ist, habe ich nicht erfahren können […].“ Das aber wäre seine Pflicht als Leiter der Polizeibehörde gewesen, meint die aus Einbeck stammende Historikerin Christine Wittrock. Geändert hätte das freilich wenig, denn Heinrichs, den man durchaus als willigen Vollstrecker des Regimes bezeichnen kann, hätte seine Polizei ohnehin nicht gegen die SS eingesetzt.

Nach den Recherchen von Christine Wittrock mit zahlreichen Zeitzeugen-Aussagen über die November-Nacht war es zweifellos so, dass auch Einbecker dabei waren, als die Synagoge brannte. Ob sie mitgeholfen haben, das Feuer zu legen, kann nicht belegt werden. Es sprechen jedoch mehrere Indizien dafür: Drei uniformierte SS-Männer aus Einbeck haben sich einen Sack Hobelspäne geben lassen von einem Stellmachermeister, der später mit einem SA-Mann aus Einbeck mit einer Fünf-Liter-Kanne Petroleum zur Synagoge ging. Angeblich hat die Synagoge schon gebrannt, als sie dort eintrafen.

Ein Arbeiter des städtischen Gaswerks erinnert sich nach Kriegsende, als Fachmann in der fraglichen Nacht zusammen mit ortfremden SS-Leuten zur Synagoge gegangen zu sein, um die Gasleitung zu sperren: „Mir kam die Sache komisch vor. Ich bin noch nie in der Synagoge dringewesen. Als Fachmann hat man aber das Gefühl, wo sich der Haupthahn befindet. Als ich zu Hause ankam, war bereits der rote Feuerschein am Himmel zu sehen. Ich habe mir über meine Handlungsweise weiter keine Gedanken gemacht. An der Inbrandsetzung habe ich mich nicht beteiligt.“

Landrat Dr. Kurt Heinrichs, BArch, R 9361

Brennende Synagoge in der Bismarckstraße in Einbeck am 9. November 1938. Stadtmuseum Einbeck, Fotosammlung, Ordner 43

Folgen

Nachdem die Synagoge brannte und die Feuerwehr lediglich darauf achtete, dass das Feuer nicht auf Nachbargebäude übergriff, wurden bei zahlreichen Geschäften jüdischer Besitzer die Schaufenster eingeschlagen, Türen eingetreten und die Läden beschmiert und geplündert. Dies belegen mehrere vorliegende Zeitzeugenberichte. Der SA-Mann Friedrich Ziegenfuss räumt seine Beteiligung ein und redet gleichzeitig seine Rolle klein: „Ich habe dann an den Durchsuchungen bei Goldschmidt, Rosenberg und den Geschwistern Archenhold mitgewirkt. Ich betone, dass in den Fällen, in denen ich den Durchsuchungen beigewohnt habe, Zerstörungen in den Wohnungen nicht vorgekommen sind.“

Auch Einbecker SS-Leute unter Leitung des SS-Sturmbannführers Hermann von Törne aus Bad Gandersheim haben noch in der Nacht die jüdischen Bürger in ihren Wohnungen verhaftet und ins Gerichtsgefängnis gebracht. Die Mutter der Historikerin Christine Wittrock war 1938 Verkäuferin bei den Brüdern Goldschmidt in der Marktstraße: „Als sie am Morgen des 10. November zum Geschäft kommt, steht sie vor zerschlagenen Schaufenstern und einem demolierten Laden. Frauen der NS-Volkswohlfahrt waren eifrig damit beschäftigt, die Waren in große Waschkörbe einzupacken und abzutransportieren.“

Nach dem November-Pogrom begann auch in Einbeck die intensive Verfolgung. Einige Juden, wie beispielsweise die Goldschmidts, zogen in andere Städte und dort in „Judenhäuser“, wurden von dort später deportiert und getötet. Auch in Einbeck entstanden „Judenhäuser“, etwa bei den Geschwistern Archenhold in der Tiedexer Straße. Andere, wie die Adlers, wollten noch auswandern, in diesem Fall in die USA, es gelang ihnen aber nicht mehr und auch sie wurden letztlich deportiert und umgebracht.

Geschäfte Einbecker Juden wechseln ihre Besitzer, die NS-Wirtschaftsberater sorgen dafür, dass die Verkaufspreise so niedrig wie möglich sind. Beispielsweise kann Willy Hunecke das Haus Goldschmidt in der Marktstraße erwerben. Was mit der abgebrannten Synagoge, den Gebäuderesten und dem Grundstück nach dem 9. November geschehen ist, ist bislang ungeklärt. Der Kaufmann Willy Hunecke ist seit 1932 Mitglied der NSDAP, Kreiswirtschaftsberater und wird 1938 Ratsherr der Stadt Einbeck.

Die beiden Friedhöfe der jüdischen Gemeinde werden enteignet. Das letzte noch verbliebene Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, Martin Cohn, wird 1940 genötigt, den alten jüdischen Friedhof im Südwesten von Einbeck an die Stadt zu verkaufen. Dieser wird eingeebnet und für landwirtschaftliche Zwecke verpachtet. Nach Cohns Tod verkauft der Vermögensverwalter des Deutschen Reiches 1944 den jüdischen Friedhof an der Rabbethgestraße für 660 Reichsmark an die Stadt Einbeck. Die Grabsteine werden an das Granitwerk Lauschke für 270 Reichsmark verkauft; nach 1945 werden die noch vorhandenen Steine auf Veranlassung der Militärbehörden auf dem Friedhof wieder aufgestellt.

Bis Ende 1941 hatten 52 von insgesamt 68 Bürgern jüdischen Glaubens, die in Einbeck gemeldet waren, die Stadt verlassen. Mit dem Suizid von Friederike Winter am 6. März 1944 lebten keine Menschen jüdischen Glaubens mehr in Einbeck.

Friedrich Ziegenfuss in SA-Uniform, BArch, R 9361

Biografie - Artur und Walther Goldschmidt

Artur und Walter Goldschmidt sind Kaufleute. Walter (geboren 15. April 1901) und Artur (geboren 13. Juni 1902) betreiben das Herrenkonfektions- und Schuhwarengeschäft ihres Vaters ab 1933 in der Marktstraße 11. Im Januar 1938 erscheint im redaktionellen Teil der „Einbecker Morgenpost“ und im „Heimat-Beobachter“ ein Artikel über Walter Goldschmidt. Unter dem Titel „Einbecker Jude vor dem Sondergericht“ wird berichtet, dass sich Goldschmidt in Arnstedt vor einem thüringischen Sondergericht wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz verantworten muss. Er hatte wohl im September 1937 im Kreise von „Rassegenossen“ einen unverschämten Witz erzählt, wie es heißt, daraufhin wurde er von einer Frau denunziert. Er stritt alles ab, das Gericht verhängte dennoch eine halbjährige Haftstrafe.

Die Brüder Goldschmidt verkaufen ihr Haus in der Marktstraße 11 im August 1938 an Heinrich Hunecke. Sie schließen ihr Geschäft im Dezember 1938 und ziehen im Februar 1939 nach Hannover zunächst in die Gretchenstraße, dann in die Eichstraße 51. Im September 1941 werden 1000 Juden in Hannover in so genannte Judenhäuser eingewiesen, Artur und Walter werden in der Ohestraße 8/9 in Haus Nummer 8 untergebracht. Am 15. Dezember 1941 befinden sie sich auf einem Transport ins Ghetto Riga zusammen mit Jakob Rosenberg, Herbert Hirschland, dessen Frau Margot Sollinger und Schwiegermutter Selma Sollinger, alle aus Einbeck stammend. 1.001 Juden werden an diesem Tag deportiert. Eine Woche später werden 500 Männer aus diesem Transport weiter ins KZ Salaspils deportiert, darunter Walter und Artur Goldschmidt, die beide 1942 dort sterben.

Kennkarte für Artur Goldschmidt, 1938. Stadtarchiv Einbeck, STA Einbeck, B XIV, 10

Biografie - Martin Cohn

Martin Cohn zieht 1897 mit 28 Jahren von Göttingen nach Einbeck, zunächst in die Baustraße 12. Er arbeitet als Packer, Dienstknecht und Kutscher sowie als Desinfektor im öffentlichen Dienst, aus dem er zwischen 1933 und 1935 entlassen wird. Im Jahr 1900 heiratet der gebürtige Berliner Wilhelmine Kuthning, mit der er sieben Kinder hat. 1931 heiratet Martin Cohn nach dem Tode seiner ersten Frau erneut, auch Erna Schaper ist evangelisch-lutherischen Glaubens. Die Familie erlebt insgesamt acht Umzüge, die letzte Wohnung befindet sich in der Maschenstraße 5, die während der Reichspogromnacht 1938 verwüstet wird. Martin Cohn wird zwei Wochen in „Schutzhaft“ genommen. Als Erna Cohn am 10. November 1938 von der Arbeit nach Hause kommt, stehen Türen und Fenster der Wohnung in der Maschenstraße offen, die Betten sind herausgerissen, die Schubladen durchwühlt. SA-Leute hatten nach Schriften gesucht; Martin Cohn ist Synagogendiener der jüdischen Gemeinde.

Nach einem weiteren Haftaufenthalt 1940 oder 1941 äußert er bereits Selbstmordgedanken. Am 21. April 1941 erhängt sich Martin Cohn. Er ist damals 72 Jahre alt, Invalide und hat keine Kraft mehr, fürchtet sich davor, was noch auf ihn zukommen könnte. Die Kinder, die noch in Einbeck leben, müssen sich als „jüdische Mischlinge 1. Grades“ regelmäßig auf der Polizeiwache melden. Über eine Enkeltochter von Martin Cohn berichtet eine Zeitzeugin, das Mädchen sei nach dem Novemberpogrom 1938 von ihren Mitschülerinnen die Treppe hinuntergestoßen worden mit den Worten „Judenweib, wann gehst du endlich von der Schule?!“

Passfoto von der Kennkarte für Martin Cohn, 1938. Stadtarchiv Einbeck, STA Einbeck, B XIV, 10

Biografie - Bertha und Elsa Archenhold

Bertha Archenhold und ihre jüngere Schwester Elsa arbeiten ab ihrem 23. bzw. 24. Lebensjahr als Haustöchter in verschiedenen Städten. Bertha kehrt bereits nach einem Jahr (1911) wieder nach Einbeck zurück, weil der Vater Jacob Archenhold mit nur 54 Jahren gestorben ist, Elsa folgt 1914. Beide wohnen in der Tiedexer Straße 5. Bertha und Elsa betreiben ab 1927 ein Kaffee, Tee- und Kakaogeschäft, das sie 1938 auf Anordnung der Behörden schließen müssen.

1939 tritt das Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden in Kraft: Nichtjüdische Mieter werden dazu gedrängt, bei jüdischen Vermietern zu kündigen. Jüdischen Mietern wird gekündigt, sie werden in „jüdische“ Häuser gesteckt. Das bedeutet für die Schwestern Archenhold, dass aus der jüdischen Gemeinde in Einbeck der Rentner Gustav Franck mit 88 Jahren in das Haus der Archenholds ziehen muss, ebenso die 77-jährige Rosalie Fels, die 75-jährige Rosa Steinberg sowie Adolf Jordan, 61 Jahre alt.

Am 7. März 1942 werden die Schwestern ebenso wie ihre bisherigen Mieterinnen Rosa Steinberg und Rosalie Fels zwangsweise in Baracken am Reinserturmweg in Einbeck gebracht. Auf Anordnung der Behörden haben sie im März 1942 Lebensmittel für eine ganze Woche einzukaufen und dürfen dann die Wohnung nicht mehr verlassen. Ende März werden sie über Hildesheim nach Hannover/Ahlem transportiert, um in der Nacht vom 1. auf den 2. April 1942 in das Ghetto Warschau deportiert zu werden. Beide Schwestern gelten als „vermisst“.

Biografie - Familie Adler

Rudolf und Berta Adler haben vier Kinder: Kurt (geb. 1920), Tamara (geb. 1922), Margot (geb. 1926) und Edith (geb. 1928). Adlers haben ein Schlachterei- und Productengeschäft (Därme, Häute, Felle usw.). Ab August 1938 müssen Rudolf Adler und auch sein Angestellter Ludwig Danzig die Legitimationsscheine abgeben, sie können als Handlungsreisende keine Waren mehr einkaufen und verkaufen, die wirtschaftliche Grundlage wird den Adlers entzogen. Das Ehepaar entscheidet, die ältesten Kinder in die USA zu schicken, Kurt ist 18 Jahre, Tamara gerade mal 16 Jahre alt. Kurt Adler verlässt Einbeck im August 1938, Tamara im Oktober. Sie werden in verschiedenen Staaten der USA bei Familien aufgenommen, die für sie gebürgt haben. Zunächst gibt es noch die Hoffnung, dass der Rest der Familie ebenfalls in die USA ausreisen kann. Rudolf Adler verlässt Einbeck mit seiner Frau Berta und den Töchtern Margot und Edith am 22. Februar 1939 in Richtung Amsterdam. Er hat noch für den 14. Juli 1939 für seine Familie eine Schiffspassage auf der „Bremen“ gebucht, die nach New York fahren sollte. Doch diese Buchung wird gestrichen. Warum es nicht zu dieser Überfahrt gekommen ist, ist unbekannt. Die Ausreise in die USA gelingt nicht, und so bleibt nur noch der Weg nach Lettland, in das Heimatland von Berta Adler. Wann die Familie in Libau/Lettland ankommt, ist nicht genau festzustellen, wahrscheinlich noch 1939. Berta Adler kann dort zunächst wieder als Apothekerin arbeiten.

1941 marschieren die Deutschen in Lettland ein. Vom 15. bis 17. Dezember 1941 findet in Libau ein Massaker an einem Großteil der jüdischen Bevölkerung statt. Knapp 5000 Juden werden an diesen Tagen erschossen, weitere Erschießungen hat es bis April 1942 gegeben. Unter den Opfern sind auch Berta Adler und ihre Töchter Margot und Edith. Rudolf Adler wird eine Woche vor dem Einmarsch der Deutschen in Lettland von den Sowjets zusammen mit anderen deutschen und österreichischen Juden in ein Gefängnis gesperrt, dann in ein Internierungslager nach Novosibirsk und später in ein Lager nach Kasachstan gebracht. Er stirbt am 22. November 1942. Kurt und Tamara Adler erfahren in den USA erst viele Jahre später von dem Schicksal ihrer Eltern und der Geschwister. Kurt Adler stirbt 2002 in San Diego, Tamara stirbt 2009 in Capistrano Beach, USA.

Justizielle Ahndung

Nach Kriegsende haben Polizei und Staatsanwaltschaft versucht, die Ereignisse vom 9. November 1938 zu rekonstruieren. Indizien und Hinweise auf mögliche Einbecker Täter fanden die Strafverfolger 1946 auch und leiteten Ermittlungen ein, für eine Verurteilung hatten sie jedoch keine Beweise. Zeugen waren entweder tot, noch in Gefangenschaft oder hatten acht Jahre nach dem 9. November 1938 keine lebendige Erinnerung mehr an den Abend. Zeugen berichteten, dass die drei in dem Prozess Beschuldigten zur Zeit der Brandstiftung nicht am Tatort gewesen seien, sondern erst später – und da seien sie nicht allein gewesen. Die Akten des Staatsarchivs machen deutlich, dass zahlreiche Einbecker im hellen Schein der brennenden Synagoge gestanden haben.

Von der brennenden Synagoge gibt es einen Film, auf dem auch Personen zu sehen sein sollen. Er gilt als verschollen.

Eine unmittelbare Berichterstattung über das Verfahren in der Presse ist nicht bekannt. 1998 berichtet der Autor nach Quellenstudium der Gerichtsakten erstmals im Wochenblatt „Die Eule“ in Einbeck über den Prozess.

Spuren und Gedenken

Am 9. November 1969 wurde auf einer Grünfläche gegenüber dem Grundstück Bismarckstraße 17 (dem Grundstück, auf dem bis 1938 die Synagoge stand) das Mahnmal für die Schoah eingeweiht. Es entstand nach einem Entwurf des Bildhauers Kurt Lehmann (1905-2000). Zwischen zwei Betonstelen ist auf einer Bronzetafel ein siebenarmiger Leuchter zu sehen, darunter das Wort „Gedenket“. Eine Bodenplatte vor dem Mahnmal ergänzt es mit einer hebräischen Inschrift mit deutscher Übersetzung, die sich auf die gleiche über dem Hauptportal der zerstörten Synagoge bezieht: „Sind wir nicht alle Kinder eines Vaters, haben wir nicht auch einen Gott.“ Die offizielle Gedenkveranstaltung der Stadt Einbeck mit Kranzniederlegung zur Erinnerung an die Reichspogromnacht findet jedes Jahr am 9. November an diesem Mahnmal statt.

Die damalige Eigentümergemeinschaft des einstigen Synagogen-Grundstücks, das nach 1945 mit Wohngebäuden gebaut wurde, lehnte 1988 ab, an ihrem Grundstück eine Erinnerungstafel anzubringen. Letztes Originalzeugnis aus der Synagogenzeit ist ein Zaunpfosten aus Beton.

Während die Synagoge in der Bismarckstraße in Flammen aufging, blieb im November 1938 ein Gebäude unbehelligt, das einst die Alte Synagoge war. Dieser Fachwerkbau in Hinterhoflage an der Baustraße war 1906 von der jüdischen Gemeinde verkauft und später zu einem Wohnhaus umgebaut worden, weshalb es im kollektiven Gedächtnis 1938 nicht mehr als einstiger jüdischer Gottesdienstraum präsent war – und verschont blieb. Die Alte Synagoge wurde erst in den 1990-er Jahren wiederentdeckt. Ein 2004 gegründeter Förderverein konnte das jetzt unter Denkmalschutz stehende Fachwerkgebäude erwerben und saniert es denkmalgerecht. Die Alte Synagoge soll ein Ort des Dialogs und der Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen sein.

In den Jahren 2016 und 2017 hat eine Arbeitsgruppe des Fördervereins Alte Synagoge die bürgerschaftliche Initiative ergriffen und auch in Einbeck durch den Kölner Künstler Gunter Demnig „Stolpersteine“ verlegen lassen; zuletzt wurde 2018 eine „Stolperschwelle“ in Erinnerung an mehr als 1000 Zwangsarbeiter verlegt. Insgesamt 29 Stolpersteine sind bislang in Einbeck vor den letzten selbst gewählten Wohnorten der Opfer des Nationalsozialismus in den Gehweg eingelassen, vor allem ehemaligen jüdischen Mitbürgern. Die Aktion wird fortgesetzt, Ziel sind insgesamt circa 70 Stolpersteine in Einbeck.

Stolpersteine für Walter und Artur Goldschmidt, 2017. Foto: Frank Bertram

Weiterführende Literatur und Links

Verloren aber nicht vergessen – Jüdisches Leben in Einbeck, Oldenburg 1998.

Christine Wittrock, Idylle und Abgründe. Die Geschichte der Stadt Einbeck mit dem Blick von unten 1900-1950, Bonn 2012.

www.alte-synagoge-einbeck.de

www.stolpersteine-einbeck.de

Autor: Frank Bertram, freier Journalist

1938 in Niedersachsen

Zeven

Vorgeschichte

Das Leben von Juden rund um Zeven ist seit ca. 1820 in den Dokumenten belegt – allerdings wird vermutet, dass der erste Jude Meyer Samson bereits um 1814 zuzog, noch während der französischen Besatzungszeit, in der es kein Sonderrecht für Juden gab. Ab 1836 gibt es zwölf Personen jüdischen Glaubens, die sich in Zeven und Umgebung ansiedelten. Im Königreich Hannover wurden zwischen 1842 und 1847 verschiedene Gesetze erlassen, die das Schutzbriefwesen für Juden aufhoben. Von diesem Zeitpunkt an konnten Juden ihren Wohnort frei wählen. Das bedeutete auch für Zeven, dass jüdische EinwohnerInnen neu hinzuzogen. Im Zuge der Revolution 1848 erfolgte im Königreich Hannover die gesetzliche Gleichstellung der Juden.

Eine Synagogengemeinde in Zeven ist seit 1844/45 dokumentiert, ihr gehörten insgesamt 22 Personen an. Die jüdische Gemeinde in Zeven war damit die kleinste Gemeinde im Bezirk Stade. Die Zahl der jüdischen Einwohner Zevens schwankte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer wieder durch Zu- und Abwanderungen. Aufgrund der freien Wohnortwahl wanderten einige jüdische Familien in größere Städte ab. Dort gab es bessere Verdienstmöglichkeiten und größere jüdische Gemeinden. Der gesamte Bezirk Stade war von diesem Abwanderungsprozess betroffen. Vermutlich wanderten einige Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Zeven auch nach Amerika aus.

Das Bestehen der jüdischen Gemeinde in Zeven war nicht gesichert. Denn um einen Gottesdienst abhalten zu können, musste nach den jüdischen Religionsvorschriften immer ein Quorum von mindestens 10 männlichen Gemeindemitgliedern anwesend sein. Auch einen Religionsunterricht für Kinder konnte sich die jüdische Gemeinde in Zeven nicht leisten, daher entschied der Landesrabbiner Dr. Heilbut aus Stade, die Zevener Gemeinde mit der Bremervörder Synagogengemeinde zusammenzulegen.

Um 1867 wurde ein Friedhof in der „Kleinen Ahe“ angelegt. Der Friedhof war ein Geschenk des Königs Georg von Hannover.

Anfang des 20. Jahrhunderts kamen mit dem Aufschwung der Landwirtschaft mehrere jüdische Familien nach Zeven.

Prägend für die Gemeinde in Zeven war vor allem der Viehhändler Siegfried Neugarten. Er kam 1911 nach Zeven und heiratete Johanna Samson, die Tochter von Adolf Samsons. Er baute sein Viehhandelsgeschäft zusammen mit seinem Bruder Erich Neugarten in den 20er Jahren aus und wurde auch zu einer bedeutenden Person im öffentlichen Leben Zevens.

1933 bestand die Zevener jüdische Gemeinde im Wesentlichen aus fünf Familien: Familie Blumert, Neugarten, Rosenthal, Samson und Wolf. Die Stadt Zeven hatte vor dem Krieg 3233 Einwohner, 32 von Ihnen waren Juden. Als der Synagogenraum in Bremervörde geschlossen wurde, richtete die Zevener Gemeinde 1937 einen Synagogenraum im Haus von Erich Neugarten ein. Es ist vermutlich die letzte Einrichtung einer Synagoge vor dem Krieg in Deutschland.

 

Der erste jüdische Friedhof in der „Kleinen Ahe“ in Zeven Foto: Ronald Sperling

Die Ereignisse im November 1938

In Zeven wurde der SA-Führer Wilhelm Schnase in der Nacht zu seinem Nachbarn ans Telefon gerufen. Am Apparat war die SA Standarte in Verden, die ihn beauftragte, Maßnahmen in Zeven durchzuführen. Er alarmierte den SA-Sturm in Zeven um alle ansässigen Juden in Schutzhaft zu nehmen. Als Sammelplatz wurde die Gastwirtschaft Lohmann bestimmt. Hier trafen sich am frühen Morgen 40 – 50 SA-Männer aus dem Zevener SA-Sturm. Einige von ihnen zogen in kleinen Trupps los, um die Juden aus Zeven zu verhaften. Die Familien Samson, Rosenthal, Blumert und Melita Neugarten mit Kind, sowie Ernst Ilias, ein landwirtschaftlicher Gehilfe aus Hoya, der zu dieser Zeit im Haus von Melita Neugarten wohnte und Kurt Deichmann, ebenfalls landwirtschaftlicher Gehilfe aus Bremervörde, der bei seiner Tante Martha Helmke wohnte, wurden verhaftet. Vom Sammelplatz aus brachte die SA sie in das Haus von Erich Neugarten.

Die SA-Männer setzten die Verhafteten im Wohnzimmer der Familie Neugarten fest. Man verhörte die Familien über ihre Vermögensverhältnisse und stahl alles Geld im Hause Neugarten. Auch wurde der Sparkassendirektor Viehbrock geholt um das Sparbuch von Henny Neugarten mit 12.000 Reichsmark aufzulösen. Die SA nahm außerdem das gesamte Bargeld der Familie Neugarten in Höhe von 7012,35 Reichsmark mit und auch den neu angeschafften Radioapparat. Dieser soll später im SA-Lokal der Gaststätte Norden gestanden haben. Gegen Mittag kam der Standartenführer Cordes ins Haus und brachte einen weiteren Verhafteten mit. Er hatte zusammen mit SA-Männern aus dem Sturm Rotenburg Gustav Kleinschmidt in Tarmstedt verhaftet.

Cordes war der ranghöchste SA-Führer und angeblich gab er Schnasse den Befehl zur Zerstörung des Synagogenraums.

Die anwesenden SA-Männer trugen die Einrichtung des Synagogenraumes aus dem Haus. Sie stahlen die besonders wertvollen Silbergegenstände und luden das Mobiliar auf einen LKW. Dieser transportierte die Gegenstände zum Marktplatz, wo sie aufgestapelt wurden.

Auf dem Marktplatz fand sich eine große Menschenmenge ein, es kamen auch Schulkinder mit ihrem Lehrer dazu. Ein SA-Mann brachte einen Kanister und übergoss das aufgestapelte Mobiliar mit Benzin und steckte es an. Zeitzeugen sagten später aus, dass ein Lehrer die Kinder aufgefordert hätte ein Lied zu singen während die Einrichtung verbrannte. Vorher hatte der Lehrer die Schuljungen animiert mit der Thora Fußball zu spielen.

Am Nachmittag kam die Polizei mit einem Lastwagen zum Haus von Erich Neugarten. Alle Männer der Familien wurden aufgefordert sich in einer Reihe aufzustellen und das Haus zu verlassen. Die Frauen und Kinder blieben zurück.

Erich Neugarten, Bernhard Blumert, Hermann Samson, Albert Rosenthal, Kurt Deichmann und Gustav Kleinschmidt aus Tarmstedt wurden mit einem LKW mit judenfeindlichen und antisemitischen Schildern durch die Stadt gefahren. Der LKW bremste immer wieder, damit die auf der Ladefläche befindlichen Männer durcheinanderfielen. Zwei SA-Männer standen beim Abtransport auf dem Lastwagen und riefen „Judas verrecke“.

 

Synagogenraum im Haus von Erich Neugarten. Staatsarchiv Bremen

Folgen

Die Verhafteten Juden aus Zeven wurden zunächst nach Gestemünde ins Gerichtsgefängnis gebracht und dort in einen Keller gesperrt. Die Gestapo vernahm sie zwischen 20 und 21 Uhr. Dann brachte man sie nach Wesermünde / Lehe ins Gefängnis. Am folgenden Tag transportierte die Gestapo sie mit dem Zug nach Bremen. Am Bahnhof waren viele Juden aus Bremen und der Umgebung versammelt. Sie wurden namentlich aufgerufen und bestiegen einen Sonderzug, der sie in das Konzentrationslager Sachsenhausen fuhr. Hier angekommen mussten sie 20 Stunden unter freiem Himmel und ohne jegliche Verpflegung warten bevor am nächsten Tag die Aufnahmeprozedur begann. Es gibt einige Berichte über dieses lange Apell stehen, es ging mit Gewaltausschreitungen einher. Einzelne Häftlinge wurden von den SS-Wachmannschaften beschimpft, geschlagen und misshandelt. Einige blieben zusammengebrochen liegen. Mitten in der Nacht mussten die Häftlinge im Chor brüllen: „Wir haben den Diplomaten vom Rath ermordet“. Nach der Aufnahme mussten sie Zwangsarbeit leisten und wurden immer wieder besonderen Schikanen ausgesetzt. Die Zevener Juden wurden vermutlich am 15. Dezember aus Sachsenhausen entlassen. Zuvor mussten sie die Erklärung unterschreiben, dass sie sich nun verstärkt um ihre Auswanderung kümmern würden, ansonsten, so drohte die SS, würde man sie nochmals ins KZ sperren.

Nach dem Pogrom verließen die meisten jüdischen Familien Zeven und gingen nach Bremen. Nur die Familie Samson blieb weiterhin in Zeven. Adolf Samson musste hier Zwangsarbeit leisten, zusammen mit dem aus Oldenburg stammenden Viehhändler Hermann Lazarus aus Oldenburg.

Viele Zevener Juden schafften es nicht mehr auszuwandern, die meisten wurden am 18. November 1941 von Bremen aus ins jüdische Ghetto nach Minsk deportiert und sind dort verstorben. Nur der Zevener Werner Blumert überlebte das Ghetto Minsk und mehrere Konzentrationslager.

Insgesamt lebten in Zeven zwischen 1933 und 1941 ständig oder auch nur zeitweise 48 Menschen, die von den Nationalsozialisten als Juden verfolgt wurden. Über die Hälfte von ihnen starb in deutschen Konzentrationslagern, die Mehrheit im jüdischen Ghetto in Minsk.

Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Zeven. Foto: Ronald Sperling

Biografie - Erich Neugarten

Erich Neugarten wurde 1901 in Mengede geboren. Er begann dort eine Viehhändlerlehre und zog danach zu seinem Bruder nach Zeven. Hier lernte er das Schlachterhandwerk und stieg in das Viehhandelsgeschäft seines Bruders ein. 1930 heiratete er Henriette (Henny) Pollack aus Rüthen und kaufte daraufhin das Haus in der Gartenstraße 336 (heute Nr. 16), das er fortan mit seiner Frau, seinen Kindern Susi-Renate (geb. 1931) und Joachim (geb. 1932) sowie mit seiner Schwiegermutter bewohnte. 1937 wurde im Haus der Neugartens der Betsaal der jüdischen Gemeinde eingerichtet.

Während der Novemberpogrome erlebte die Familie Neugarten Misshandlungen, Erniedrigungen und Hausdurchsuchungen. Der Betsaal wurde vollständig zerstört. Erich Neugarten wurde mit anderen jüdischen Männern aus Zeven ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Vier Wochen später kehrte er nach Zeven zurück, wo er jedoch nur wenige Tage blieb. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um möglichst bald auszuwandern. Zunächst ging er mit seiner Familie nach Bremen, wo er bis zu seiner Ausreise am 23. August 1939 auf dem jüdischen Friedhof Zwangsarbeit leisten musste.

Dank seines Schwagers Adolf Pollack, der die Überfahrt zahlte und für alle anfallenden Kosten vor den US Behörden bürgte, konnte die Familie noch gerade rechtzeitig in die USA auswandern.

Erich Neugarten mit anderen Viehhändlern vor dem Gasthof Bahrenburg in Zeven, Bild undatiert. Privatbesitz Familie Neugarten

Biografie - Wilhelm Schnase

Wilhelm Schnase wurde am 15. August1880 geboren. Er war Arbeiter in der Ziegelbrennerei in Brauel und wohnte auch in dem Ort. 1932 trat er als überzeugter Nationalsozialist in die NSDAP ein, später wurde er SA-Sturmführer des Sturms in Zeven. Er war der verantwortliche Leiter des Pogroms gegen die Juden in Zeven. Unter seinem Kommando wurde die Aktion durchgeführt. Er ließ die Juden verhaften und gab den Befehl das Synagogenmobiliar auf dem Marktplatz zu verbrennen.

Nach dem Krieg wurde Wilhem Schnase wegen der Leitung des Pogroms in Zeven durch das Oberlandesgericht in Celle am 10. März1948 verurteilt. Er bekam drei Monate Gefängnis wegen Freiheitsberaubung und gemeinschaftlicher Sachbeschädigung in Tateinheit mit Nötigung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Seine Strafe verbüßte er im Strafgefängnis Sandbostel.

In seiner Entnazifizierungsakte wurde er in die Kategorie III als Minderbelasteter des NS-Regimes eingestuft.

Justizielle Ahndung

Von den 40 bis 50 Personen, die sich an dem Pogrom in Zeven beteiligt hatten, wurden nach dem Krieg nur wenige angeklagt. Es gab zwei Verfahren vor deutschen Gerichten. In dem ersten Verfahren wurde der Leiter des Pogroms Wilhelm Schnase zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Das zweite Verfahren kam aufgrund von Anzeigen Zevener Juden zustande. Darunter auch Werner Blumert, er konnte sich sehr genau an seine Verhaftung errinnern.
In dem Prozess wurden sieben SA-Männer, die an der Aktion beteiligt waren angeklagt. Bis auf einen bestritten alle ihre konkreten Tatbeteiligungen. Die Befragungen durch die Polizei in Zeven wurden sehr nachlässig geführt. Der Prozess endete mit der Verurteilung von drei SA-Männern zu drei bzw. zwei Monaten Haft, einer Geldstrafe und vier Freisprüchen.

Der SA-Sturm in der Bäckerstraße in Zeven Bild, undatiert. Samtgemeindearchiv Zeven

Autor: Ronald Sperling, Gedenkstätte Lager Sandbostel

1938 in Niedersachsen

Northeim

Nachdem bereits im Mittelalter und in der frühen Neuzeit Juden vorübergehend in Northeim gewohnt hatten, gestattete der Magistrat der Stadt erst 1808 die dauerhafte Ansiedlung jüdischer Familien. Insbesondere durch Zuzug aus dem nahegelegenen Sudheim stieg die Zahl jüdischer Einwohner in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts merklich an. 1910 zählte man in der Stadt 117 Personen jüdischen Glaubens. Eine Synagoge gab es nicht; Gottesdienste fanden in privaten Räumlichkeiten statt, zuletzt in der Bahnhofstraße 5. Einen jüdischen Friedhof gab es seit 1884 neben dem städtischen Friedhof am Harztor.

Im Unterschied zu vielen anderen Gemeinden und Kleinstädten stieg die Zahl jüdischer Bürger während der Weimarer Republik noch etwas an. Um 1930 erreichte sie mit rund 130 Personen den höchsten Stand. Die meisten verdienten ihren Lebensunterhalt als Kaufleute.

Ab 1933 litten auch die Northeimer Juden unter Ausgrenzung und Verfolgung. Die örtliche SA und die NSDAP beteiligten sich am 1. April 1933 am reichsweiten Boykott von Geschäften jüdischer Eigentümer. 1935 kam es erneut zu Übergriffen; u.a. wurden Schaufenster eingeworfen. In der Folge wanderten viele jüdische Familien ab, ihre Geschäfte wurden „arisiert“.

Während der Novemberpogrome wurden insbesondere in der Bahnhofstraße viele Wohnungen jüdischer Familien verwüstet. Die Einrichtung des Betraums in der Bahnhofstraße 5 wurde zerstört. Den jüdischen Sozialdemokraten Levy wies die Gestapo in das KZ Dachau ein. Im April 1939 wurde er wieder entlassen und emigrierte anschließend mit seiner Familie ins Ausland. Die örtliche Zeitung „Heimat-Beobachter“ schrieb dazu am 27. April 1939:

„Ein Abschied, der uns alle freut

Wie wir hören, hat der größte Schweinehund, der in Northeim in den letzten 20 oder 30 Jahren herumgelaufen ist, der Jude Levi, der berüchtigte sozialdemokratische Hetzer und Zaunlattenhäuptling der Hermannschlacht von 1922 beim Brunnen, mit seiner Familie, … Northeim verlassen, um in Palästina zu ‚siedeln’. Vielleicht trifft der Verbrecher außerhalb Deutschlands noch einmal das verdiente Geschick, dem er vor der Revolution 1933 durch die Dummheit seiner Mitmenschen und nach der Machtergreifung durch die Großmut des nationalsozialistischen Staates entgangen ist. In Northeim weint ihm keiner eine Träne nach.“

In dem Artikel spielte die Zeitung auf eine öffentliche Debatte aus dem Jahr 1922 an: Zusammen mit einem DDP-Politiker hatte Levy damals gegen die Aufführung des nationalistischen Dramas „Hermannsschlacht“ von Kleist bzw. gegen die rechtskonservativen Veranstalter protestiert.

Von acht 1941 noch in Northeim lebenden Juden begangen zwei in diesem Jahr Selbstmord, nachdem sie von der Gestapo verhaftet worden waren. Drei weitere wurden im Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert, ein weiterer (er hatte in „Mischehe“ gelebt) Anfang 1945. Mindestens 33 jüdischer Einwohner von Northeim kamen in der Shoah um. Zwei Juden (Felix Haas und Leopold Ballin) kehrten nach dem Krieg nach Northeim zurück.

In der Bahnhofsstraße wurde 1969 gegenüber dem Gebäude, in dem sich der letzte Betraum befunden hatte, ein Mahnmal errichtet. Ein weiteres Denkmal erinnert seit 1993 am Entenmarkt an die Northeimer Opfer der Shoah. Seit 2007 wurden zudem bislang 36 Stolpersteine verlegt. Auf dem 1940 eingeebneten und 1944 an die Stadt zwangsverkauften jüdische Friedhof am Harztor markieren kleine Betonsockel die etwa 50 Grabstellen.

Weiterführende Literatur und Links

Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum: Northeim (Niedersachsen)

Topografie der Erinnerung in Südniedersachsen: http://www.erinnernsuedniedersachsen.de/orte-n-z-northeim-2.html

Autor: Dr. Jens-Christian Wagner, Stiftung niedersächsische Gedenkstätten

1938 in Niedersachsen

Sehnde

Vorgeschichte

Die Stadt und selbstständige Gemeinde Sehnde bei Hannover wurde erstmals im Jahre 1147 urkundlich erwähnt. Die 15 Ortsteile, die heute die Gemeinde Sehnde bilden, teilten sich ursprünglich unter drei unterschiedlichen Grundherrschaften auf. Bis zur niedersächsischen Gebietsreform 1974 gehörten die Ortsteile Bolzum, Wehmingen und Wirringen zum Landkreis Hildesheim, Müllingen und Wassel zum Landkreis Hannover und die restlichen zehn Ortsteile (Bilm, Dolgen, Evern, Gretenberg, Haimar, Höver, Ilten, Klein Lobke und Sehnde) zum Landkreis Burgdorf.

Die erste Erwähnung jüdischer Familien in Sehnde lässt sich in das Jahr 1727 dokumentarisch zurückverfolgen. Hier lebten im Ortsteil Bolzum der Schlachter Salomon Nathan und sein 1757 zugezogener Schwiegersohn Meyer Levin mit ihren Familien. Bolzum gehörte damals noch dem Fürstbistum Hildesheim an, wodurch sie unter dem Status sogenannter Schutzjuden ein zweifaches Schutzgeld zu entrichten hatten. Einerseits gewährte der zuständige Bischof den Juden gegen ein Entgelt Schutz, andererseits war aber auch an die ortsansässigen Gerichtsherren, die eigenmächtig Juden aufnahmen, ein „Beiwohnergeld“ zu entrichten. Letzteres wurde auch weiterhin erhoben, als in den 1770er Jahren das Rittergut Bolzum in den Besitz des Hildesheimer Bischofs übergegangen war.

Aufgrund der günstigen Lage für den Handel innerhalb der lüneburgischen Amtsvogtei ließen sich weitere Familien dort nieder. 1846 gehörten der jüdischen Gemeinde acht Familien an. Hauptsächlich waren sie als Schlachter, Vieh-, Leder-, Korn- und Manufakturwarenhändler tätig. Seit 1825 unterhielt die Gemeinde einen eigenen jüdischen Friedhof und 1830 wurde sie auch offiziell als Synagogengemeinde im Amt Ruthe anerkannt. 1838 wurde in Bolzum eine Synagoge in der heutigen Marktstraße 25 errichtet.

Im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung und des Ausbaus des Eisenbahnnetzes verschlechterten sich in der Folgezeit die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die gewerbetreibenden Juden, da Bolzum im Gegensatz zu Sehnde keinen eigenen Bahnanschluss erhielt. Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass sich die jüdische Gemeinde in Bolzum durch den Wegzug jüdischer Familien stetig verkleinerte, bis sie schließlich zur Jahrhundertwende nicht mehr existierte. 1902 wurde das Synagogengrundstück verkauft, der neue Besitzer ließ das Gebetshaus abreißen und die jüdische Gemeinde verlegte ihren Schwerpunkt in den Ortsteil Sehnde.

Dort hatte sich bereits ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die bäuerliche Struktur durch die fortschreitende Industrialisierung gewandelt. Im Zuge dieser Entwicklungen wandelte sich Sehnde von einer bäuerlich geprägten Dorfgemeinschaft zu einer Industriegemeinde mit einer klassenbewussten Arbeiterschaft, die sich auch in den Wahlergebnissen widerspiegelte. So entfielen bei den Reichstagwahlen im November 1932 im Sehnder Wahlbezirk jeweils ein Drittel der Stimmen auf die SPD (490 Stimmen) und KPD (359 Stimmen). Allerdings konnte auch die NSDAP (455 Stimmen) fast ein Drittel aller Stimmen für sich verbuchen.

Die alteingesessenen jüdischen Familien waren in der Sehnder Gemeinde beliebt und galten als patriotisch eingestellt, vorbildlich integriert und beteiligten sich rege am gesellschaftlichen Leben. So engagierten sich Paula und ihr 1932 verstorbener Ehemann Julius Königheim unter anderem in der freiwilligen Feuerwehr, dem Schützenverein oder dem Kyffhäuser-Soldatenbund. Die Geschwister Paula Königheim und Salli Schragenheim betrieben einen Textilhandel in der Nordstraße, in dem auch deren Neffen Julius und Hans Leo Brumsack aus Beverstedt arbeiteten.

Die ab 1933 einsetzenden Boykottmaßnahmen trafen auch die jüdischen Geschäftsleute in Sehnde schwer und die Umsatzeinbußen zwangen sie schließlich zur Geschäftsaufgabe. Der Geschäftsmann Seligmann David musste 1936 in Sehnde als erster sein Modegeschäft aufgeben und verkaufte es an Otto Timme, bevor er nach Hannover zog, wo er kurze Zeit später verstarb.

Der Geschäftsinhaber Siegfried Rose bewohnte mit seiner Frau Thea und ihren beiden Kindern Gerda und Hans-Georg sowie Großmutter Klara in der Mittelstraße ein dreistöckiges Haus, in dessen Erdgeschoss sich die Geschäftsräume des Manufakturwarengeschäftes und die später eingerichtete Bettfedernreinigung befanden. Mit der Auflösung der jüdischen Gemeinde Bolzum wurde im zweiten Stock des Hauses ein jüdischer Gebetsraum eingerichtet.

Durch die Boykottmaßnahmen sah sich auch die Familie Rose in den folgenden Jahren zur Geschäftsaufgabe gezwungen und lebte fortan von den Mieteinnahmen des Drogisten Karl Drüner, einem überzeugten Nationalsozialisten, der 1936 mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in das Haus der Roses einzog und durch seine weiteren Forderungen bezüglich des Wohnraumes immer wieder mit seinem Vermieter Siegfried Rose in Streit geriet. Die antisemitischen Ausfälle der Drüners, wie auch der beiden neun und zehn Jahre alten Söhne, die bereits durch NS-Jugendorganisationen indoktriniert waren, belasteten das Verhältnis zusätzlich.

Die Ereignisse im November 1938

Im Geschäftshaus der Familie Rose in der Mittelstraße zerschlugen die Söhne der Familie Drüner in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Scheiben der Wohnung. Gestapobeamte aus Celle führten um den 10. November herum eine Hausdurchsuchung bei den Roses durch und stahlen Schmuck und Wertsachen. Außerdem wurden Telefon und Radio der Familie eingezogen und der Familie auferlegt, ihr eigenes Haus künftig nur noch durch den Hintereingang zu betreten. Die 81jährige Klara Rose wurde auf der Straße von den Kindern des Mieters Karl Drüner mit Dreck und Steinen beworfen, ein Augenzeuge berichtet später, wie der Vater seine beiden Kinder dazu anstiftete.

Auch von den Geschäftsräumen der Geschwister Schragenheim/Königheim wurden die Scheiben eingeworfen. Der Neffe der Familie Schragenheim Hans Leo Brumsack wurde von der Gestapo verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Sein Cousin Julius Brumsack, der nur wenige Tage zuvor eine Stelle in Hannover angetreten hatte und sich in jener Nacht dort aufhielt, entging seiner Verhaftung und konnte sich im April 1939 nach England retten.

Folgen

Nur wenige Tage nach der Pogromnacht begann die Umsetzung einer weiteren schikanösen Maßnahme gegenüber den Sehnder Juden in Bezug auf ihre Einkäufe für den täglichen Bedarf. Auf Anweisung des zuständigen Burgdorfer Landrates Rudolf von Löhneysen wurde den Sehnder Juden durch den lokalen NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bauunternehmer Emil Bannier und den Bürgermeister und Landwirt Heinrich Kuhrs genauestens vorgeschrieben, zu welchen Zeiten sie in welchen Geschäften ihre Einkäufe zu erledigen hatten, die jeweils morgens bis 9:30 Uhr abgeschlossen sein mussten. Auch wenn einzelne Geschäftsleute die jüdischen Familien unterstützten, handelte es sich dabei nicht immer um einen rein selbstlosen Akt, denn manche ließen sich diese Hilfe auch in Naturalien auszahlen.

Klara Rose erholte sich von dem Schock der Übergriffe während der Pogromnacht nicht mehr und verstarb am 9. Januar 1939. Kurz nach ihrem Tod hinterließen unbekannte Täter eine Schmiererei an der Hausfassade der Familie Rose: „Nun ist Oma Rose tot und Sehnde ist einen Juden los“. Auf entwürdigende Weise musste die Familie Rose ihre Großmutter mit einem Handkarren zu dem etwa einen Kilometer entfernten jüdischen Friedhof im benachbarten Ortsteil Bolzum transportieren, wo sie als letzte Jüdin beigesetzt wurde. Auch die finanzielle Situation verschlechterte sich zunehmend durch ein Gesetz, das von den Juden „Sühneleistungen“ einforderte. In dieser Situation stellte der Geschäftsmann Otto Timme der Familie Rose die benötigten Finanzmittel als Darlehen zur Verfügung. Als Sicherheitsleistung wurde auf die Immobilie der Roses eine Hypothek von knapp 12.000 Reichsmark eingetragen, wodurch die drohende Enteignung abgewendet werden konnte und der Verbleib der Familie Rose in ihrem Haus gesichert war. Als weitere Maßnahme wurden kurze Zeit später die Bankkonten der jüdischen Inhaber gesperrt. Juden konnten sich ihr Geld danach nur noch nach vorheriger Genehmigung durch die zuständigen Finanzämter auszahlen lassen. Von den gesperrten Konten wurden den Juden nur geringe Beträge zugesprochen, die bis zu Beginn der Deportationen weiter verringert wurden.

Die Familie Rose wurde am 2. Dezember 1941 von Gestapo-Beamten aus ihrem Haus in Sehnde geleitet und mit der Bahn nach Riga in das Lager Jungfernhof deportiert. Gerda Rose überlebte als einzige ihrer Familie die Shoah, kehrte nach dem Krieg nach Sehnde zurück und emigrierte schließlich in die USA.

Hans Leo Brumsack wurde im Januar 1939 aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen entlassen, entschied sich allerdings dagegen, das Land zu verlassen, sondern blieb bei seiner krebskranken Mutter in Beverstedt. Seine Mutter Elise erlag im September 1941 ihrem Krebsleiden. Wenig später, am 17. November 1941 begannen die Deportationen der Beverstedter Juden nach Minsk in Weißrussland, von wo aus sie in die umliegenden Vernichtungslager verteilt und schließlich ermordet wurden. Unter ihnen war Hans Leo Brumsack.

Die Geschwister Salli Schragenheim und Paula Königheim lebten nach den Ereignissen der Pogromnacht völlig verängstigt in den oberen Stockwerken Ihres Hauses. Der neue Pächter ihres „arisierten“ Geschäftshauses, der Kaufmann Wilhelm Weßler, versuchte die Geschwister aus dem Haus zu bekommen, was ihm jedoch zunächst nicht gelang. Das Geschwisterpaar wurde am 18. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Paula Königheim und Salli Schragenheim wurden kurz darauf in Treblinka ermordet.

Die jüdische Kriegerwitwe Else Osterwald befand sich während der Pogromnacht als Patientin in den Iltener Wahrendorffschen Kliniken wegen eines „Nerven- und Gemütsleidens“ (Depressionen) in Behandlung. Nach ihrer Entlassung aus dem Klinikum lebte sie bei Privatleuten. Trotz der Bemühungen ihres Sohnes Walter, der nach den Nürnberger Gesetzen als „Halbjude“ galt, erging im Juli 1942 an sie die Aufforderung, sich bei der Deportationsanmeldestelle in Hannover-Ahlem zu melden. Am 18. Juli 1942 erfolgte auch ihre Deportation nach Theresienstadt, wo sie am 6. März 1944 starb.

Sehnde wurde am 18. Juli 1942 „judenfrei“ gemeldet.

Biografie - Gerda Rose

Gerda Rose, die Tochter von Thea und Siegfried Rose, erblickte am 24. Mai 1920 das Licht der Welt. Ihr Vater Siegfried Rose führte das von seinem Vater Georg Rose gegründete Manufakturwarengeschäft in zweiter Generation in der Mittelstraße 10, der Hauptgeschäftsstraße Sehndes. Georg Rose ließ das dreistöckige Haus nach dem Kauf des Grundstücks im Jahre 1898 errichten. Im Erdgeschoss befanden sich die Geschäftsräume, die erste und zweite Etage boten der Familie einen großzügigen Wohnraum. Zudem befand sich hier nach der Auflösung der jüdischen Gemeinde in Bolzum und dem Abriss der Synagoge für die jüdische Gemeinde ein Gebetsraum. In dem Haus verlebte Gerda Rose gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Großmutter Klara, deren Ehemann Georg 1916 verstorben war, die ersten unbeschwerten Jahre ihrer Kindheit. 1927 kam ihr Bruder Hans-Georg auf die Welt. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten änderte sich die Lage für die Familie Rose. Zusätzlich zu den wirtschaftlichen Boykottmaßnahmen erfolgte die gesellschaftliche Ausgrenzung. 1933 wurde Gerda Rose aus dem Turnverein Sehnde wie auch von sämtlichen weiteren Freizeit- und Festveranstaltungen ausgeschlossen. Das 1938 fertiggestellte Sehnder Waldbad verbot Juden den Zutritt.

Als Jüdin vom Abitur ausgeschlossen, war Gerda Rose gezwungen, ihre Studienpläne aufzugeben und nahm ab 1935 mehrere Beschäftigungen als Haushaltshilfe an, bis sie schließlich 1938 in der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem aufgenommen wurde, wo sie nicht nur am Unterricht teilnahm, sondern außerdem in der Verwaltung aushalf. Ihr Bruder Hans-Georg, der an der Volksschule Sehnde antisemitischen Anfeindungen durch NS-treue Lehrer ausgesetzt gewesen war, besuchte diese im westlichen Stadtteil Hannovers gelegene jüdische Bildungseinrichtung mit dem angeschlossenen Internat bereits seit 1937.

Da sich durch die Maßnahmen des NS-Regimes die finanzielle Situation der Familie Rose zunehmend verschlechterte, musste Gerda Rose Ende 1938 die Gartenbauschule Ahlem bereits wieder verlassen und wohnte zunächst bei ihren Eltern, fand aber kurze Zeit später Wohnung und Arbeit in Hannover. Ihr Bruder Hans-Georg besuchte sie noch weiterhin, bis auch er nach der endgültigen Schließung der Einrichtung in Ahlem zum 1. November 1941 zu seinen Eltern nach Sehnde zurückkehrte.

Ende November 1941 wurde der Familie durch zwei Beamte der Gestapo beschieden, dass sie in den kommenden Tagen abgeholt und in den Osten „umgesiedelt“ würden. Man schrieb ihnen vor, was sie an Geld, Bekleidung und Verpflegung mitnehmen dürften, das Haus der Familie wurde nach erfolgter Deportation vom Staat beschlagnahmt und der Verwaltung des Finanzamtes Burgdorf übergeben. Die restlichen Habseligkeiten wurden wenig später in der Gaststätte Ehlers öffentlich versteigert.

Am 2. Dezember 1941 wurde die Familie Rose mit einem Bahntransport in das Lager Jungfernhof nahe der lettischen Hauptstadt Riga deportiert. Dort wurde Gerda Rose mit ihrer Familie zu schwerster Zwangsarbeit herangezogen. Thea Rose und ihr Sohn Hans-Georg wurden im Rahmen der „Aktion Dünamünde“ im Frühjahr 1942 erschossen, Siegfried Rose starb bereits zu einem früheren Zeitpunkt, als offizielle Todesursache wurde Hungertyphus vermerkt.

Noch im Lager Jungfernhof ging Gerda Rose eine „Ghetto-Ehe“ mit dem Wiener Juden Oskar Schäffer ein. Im Juli 1944, nach der Überstellung des Ehepaars in das KZ Kaiserhof, fiel Oskar Schäffer einer Selektion zum Opfer.

Mit dem weiteren Vorrücken der Roten Armee wurden die Häftlinge aus dem KZ Kaiserwald im September 1944 in das Lager Stutthof verlegt. Von dort wurde Gerda Schäffer in ein Arbeitskommando eingeteilt und in das umliegende Außenlager Sophienwalde verlegt, wo sie im Straßenbau eingesetzt wurde. Mitte Februar 1945 wurden die Häftlinge auf einen Todesmarsch in Richtung Westen getrieben, in dessen Verlauf viele Häftlinge vor Entkräftung umkamen oder von den Begleitmannschaften erschossen wurden. Am 10. März erreichte die Häftlingskolonne den Ort Chinov, wo man sie in eine Scheune sperrte, aus der sie dann wenig später von Rotarmisten befreit wurden. Die noch vor Ort ergriffenen SS-Wachmannschaften wurden auf der Stelle erschossen, der verantwortliche SS-Offizier Schulz wurde später zum Tode verurteilt und im April 1946 hingerichtet.

Gerda Schäffer überlebte den Todesmarsch. Nach ihrer Befreiung kehrte sie nach Sehnde zurück, um den Nachlass ihrer Familie zu ordnen und das Haus der Familie in der Mittelstraße 10 wieder in Besitz zu nehmen. Das Haus wurde noch immer von der Familie Drüner bewohnt, die vor der Deportation der Familie Rose deren Mieter gewesen war. Gerda Schäffer übersiedelte 1947 nach New York und heiratete dort den aus Karlsruhe stammenden jüdischen Geschäftsmann Henry Wasserman, der bereits 1937 in die USA emigriert war.

Um den Nachlass zu regeln, ließ sie sich zunächst von Anwälten vertreten, dem ersten entzog sie das Mandat jedoch wieder, nachdem dieser eher versucht schien, die Angelegenheit hinauszuzögern. Nachdem Gerda Wassermann 1949 vom zuständigen Amtsgericht Lehrte den für die Restitution benötigten Erbschein ausgestellt bekam, konnte sie als Eigentümerin des Hauses im Grundbuch eingetragen werden. 1953 erwarb schließlich die Familie Einnolf die Immobilie, die zu diesem Zeitpunkt bereits nach dem Auszug der Drüners als Mieter in dem Haus lebte. Um die restlichen Ansprüche geltend zu machen, wie die durch die Gestapo entwendeten Familienschmuck, musste Gerda Wassermann, so wie noch viele andere Hinterbliebene von Opfern der Shoah, einen jahrzehntelangen Rechtsstreit führen, denn noch immer waren die Verwaltungsstellen mit ehemaligen Funktionsträgern des NS-Regimes besetzt, die durch eine Verschleppungstaktik die Verfahren zu hintertreiben versuchten.

Aus Gerda Schäffers Ehe mit Henry Wassermann ging 1950 ein Sohn hervor, der 1985 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam und zwei Kinder hinterließ. 1987 starb Henry Wasserman nach 48 Jahren Ehe. Gerda Wassermans Enkel Peter ist mittlerweile selbst Vater einer Tochter, Noa Rose, mit der der Familienname weiterlebt.

2007 und erneut 2011 besuchte Gerda Wasserman ihre Heimatstadt Sehnde und bat dort um die Verlegung von Stolpersteinen, um an ihre Familie zu erinnern.

Wenige Wochen vor ihrem 100. Geburtstag verstarb Gerda Wassermann am 5. April 2020 in ihrem Wohnort New York.

Letzte Aufnahme von Gerda Rose vor der Deportation, etwa 1940. Privatarchiv Hans-Hermann Seiffert

Biografie - Julius Brumsack

Julius Brumsack wurde am 19. Januar 1915 in Beverstedt geboren. Sein Vater Markus meldete sich nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges als „Kriegsfreiwilliger“ und fiel nur ein halbes Jahr nach der Geburt seines Sohnes. Posthum wurde seiner Witwe Emma zusammen mit der Nachricht vom Tode ihres Ehemannes das Eiserne Kreuz erster Klasse überreicht. Im Alter von 14 Jahren zog er 1929 gemeinsam mit seinem Cousin Hans Leo Brumsack nach Sehnde. Hier betrieben die Geschwister der Mutter, Salli Schragenheim und Paula Königheim, eine Textil- und Manufakturwarenhandlung, die bereits seit 1858 vom Sehnder Familienzweig betrieben wurde und eines der größten Geschäfte am Ort war. Aufgrund der Kinderlosigkeit beider Geschwister waren Julius und Hans Leo als Erben vorgesehen und sollten das Geschäft später einmal übernehmen. Ein halbes Jahr lang besuchte Julius eine kaufmännische Gewerbeschule in Hannover. Die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und deren aggressiver Antisemitismus hielt er damals wie viele seiner Zeitgenossen nur für ein vorübergehendes Phänomen. 1936 konfiszierte die Gestapo jedoch nach seiner Rückkehr aus einem Urlaub in Jugoslawien seine Kamera und beschuldigte ihn der Spionage. Zudem warnten ihn einige Postbeamte, die er durch seine Leidenschaft fürs Briefmarkensammeln kennengelernt hatte, dass seine Post kontrolliert werde.

Im Zuge der 1933 einsetzenden staatlichen Boykottmaßnahmen gingen auch die Umsätze des Hauses Schragenheim rapide zurück. Um potentielle Kunden einzuschüchtern und abzuschrecken, postierte die SA einige ihrer Männer vor dem Textilgeschäft. Die Maßnahmen zeigten schließlich Wirkung und veranlassten die Geschwister Schragenheim/Königheim zur Schließung des Geschäftes 1938 kurz vor der Pogromnacht.

Die Nacht der Novemberpogrome sollte Julius Brumsack in Hannover erleben, kurz zuvor erhielt er einen Arbeiter-Ausweis und meldete ordnungsgemäß sein neues Zimmer in Hannover bei den zuständigen Behörden an. Für die Firma Christiansen arbeitete er hier mittlerweile im Straßenbau. Dieser Umstand bewahrte ihn davor, wie sein in Sehnde verbliebener Cousin Hans Leo von der Gestapo verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verschleppt zu werden. Nach dessen Entlassung im Januar 1939 war Julius nach dem Wiedersehen derart geschockt über dessen psychischen und physischen Zustand, dass er entschloss, Deutschland zu verlassen. Erfolglos bemühte er sich um Aufnahme in der Schweiz und Neuseeland, bis schließlich Ende April Februar 1939 durch das „German Jewish Aid Committee“ seine Ausreise nach England ermöglicht wurde und er im folgenden April Deutschland verließ. Im August 1939 gelang es ihm, die Flucht seiner Cousine Annelise und seiner damaligen Freundin Erna nach England zu organisieren.

Nur widerwillig kam er 1939 nach Kriegsausbruch der nachdrücklichen Empfehlung des Jewish Aid Committee nach, sich freiwillig als Soldat für den Kriegseinsatz gegen Deutschland zu melden. Nach Ableistung seiner Grundausbildung heiratete er seine Freundin Hanna Riesenfeld und nur kurze Zeit später verlegte seine Einheit, das Auxiliary Military Pioneer Corps als Teil der British Expeditionary Force, nach Nordfrankreich, wo er in erste Kampfhandlungen verstrickt wurde. Nach der französischen Niederlage wurde seine Einheit über Dünkirchen evakuiert und nach ihrer Rückkehr in England unter anderem mit der Trümmerbeseitigung beauftragt, die durch deutsche Luftangriffe verursacht wurden. Während dieser Zeit wurde ihm außerdem auferlegt, sich für den Fall einer deutschen Kriegsgefangenschaft einen englischen Decknamen unter Beibehaltung seiner Initialen zuzulegen, worauf er sich Jeffrey Barclay nannte.

Etwa sechs Wochen nach der Invasion der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 verlegte seine Einheit erneut nach Frankreich, den Zeitpunkt der deutschen Kapitulation erlebte er 1945 in Brüssel. Nach Kriegsende arbeitete er als Dolmetscher in NS-Verfahren und lernte in Sassenberg seine spätere zweite Ehefrau Emmi kennen. Nach seiner Versetzung nach Hannover besuchte er zeitweise Sehnde und reichte Anfang 1948 einen Antrag auf Repatriierung ein, nachdem seine Versuche gescheitert waren, seinen Heimatort zu besuchen, um das Schicksal seiner Familie zu aufzuklären.

1948 verließ er nach seiner Scheidung von Hanna Riesenfeld England endgültig und heiratete im November Emmie Barg, mit der er zwei Kinder, Hans-Jürgen (* 1950) und Sabina (* 1955) bekommen sollte. Als Inhaber eines Textilgeschäftes baute er sich eine neue Existenz auf, doch seine Nachforschungen über seine Familie stießen auf Schweigen in der Bevölkerung und Unwillen bei den Behörden. Die sechs Mitglieder der Familie Brumsack wurden am 18. November 1941 deportiert und schließlich in Minsk ermordet. Für die Geschwister Schragenheim/Königheim in Sehnde konnte anhand der Dokumente belegt werden, dass Salli Schragenheim und Paula Königheim aufgrund des Evakuierungsbefehls Nr. 9 der lüneburgischen Bezirksregierung am 18. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden, doch sonst schwieg man sich auch hier in der Bevölkerung über das Thema aus.

Neben der Ungewissheit über das Schicksal seiner Familie musste Julius Brumsack noch viele Jahre prozessieren, um seine Ansprüche als Verfolgter der Nationalsozialisten durchzusetzen, erst 1970 konnten in langwierigen Verfahren einige seiner Ansprüche gerichtlich geklärt, doch nicht alles durchgesetzt werden. Seine Frau Emmie verstarb 1979 bei einem Autounfall im Alter von 57 Jahren und Julius Brumsack verlebte die letzten Jahre seines Lebens in einem Pflegeheim in Oldenburg, wo er am 22. Oktober 2011 friedlich verstarb. Seine Beisetzung erfolgte auf dem jüdischen Friedhof in Beverstedt nach jüdischen Bestattungsriten.

Julius Brumsack als britischer Soldat, 1942. Archiv Familie Brumsack).

Biografie - Emil Bannier, NSDAP-Ortsgruppenleiter

Emil Bannier wurde geboren am 8. Januar 1895 in Thune im Kreis Lüchow-Dannenberg. Von 1901 bis 1909 besuchte er die Volksschule in Varbitz, im Landkreis Uelzen. Nach der Schule absolvierte er eine Maurerlehre, die er 1913 erfolgreich abschloss. Von 1915 bis 1918 diente Emil Bannier als Soldat im Ersten Weltkrieg in Frankreich, wofür er unter anderem mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse und dem Kriegsverdienstkreuz zweiter Klasse ausgezeichnet wurde.

Nach dem Krieg legte Emil Bannier in Hildesheim 1921 seine Prüfung zum Maurermeister ab, nur wenige Tage darauf eine weitere zum Bauingenieur und wurde 1931 Teilhaber des Sehnder Bauunternehmens „Bannier und Eggebrecht“. Unter der Mitgliedsnummer 1000631 trat er im Jahre 1932 noch vor der „Machtergreifung“ der NSDAP bei. Diesen Schritt rechtfertigte er später mit seiner Sorge ob der hohen Arbeitslosigkeit und der Tatsache, dass sich in Sehnde eine Stempelstelle für Arbeitslose befand, wodurch der Ort ein sehr „unruhiges Pflaster“ geworden sei. So soll er darauf vertraut haben, dass die NSDAP die hohe Arbeitslosigkeit beheben werde.

Weitere NS-Organisationen, denen er im Laufe der Zeit beitrat, waren 1933 die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV), im selben Jahr die Deutsche Arbeitsfront (DAF), der Reichskolonialbund, der Reichsluftschutzbund wie auch der Volksbund für das Deutschtum im Ausland (VDA). Darüber hinaus war er außerdem sehr aktiv in der Kommunalverwaltung verflochten. So nahm er die Vertretung des Bürgermeisters ebenso wahr, wie die des zuständigen Landrates und arbeitete mit in der kommunalen Kreisverwaltung. Der Entnazifizierungs-Hauptausschuss gewann dadurch in seiner Beurteilung nicht nur das Bild eines politisch sehr aktiven, sondern außerdem eines sehr einflussreichen Mannes.

Seine Rolle im sogenannten „Sehnder Blutsonntag“ am 27. August 1933 konnte nach dem Krieg bei seiner Anhörung vor dem Entnazifizierungs-Hauptausschuss nicht eindeutig geklärt werden. Einige Angaben der Belastungszeugen beruhten nur auf Hörensagen während andere wiederum von den Entlastungszeugen mit ihren Aussagen teilweise sehr zurückhaltend waren, wodurch man diesen auch keinen großen Wert beimaß. Die große politische Aktivität Banniers jedoch, ließ durchaus die Ansicht entstehen, dass dieser Vorfall durch sein Auftreten mit hervorgerufen wurde, wie auch im Ort der Eindruck bestand, Bannier sei der „geistige Inspirent der gesamten Nazi-Bewegung“ gewesen. An jenem August 1933 wurden in Sehnde etwa 50 Personen, hauptsächlich KPD-Mitglieder, Sozialdemokraten aber auch Parteilose, von SA-Männern mit Gewalt aus ihren Häusern und Wohnungen in die so genannte Wartheschule, einem Kindergarten, verbracht. Die Polizei blieb dabei untätig und schritt nicht ein.

Dort wurden sie stundenlang festgehalten und unter schweren Misshandlungen nach vermuteten versteckten Waffenlagern der KPD befragt.

Bannier wies jede Verstrickung in den Vorfall von sich und begründete das unter anderem damit, dass er sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht in der Funktion des Ortsgruppenleiters befand, die er erst im September 1933 angetreten hatte. Außerdem habe er an diesem Tag in Peine bei einem Motoradrennen zugesehen, doch als sicher gilt, dass Emil Bannier schon als einfacher Parteigenosse einen großen Einfluss auf örtliche Stellen der Partei und Verwaltung auszuüben vermochte. Dadurch entstand der Verdacht, dass diese Aktion möglicherweise zumindest mit seinem Wissen und seiner Billigung stattfand.

Auch eine Verstrickung in die Vorgänge während der Pogromnacht, die zerstörten Schaufenster der jüdischen Geschäfte, konnten ihm nicht nachgewiesen werden und wurden in der mündlichen Verhandlung kaum behandelt. Bannier verteidigte sich vor dem Ausschuss sogar mit der Behauptung, dass jegliches Vorgehen gegen in Sehnde ansässige Juden auf seine Veranlassung hin unterblieben sei, da er die Aktionen gegen die jüdische Bevölkerung als „Kulturschande“ empfand.

Kurz vor Kriegsausbruch 1939 wurde er für kurze Zeit im Rang eines Gefreiten in das Landesschützen Bataillion 9/XI Bergen zur Wehrmacht einberufen. Wegen seiner Tätigkeit als Handwerksmeister wurde er jedoch kurz darauf wieder vom Dienst freigestellt und konnte seine Geschäfte als Bauunternehmer wieder aufnehmen.

Mit dem Einmarsch der Amerikaner in Sehnde zwischen dem 8.April und dem 10. April1945 endete für die ländliche Industriegemeinde der Zweite Weltkrieg. Emil Bannier wurde als NSDAP-Ortsgruppenleiter am 27. April von den Besatzungsmächten festgesetzt und in ein Internierungslager in Paderborn eingeliefert, aus dem er am 15. Januar1948 wieder entlassen wurde.

Schließlich musste sich der ehemalige NSDAP-Ortsgruppenleiter vor dem Entnazifizierungs-Hauptausschuss verantworten. Der ehemalige Sehnder Bürgermeister Heinrich Kuhrs trat hierbei als Entlastungszeuge Banniers auf und sagte aus, dass dieser unter anderem verhindert habe, dass eine Frau, die sich mit einem sowjetischen Kriegsgefangenen eingelassen hatte, die Haare abgeschnitten wurden, allerdings konnte er mit seinen nur sehr zögerlichen Antworten auf die Frage, ob er dem Beschuldigten Bannier Handlungen wie am Sehnder Blutsonntag zutraue, nicht überzeugen.

Seinen Austritt aus der Kirche begründete Bannier nicht nur mit dem Drängen der NSDAP, sondern auch mit Streitigkeiten mit zwei Pastoren, bezüglich des Wiedereinsatzes in das alte Amt.

Nach seinem Verfahren vor dem Entnazifizierungs-Hauptausschuss in Burgdorf am 2. Dezember1948 wurde Emil Bannier in die Kategorie IV eingestuft mit Beschränkung der Wählbarkeit zu politischen Körperschaften für die Dauer von zehn Jahren. In diesem Zeitraum durfte er auch nicht als Angestellter für politische Organisationen tätig sein. Gegen die Führung eines Bauunternehmens jedoch bestanden keine Bedenken. Man sah es als erwiesen an, dass Emil Bannier den Nationalsozialismus im Wesentlichen unterstützt und gefördert hatte. Des Weiteren wurde ihm eine Gebühr in Höhe von 5000 DM auferlegt, als Ausgleich für seine Nutznießerschaft während der NS-Zeit. Allein der Umstand, dass Bannier glaubhaft darlegen konnte, einzelne politisch Verfolgte verschont zu haben, erwog den Ausschuss dazu, von einer höheren Einstufung abzusehen, betonte dabei jedoch, dass es den ausgesprochenen Entscheid für äußerst gelinde hielt. Sein Bauunternehmen konnte er anschließend weiter betreiben. Emil Banniers weiterer Lebensweg und Werdegang konnten im Rahmen der Untersuchung nicht geklärt werden.

NS-Ortsgruppenleiter Emil Bannier (links mit Uniform) bei der Siegerehrung im Dirt-Track-Rennen in den 1930er Jahren. Privatarchiv Hans-Hermann Seiffert

 

Emil Bannier bei seiner Internierung nach Kriegsende in Paderborn. NLA Hannover Nds. 171 Lüneburg Nr. 2797

Biografie - Heinrich Kuhrs, Sehnder Bürgermeister 1935-1945

Der Landwirt Heinrich Kuhrs wurde am 27. April1887 in Klein Heere geboren. 1933 trat er in die NSDAP ein und wurde Mitglied in weiteren Organisationen der NSDAP wie der Deutschen Arbeitsfront, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, dem Reichskolonialbund und dem NS-Kriegerbund. Von 1935 bis Kriegsende 1945 war er Bürgermeister in Sehnde.

Entgegen den Erwartungen, die man an ein Parteimitglied der NSDAP stellte, trat Heinrich Kuhrs nicht aus der Kirche aus und besuchte auch weiterhin den Gottesdienst. Kurz vor Kriegsende verhinderte er die Sprengung von mehreren Sehnder Brücken.

Im Entnazifizierungsverfahren nach dem Krieg vor dem Hauptausschuss sagte die Frau des Pastors Gerlach aus, Heinrich Kuhrs habe sie vor dem Konzentrationslager bewahrt, nachdem eine Anzeige von Emil Bannier vorlag, weil sie ihr Bedauern darüber geäußert hatte, dass Hitler das Attentat vom 20. Juli1944 überlebt habe.

Einer der Entlastungszeugen war Julius Brumsack, der bezeugte, dass Heinrich Kuhrs die Geschwister Schragenheim/Königheim bis zuletzt unerlaubterweise mit Milch versorgt hätte und betonte ausdrücklich, dass sich sein Verhalten gegenüber dem Emil Banniers völlig unterschied. Letzteren bezeichnete er als den übelsten Hetzer und Propagandisten seinerzeit.

Dennoch muss hierbei auch berücksichtigt werden, dass auch er letztlich ein Rädchen im Getriebe war und es nach dem Krieg verstand, seine eigene Rolle herunterzuspielen und in Bezug auf die Versteigerungen jüdischen Eigentums mehr gewusst haben muss, als er später zuzugeben bereit war. In seiner Eigenschaft als Bürgermeister war er maßgeblich an der Umsetzung staatlicher Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung beteiligt. Als die jüdische Witwe Else Osterwald versuchte zur Familie Rose zu ziehen, wurde ihr das von Heinrich Kuhrs mit der Begründung verwehrt, dass die Familie Rose vormals einen „arischen“ Mieter abgelehnt habe und demnach nun auch keinen jüdischen Mieter aufnehmen könne.

Im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens wurde er in die Kategorie IV mit dem Zusatz „ohne Beschränkung“ eingestuft. Der Entnazifizierungs-Hauptausschuss kam zu dem Schluss, dass Heinrich Kuhrs den Nationalsozialismus zum Teil unterstützt hatte. Es wurden keine weiteren Beschränkungen auferlegt, da ihm kein verwerfliches Verhalten nachgewiesen werden konnte und nicht festgestellt werden konnte, dass er den Nationalsozialismus wesentlich gefördert und unterstützt hatte. Zusätzlich wurde ihm eine Geldstrafe von 50 DM auferlegt. Politische Ämter dürfte er auch weiterhin bekleiden und auch nach dem Krieg wurde er als Bürgermeister wiedergewählt.

Heinrich Kuhrs starb kurze Zeit später am 2. Februar1949, womit das weitere Entnazifizierungsverfahren gegen ihn eingestellt wurde.

Justizielle Ahndung

Nach den bisher gewonnenen Erkenntnissen fand eine juristische Ahndung der während der Novemberpogrome gegen die jüdischen Familien begangenen Straftaten nicht statt.

Spuren und Gedenken

Eine jüdische Gemeinde existiert heute in Sehnde nicht mehr. Mit Gerda Wasserman emigrierte die einzige Überlebende der Familie Rose nur zwei Jahre nach ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten, doch die Spuren jüdischen Lebens haben die Zeiten überdauert. Der jüdische Friedhof im Bolzum existiert nach wie vor und wurde 2007, unmittelbar vor dem Besuch Gerda Wassermans geschändet, die eigens angereist war, um bei der Enthüllung der Grabplatte für die Familie Rose dabei zu sein. 2012 wurden an mehreren Orten in Sehnde insgesamt neun Stolpersteine verlegt, um an die Schicksale der Sehnder Juden zu erinnern. Eine 2014 am Haus der Familie Rose angebrachte Gedenktafel erinnert Passanten an die einstmals angesehene jüdische Familie.

Im Sehnder Rathaus befindet sich im Foyer des Ratssaals die Gedenktafel „Scherben gegen das Vergessen“, ein Werk der Künstlerin Rahel Bruns, bei dem auf einer Glasscheibe die Namen der Sehnder Juden verewigt wurden, die anschließend zerschlagen und wieder zusammengefügt wurde.

Die Einweihung fand anlässlich einer Gedenkveranstaltung am 9. November 2014 im Beisein von Hans-Jürgen Brumsack statt, dem Sohn des 2011 verstorbenen Julius Brumsack.

Weiterführende Literatur und Links

Andrea Baumert / Marlies Buchholz / Nancy Kratochwill-Gertich, Sehnde/Bolzum, in: Herbert Obenaus / David Bankier / Daniel Fraenkel (Hg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Bd. 1, Göttingen 2005, S. 236-244.

Elfriede Brumsack, „Er kam zurück“ – Der Lebensweg von Julius Brumsack (1915-2011) aus Beverstedt, in: Männer vom Morgenstern. Heimatbund an Elb- und Wesermündung. Jahrbuch 92/93 (2013/14), S. 177-214.

Adolf Meyer, Sehnde. Vom Bauerndorf zur Industriegemeinde. Beiträge und Quellen zur Geschichte einer Gemeinde im Großen Freien, Celle1975.

Regina Runge-Beneke, Informationsblatt zum Schicksal jüdischer Einwohner Sehndes, Projektgruppe Stolpersteine 2012.

Hans-Herrmann Seiffert, Eine Sehnder Jüdin kommt zurück. Gerda Rose überlebt die NS-Todeslager Jungfernhof, Kaiserwald und Stutthof sowie den Todesmarsch, Konstanz 2016.

Wikipedia: Julius Brumsack

Stadt Sehnde: Gedenktafel – Scherben gegen das Vergessen

Autor: Jens Kracke, Student der Leibniz Universität Hannover

1938 in Niedersachsen

Wunstorf

Vorgeschichte

Bereits im Jahre 1300 legt eine Urkunde des Bischofs Ludolf zu Minden und des Grafen Johannes von Wunstorf die Ansässigkeit jüdisch gläubiger Menschen in Wunstorf nahe. Auch Quellen aus dem 16. und im 17. Jahrhundert belegen dies. Allerdings waren sie über die Jahrhunderte immer wieder auch Diskriminierungen ausgesetzt.

Ab 1842 bestimmte das Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Juden im Königreich Hannover, dass jüdische Bürger einer Synagogengemeinde angehören mussten. Dies markiert auch den Anfang der jüdischen Gemeinde in Wunstorf. Schon um 1810 gab es in der Nordstraße eine kleinere Synagoge, auf die die heutige Synagogengasse verweist. Ebenfalls etablierte sich seit den 1850er Jahren eine jüdische Schule mit einem qualitativ hochwertigen Unterricht. Sie erhielt eine jährliche Unterstützung der Stadt Wunstorf. Ab 1830 wurden die Verstorbenen der Gemeinde auf dem jüdischen Friedhof am Nordrehr bestattet. 1885 lebten 80 jüdische Bürger in Wunstorf. 1912 beschloss die Synagogengemeinde, statt der inzwischen baufällig gewordenen alten Synagoge das Haus Küsterstraße 9 als neue Synagoge zu nutzen.

In der Weimarer Republik war das industriell geprägte Wunstorf eine Arbeiterhochburg mit der SPD als stärkste Kraft. Erst 1930 wurde eine NS-Ortsgruppe gegründet. Bei der Reichspräsidentenwahl im März 1932 wurde allerdings in Wunstorf die NSDAP stärkste Kraft. Ab 1933 fanden sich die politisch, wirtschaftlich und kulturell in der Weimarer Republik bestens integrierten Wunstorfer Juden in einer Situation der Diskriminierung. Damit einher gingen öffentliche Demütigungen, Geschäftsboykotte, ein Verbot von jüdischen Annoncen in der Wunstorfer Zeitung durch den Inhaber Theo Oppermann und antijüdische Kundgebungen. Zwölf Wunstorfer Juden flüchteten daraufhin bis 1938 ins Ausland. Die Gemeinde schrumpfte auf 27 Mitglieder. Im März 1938 beging der Viehhändler Gottschall de Jonge Suizid aufgrund seines wirtschaftlichen Ruins.

 

Hundestaffel der SA in Wunstorf, ca. 1937. Armin Mandel

Wunstorfer Marktplatz mit dem Geschäft der jüdischen Familie Mendel, undatiert. Stadtarchiv Wunstorf

Die Ereignisse im November 1938

Die Wunstorfer SA begann nach einem Anruf aus der Stapo-Leitstelle in Hannover am 10. November 1938 zwischen drei und vier Uhr morgens mit gewalttätigen Aktionen. Sie markierte jüdische Geschäfte und Häuser mit roter Farbe für die nachrückenden auswärtigen Bordenauer SA-Leute. Diese drangen durch eine Hintertür auch in die Synagoge ein, zerstörten ihren Innenraum und zündeten sie schließlich an. Nach Hinweis auf die darüber wohnende nicht jüdische Familie wurde der Brand jedoch von der Feuerwehr schnell wieder gelöscht. Die Geschäfte und einige Wohnungen wurden verwüstet und deren mit Farbe markierte Fenster eingeschlagen. Die Torarollen und andere Gegenstände aus der Synagoge wurden vor der Stadtkirche verbrannt. Bis acht Uhr morgens waren alle erwachsenen Wunstorfer Juden im Rathauskeller zusammengetrieben und eingesperrt worden. Damit einher gingen Beleidigungen, Schläge und andere Quälereien gegenüber den Opfern.

Schulkinder wurden von der SA aufgefordert, die jüdischen Bürger bei deren Abführung anzuspucken. Der Friedhof am Nordrehr wurde von der SA ebenfalls mit Farbe beschmiert und verwüstet.

Der Großteil der Wunstorfer Juden wurde gegen zehn Uhr wieder freigelassen. Die vermögenderen unter ihnen wurden noch am 10. November nach Hannover und schließlich in das KZ Buchenwald deportiert. Insgesamt waren dies acht Personen. Unter ihnen befand sich auch der ehemalige Senator und Holzhändler Emil Kraft. Während die Inhaftierten dort Misshandlungen und Folter ausgesetzt waren, wurden ihre Häuser in Wunstorf teilweise geplündert. In Buchenwald starb bei einem Spießrutenlauf durch die SS der 68-jährige Wunstorfer Ferdinand Blank an den ihm zugefügten Misshandlungen.

Bei dem Pogrom in Wunstorf sollen keine Wunstorfer Zivilisten an den Gewaltakten beteiligt gewesen sein. Auch kam es direkt in Wunstorf nicht zu Todesfällen. Allerdings gab es etliche Schaulustige, welche unter anderem die auswärtigen SA-Männer darauf hinwiesen, dass die festgenommene dunkelhaarige Ehefrau des Hausmeisters der Synagoge nicht jüdisch sei. Diese wurde fälschlicherweise verhaftet. Zwar wurden rechtliche Schritte hinsichtlich der Plünderungen der jüdischen Wohnungen und Geschäfte eingeleitet, belangt wurde jedoch keiner, da die Fälle nie weiter bearbeitet wurden.

SA-Männer vor einem demolierten Wunstorfer Geschäft, 1938. Heiner Wittrock

 

Folgen

Nach dem 10. November verschlechterte sich die Lage für die jüdische Gemeinde aufgrund der aufgetragenen Bußgeldzahlung und dem Ausschluss aus dem wirtschaftlichen Leben. Unter Druck verkauft so etwa Albert Mendel sein Warenlager deutlich unter Wert. Zwischen Dezember 1938 und Februar 1939 wurden die sieben Überlebenden aus dem KZ Buchenwald entlassen und kehrten nach Wunstorf zurück. Ein Großteil der jüdischen Familien versuchte noch vor der Ausreisesperre im Oktober 1941 zu emigrieren. So übersiedelte auch Emil Kraft mit seiner Frau in die Niederlande. Im Frühjahr 1939 gab es nur noch zwölf Gemeindemitglieder in Wunstorf. Aufgrund von behördlich angeordnetem Zuzug stieg die Zahl allerdings bis 1940 noch einmal auf 22 an.

Gegen Ende 1941 fand schließlich die Deportation der Wunstorfer Juden über Hannover in das Ghetto Riga statt. Im Sommer 1942 wurden die letzten fünf jüdischen Bürger Wunstorfs nach Hannover-Ahlem in ein Sammellager gebracht. Noch bis zur Deportation behandelte der Arzt Dr. Timmermann gemeinsam mit seinem Sohn Patienten jüdischen Glaubens und führte auch Hausbesuche durch. An Weihnachten 1942 verkündete Bürgermeister Krawehl, dass es in Wunstorf keine jüdischen Bürger mehr gebe. Ab 1942 wurden die Deportierten in unterschiedliche Arbeits- oder Vernichtungslager wie Buchenwald, Theresienstadt, Stutthof, Auschwitz-Birkenau oder Treblinka gebracht. Wenige Wunstorfer Juden kamen außerdem nach Warschau. Der Großteil der Deportierten gilt als an den genannten Orten verschollen. Nur für wenige gibt es einen bestätigten Todesort, wie etwa für Emil Kraft, der  in Auschwitz ermordet wurde. Insgesamt kamen bis Kriegsende 35 jüdische Bürger der Stadt Wunstorf ums Leben.

Biografie - Emil Kraft

Emil Kraft wurde als Sohn einer jüdischen Familie am 23. Oktober 1871 in Landeck, Westpreußen geboren. Durch seine Ausbildungsjahre im Holzhandel kam er zwischen 1890 und 1895 nach Wunstorf. Bis zum Ersten Weltkrieg schaffte er es, einen überregionalen Holzhandel aufzubauen. Trotz des Verlustes seiner Forstflächen bei Kriegsende gelang es Emil Kraft, mit seiner Firma zu expandieren. Zudem wurde er politisch aktiv als Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei, ab 1915 zunächst als Bürgervorsteher, ab 1924 als Senator der Stadt Wunstorf. Kulturell, wirtschaftlich und politisch war Kraft somit bestens in Wunstorf integriert und genoss in der Stadt hohes Ansehen. Nach der NS-Machtübernahme war ihm weitere politische Tätigkeit verwehrt. Bald machte sich die antisemitische Propaganda des Nationalsozialismus auch für Krafts Holzhandlung bemerkbar. Mit der Kundschaft schrumpften auch die Gewinne. Ab 1933 sah sich Emil Kraft das erste Mal in seinem Leben in Wunstorf Diskriminierung, Hetze und Gewalt ausgesetzt. 1938 wurde er im Kontext des Novemberpogroms nach Buchenwald deportiert und dort gefoltert. Aufgrund der „Arisierung“ kam sein Geschäft gänzlich zum Erliegen, sodass er Anfang März 1939 mit seiner Frau Frieda Kraft zu seinem Sohn Julius in die Niederlande emigrierte. Doch der nationalsozialistische Terror erreichte auch die Niederlande. Emil Kraft wurde 1942 in Amsterdam verhaftet. Seine Frau Frieda beging darauf hin Suizid. Emil Kraft wurde am 24. September 1943 in Auschwitz ermordet.

Emil Kraft an seinem Schreibtisch, 1920. Stadtarchiv Wunstorf

Biografie - Theo Oppermann, NS-Funktionär und antisemitischer Hetzer

Theo Oppermann wurde am 15. Januar 1893 als Sohn eines Zeitungsverlegers in Wunstorf geboren. Er genoss eine gute Bildung und übernahm 1924 den väterlichen Betrieb als Schriftleiter, Inhaber und Druckereibesitzer. Er war bis zu seinem Lebensende beruflich aktiv und publizierte viel. Theo Oppermann sympathisierte schon früh mit dem Nationalsozialismus und zeigte dies auch öffentlich. Von ihm stammen eine Anzahl von antisemitischen Hetz- und Schmähartikeln, die in der Wunstorfer Zeitung abgedruckt und veröffentlicht wurden. Oppermann spielte eine entscheidende Rolle beim Ausschluss der Wunstorfer Juden aus dem öffentlichen Leben wie etwa beim Verbot von Annoncen jüdischer Geschäftsleute. Nach dem Krieg internierten ihn die Alliierten von September 1945 bis Juni 1946 aufgrund seiner Beteiligung am Nationalsozialismus. 1968 sollte Oppermann mit einer Auszeichnung des Landes Niedersachsen geehrt werden. Aufgrund seiner NS-Vergangenheit entbrannte allerdings eine Debatte darüber, die auch in der überregionalen Presse geführt wurde. Die Ehrung blieb aus. Theo Oppermann starb schließlich am 21. April 1974 in Wunstorf.

Spuren und Gedenken

Seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es bis heute keine jüdische Gemeinde mehr in Wunstorf. In den 1990er Jahren lud die Stadtverwaltung erstmalig ehemalige, in den 1930er Jahren nach Israel emigrierte Wunstorfer Bürger zu einem Besuch in ihre Heimatstadt ein. Zum Programm gehörte eine Gedenkveranstaltung der Stadt Wunstorf für die Opfer der NS-Judenverfolgung. Zudem wurde eine Sandsteintreppe am Eingang zum Hölty-Gymnasium mit einer Inschrift zu Ehren der beiden ehemaligen Schüler Ernst und Ludwig Lazarus versehen.

Nach Emil Kraft benannte die Stadt in der Nachkriegszeit eine Straße in „Senator Kraft-Straße“, die erste von mehreren Straßen, die heute früheren Wunstorfer Juden gewidmet ist.

2002 wurde bei der Abtei ein Mahnmal zur Erinnerung an die Wunstorfer Juden errichtet, das der Wunstorfer Bildhauer Ostap Rebmann gestaltet hatte; seit 2005 wird hier jährlich zum 15. Dezember (dem Jahrestag der ersten Deportationen im Jahr 1941) der Wunstorfer Juden mit einer Kranzniederlegung gedacht.

Die ehemalige Synagoge in der Küsterstraße 9 wurde in der Nachkriegszeit während der britischen Besatzung restauriert. Heute ist sie ein Wohnhaus. An diesem ist eine kleine, schwer erkennbare Gedenktafel angebracht. Der jüdische Friedhof wurde auf Kosten der Stadt Wunstorf restauriert. Er wird heute nicht mehr aktiv genutzt. Stolpersteine als Zeichen der Erinnerung wurden in Wunstorf bisher nicht verlegt.

Die ehemalige Synagoge in der Küsterstraße, 2015. Stadtarchiv Wunstorf

Weiterführende Literatur und Links

Klaus Fesche, Geschichte Wunstorfs. Die Stadt, der Flecken und die Dörfer, Springe 2010.

Christoph Oppermann, Der Pokal. Und andere Geschichten aus Wunstorf, Wunstorf 1998.

Felix Pütter, Emil Kraft, Eine biographische Skizze, in: Wunstorfer Stadtspiegel. Mitteilungsblatt des Heimatvereins Wünsdorf E.V., Juli 2010/Nr. 80.

Heiner Wittrock, Das Schicksal der Juden in Wunstorf, Wunstorf 2007.

Stadt Wunstorf

Autor: Lukas Bartels, Student der Leibniz Universität Hannover

1938 in Niedersachsen

Twistringen

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts lebten in der Gemeinde Twistringen (seit 1964 Stadt Twistringen) einige jüdische Familien, die vom Vieh- und Textilhandel lebten. In den 1840er Jahren richteten sie in einem Haus in der Bachstraße einen Betraum ein. Zusätzlich verfügte das Gebäude über einen Schulraum, in dem bis 1860 und erneut um die Jahrhundertwende Schüler unterrichtet wurden. Nördlich des Ortes lag an der Straße nach Binghausen ein jüdischer Friedhof. Dem 1843 gebildeten Synagogenbezirk Twistringen gehörten auch Juden aus den benachbarten Ortschaften Ehrenburg, Heiligenloh, Schmalförden, Wesenstedt und Köbbinghausen an.

Bereits in den 1880er Jahren begann die Zahl der jüdischen Einwohner wegen der Abwanderung in größere Städte wieder zu sinken. 1933 lebten in Twistringen noch 27 jüdische Einwohner (1895 waren es noch 38 gewesen).

Bereits vor 1933 wurden Schaufensterscheiben von Geschäften jüdischer Eigentümer mit NS-Parolen beschmiert, ein Ladenbesitzer wurde auch tätlich angegriffen. Während des Aprilboykotts postierten sich SA-Angehörige vor drei Geschäften. In der Folgezeit verließen die ersten jüdischen Familien den Ort.

Der Novemberpogrom fand in Twistringen am 10. November 1938 statt – und zwar tagsüber. Vor den Augen zahlreicher Zuschauer – die Kinder im Ort hatten extra schulfrei bekommen – brannten SA-Angehörige an diesem Tag das Gebetshaus nieder. Zudem plünderten sie die Wohnungen der jüdischen Einwohner und nahmen alle Männer in „Schutzhaft“. Von den Anfang 1938 noch acht in Twistringen lebenden Juden sollen alle Anfang der 1940er Jahre deportiert und ermordet worden sein.

1947 bzw. 1951 verurteilte ein Gericht zwei Tatbeteiligte an den Pogromen von 1938 zu kurzen Haftstrafen. Seit 1985 erinnert ein Gedenkstein in der Bachstraße nahe des Grundstückes, an der bis 1938 das Gebetshaus gestanden hatte, an die Verfolgung und Ermordung der Twistringer Juden. Der Friedhof an der heutigen Straße Zur Poggenmühle blieb mit zahlreichen Grabsteinen erhalten.

Weiterführende Literatur und Links

Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum: Twistringen (Niedersachsen)

Autor: Dr. Jens-Christian Wagner, Stiftung niedersächsische Gedenkstätten